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Historikerin Łucja Marek verteidigt Johannes Paul II.

Polnische Wissenschaftlerin Łucja Marek entkräftet die jüngsten Vorwürfe, Kardinal Wojtyła sei nicht angemessen mit Missbrauchspriestern umgegangen.
Mariusz Blaszczak während eines Marsches zur Verteidigung des verstorbenen Papstes Johannes Paul II.
Foto: IMAGO/Attila Husejnow (www.imago-images.de) | 2. April 2023, Warschau, Mazowieckie, Polen: Der polnische Verteidigungsminister Mariusz Blaszczak (Mitte) wird während eines Marsches zur Verteidigung des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. am 18.

Łucja Marek,  eine polnische Wissenschaftlerin, führt ein Gespräch mit der „Katholischen Nachrichtenagentur“ Polens (KAI) überKardinal  Wojtył. Dabei entlarvt sie die Vorwürfe gegen Karol Wojtyła bezüglich nicht angemessenen Umgang mit Missbrauchspriestern als unwahr.

Am 2. April war „Papst-Tag“ in Polen. Seit fast zwanzig Jahren erinnern sich Gläubige des Landes an die Verdienste des 2005 an diesem Tag verstorbenen Pontifex aus Polen. In diesem Jahr war das Gedenken etwas anders gefärbt. Mit Gebetsmärschen zur Verteidigung des „guten Namens“ gingen zahlreiche Anhänger auf die Straßen. In der Hauptstadt Warschau sogar mehrere Tausend – unter dem Motto „Du hast uns geweckt, wir werden Dich verteidigen“.

Quellen sprechen für Wojtyła 

Auch wenn Gebet wohl niemals schadet – die substanziellste Verteidigung kam von einer habilitierten Historikerin des „Instituts des Nationalen Gedenkens“ (IPN), Łucja Marek, die seit Jahren in den Akten über Karol Wojtyła forscht. Im Gespräch mit dem Chefredakteur der „Katholischen Nachrichten Agentur“ Polens (KAI), Marcin Przeciszewski, wies Marek die angeblichen „Enthüllungen“ aus Marcin Gutowskis TV-Reportage „Franciszkańska 3“ und Ekke Overbeeks Buch „Maxima culpa“ vollständig zurück. Die Wissenschaftlerin zeige, laut Przeciszewski, dass „die Schlussfolgerungen dieser Autoren keine Grundlage in den tatsächlichen, im IPN hinterlegten Dokumenten haben“. Die Historikerin liefere eine „vollständige wissenschaftliche Dekonstruktion“ der „Werke“ von Gutowski und Overbeek, die beweise, dass das Vorgehen von Kardinal Wojtyła gegenüber pädophilen Priestern korrekt gewesen sei und sogar „über den Standards der damaligen Zeit“ gelegen habe.

Marek erklärte, dass das, was die genannten Autoren geschrieben hätten, „eine ahistorische Interpretation und eine ahistorische Bewertung der Quellen der ehemaligen UB (Ministerium für Staatssicherheit) und SB (Sicherheitsdienst) ist, die sich heute in den Beständen des Instituts des Nationalen Gedenkens befinden“. „Ahistorisch“ sei das Vorgehen der Journalisten, „weil das Verhalten und die Entscheidungen der Menschen von damals, einschließlich Kardinal Karol Wojtyłas selbst, durch das Prisma des heutigen Wissens bewertet werden, während die Realitäten der damaligen Zeit ignoriert werden“.

Polnischer Priester durch Wojtyła  gestoppt 

Was das konkret bedeutet, veranschaulichte Łucja Marek anhand der vier Priester, die im Zusammenhang mit Vertuschungsvorwürfen stehen. Der erste Fall ist Józef Loranc. „Józef Loranc war ein Priester der Erzdiözese Krakau. Kardinal Wojtyła erfuhr am 2. März 1970 von dem unwürdigen Verhalten des Priesters, das darin bestand, dass er Mädchen, die zum Religionsunterricht in die Kapelle in Mutne kamen, unzüchtig behandelte. Zwei Tage zuvor, am 28. Februar, hatte die Information den unmittelbaren Vorgesetzten von Loranc erreicht, den Pfarrer von Jeleśna, wo er arbeitete, Feliks Jura. Mütter kamen mit ihren Mädchen zum Pfarrer und informierten ihn über das Verhalten des Priesters. Der Pfarrer nahm den Bericht der Mütter nicht auf die leichte Schulter und sprach mit den Mädchen unter vier Augen. Dabei kam er zu dem Schluss, dass das, was die Mütter gesagt haben, wahr war. Der Pfarrer rief auch Loranc an und sprach mit ihm, der im Beisein der Mütter seine Taten zugab und seine Reue zum Ausdruck brachte. Am nächsten Tag ging Jura zum Dekan, sprach mit ihm und veranlasste so schnell wie möglich ein Gespräch mit der Krakauer Kurie. Da der 1. März ein Sonntag war, kam er am Montag, dem 2. März, dort an. Loranc musste ebenfalls vor der Kurie erscheinen.“ Wie ging es weiter?

