Teresa von Ávila

Nur Betern können Reformen gelingen

Am 12. März 1622 sprach Papst Gregor Teresa von Ávila, den Gründer der Gesellschaft Jesu, Ignatius von Loyola, den Jesuit und Missionar Franz Xaver, den Stadtpatron von Madrid, Isidor, und den Apostel der Stadt Rom, Philipp Neri, heilig. Das Bistum Ávila eröffnet am Sonntag ein Jubiläumsjahr zu Ehren Teresas. Ihre Schriften sind eine zeitlos aktuelle Hilfe für jeden, der beten lernen will und die Kirche durch eine vertiefte persönliche Freundschaft mit Christus reformiert.
Das Gebet war für Teresa von Ávila der Weg, ihr Leben wirklich zu erneuern.
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Das Gebet war für Teresa von Ávila der Weg, ihr Leben wirklich zu erneuern. Sie fühlt sich dazu gedrängt, der Eigenliebe, der Welt, dem Teufel und der Sinnlichkeit abzusterben.

Teresa von Jesus (1515-1582) lebte während des so genannten Goldenen Zeitalters, in dem die spanische Kultur ihren Höhepunkt erlebte und die katholische Monarchie unter Karl V. und Philipp II. ihren wirtschaftlichen, militärischen und politischen Gipfel erreichte. Das 16. Jahrhundert war jedoch auch Schauplatz einer schweren religiösen Krise, der sich Teresa bewusst war. In ihrem Werk "Weg der Vollkommenheit" schreibt sie: "Nachdem ich von den Schäden in Frankreich durch diese Lutheraner erfahren hatte (...), setzte mir das sehr zu, und wie wenn ich etwas vermöchte oder etwas bedeutete, weinte ich mich beim Herrn aus und bat ihn, diesem großen Übel abzuhelfen. Ich glaube, ich würde als Abhilfe für eine der vielen Menschenseelen (...) tausend Leben hergeben. Doch da ich mich als Frau sah, erbärmlich und ohne Möglichkeit, im Dienst des Herrn etwas nützliches zu leisten - denn es war und ist nach wie vor mein Verlangen, dass angesichts der vielen Feinde und der wenigen Freunde, die er hat, diese gut wären -, beschloss ich, das ganz Wenige, das ich vermag und an mir liegt, zu tun, und das ist, die evangelischen Räte mit aller Vollkommenheit, zu der ich fähig wäre, zu befolgen und dafür zu sorgen, dass die paar Schwestern, die hier sind, das gleiche täten" (CP 1,2). 

Es waren keine einfachen, es waren "schwere Zeiten" wie der Autobiografie der Heiligen zu entnehmen ist (V 33,5). Die heilige Teresa war sich dessen bewusst, was in der Gesellschaft vor sich ging. Sie trauerte um die Seelen, die aus Mangel an Glaubensunterweisung verloren gingen, wie sie ihrem Bruder Lorenzo in einem Brief mitteilte: "Diese Indios kosten mich nicht wenig." Sie war über den Zusammenbruch der Kirche in Europa beunruhigt. "Von daher erwarb ich mir auch das unsägliche Leid, das mir die vielen Seelen verursachen, die verdammt werden" (V 32,6). "Die Welt steht in Flammen! Sie wollen über Christus von neuem das Urteil sprechen" (CP 1,5).

Zur Radikalität der evangelischen Räte zurückgekehrt

In dieser Situation durchlief sie einen Prozess der Reform, der mit ihrer eigenen inneren Erneuerung begann, indem sie zur Radikalität der evangelischen Räte zurückkehrte, und sie auf den Karmeliterorden ausweitete. Der geistige Weg dient als Paradigma für eine echte Reform. 400 Jahre später hat er nichts von seiner Kraft und Relevanz eingebüßt. Teresa begann den Weg der Erneuerung mit der Überwindung ihrer eigenen geistlichen Lauheit. Sie empfand diese geistliche Lauheit als Qual, als Unzufriedenheit, zusammen mit einer Sehnsucht nach Gott, aber ohne eine wirkliche Entschlossenheit, ihr Leben zu ändern. In einem hellsichtigen Moment bat sie den Herrn, sie aus ihrer Lauheit herauszuführen: "Ich flehte den Herrn an, mir zu helfen" (V 8,12). Dies war der Beginn eines Weges, den sie trotz aller Widrigkeiten gehen wollte. Bei ihrer ersten Bekehrung, nach der Höllenvision, erlebte sie die Qualen eines Lebens ohne Gott.

