Kirche

Auferstehung unter den Wolken des Krieges

Strahlende Sonne schien auf das Osterfest und ein Jugendtreffen mit dem Papst – Aber die Schatten der Kämpfe in der Ukraine prägten das Triduum.
Messfeier zur Osternacht im Petersdom
Foto: Alessandra Tarantino (AP) | Die Strapazen des Triduums waren Franziskus anzusehen. Kraft schenkte ihm dann die Jugend.

Zwei Jahre hatte die Corona-Epidemie das Leben um den Petersdom so gut wie lahmgelegt. Und zwei Mal konnte Papst Franziskus jetzt zeigen, dass diese Dürrezeit nun zu Ende geht. Am 27. März 2020 war der Papst ganz allein zum Portal des Petersdoms hinaufgestiegen. Bei strömendem Regen segnete er mit dem Allerheiligsten Rom und den ganzen Erdkreis, damit der Herr die Seinen vor den Folgen des winzigen Virus beschütze, der die Welt befallen hatte. Jetzt, zu Ostern, quasi die Auferstehung.

Fesseln der vergangenen zwei Jahre abgeschüttelt

Das Papamobil konnte seinen Winterschlaf beenden: Zunächst am Ostersonntag, nach der Ostermesse, dann einen Tag später, bei der Begrüßung von zehntausenden Jugendlichen, fuhr Franziskus mit seinem weißen Gefährt nicht nur über den Petersplatz, sondern auch weit in die Via della Conciliazione hinein. Zwei Bäder in der Menge, die man lange nicht mehr gesehen hatte. Es war, als sei ein Fluch gebrochen.

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Strahlender Sonnenschein und 40 000 Blumen, meist gelbe Tulpen, und Pflanzen auf dem Sagrato vor der Fassade des Doms: Das päpstliche Rom scheint die Fesseln der vergangenen zwei Jahre endgültig abgeschüttelt zu haben. Masken konnte man bei den Tausenden, die die Straße säumten und den Petersplatz füllten, nur noch im Einzelfall sehen.

Dunkel überschattete Osterfreude

Es war die Kirche Italiens gewesen, die die Jugend des Landes nach Rom eingeladen hatte. Und der Zustrom übertraf alle Erwartungen. Mit 60 000 Jugendlichen hatte man gerechnet, gekommen waren laut den Medien 80 000, der Vatikan sprach von 100 000 jungen Leuten, die zu dem nachmittäglichen Gebetstreffen mit Franziskus eingetroffen waren. Es wäre der Abschluss eines Triduums und festlicher Osterliturgien gewesen, wie sie früher die Regel waren. Aber ein dunkler Schatten hing über der Osterfreude.

Der Papst selber sprach sie vor den Jugendlichen an: „Vor zwei Jahren, am 27. März, kam ich ganz alleine hier hin, um dem Herrn die Fürbitte der von der Pandemie betroffenen Welt vorzutragen... Vielleicht saßt ihr an jenem Abend in euren Wohnungen vor dem Fernseher, um zusammen mit eurer Familie zu beten.“ Jetzt würde der Platz alle wieder umarmen. „Jesus hat die Finsternis des Todes besiegt“, sagte Franziskus, um aber gleich anzufügen: „Leider sind die Wolken sehr schwarz, die unsere Zeit verdunkeln. Europa erlebt einen fürchterlichen Krieg, während in anderen Regionen der Erde Ungerechtigkeiten und Gewaltakte weitergehen, die den Menschen und den Planeten zerstören. Oft sind es eure Altersgenossen, die den höchsten Preis bezahlen: Nicht nur ihre Existenz ist bedroht und unsicher, sondern ihre Zukunft wird zertrampelt. So viele Brüder und Schwestern warten noch auf das Licht von Ostern.“

Ukrainisch-russische Freundschaft stößt auf Kritik

Damit hatte Franziskus den Grundton angeschlagen, der von Anfang an über dem Triduum und dem Osterfest in Rom gehangen hatte. Das Fest der Auferstehung in Zeiten des Kriegs. Schon gleich zu Beginn, bei dem nach zwei Jahren Unterbrechung wieder aufgenommen Kreuzweg im Kolosseum, hatte eine Geste des Vatikans für Widerspruch gesorgt: Bei der 13. Station sollten eine Ukrainerin und eine Russin das Kreuz gemeinsam tragen. Irina und Albina, zwei Pflegerinnen in einem römischen Krankenhaus, waren vor dem Krieg zu Freundinnen geworden. Doch der Plan stieß auf Widerspruch. Der ukrainische Botschafter beim Vatikan, Andrij Jurash, meldete offene Kritik an: Er verstehe und teile „die allgemeinen Bedenken in der Ukraine und in vielen anderen Gemeinden“ gegen dieses Akt.