„In Krakau wurde Kardinal Wojtyła zunächst vom Pfarrer angesprochen, der ihn über den Vorfall informierte. Aus der Schilderung von Jura ging hervor, dass Kardinal Wojtyła schockiert war über das, was er gehört hatte, und zunächst Zweifel hegte, ob Loranc soweit hätte gehen können. Er bestellte ihn in sein Büro und ließ sich im Gespräch mit ihm davon überzeugen, dass die Anschuldigungen doch wahr waren. Der Kardinal traf sofort eine Entscheidung: Er verbot Loranc die Rückkehr in die Pfarrei und wies ihn an, zu seiner Familie zu gehen und dort weitere Entscheidungen abzuwarten. Später in der Woche teilte er dem Pfarrer die Entscheidung mit, den Vikar zu suspendieren. Dies bedeutete ein Verbot aller priesterlichen Tätigkeiten und natürlich auch der Katechese. Wir wissen nicht genau, an welchem Tag diese Entscheidung getroffen wurde, aber es war sicherlich vor der Abreise des Kardinals nach Rom, also vor dem 7. März. Diese Information erreichte die Gemeinde in Jeleśna am 10. März. Wojtyła befahl Loranc, sich in das Zisterzienserkloster in Mogiła zu begeben und dort die Ergebnisse der Untersuchung von kirchlicher Seite abzuwarten.

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Keine Vorwürfe der Staatsanwaltschaft und Betroffenen 

Auch die Parteibehörde der Provinz erfuhr von dem Verhalten von Loranc und informierte am 3. März den Sicherheitsdienst, der seine Ermittlungen aufnahm. Der Leiter der Schule in Jeleśnia, die Mütter der Mädchen und der Pfarrer wurden vor Ort befragt. Auf der Grundlage der gesammelten Informationen beschloss der Staatsanwalt am 12. März, eine Untersuchung einzuleiten. Nach weiteren Maßnahmen, einschließlich der Zeugenbefragung, erhob der Staatsanwalt Anklage gegen den Verdächtigen und beschloss, eine Präventivmaßnahme in Form einer vorläufigen Festnahme gegen ihn zu verhängen. Loranc wurde am 18. März auf dem Gelände des Klosters in Mogiła verhaftet.“

Marek weiter gegenüber KAI: „Es ist hervorzuheben, dass weder die operativen Ermittler der SB noch die Staatsanwälte zu irgendeinem Zeitpunkt während der Untersuchung dieses Falles Vorwürfe der Unterlassung, der Vertuschung oder der verspäteten Reaktion formuliert haben, weder gegenüber dem Pfarrer, noch gegenüber der Kurie oder Kardinal Wojtyła. Auch von den Müttern der Opfer, die im Rahmen der Ermittlungen befragt wurden, waren solche Anschuldigungen nicht zu hören. (…) In einem Brief an Loranc nach seiner Entlassung aus einer mehr als einjährigen Haft betonte Kardinal Wojtyła, dass jedes Verbrechen bestraft werden müsse, dass es Schuld gebe und dass die Strafe verbüßt werden müsse. Er wies darauf hin, dass das kirchliche Gericht zwar auf die Bestrafung verzichtet habe, weil Loranc von einem Zivilgericht bestraft worden sei, dass dies aber das Verbrechen nicht ungültig mache und seine Schuld nicht auslösche. In Anbetracht seiner Reue, seiner aufrichtigen Besserung und seiner Bereitschaft, das Unrecht wiedergutzumachen, hob Kardinal Wojtyła zwar die Suspendierung auf, und Loranc wurde schrittweise wieder in die Seelsorge eingesetzt, jedoch nicht in die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.“

Ein weiteres Zeugnis

Eine „unmittelbare Reaktion der Kurie“ konstatiert Marek auch im Fall des zweiten Priesters, Eugeniusz Surgent, „der unwürdige Handlungen mit minderjährigen Jungen, mit Messdienern, begangen hat“. Overbeek suggeriert, „dass Wojtyla, indem er Pater Surgent nach Kiczor schickte, wo er Verbrechen beging, von der Schwäche des Priesters für Jungen wusste und dass er aus diesem Grund häufig versetzt wurde. Eine gründliche Analyse der SB-Akten lässt indessen nicht die These zu, dass Surgent zuvor wegen seines Missbrauchs von Minderjährigen von Pfarrei zu Pfarrei versetzt worden war. Die SB-Beamten betonen immer wieder, dass er ein sehr widersprüchlicher Priester war. (…) Die ersten Nachrichten über den sexuellen Missbrauch von Jungen durch Surgent während seiner Arbeit in Kiczora, das zur Pfarrei in Milówka gehörte, erschienen zwei Jahre nach seinem Aufenthalt dort. Ende Juni 1973 erreichte ein anonymer Brief in dieser Angelegenheit die Kurie in Krakau. Aus einer Analyse der Akte geht hervor, dass die Kurie sofort reagierte. Die Kurie schickte Surgent über den Pfarrer eine Aufforderung, in Krakau zu erscheinen, um die Angelegenheit zu klären. Surgent sprach mit Bischöfe Pietraszko und Kardinal Wojtyła. Er wurde sofort aus der Pfarrei entfernt. Über alles weitere sollte sein Heimatbischof entscheiden.

