Synodaler Weg

Jan Loffeld: Der Synodale Weg stellt ein Gegenbild zur Tradition dar

Kirche wie zur Reformation. Der niederländische Theologe Jan Loffeld deutet den Synodalen Prozess als Auseinandersetzung um das Kirchenverständnis. Es geht um eine andere Kirche.
Protestaktion beim Synodalen Weg
Foto: Julia Steinbrecht (KNA) | Im synodalen Weg vereinen sich Stimmen, die einen radikalen Umbau der Kirche fordern. Foto: Julia Steinbrecht/KNA

Geht es um die Zukunft der katholischen Kirche, überbieten sich die Kommentatoren derzeit mit düsteren Prognosen. Reformen seien nötig, weil wir sonst „gegen null gehen“ würden, meint der Limburger Bischof Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Und der Religionsphilosoph Thomas Halik vergleicht die aktuelle Lage der Kirche gar mit der Situation am Vorabend der Reformation. Die aufgedeckten Skandale des sexuellen, psychologischen oder geistigen Missbrauchs spielten heute eine ähnliche Rolle wie der Ablasshandel im 16. Jahrhundert, sagte er kürzlich bei der Festveranstaltung zum 75-jährigen Bestehen der Zeitschrift „Herder Korrespondenz“ in Berlin.

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Klerikalismus brechen

Eine Lösung sollen synodale Prozesse sein: Der vermeintliche „Klerikalismus“ soll dadurch gebrochen, das Verhältnis von Bischöfen, Priestern und Laien neu austariert werden. Die Lebenswirklichkeit der Menschen soll auf diesem Weg stärker und verbindlicher als bisher Eingang in kirchliche Debatten finden, Reformen beispielsweise im Verständnis von Ehe und Sexualität auf den Weg gebracht werden – so die Hoffnung. Nicht nur in Deutschland ist der „synodale Weg“ in aller Munde, auch im Vatikan ist der Wunsch nach mehr Synodalität angekommen. Papst Franziskus hat einen synodalen Prozess auf den Weg gebracht, dessen Ergebnisse in die Weltbischofssynode 2023 einfließen sollen.

Wie wirksam kann ein solcher synodaler Prozess überhaupt sein – im Hinblick auf die Wirksamkeit der Kirche in der heutigen Welt? Bei der Eröffnung der diesjährigen Diaspora-Aktion des Bonifatiuswerks der deutschen Katholiken wies der niederländische Theologe Jan Loffeld (Universität Tilburg) kürzlich in Hildesheim darauf hin, dass es bei den aktuellen Debatten um Synodalität in der katholischen Kirche um nicht weniger als das Kirchen- und Offenbarungsverständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils gehe. Wie steht Gott zur Welt? Spricht er ausschließlich durch die Kirche? Das, so Loffeld, sei das Offenbarungsverständnis der vorkonziliaren Zeit, des 19. Jahrhunderts gewesen: one-way, top-down, das so genannte „instruktionstheoretische Offenbarungsverständnis“. Die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ des Zweiten Vatikanum habe damit gebrochen, die Perspektive geweitet. Die Welt sei damit – bildlich gesprochen – neben die Kirche gewandert. Umgekehrt könne Gott in den „Zeichen der Zeit“ durchaus auch zur Kirche sprechen. Sie werde damit zu einem Ort, an dem Gott, quasi neben der Kirche, entdeckbar werde. Damit, so Loffeld, hätten sich die Konzilsväter geradezu selbst überholt. Genau dieser Paradigmenwechsel werde jetzt in den synodalen Prozessen verhandelt.

