Synodalität

„Bekehrung zur Demut“

Der Untersekretär der Bischofssynode, Bischof Luis Marín de San Martín OSA, unterstreicht, dass das Wesentliche an der Synodalität nicht in der Veränderung von Strukturen besteht.
"Einer hört auf den anderen und alle hören auf den Heiligen Geist.“
Foto: Boris_Roessler (dpa) | Eine synodale Kirche ist „eine Kirche des Zuhörens in dem Bewusstsein, dass Zuhören mehr ist als nur Hören", konstatiert Bischof Luis Marín de San Martín..

Bei der von Papst Franziskus ausgerufenen weltweiten Synode geht es nicht darum, die Kirche zu einem Parlament zu machen, das Synodalität mit einer Versammlung gleichsetzt, bei der die Stimme der Mehrheit die Wahrheit bestimmt, wo der priesterliche und bischöfliche Dienst auf eine funktionale Repräsentation des Volksempfindens reduziert wird.“ Der Untersekretär der Weltbischofssynode, Bischof Luis Marín de San Martín OSA, hat kürzlich in der Universität San Dámaso der Diözese Madrid im Rahmen seiner Überlegungen über die synodale Reform in der Kirche aus theologischer Sicht den Begriff der Synodalität vor Fehlinterpretationen abgegrenzt.

Zuhören ist mehr als nur Hören

Ob Bischof Marín de San Martín in der zur Diözese Madrid gehörenden Universität San Dámaso an den deutschen synodalen Weg dachte, oder „nur“ allgemein auf missverständliche Deutungen der Gedanken von Papst Franziskus hinweisen wollte, sei dahin gestellt. Einige Äußerungen des im Februar 2021 vom Heiligen Vater zum Untersekretär der Bischofssynode ernannten Augustiners nahmen sich indessen als unübersehbare Fingerzeige auf fehlgeleitete Entwicklungen des deutschen Sonderweges aus.

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Als „Teil der Ekklesiologie des Zweiten Vatikanums“ sei eine synodale Kirche – so Bischof Marín weiter – „eine Kirche des Zuhörens in dem Bewusstsein, dass Zuhören mehr ist als nur Hören. Es ist ein gegenseitiges Zuhören, bei dem jeder etwas zu lernen hat: das gläubige Volk, das bischöfliche Kollegium, der Bischof von Rom. Einer hört auf den anderen und alle hören auf den Heiligen Geist“. Nach den verschiedenen Phasen des Zuhörens komme es aber zum Unterscheidungsvermögen durch diejenigen, die „die Verantwortung dafür tragen“. Denn „Synodalität ist ein kirchlicher Prozess, der nur innerhalb einer hierarchisch strukturierten Gemeinschaft stattfinden kann“.

Es geht nicht um die Auszählung von Stimmen

Die „Befragung des Volkes Gottes“ bedeute aber nicht, „dass die Kirche die demokratische Dynamik annehmen soll, die auf dem Prinzip von Mehrheiten beruht, die durch Abstimmungen zum Ausdruck kommen“. Die Grundlage für die Teilnahme an jedem synodalen Prozess sei vielmehr „die gemeinsame Leidenschaft für die gemeinsame Mission der Evangelisierung und nicht die Vertretung gegensätzlicher Interessen. Wir müssen uns von Ideologien und Gruppen lösen. Es geht nicht um die Auszählung von Stimmen. Es geht darum, einen Konsens zu schaffen, bei dem der Bischof seine Verantwortung nicht abgeben kann“. Seine Aufgabe sei vielmehr, „zu regieren und zu entscheiden“.

Der Untersekretär der Bischofssynode legte den historischen Prozess zur Synodalität hin dar, ausgehend vom Zweiten Vatikanischen Konzil: Johannes XXIII. habe es als Reformkonzil verstanden, in dem es um „eine tiefere Einsicht der geoffenbarten Wahrheit, um einen größeren religiösen Eifer, verstanden als Heiligkeit des Lebens, und eine größere Dynamik bei der Evangelisierung“ gegangen sei. Bischof Marín de San Martín schlussfolgert daraus: „Dies sind die Ziele des synodalen Prozesses.“ Der Untersekretär skizzierte die Entwicklung der Synodalität unter Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. bis hin zur Ausrufung der weltweiten Synode durch Papst Franziskus.

Ohne Heiligen Geist gibt es keine Synode

Was versteht der Heilige Vater unter „Synodalität“? Dazu zitierte der Untersekretär der Bischofssynode mehrere Äußerungen Franziskus, etwa: „Die Ausübung des sensus fidei kann sich nicht auf die Mitteilung und den Vergleich der Meinungen beschränken, die wir zu diesem oder jenem Thema, zu diesem oder jenem Aspekt der Lehre oder der Disziplin haben. Die Idee, zwischen Mehrheiten und Minderheiten zu unterscheiden, darf sich nicht durchsetzen.“ Der Papst erinnere daran, „dass die Synode von Anfang an regelmäßig cum Petro et sub Petro tagen soll“. Die Bischöfe seien mit dem Bischof von Rom durch das Band der bischöflichen Gemeinschaft verbunden und gleichzeitig hierarchisch Petrus unterstellt. Diese Hauptgedanken seien von Bedeutung, „um fehlerhafte Ansätze der Synodalität zu vermeiden“.