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Im anschließenden Kampf, bei der Reform der Kirche, verstand sie, dass diese Vision ihr geholfen hatte, ihre Angst vor dem Leiden zu verlieren. "Und so sage ich von neuem, dass dies eine der größten Gnaden war, die mir der Herr gewährt hat, weil sie mir sehr geholfen hat, um die Angst vor Bedrängnissen und Widersprüchen dieses Lebens zu verlieren, aber auch um Kraft zu bekommen, um sie auf mich zu nehmen und dem Herrn zu danken, dass er mich, so wie mir jetzt scheint, von so schrecklichen, ewigen Qualen befreit hat" (V 32,4).

Gebet als Weg, ihr Leben wirklich zu erneuern

Das Gebet war der Weg, ihr Leben wirklich zu erneuern. Sie fühlt sich dazu gedrängt, der Eigenliebe, der Welt, dem Teufel und der Sinnlichkeit abzusterben; das heißt, sie darf sich nicht von ungeordneten Begierden überwältigen lassen. Die Seele muss mit aller Kraft danach streben, sich nach Gott auszustrecken, ihn zu betrachten und sich von ihm erfüllen zu lassen: "Dass es eine wichtige Angelegenheit ist, dass die Seelen, die mit dem inneren Beten anfangen, sich von Anfang an von inneren Beglückungen jeglicher Art lösen (...). Die Augen auf das wahre, ewige Königreich gerichtet, das wir zu erlangen suchen!" (V 15,11). Sie war eine "Bekehrte" zum Gebet, weil sie dessen Wirksamkeit erlebte. Deshalb wurde sie zur Verfechterin des Gebets, vor allem in ihrer Reform. So schrieb sie in ihren Klöstern zwei Stunden tägliches geistiges Gebet vor, das sie als treibende Kraft für die apostolische und missionarische Arbeit betrachtete.

Im Leben der heiligen Teresa gibt es einen entscheidenden Moment ihrer persönlichen Reform, den manche als ihre "zweite Bekehrung" bezeichnen. Es war eine lebendige Begegnung mit Christus, die ihr Leben endgültig veränderte, eine zufällige Begegnung mit dem Bild "eines ganz mit Wunden bedeckten Christus und so andachtserweckend, dass es mich beim Anblick zuinnerst erschütterte, ihn so zu sehen, dann es stellte gut dar, was er für uns durchlitten hatte. Das, was ich empfand, weil ich mich für diese Wunden kaum dankbar gezeigt hatte, war so gewaltig, dass es mir war, als würde es mir das Herz zerreißen. Aufgelöst in Tränen warf ich mich vor ihm nieder und flehte ihn an, mir ein für allemal Kraft zu geben. ihn nicht mehr zu beleidigen" (V 9,1).

Reform des Karmeliterordens dank göttlicher Eingebung

Von diesem Zeitpunkt an schlug sie den Weg der Heiligkeit ein, von dem sie nie mehr abweichen sollte. Teresa verspürte das Bedürfnis, das ihr Mögliche zu tun, um "die Seelen zu gewinnen", um an ihrer Rettung mitzuwirken, denn dies war eines der großen Ziele der Erneuerung der Heiligen: "Von daher erwarb ich auch das unsägliche Leid, das mir die vielen Seelen verursachen, die verdammt werden (...) sowie die gewaltigen Antriebe, um Seelen von Nutzen zu sein, denn ich glaube sicher, daß ich liebend gern tausend Tode auf mich nehmen würde, um eine einzige aus so extremen Qualen zu befreien" (V 32,6). Teresa konnte weder die Theologie noch die Kirche in ihren Strukturen reformieren, sondern beschloss stattdessen mit Realismus, sich selbst und ihre engste Familie, den Karmeliterorden, zu reformieren. Es ging ihr darum, "das ganz wenige, das ich vermag" zu tun, um den Herrn zu verteidigen und zu helfen, und "die wenigen, die hier sind" - ihre Mitschwestern -  zu beraten, die mit ihr die Reform begannen. Der beste Weg, um für die Seelen Fürsprache einzulegen, bestand darin, Gott ihr Leben aufzuopfern. Deshalb sagt sie ihren Schwestern: "Ich bitte euch ja nicht um etwas Neues, meine Töchter, sondern dass wir unsere Ordensgelübde halten, denn das ist unsere Berufung, und dazu sind wir verpflichtet" (CP 5,1).

