Synodaler Weg

Den Priester unsichtbar machen

Priester im Fokus. Zu den Beschluss-Vorschlägen des Synodalen Wegs, anhand derer in einer Woche in Frankfurt auch die Bischöfe über die Zukunft der Pfarrer in Deutschland abstimmen sollen. Analyse aus der Sicht eines Pfarrers.
Priester im Fokus
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Christus hat die Kirche als Sakrament gestiftet und das Heil an sie gebunden.

In der Tierwelt ist es ein probates Mittel zum Überleben: die Anpassung. Tiere nehmen die Gestalt anderer Tiere oder auch ihrer Umgebung an, um sich vor Angriffen zu schützen. Die Mimikry führt zu Verwirrung und verschafft Ruhe vor Feinden. Eine Raupe sieht aus wie ein Blatt oder ein Ast und lässt andere Tiere, die es möglicherweise auf sie abgesehen haben, an ihr vorüberziehen.

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Es wäre beinahe zu edel, der Form dogmatischer und pastoraltheologischer Mimikry, wie sie den Synodalen Weg dominiert, zu unterstellen, man habe sie aus Gründen des Schutzes gewählt. Denn ganz offensichtlich liegt den diversen Gefälligkeitsgesten der Lebenswirklichkeit unserer Zeitgenossen gegenüber nicht die Absicht einer geschmeidigen Neuevangelisierung zugrunde, sondern eine Gleichförmigkeit mit derzeitigen Denk- und Lebensstrukturen. Man will sich nicht schützen, man will dabei sein. Nach Sauerteig oder Salz zur Belebung und Bereicherung der Gesellschaft und des Lebens endlicher Menschen sieht das Ganze nicht aus. Im Gegenteil. Das Ziel scheint erreicht, wenn man als „einer von uns“ akzeptiert wird.

Es geht nicht mehr um Wahrheit und Zeugnis

Diese erstaunliche Abkehr vom Römerbrief 12, 2: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist“, spricht aus so gut wie allen Dokumenten, die die Synodalforen im Laufe der Zeit ausgebrütet haben und nun vom 3. bis 5. Februar in Frankfurt zur Beschlussfassung vorlegen.

Das Strickmuster ist dabei denkbar einfach. Die Grundlage ist der Abschied vom Widerspruchsprinzip. Galt bislang die logische Voraussetzung zum Diskurs, dass zwei einander in derselben Hinsicht widersprechende Aussagen nicht zugleich zutreffen können, hat man sich – auf welcher Grundlage auch immer – dazu entschieden, in den Dingen des Glaubens und der Moral Unterschiede stehen zu lassen und zu tolerieren.

Wahr und falsch nicht unterschieden

Birgit Mock, zusammen mit dem Aachener Bischof Dieser Vorsitzende des Synodalforums IV „Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“, brachte es vor einem Jahr bei einer Online-Konferenz des Synodalen Weges auf den Punkt. Im Hinblick auf Spannungen hinsichtlich unterschiedlicher Meinungen, Glaubensauffassungen und Gottesbilder gelte es, diesen Spannungen nicht auszuweichen, sondern sich mitten in sie hineinzubegeben.

Jedoch eben nicht mit dem Ziel, die Wahrheit anzubieten und im Zeugnis für ihre Akzeptanz zu werben, sondern die Unterschiede nebeneinander stehen zu lassen, ohne dabei die Absicht zu haben, Wahres und Falsches zu unterscheiden. „Ambiguitätstoleranz nennt man die Fähigkeit, damit umzugehen. Ich wünsche sie uns allen“, betonte Birgit Mock und brachte damit einen zentralen Begriff in den Diskurs ein, den man tunlichst nicht übersehen sollte, wenn man verstehen will, wohin sich die Versammlung auf den synodalen Weg gemacht hat.