Und auch der katholische Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk von Kiew schloss sich dem an: „Ich halte diese Idee für nicht ratsam und zweideutig, da sie den Kontext der militärischen Aggression Russlands gegen die Ukraine nicht berücksichtigt.“ Er habe Rom um eine Überprüfung dieses Projekts gebeten. Die Folge war, dass der Vatikan an den beiden Krankenschwestern als Kreuzträgerinnen festhielt, aber die entsprechende Meditation zur 13. Station durch ein längeres Schweigen ersetzte. Ukrainische Sender entschlossen sich, den Kreuzweg aus dem Kolosseum in Rom nicht zu übertragen.

Eine Fastenzeit, die nicht zu enden wollen scheint

Krieg also, mit allen Folgen, auch für die Osterfeierlichkeiten im Vatikan. Und so war zu erwarten, dass Franziskus am Ostersonntag weite Teile seiner Botschaft zum Segen „Urbi et orbi“ den Schatten des gewaltsamen Konflikts in Europa widmen würde. Und der Papst verband sie sogleich mit dem Geheimnis der Osternacht, der Auferstehung, und der Überraschung der Jünger, die den Bericht der Frauen vom leeren Grab hörten: „Auch unsere Blicke haben an diesem Osterfest in Kriegszeiten einen ungläubigen Ausdruck“, sagte Franziskus.

„Wir haben zu viel Blutvergießen, zu viel Gewalt gesehen. Auch unsere Herzen waren von Angst und Schrecken erfüllt, als so viele unserer Brüder und Schwestern sich einschließen mussten, um sich vor den Bomben zu schützen. Es fällt uns schwer zu glauben, dass Jesus wirklich auferstanden ist, dass er den Tod wirklich besiegt hat. Ist es vielleicht eine Illusion? Das Ergebnis unserer Einbildungskraft?“ „Nein, es ist keine Illusion!“, meinte Franziskus weiter. „Heute erklingt mehr denn je die Osterbotschaft, die dem christlichen Osten so teuer ist: ,Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!? Heute sind wir mehr denn je auf ihn angewiesen, am Schluss einer Fastenzeit, die nicht zu enden wollen scheint.“

Eine Morgendämmerung der Hoffnung

Aber sogleich kam Franziskus auf den Krieg in der Ukraine zurück: Statt vereint zu sein und zu bleiben, „zeigen wir, dass wir immer noch den Geist Kains in uns tragen, der Abel nicht als Bruder, sondern als Rivalen ansieht und darüber nachsinnt, wie er ihn beseitigen kann. Wir brauchen den auferstandenen Gekreuzigten, um an den Sieg der Liebe zu glauben, um auf Versöhnung zu hoffen. Heute brauchen wir ihn mehr denn je, der zu uns kommt und uns erneut sagt: ,Friede sei mit euch!? Nur er kann dies tun. Nur er hat heute das Recht, uns den Frieden zu verkünden. Nur Jesus, denn er trägt die Wunden, unsere Wunden.“

Im Licht der Osterbotschaft bat der Papst: „Werde der leidgeprüften Ukraine, die durch die Gewalt und die Zerstörung des grausamen und sinnlosen Krieges, in den sie hineingezogen wurde, so sehr gelitten hat, Frieden zuteil. Gehe bald eine neue Morgendämmerung der Hoffnung über dieser schrecklichen Nacht des Leidens und des Todes auf! Möge man sich für den Frieden entscheiden. Man höre auf, die Muskeln spielen zu lassen, während die Menschen leiden. Bitte, gewöhnen wir uns nicht an den Krieg, setzen wir uns alle dafür ein, von unseren Balkonen und auf den Straßen mit lauter Stimme den Frieden zu verlangen! Diejenigen, die für die Nationen Verantwortung tragen, mögen auf den Schrei der Menschen nach Frieden hören.“

Franziskus gedachte all der vielen ukrainischen Opfer, er erwähnte „die Millionen von Flüchtlingen und Binnenvertriebenen, die auseinandergerissenen Familien, die allein gelassenen alten Menschen, die zerstörten Leben und die dem Erdboden gleichgemachten Städte. Ich habe den Blick der Waisenkinder, die vor dem Krieg fliehen, vor meinen Augen. Wenn wir sie betrachten, können wir nicht umhin, ihren Schmerzensschrei zu hören, ebenso wie den der vielen anderen Kinder, die überall auf der Welt leiden: derjenigen, die an Hunger oder mangelnder Versorgung sterben, derjenigen, die Opfer von Missbrauch und Gewalt sind, und derjenigen, denen das Recht verweigert wurde, geboren zu werden.“

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