Die Reform des Karmeliterordens erfolgte dank der göttlichen Eingebung, die Teresa von Jesus erhielt. Sie fiel mit der Reform zusammen, die die Kirche von allen ihren Einrichtungen verlangte. Durch Eingebung des Geistes und durch den Auftrag der kirchlichen Hierarchie wurde diese Reform auf dem Trienter Konzil in den Jahren 1545 bis 1563 offiziell verkündet. Zur selben Zeit wurde das erste Kloster der Teresianischen Reform, das Kloster San José  in Ávila, gegründet. Damit wurde sowohl das Leben des Klerus als das der Orden reformiert.

Ein verborgenes Leben mit Christus in Gott

Indem die heilige Teresa den Geist des ursprünglichen Karmeliterordens vertiefte, richtete sie das Leben ihrer Töchter auf die Heilige Schrift, die Hingabe an Jesus Christus, die Einhaltung der evangelischen Räte, das brüderliche Leben, die Einfachheit und die Freude, die Enthaltsamkeit und das Fasten, das Schweigen und die Bewahrung der Sinne aus. Ihre Töchter lieben Gott, sie pflegen ein verborgenes Leben mit Christus in Gott, aus dem die Nächstenliebe für das Heil der Welt und die Erbauung der Kirche erwächst. Der Kern dieser kirchlichen, in ihrem Wesen dem Evangelium gemäßen Erneuerung ist auch heute erforderlich, um die Neuevangelisierung zu erreichen, die Europa braucht. Die Reform der Heiligen deckt sich im Wesentlichen mit der Haltung, die heute für die Evangelisierung erforderlich ist.

Ihre eigene innere Erneuerung war die treibende Kraft für die Erneuerung des Karmel, für die Reform der Kirche. Sie brauchte ihr Haus, ihre Heimat nicht zu verlassen; sie brauchte nicht mit der Kirche zu brechen; sie opferte vielmehr ihr ganzes Leben auf, damit die Kirche zu Christus, zur Rettung der Seelen und zur Tugend zurückkehrte. Ihre Leidenschaft für die Kirche und für jedes ihrer Mitglieder zeigt sich in dem Wunsch, dass alle Christus kennenlernen. Auffallend ist ihre große Zuneigung zu Priestern und Theologen, für die sie betet und sich aufopfert. Ihre Liebe zur Kirche, ihr Gehorsam ihr gegenüber - "in allem unterwerfe ich mich der Lehre der heiligen römischen Kirche" (WV Nachwort 4) - zieht sich durch alle ihre Schriften.

Die Zeugen ihrer Sterbestunde berichten übereinstimmend von ihren letzten Worten. Sie dankte Gott dafür, dass er sie zu einer Tochter der katholischen Kirche gemacht hatte und sie in dieser Kirche sterben ließ. Die Gegenwart im 21. Jahrhundert ist eine "schwere Zeit" in einem Umfeld, das dem Glauben und dem christlichen Leben entgegengesetzt oder gleichgültig ist, ähnlich wie es die heilige Teresa erlebt hat. Der 400. Jahrestag ihrer Heiligsprechung erinnert die Kirche daran, dass sie eine sichere Fürsprecherin bei Gott und ein Vorbild der Heiligkeit ist, ein Vorbild für die wahre Reform der Kirche. Dieser Weg gründet auf der Gnade und beginnt mit der Erneuerung des eigenen Lebens.


Aus dem Spanischen von José  García. Die Autorin ist Rektorin der Katholischen Universität  Ávila.

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