Diskontinuitäten schaffen

Die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen, die den Prozess nicht nur begleiten, sondern ihm auch zugrunde liegen, offenbaren sich in beinahe jeder Zeile der Texte, die nun bald zur Abstimmung stehen. Sind auch die Präambeln und Absichtserklärungen noch von frommem Gedankengut getränkt, in den Beschlussvorlagen, denen gegenüber man sich dann als Synodale „hop“ oder „top“ zu verhalten hat, dominieren auf und zwischen den Zeilen die Denkvoraussetzungen einer von offenbarungsgebundenen Einsichten recht freien Forderungen für die Zukunft.

Einige, wie der Kreis um den Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer haben das erkannt und sich in alternativen Foren kritisch zum grandiosen Abbruchunternehmen geäußert, das sich unter der Fahne „Weiterentwicklung“ und „Paradigmenwechsel“ versammelt hat, um ganz offensichtlich in erklärter Diskontinuität eine neue Kirche zu schaffen. Die Vorzeichen des Ganzen, den Synodalen Weg – aufgerüttelt durch den Aufschrei und die Klage (Exodus 3,7) der Opfer sexualisierter Gewalt – in der Kirche zu gehen, wie es in der Vorlage des Synodalpräsidiums für den Präambeltext bekundet wird, schaffen dabei die diskursive Tabuzone, die dafür sorgt, dass bislang von Moralisierung freie Traditionsgüter der Kirche inkriminiert werden.

"Man ebnet den Unterschied zwischen
sakral und profan, zwischen geistlich und psychologisch,
zwischen Gott und Welt denkerisch ein."

Sonderstellung des Priesters

Das Strickmuster ist recht simpel und lässt sich, wie die Steuererklärung von Friedrich Merz, auf einem Bierdeckel zusammenfassen: Die MHG-Studie hat den sexuellen Missbrauch durch Kleriker aufgedeckt und ihm eine systemische Ursache zugeordnet: das Verständnis des Priesters als Mittler zwischen Gott und den Menschen.

Hier liegt der Grund für den dokumentierten Machtmissbrauch, der sich in geistlichen und sexuellen Übergriffen zusätzlich abseitige Dimensionen verschafft. Sogar die Liturgie ist ein Hort missbräuchlicher Versuchungen, denn hier wird der Priester als persona sacra unersetzbar und folglich latent illegitim dominant. Fazit: um das Schlimmste zu verhüten, muss am Anspruch des Amtes geschraubt werden. Soweit die Bierdeckelanalyse. Hier aber liegt eine Crux.

Denn die Basis für eine Sonderstellung des Priesters, deren Missbrauch man beklagt, ist nun einmal die sakramentale Struktur der Kirche. Solange die Sakramente nur über den Priester als Vermittlungsinstanz gespendet werden können, ist er notwendig, mitsamt seinen übergriffigen Potenzialen. Ein Ausweg aus dieser Aporie ist entweder die Abschaffung dieser bislang als wesentlich verstandenen Struktur der Kirche und ihre Nivellierung durch eine Art „Reformation 2.0“ – deren Züge der Synodale Weg in vielerlei Hinsicht trägt – oder eine im Sinne der schon erwähnten Ambiguitätstoleranz vollzogene Marginalisierung des Priesters. Hier werden in einer Woche eine Reihe von Anträgen auf dem Tisch liegen, die den Priester zwar nicht abschaffen, ihn aber mimetisch zwischen den Reihen sonstigen Pastoralpersonals unsichtbar werden lassen.

Bedarfsgastronomisches Gnadenangebot

Es beginnt natürlich gut sichtbar mit der Forderung nach dem Ende des Pflichtzölibats als Reflex auf den Priestermangel, was erst einmal die Sehnsucht nach den Sakramenten als unstrittiges Erfordernis vermuten lässt. Schaut man aber auf die weiteren Vorschläge zur Umformung eines priesterlichen Profils, kann man sich des Verdachts nicht erwehren, dass es am Ende nicht um die anfänglich ersehnte Versorgung der Herde mit Hirten geht, als vielmehr um eine Emanzipation der Herde von den Hirten und auch von den von ihnen vermittelten sakramentalen Weiden.

