Interview

„Den Willen Gottes tun“

Ein fiktives Interview mit der heiligen Teresa von Ávila. Über die Macht des Gebetes, ihre Lauheit und Lebenslust und die darauf folgende Herzensreform.
Statue der Heiligen Teresa von Avila an der Stadtmauer, Avila. Kastilien-Leon, Spanien (Linh Hassel)
Foto: Linh Hassel via www.imago-images (http://www.imago-images.de/) | Als erste Frau der Kirchengeschichte wurde die heilige Teresa von Ávila (1515–1582) im Jahr 1970 gemeinsam mit Katharina von Siena zur Kirchenlehrerin erhoben.

Die heilige Teresa von Ávila reformierte den Karmel und verfasste bedeutende Werke der spanischen Mystik. Ihr Leben und Werk inspirierten Heilige wie die Philosophin Edith Stein. Sie gilt als Lehrmeisterin des Gebets.

Ehrwürdige Mutter, wir sind sehr dankbar dafür, dass Sie die Erlaubnis bekommen haben, uns im Sprechzimmer zu empfangen.

Als meine Oberen mich herschickten, sträubte sich etwas in mir. Doch als ich mich beim Herrn beklagte, sagte er mir: „Meine Tochter, glaube mir, dass mein Vater dem am meisten Schweres auferlegt, den er am meisten liebt.“ Daran bemisst sich die Liebe. Wie wenig können diejenigen, die Gott lieben, ruhen, wenn sie sehen, dass sie ein klein wenig dazu beitragen können, um einer einzigen Seele zum Fortschritt im Guten und zu größerer Gottesliebe zu verhelfen oder um sie zu trösten oder aus einer Gefahr zu befreien! Und wenn sie durch die Tat nichts ausrichten können, so bestürmen sie im Gebet den Herrn für soviele Seelen, die sie zu ihrem Leidwesen verlorengehen sehen. Deswegen ist es mir wichtiger, den Willen Gottes zu tun und vielleicht eine Seele näher zu Gott zu bringen mehr als ein Dasein in Herrlichkeit.

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Sie werden sicher noch mehr als einen auf den Geschmack bringen. Mit Ihren Schriften haben Sie unzählige Menschen für das Gebet gewonnen. Aber kann sich jeder auf diesen Weg machen?

Für Anfänger im Gebet gilt: Hier gibt es nichts zu fürchten, hier gibt es nur Verlangenswertes. Das Leben geht doch weiter, wenn alle anfangen, zu beten. Es gibt bei Gott kein Ansehen der Person: Er liebt alle. Da ist keiner ausgenommen, so elend er auch sein mag, wie Gott dies an mir beweist. Wer hat mehr Freude am Geben als Gott, wenn er nur jemanden findet? Hoffentlich sind sich nur die Ungebildeten darüber im Unklaren, dass unser Inneres nicht leer ist. Hätte ich damals in der gleichen Tiefe wie heute erkannt, dass in diesem kleinen Palast meiner Seele ein so großer König wohnt, hätte ich ihn meiner Meinung nach nicht so häufig allein gelassen, sondern wäre öfter bei ihm geblieben. Ich hätte mich mehr darum gesorgt, dass meine Seele nicht so schmutzig sei. Seelen! Es ist etwas Großes, das Geschenk der Freundschaft zu erleben, das er seinen Freunden macht, denn Seine Majestät bezahlt gewöhnlich die Herberge nicht schlecht, wenn man ihn gut bewirtet.

Ehrwürdige Mutter, wenn Gott uns so zugetan ist, warum schöpfen wir so wenig Wasser aus diesem Brunnen? Was machen wir beim Gebet falsch?

Es liegt eindeutig an uns, nicht an Ihm. Bekanntlich war das innere Gebet die Pforte zu jenen so großen Gnaden, die mir der Herr erwiesen hat. Ist aber diese Tür verschlossen, so weiß ich nicht, wie er solche Gnaden einer Seele mitteilen sollte. Wollte er auch eintreten, um sich an ihr zu ergötzen und sie mit seinen Tröstungen zu erfreuen, so fände er keinen Zugang. Er will eben die Seele einsam, lauter und erpicht auf solche Tröstungen haben. Wenn wir ihm dagegen viele Hindernisse in den Weg legen und nichts daran setzen, um sie zu beseitigen, wie soll er dann zu uns kommen? Und wie können wir verlangen, dass er uns große Gnaden erweise! Streben wir nach Einsamkeit, Lauterkeit und pflegen wir den Wunsch, Gnaden zu empfangen. In der Welt von heute, die so voller Lärm und Netzwerke ist, müssen wir darüber nachdenken, welchen Kurs wir einschlagen und bei uns selbst einkehren.  Es ist etwas Großes, sich selbst zu erkennen und zu erkennen, dass man nicht auf dem rechten Weg ist, der zur Pforte führt.