Besonderen Wert legte Bischof Luis Marín auf das Grußwort, das Papst Franziskus im September 2019 an die Synode der ukrainisch griechisch-katholisch Kirche in Rom richtete: „Es besteht die Gefahr zu glauben, dass ein synodaler Weg oder eine Haltung der Synodalität bedeute, Meinungsforschungen durchzuführen und dann eine Versammlung abzuhalten, um eine Einigung zu erreichen. Nein, so ist es nicht. Die Synode ist kein Parlament“, warnte der Papst: „Wo der Heilige Geist fehlt, da kann es auch keine Synode geben.“

Prozess der Heiligkeit

Nicht in Meinungsforschungen, „um die Kirche an den Zeitgeist, an Moden, an Kriterien anzupassen“ bestehe demnach die Synodalität, sondern in einer Vertiefung der Authentizität des Glaubens. „Der Reformprozess ist ein gemeinschaftlicher Prozess der Heiligkeit.“ Dieser Prozess führe zur Evangelisierung, denn „die Mission der Kirche, noch mehr: die Identität der Kirche besteht in der Evangelisierung“. Andererseits solle ebenfalls eine „klerikale Unbeweglichkeit überwunden werden“, denn die Laien seien „keine Handlanger des Klerus“.

Bischof Marín nannte den Klerikalismus, „jene Art von Narzissmus, der zu geistlicher Weltlichkeit führt“, eine „Perversion“. In der Kirche gehe es nicht um Macht, „als ob die Kirche ein Unternehmen wäre, und die Laien um Machtbereiche und Zugeständnisse ringen würden“. Die Laien seien vielmehr „durch die Taufe mitverantwortlich für die Kirche“, weshalb Laien – Männer und Frauen – in der Kirche „Aufgaben übernehmen können, die nicht dem geweihten Amt vorbehalten sind“. Dabei gehe es nicht „um Zugeständnisse und schon gar nicht um eine Klerikalisierung der Laien“.

Reform: Identifikation mit Christus und der Radikalität des Evangeliums

Bei der wahren Reform der Kirche, die Papst Franziskus durch die Synodalität anstrebe, gehe nicht nur um die Veränderung von Strukturen: „Es handelt sich nicht um einen rein verwaltungstechnischen Prozess; es ist vielmehr ein Prozess der tiefgreifenden, radikalen Reform – einer Reform, die aus der Identifikation mit Christus und aus der Radikalität des Evangeliums kommt.“ Denn die Kirche sei nicht bloß eine Organisation, sondern ein „lebendiger Organismus, ein lebendiges Wesen – der mystische Leib Christi –, von dem wir alle durch die Taufe ein Teil sind“.

Die Umstrukturierungen seien nicht das Wesentliche, sondern eine Folge der Reform, die als „ein gemeinschaftlicher Prozess der Heiligkeit“ verstanden werde, bei dem der „Eucharistie als Zentrum und Höhepunkt des christlichen Lebens“ eine herausragende Rolle zukomme. Den Schlüssel dazu liefere Papst Franziskus selbst in „Evangelii gaudium“: „Ich lade jeden Christen ein, gleich an welchem Ort und in welcher Lage er sich befindet, noch heute seine persönliche Begegnung mit Jesus Christus zu erneuern oder zumindest den Entschluss zu fassen, sich von ihm finden zu lassen, ihn jeden Tag ohne Unterlass zu suchen.“

Demut als Voraussetzung für Gottesbegegnung

Deshalb müsse „für jede Unterscheidung im Geist und in einem Klima des Gebets“ das Volk Gottes gehört werden. „Nicht bloß Eliten oder Laienvertreter, sondern das Volk Gottes“ müsse „in der Lage sein, dem Bischof seine Meinung mitzuteilen“. Dies in die Praxis umzusetzen, sei zwar schwierig, denn „wir haben keine geeigneten Kanäle. Aber: Lasst uns sie schaffen!“ Entscheidend seien allerdings nicht „Analysen oder Zusammenfassungen, sondern das Unterscheidungsvermögen im Geist“, was Kompetenz der Hierarchie sei: „Der Pfarrer, der Bischof, der Papst müssen Entscheidungen treffen, weil es ihr Dienst an der Kirche ist. Sie können nicht auf diesen Dienst verzichten. Sie dürfen ihre Autorität und ihre Verantwortung nicht verwässern.“

In diesem Zusammenhang wies Bischof Luis Marín ausdrücklich auf die Notwendigkeit hin, „die einfachen Gläubigen“ anzuhören. Denn das Christentum sei nicht ein „Christentum der Eliten“. Im synodalen Prozess sei „die Bekehrung zur Demut“ wesentlich, weil „wir glauben, alles zu wissen“. Denn „andernfalls ist es nicht möglich, Gott zu begegnen“. Papst Franziskus spreche immer wieder davon, dass nicht nur der Verstand, sondern ebenfalls das Herz angesprochen werden müsse, um „zusammen einen Weg der Evangelisierung“ zu beschreiten. Das sei Synodalität: auf diesem Weg gemeinsam voranschreiten.

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