Die werden allenfalls in Form eines bedarfsgastronomischen Gnadenangebots vorgehalten, das gleichberechtigt von alternativen Versorgungsmöglichkeiten in Form von laikalen Seelsorge- und Gottesdienstangeboten, Lebensbegleitungen oder diakonischer Arbeit flankiert wird. Dadurch erledigt sich der lästige Alleinstellungsanspruch des Amtes.

Man ebnet Unterschiede zwischen Gott und Welt

Man ebnet den Unterschied zwischen sakral und profan, zwischen geistlich und psychologisch, zwischen Gott und Welt denkerisch ein, und kann dann im Grunde alle alles machen lassen. Wie praktisch!

Angefangen mit seiner in strenger Koedukation mit Bewerbern für andere pastorale Berufe und unter höchster psychologischer Beobachtung stehenden Ausbildung soll der Priester – stets eingebunden in Teamstrukturen und Coachingmaßnahmen – am besten, wie gefordert, im Nebenberuf oder Ehrenamt seinen Dienst tun. Eine solche priesterliche Existenz mit Frau und Kind in der Etagenwohnung oder der Reihenhaussiedlung, die erst nach Feierabend in der Stadtverwaltung oder in der Zahnarztpraxis zur Entfaltung kommt, ist jedoch nicht so ganz das, was unsere Zeit in ihrer geistlichen Entkernung braucht.

Das Vorbild der Ostkirchen, das für ein solches Konstrukt gerne herangezogen wird, eignet sich dazu herzlich wenig, denn der Osten steht für ein ausgesprochen sakrales Priesterbild, das man hierzulande gerade inkriminiert. Man ist geneigt, die Anleihen bei der Ostkirche an dieser Stelle als perfide zu empfinden. Der neopastorale Kokon, in dem man den Priester auf diese Weise einspinnen will und in dem man ihm gerade noch die Wandlungsworte überlässt, soll ihn überwachbar und demokratisch lenkbar machen – Sicherheitsforderungen, die sich aus der Hypothek des Missbrauchs der bislang unhinterfragten priesterlichen Vollmachten des Lehrens, Leitens und Heiligens ergeben.

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Der Würzburger Priesterrat hat bereits im April 2021 in einer Replik auf die Vorarbeiten des Forums „Priesterliche Existenz heute“ seinem Unwohlsein darüber Ausdruck verliehen, „dass die gesamte Gliederung auf der Hintergrundfolie ,Missbrauch‘ konzipiert ist“. Und hält es am Ende für notwendig, die Frage zu stellen: „Wofür brauchen wir den Priester? Und brauchen und wollen wir überhaupt Priester?“ (Stellungnahme des Priesterrats der Diözese Würzburg zur Vorlage des Forums „Priesterliche Existenz heute“ im Synodalen Weg vom 27. April 2021)

Reformatorischer Paradigmenwechsel

Sicherlich wird die letzte dieser beiden Fragen in Frankfurt in der nächsten Woche nicht mit „Nein“ beantwortet werden. Dennoch wird der Priester auf eine besondere Art und Weise unsichtbar gemacht. Es ist eine neue Form des reformatorischen Paradigmenwechsels, der es nicht ertragen kann, dass Christus die Kirche als Sakrament gestiftet und das Heil an sie und nicht an die Autonomie des Menschen gebunden hat.

Es wird indes auf dieser Handlungsgrundlage des Synodalen Weges nicht lange dauern, bis der mimetisch bis zur Unkenntlichkeit veränderte Beruf des Priesters gänzlich verschwinden wird. Dann werden allerdings „Weiterentwicklung“, „Fortschreibung“ und „Verheutigung“ möglicherweise auch für eine unsichtbare Kirche gesorgt haben.

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