Gewissen

Im Gewissen sind Gott und Mensch unter sich

Wie frei ist das Gewissen in existenziellen Fragen? Eine befreiende Antwort aus der Schrift, der Tradition und dem Lehramt der Kirche.
Beichtstuhl
Foto: Fredrik von Erichsen (dpa) | Das Gewissen ist auf der Ebene des Wissens angesiedelt. Es ist frei, braucht aber Bildung.

Jeder kennt das Totschlagargument: "Ich regle das mit meinem Gewissen." "Ich bin zwar dagegen, aber jeder sollte nach seinem Gewissen entscheiden." "Hierbei handelt es sich um eine Gewissensentscheidung." Solche Aussagen verdecken eine grundlegende Wahrheit: Das Gewissen ist nicht absolut. Ein zurechnungsfähiger Terrorist reißt andere Menschen in den Tod, weil sein Gewissen ihm dies gebietet. Soll man ihm dabei zugutehalten, dass er dem Gewissen gefolgt ist? Jesus selbst zeigt im Evangelium die Möglichkeit eines falsch urteilenden Gewissens auf: "Es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten" (Johannes 16,2).

Auf der Wissensebene

Wie "frei" ist also das Gewissen in sittlichen Entscheidungssituationen? Auf die so gestellte Frage gibt es eine tautologisch anmutende Antwort: Das Gewissen ist immer frei, gewissenhaft, das heißt: gemäß seiner Natur, zu urteilen. Denn das Gewissen steht unter einem Imperativ, der sich aus seiner Natur ergibt. Andernfalls wäre es eine Gewissenslosigkeit.
Was ist das Gewissen? Moraltheologisch gesprochen handelt es sich um ein Urteil der praktischen Vernunft, in dem der Mensch erkennt, ob eine konkrete Handlung sittlich gut oder schlecht ist (Katechismus der katholischen Kirche 1796). Das Gewissen liegt auf der Ebene des Wissens und nicht des Willens. Es informiert den Willen, was zu tun ist, damit dieser die entsprechende Handlung veranlasst. Woher aber kommt das Wissen im Gewissen? Gemäß der auf Schrift und Tradition gestützten Lehre der katholischen Kirche ist die kognitive Quelle des Gewissens das göttliche Gesetz, das Gott jedem Menschen ins Herz geschrieben hat (Römer 2,15). Entscheidend bleibt dabei: Das moralische Gesetz ist etwas von außen Kommendes, das aber im Inneren des Menschen zu seinem Eigentum wird.

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Verborgen 

Deshalb kann das Konzil in der zentralen Aussage über das Gewissen in "Gaudium et spes" behaupten: "Das Gewissen ist die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott." Insofern kann es nicht mit "Gutdünken" oder "Meinung" gleichgesetzt werden. Vielmehr geht es um eine Fähigkeit des menschlichen Geistes, sich der objektiven Werteordnung zu öffnen und sie im Handeln des Einzelnen in Freiheit zu aktualisieren. Mit dem Philosophen Robert Spaemann gesprochen: Das Gewissen ist Gegenwart eines absoluten Standpunktes im endlichen Wesen, Grund der menschlichen Würde. Es ist die unbedingte Ausrichtung auf die allen Menschen vorgegebene Wahrheit, die das Gewissen zu einem universalmenschlichen Phänomen und damit zum Instrument der sittlichen Verständigung über jegliche Grenzen hinaus macht. Anders formuliert: Das Gewissen ist die Wahrheitsfähigkeit des Menschen (John Henry Newman).

Wie kann man aber das Gewissen gleichzeitig als konkretes Vernunfturteil und Ort des unbedingten sittlichen Anspruchs denken? Dafür steht die von Thomas von Aquin geprägte Unterscheidung: Das Gewissen setzt sich aus dem Urgewissen (synderesis) und dem situativen Gewissen (conscientia) zusammen. Während ersteres die Fähigkeit bezeichnet, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und die obersten Handlungsprinzipien zu erkennen, meint letzteres den Anwendungsakt dieser Fähigkeit auf einen konkreten Fall. Die Unterscheidung erlaubt die Rede vom irrenden Gewissen, das auf der Ebene der conscientia möglich ist.

Autonome Instanz

Dies gilt allerdings nur so lange, wie wir uns auf die Existenz einer objektiven Wahrheit verständigen, der das Gewissen verpflichtet bleibt. Hätte das Gewissen jedoch nichts mit vorgegebenen moralischen Inhalten zu tun und würde es zu einer "autonomen und ausschließlichen Instanz, um zu entscheiden, was gut und was böse ist" ("Veritatis splendor"), dann könnte es auch nicht irren. Da es aber auf das objektive moralische Wissen angewiesen ist, sprechen wir eher von Gewissensurteilen als von Gewissensentscheidungen, die eine solche subjektivistische Autonomie nahelegen würden.