Tatsächlich war Surgent ein Priester der apostolischen Verwaltung der Erzdiözese Lemberg in Lubaczów – dem Teil der ehemaligen Erzdiözese Lemberg, der innerhalb der Grenzen der Volksrepublik Polen verblieb. Obwohl er auf dem Territorium der Erzdiözese Krakau arbeitete, war er ihr nicht formell zugeordnet, sondern unterstand der Jurisdiktion des derzeitigen apostolischen Administrators in Lubaczów. Kardinal Wojtyla hatte nicht die Befugnis, gegen Surgent eine Strafe zu verhängen und ihn vor ein kirchliches Gericht zu stellen. Aber in dem Moment, in dem er sich seines unwürdigen Verhaltens bewusst wurde und nachdem er mit ihm gesprochen hatte, traf er die Entscheidung, ihn aus der Erzdiözese Krakau zu entfernen und dem Bischöfe der apostolischen Verwaltung in Lubaczów die weitere Entscheidung zu überlassen“.

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Gerechtfertigte Entscheidungen Wojtyłas

Kazimierz Lenart war, nach Łucja Mareks Einschätzung, „ein junger Priester, der“, wie es der Sicherheitsapparat ausdrückte, „das weltliche Leben liebte“. Er ging oft ins Kino, fuhr Motorrad, mochte Musik und war, wie er sich selbst beschrieb, ein „progressiver“ Priester. Dies stieß bei einem Teil der Gläubigen in der Pfarrei in Rajcza, insbesondere bei älteren Frauen, auf Ablehnung.
„Ende 1967 versuchte ein Beamter der SB den Fall wieder aufzurollen, um Lenart zur Zusammenarbeit zu bewegen. (…) Wie wir sehen können, gab es im Fall von Pater Lenart Informationen, die den SB durch persönliche Informationsquellen erreichten und die einer weiteren Überprüfung bedürfen. Auf der Grundlage dieser besprochenen Materialien, die in der Akte des Kandidaten für den Posten des Geheimen Mitarbeiters aufbewahrt werden, ist es jedoch nicht möglich, Lenart der Belästigung zu beschuldigen“, bilanziert Marek.

Im Fall des Priesters Bolesław Saduś, der von Wojtyła nach Österreich versetzt wurde, gibt Marek zu, dass „diese Angelegenheit“ noch „eingehender untersucht werden“ müsse. „Aus den Unterlagen der SB geht hervor, dass Saduś homosexuell war und dass es in Krakau einen Skandal im Zusammenhang mit seinen Neigungen gab, aber war er pädophiler Natur?“ Auf Grundlage einer Analyse der SB-Dokumente zu behaupten, Wojtyla habe gewusst, dass Pater Saduś Kindern Schaden zufügte und ihn deshalb nach Österreich geschickt, sei nicht zulässig.

Die Frage nach den Hintergründen

Die Anschuldigungen gegen Kardinal Wojtyła wurden auf der Grundlage eines Dokuments formuliert, das viel später entstanden ist. Es wurde sieben Jahre nach der Abreise von Pater Saduś nach Österreich erstellt. Es handelt sich um ein Memo, das von der Abteilung IV des Innenministeriums in Auftrag gegeben wurde, als Wojtyła zum Papst gewählt wurde – in einer Zeit, in der nach etwas gesucht wurde, das gegen den Papst verwendet werden konnte. Und als Beweis dafür, dass Wojtyła das Verhalten von Pater Saduś vertuscht habe, präsentierte Gutowski ein Dokument aus dem Archiv der Wiener Erzdiözese, das keine Informationen über die Sünden des Priesters enthält. Aber wenn man die damaligen Verhältnisse kennt, kann man nicht erwarten, dass eine so heikle Angelegenheit in einem offiziellen Schreiben behandelt wurde.“ Marek: „Gab es verwerfliche Handlungen von Pater Saduś? Bislang ist uns nichts dergleichen bekannt, und uns sind auch keine Quellen bekannt, die uns darüber Aufschluss geben, dass er in Österreich Handlungen begangen habe, die auf sein pädophiles Verhalten hindeuten würden.“

Und schließlich: „Gutowskis Bericht enthält auch eine Anschuldigung gegen Kardinal Wojtyła, er habe als Papst Kontakt zu Saduś gehalten und ihn sogar früher in einer Pfarrei in Österreich besucht. Die Tatsache, dass Wojtyła ihn in seiner Eigenschaft als Metropolit von Krakau in Österreich besuchte, könnte auch darauf hindeuten, dass dies eine Art Kontrolle war, ob dort alles in Ordnung war.“ Jedoch würden „diese Kontakte als Beweis für eine gute Beziehung dargestellt“, „die zu einer Vertuschung des sexuellen Missbrauchs“ geführt habe. „Dies ist ein Beispiel für einseitiges Denken, anstatt Fragen zu stellen, die die wahren Gründe für dieses und nicht jenes Verhalten zu klären versuchen.“

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