Wie sehen Sie die Situation heute?

Ein reines Gewissen zu haben scheint heute schwieriger zu sein. Mir wird ganz flau im Magen bei dem Gedanken, dass es an uns, die wir uns Jesu Freunde nennen und so oft kommunizieren, fehlen könnte. Denn man weiß nicht mehr, was lässliche Sünden sind und hält Todsünden für lässliche Sünden. Einige Beichtväter haben mir geschadet, als sie mir sagten, dass das, was mein Gewissen belastete, doch gar nicht so schlimm sei. Seien wir guten Mutes und setzen wir auf die Demut, denn wenn Gott uns nicht die Hand reicht, kriechen wir immer im Schneckentempo dahin. Außerdem ist die Liebe zum Nächsten erforderlich, die ich in meinem Buch „Weg der Vollkommenheit“ näher erläutert habe.

Worin besteht die Nächstenliebe?

Die Liebe zum Nächsten besteht darin, dass diejenigen, die unter einem Dach leben, sich gegenseitig helfen, Arbeit abnehmen und das Leben leichter machen, wenn sie krank sind. Man soll sich über Fehler nicht wundern und an den Tugenden freuen und loslassen, denn Gott verschenkt sich an jene, die um seinetwillen alles verlassen! Das setzt voraus, dass man sich nicht zuviel pflegt und keine übertriebenen Gedanken um materielle Bedürfnisse und die eigenen Pläne macht. Aber wir gehen so schwer und zaudernd daran, uns ganz Gott zu schenken, dass wir deshalb auf den Empfang eines so kostbaren Schatzes nicht richtig vorbereitet sind; denn die göttliche Majestät will uns diesen nur um einen hohen Preis genießen lassen. Wenn wir jedoch unser Möglichstes täten, um unser Herz nicht an irdische Dinge zu hängen und unsere ganze Sorge und unser ganzer Wandel im Himmel wären, so bin ich davon überzeugt, dass uns dieses Gut in sehr kurzer Zeit gegeben würde.

Was können wir dafür tun?

Deswegen ist es sehr wichtig, ja, alles hängt davon ab, mit ganz fest entschlossener Entschlossenheit zu beginnen, nicht stehenzubleiben, ehe man das Ziel erreicht hat – geschehe oder begegne uns, was da wolle; mag die Mühe noch so groß sein, mögen alle über uns reden, mögen wir das Ziel tatsächlich erreichen oder unterwegs umkommen. Außerdem ist echte Demut sehr notwendig. Mit dieser Tugend geht zwingend einher, dass man dient, und nicht auf Geld, Prestige oder menschliches Auszeichnungen aus ist. Wenn wir nicht erkennen, was wir von ihm empfangen haben, so werden wir auch nicht zu seiner Liebe erwachen. In dieser Liebe aber besteht das ganze Gut des auf Demut gegründeten Gebets.

Ehrwürdige Mutter, Sie haben den Karmel im 16. Jahrhundert reformiert, einer Epoche, in der Ihr Orden die ursprüngliche Regel nicht in der ganzen Strenge lebte, sondern, auch durch die Widrigkeiten der Zeit bedingt, in einer gemilderten Form, die von früheren Päpsten approbiert worden war. Warum war die Reform aus Ihrer Sicht notwendig? Brauchen das geweihte Leben und die Kirche heute eine Reform?

Als der Herr mich bat, das Kloster San José zu gründen, sagte er, auch wenn die Orden nach milderen Regeln leben, so sollte ich doch ja nicht meinen, es werde ihm in ihnen wenig gedient. Was würde sonst aus der Welt werden, wenn er sie um der Ordensleute willen nicht schonte? Er sagte mir, ich solle Klöster gründen, damit er in den Seelen derer, die dort leben, Trost fände und dort der Kirche durch ein vollkommenes Leben nach den evangelischen Räten gedient werde. Mit unserem Gebet sollten wir den Hirten dienen, die sich für die Kirche einsetzten und versuchen, mit ihnen den Seelen zu helfen.