Folglich kann das Gewissen nicht als Ausrede dienen, den gültigen Normen auszuweichen und die eigenen Ansprüche zu verabsolutieren. Dies impliziert die Gewissensbildung. Nur ein recht gebildetes Gewissen urteilt richtig. Dabei spielt das Lehramt eine besondere Rolle. Die Autorität der Kirche widerspricht jedoch nicht der Gewissensfreiheit, weil diese immer nur "in" der Wahrheit, und nicht "von" der Wahrheit ist ("Veritatis splendor"). Demnach kann es eigentlich keinen Konflikt zwischen einem recht urteilenden Gewissen und dem   seiner wahrheitsbewahrenden Rolle verpflichteten   Lehramt geben. Widerspricht das Gewissensurteil der sittlichen Wahrheit, kann man auf eine "Bildungslücke" verweisen. Diese Lücke ist entweder unüberwindlich, weil das Gewissen unschuldig irrt, etwa wenn die Person niemals die Möglichkeit hatte, die Wahrheit über ihr Handeln zu erfahren. Dann hofft man auf die Korrektur der Unkenntnis. Oder aber die Lücke ist überwindlich, also schuldhaft, weil sich der Mensch zu wenig um die Gewissensbildung bemüht. Das bedeutet: Dem irrenden Gewissen ist zu folgen, weil dies die moralische Integrität des Menschen erfordert, dennoch folgt daraus eine schlechte Tat. Sie resultiert nun nicht aus dem Willen, der auf das Gewissen hören muss, sondern aus der Vernunft, die falsche Informationen liefert.

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Wissen hilft

Was ergibt sich daraus für verschiedene Gewissensnotsituationen, in die Seelsorger eingebunden und dabei geneigt sind, den Menschen zu entschuldigen aufgrund der Überlegung "es ist ihre Gewissensentscheidung"? Zunächst: Nicht das Unwissen, sondern das Wissen hilft. Eine aufgrund von falschen Kenntnissen vollzogene schlechte Tat bleibt schlecht, das heißt: Abgesehen von der eventuell geminderten Schuld hat sie böse Konsequenzen für den Handelnden und seine Umgebung. Deswegen sollte man den Mut haben, aus pastoraler Sorge alles moralisch Erlaubte daranzusetzen, um den Betroffenen davon abzuhalten. Zum Wissen gehört aber sowohl Sach- als auch Moralwissen.

Die jüngste Debatte um das Abtreibungsgesetz in Polen hat bestätigt: Um den Konflikt zwischen dem gleichwertigen Lebensrecht der Mutter und dem ihres ungeborenen Kindes zu lösen, bedarf es zunächst der medizinischen Sachkenntnis, ob ein solcher Konflikt tatsächlich besteht und nicht vorgeschoben wird. Wenn doch, dann gibt es die Alternative: Rettung der Mutter auf Kosten des Kindes oder umgekehrt. Der eventuelle Tod des Kindes darf nicht als Zweck oder Mittel gewollt, sondern nur als unerwünschter Nebeneffekt einer guten Rettungstat in Kauf genommen werden. Urteilt das Gewissen der Frau jedoch, dass es für sie besser wäre, auf das eigene Todesrisiko hin dem Kind das Leben zu schenken, so ist es eine gleichermaßen zu achtende und gewissenhafte Option, denn eine freiwillige Hingabe des eigenen Lebens als Dienst der Liebe stellt eine zwar nicht erzwingbare, aber höchst bewundernswerte Erfüllung des Menschseins dar, die heiligsprechungswürdig ist, wie es beispielsweise bei Gianna B. Molla der Fall war.

Klarheit schaffen

Eine Gewissensalternative gibt es jedoch nicht, wenn man das Leben des Kindes, das beispielsweise krank ist oder nicht in die Lebensplanung passt, dem Selbstbestimmungsrecht der Frau gegenüberstellt. Ob jemand zu leben hat, darf nicht das Gewissen Dritter "entscheiden". Selbstbestimmung und Lebensrecht stehen nicht auf derselben Stufe. Die sogenannten "pastoralen Lösungen" sind fehl am Platz, wo eine klare sittliche Regel zu befolgen ist. Ich kann zwar nachträglich verstehen, dass jemand aufgrund verschiedener Einwirkungen eine schlechte Tat vollzogen hat, ich darf aber nicht vor der Tat falsche Alternativen aufstellen, indem ich mich auf das Gewissen des Betroffenen berufe, wenn nur eine einzige Option gilt.

Ein Seelsorger ist gerufen, soweit möglich, über die Moral Klarheit zu schaffen und sie nicht im Nebulösen zu belassen. Zugegeben, es kann unter Umständen ein steiniger Weg sein, die vermeintliche Ablehnung seitens der betroffenen Person auf sich zu nehmen. Andererseits kann diese später einem vorerst abgelehnten Seelsorger dankbar sein, dass er ihr Gewissen richtig gebildet und sie vor Gewissensbissen bewahrt hat. Das Leben des Menschen ist es wert, dieses Risiko einzugehen.


Der Verfasser ist Mitarbeiter der römischen Glaubenskongregation.

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