Austrittswelle droht

Gerade vor diesem Hinblick warnte der frühere Kurienkardinal Walter Kasper kürzlich vor der „niederländischen Variante“. Wenn Reformbemühungen scheiterten, könnte dies eine Austrittswelle nach sich ziehen, ein Weg „in ein entchristlichtes konfessionsloses Niemandsland“, so Kasper in der „Herder Korrespondenz“ (November-Ausgabe). Loffeld sieht diese Gefahr durchaus gegeben: Als deutscher Theologe, der in den Niederlanden forscht und lehrt, blickte er in seinem Vortrag zurück auf die dortige Nationalsynode von 1966-70, also unmittelbar nach dem Konzil und noch lange vor der Würzburger Synode in Deutschland. Die holländischen Forderungen stießen im Vatikan seinerzeit auf große Skepsis und Ablehnung, die Folge war eine tiefe Spaltung der niederländischen Katholiken. Während einige weiter den römischen Weg gehen wollten, gingen andere in innere Emigration. Innerhalb von fünf Jahren, so Loffeld, habe sich damals der Prozentsatz der Kirchenbesucher von 60 auf 30 Prozent halbiert.

Dennoch sei die Synode nicht Auslöser der Säkularisierung – die habe bereits viel früher begonnen und sei bis heute ein „Megatrend auf der ganzen Welt“. Keine andere Gruppe wachse so schnell wie die der Konfessionslosen. Nur durch Reformen – das habe das holländische Beispiel gezeigt – sei also der Kirchenkrise nicht beizukommen, doch diese Erkenntnis, davon ist Jan Loffeld überzeugt, entlasse nicht aus der Notwendigkeit für Reformen. Sie seien eben – wie in der Mathematik gesprochen – eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Die Kirche müsse lernen, auf neue Milieus zuzugehen. Dazu entwickelte Loffeld ein Modell zweier soziologischer Gruppen, der „Somewheres“ und der „Anywheres“. Erstere definierte er als heimat- und ortsbezogen, als Menschen, die eher analog unterwegs sind, oft mit linearen Berufsbiografien und wenig Wohnortveränderung. Sie besäßen meist wenige Fremdsprachenkenntnisse – ein eher „dörfliches, übersichtliches Mindset“.

Neue Diaspora

Das pastorale Programm der Gemeinden sei vor allem auf diesen Code hin ausgerichtet, so Loffeld – und das sei ein Grund für ihren rapiden Bedeutungsverlust in der Gesellschaft. Denn daneben sei ein neues Mindset entstanden: Die „Anywheres“, wohnortungebunden, flexibel, digital vernetzt, mehrsprachig, Gewinner der digitalen Globalisierung, multimobil, kosmopolitisch, ein urbanes Mindset, dem es egal sei, wo es wohne – der Digitalisierung sei Dank. Dort spielten Kirche und Religion fast keine Rolle.

Es liege nun, so Loffeld abschließend, an der Kirche selbst, ob sie diese „neue Diaspora“, die nicht mehr auf bestimmte Regionen bezogen ist, als Verfallsphänomen oder als geistliche Herausforderung wahrnehme. „Die Kirche ist auf dem Weg in die gesellschaftliche Minderheit“, bilanzierte Loffeld. Deswegen, so der Utrechter Professor, müsse die Kirche 50 Jahre nach dem Konzil endlich bereit sein, eine lernende Kirche zu werden, auf Menschen zu hören, die anders seien, und Gottes Willen in den „Zeichen der Zeit“ erkennen. Nur dann könne die Kirche weiter in der Gesellschaft wirksam sein, nur dann hätten synodale Prozesse einen Sinn.

Verwundbare Kirche 

Und so lobte er den Ansatz von Papst Franziskus, der sich eine „verwundbare Kirche“ wünscht. Sie müsse, so Loffeld, auch in ihrer Lehre verwundbar, berührbar sein: „Der Weg Jesu ist ein vorbehaltloses Deuten dessen, was Gott uns sagen will – unter anderem durch die Zeichen der Zeit.“ Und er fragte: Sind wir berührbar, in dem was wir glauben von Gott, in dem, was passiert, in dem, wie wir von unserem Glauben reden?“ Diese verwundbare Kirche sei das Gegenbild zur Kirche vor dem Konzil, keine „societas perfecta“, also eine perfekte Gesellschaft, sondern im Gegenteil: eine unvollkommene Glaubensgemeinschaft.

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