Warum sind Sie Karmelitin geworden?

Ich trat nur deswegen in das Menschwerdungskloster und nicht bei den Augustinerinnen in Ávila ein, weil es offener war und eine Freundin dort eingetreten war. Es fiel mir sehr schwer, von meinem Vater wegzugehen. Ich musste mir regelrecht Gewalt antun. Mich trieb keine Gottesliebe ins Kloster. Ich dachte nur, dass ich so ein kurzes Fegefeuer durchmachen würde und dann in den Himmel käme. Ich dachte auch, dass die Welt mein Seelenheil ernstlich gefährde. Ich wusste, dass ich gut aussah und nett war und war ganz davon in Beschlag genommen, denen zu gefallen, die mich mochten – sowohl vor meinem Klostereintritt als auch als Ordensschwester. Das war mein großer Fehler. Da in meinem klausurierten Konvent die Ordensregel und die Askese „modern“ gelebt und sehr weit und neu ausgelegt wurden, nahm ich mir viele Freiheiten heraus, die Gott nicht gefielen. Mein Bestreben ging bloß dahin, das Gebet zu üben und im Übrigen nach meinem Gusto zu leben.

Was hat Sie zum Umdenken gebracht?

Vor einer Statue des Schmerzensmannes begriff ich schlagartig, dass Christus für mich gelitten hatte. Seine Wunden riefen mir mahnend in Erinnerung, dass Christus die Welt nicht im Allgemeinen geliebt hat, sondern dass er sich mir zuwandte,damit ich ihn ansehe. Als sich unsere wehen Blicke kreuzten, begegnete ich Jesus als der Person, deren grenzenlose Liebe ich nicht erwidert hatte. Das Herz schien mir zu brechen und ich warf mich vor ihm nieder und vergoss Tränen in Strömen. Ich bat ihn, er möge mich doch endlich einmal stärken, damit ich ihn nicht mehr beleidige. Ich glaube sicher, dass er mir geholfen hat, denn von da an wurde es nach und nach besser mit mir. Dem, der alles für mich gegeben hat, kann ich nur mit radikaler Hingabe antworten. Seinetwegen gebe ich alles auf, denke nicht an das, was mir gefällt, schenke es ihm und tue alles, was ihm gefällt.

Erzählen Sie von Ihrem geistlichen Weg!

Zwanzig Jahre war ich innerlich zerrissen und in meiner Lauheit hin- und hergeschwankt wie ein Boot auf stürmischer See. Meine Ja war weder entschlossen noch radikal. Das lag daran, dass ich nicht mein ganzes Vertrauen auf Gott setzte. Von da an kam er in seiner ganzen Fülle in meine Seele und schenkte mit so außerordentliche Gnaden, dass mir Zweifel kamen, weil ich doch eine so große Sünderin war. Es gelang mir, mich selbst zu vergessen und mich an alles im Vertrauen auf seine Hilfe heranzuwagen. Der Herr gab mir eine Aufgabe, die für eine Frau ohne Geld und Beziehungen überaus schwierig zu bewerkstelligen war.

Welche?

Ich sollte tun, was ich am allerwenigsten wollte: das Kloster San José verlassen und mich daran machen, Klöster zu gründen. Obwohl ich in Ruhe mit ihm allein bleiben wollte, zögerte ich keinen Augenblick, um ihm zu gefallen. Trotz größter Hindernisse entstanden in Spanien in Rekordzeit Klöster. Der Herr sagte mir, dass jetzt keine Zeit zum Rasten sei, sondern dass ich mich mit diesen Häusern beeilen sollte. Er wolle dort bei den Seelen sein: bei ihnen wolle er rasten. Daher rate ich gegen den Mangel an Heiligkeit in der Kirche und des geweihten Lebens – letzteres ist ja die Seele jeder Reform: Keine Nonne hat das Recht sich zu beklagen, sondern wenn sie ihren Orden oder die Kirche irgendwie in Verfall geraten sieht, so soll sie Sorge dafür tragen, dass sie ein fester Grundstein wird, auf dem  das Gebäude sich wieder erheben kann. Der Herr wird ihr dazu verhelfen.

Frei formuliert nach verschiedenen Schriften der Heiligen. Übersetzung aus dem Spanischen von Regina Einig (mit Zitaten aus „Sämtliche Schriften von Theresia von Jesu“ von Pater Aloysius Alkofer OCD)

 

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