Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Gegenschlag zu erwarten?

Wie reagiert Israel auf den Angriff des Iran?

Zurückhaltung oder Eskalation? Vieles spricht dafür, dass Israel nicht schweigen wird, aber an einer Eskalation ist die Mehrheit nicht interessiert.
Herzi Halevi, Stabschef der israelischen Streitkräfte
Foto: IMAGO/IDF (www.imago-images.de) | An einer Eskalation ist die Mehrheit in Israel nicht interessiert, aber es gibt genügend Falken in der breit aufgestellten Regierung, die eine Gelegenheit sehen, den Mullahs einen Schlag zu versetzen.

Israel hatte geglaubt, dass es in den letzten 76 Jahren bereits alle Formen des Krieges er- und überlebt hat. In der Nacht auf Sonntag mussten die knapp zehn Millionen Bürger des Landes dazulernen. Wieder einmal sind die Bunkerräume – soweit vorhanden – mit Trinkwasser, Decken und Lebensmittel-Konserven ausgestattet worden. Schulen wurden geschlossen. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Am Tag danach beherrscht die Frage, wie Israel auf die Provokation reagieren wird, die öffentliche Diskussion im In- und Ausland.

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Zum ersten Mal in der Geschichte hat der Iran direkt in den Krieg eingegriffen und rund 300 Raketen, Drohnen und Marschflugkörper in Richtung Israel abgeschossen. Die lange Flugzeit der Geschosse von bis zu acht Stunden ermöglichte der israelischen Luftabwehr, unterstützt durch die USA, Großbritannien, Frankreich und auch durch das muslimische Jordanien, eine ausreichende Vorbereitungszeit. 99 Prozent der Sprengkörper wurde zerstört, die meisten außerhalb des israelischen Luftraumes. Israels Abwehrsystem – Arrow 2 und 3 sowie der Iron Dome – hat seine Leistungskraft erneut unter Beweis gestellt. Videos, im Internet zu sehen, zeigen mehrfach die Abschüsse.

Warum greift der Iran Israel überhaupt an?

Dennoch gab es Verletzte und Schäden. Im israelischen Fernsehen deutet der 49-jährige Beduine Muhammad Hassouna auf ein Loch im Dach seiner bescheidenen Behausung im Süden Israels, wo er mit 13 Kindern und mehreren Frauen lebt. Hier schlug das Metallteil einer abgeschossenen Rakete ein und verletzte seine siebenjährige Tochter schwer. Er beklagt den Mangel an Bunkerräumen für die 300.000 Beduinen, die in der Wüste Negev leben. Es seien klägliche 100, gebraucht würden 100 Mal so viele. 

Nicht nur die Beduinen beschäftigt auch die Frage, warum der Iran Israel überhaupt angreife. Es gebe keine Grenzstreitigkeiten, da Teheran 1.850 Kilometer Luftlinie von Jerusalem entfernt liege. Was sind die Motive? Der unmittelbare Anlass war der Luftschlag Israels gegen ein Gebäude neben der iranischen Botschaft in Syriens Hauptstadt Damaskus am 1. April. Israel tötete dabei mehrere iranische Offiziere, die israelischen Angaben zufolge die Terror-Organisationen Hamas und Hisbollah unterstützen. Teheran habe seinen Komplizen in Gaza, im Westjordanland, im Libanon, in Syrien und im Jemen zeigen wollen, dass sie nicht nur Waffen und Geld liefern, sondern auch selbst tatkräftig mithelfen, Israel zu zerstören. Eine Jahrzehnte alte Ankündigung der Mullah-Regierung im Iran. Damit glaubt der Iran, eine arabisch-muslimische Mehrheit unter seiner Führung vereinigen zu können. 

Eine überzeugende Aktion war dieser Angriff allerdings nicht. Politisch hat sie eher das Gegenteil bewirkt. Die Glaubensbrüder in Jordanien haben beim Abschießen der iranischen Geschosse erfolgreich an der Seite Israels gestanden. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) haben Israel frühzeitig mit Geheimdienst-Informationen über den bevorstehenden Angriff Irans versorgt. Zitiert werden saudische, amerikanische und ägyptische Quellen. Und die zuletzt aufgeweichte Liaison zwischen Israel, den USA, Großbritannien und Frankreich ist wieder gefestigt. Der gemeinsame militärische Erfolg gegen den Iran schweißt zusammen, was in der letzten Zeit wegen des andauernden Gaza-Krieges und der mangelnden Versorgung der Zivilisten brüchig geworden ist.

Biden warnt Israel vor Angriff

US-Präsident Joe Biden lobte die gemeinsame Aktion, warnte aber Israel vor einem Angriff. Für diesen Fall sei Washington kein Partner. In Jerusalem tagte das Kriegskabinett der Regierung Netanjahu. Einziger Tagesordnungspunkt: die Frage der Reaktion auf die iranische Aggression. Zuerst wurden die Einschränkungen für die Bevölkerung um einen Tag verkürzt. Der Alltag ist weitgehend zurückgekehrt. Zurückhaltung oder Eskalation? Vieles spricht dafür, dass Israel nicht schweigen wird, aber an einer Eskalation ist die Mehrheit nicht interessiert. Das würde dem Iran in die Hände spielen und die neue Verständigung zwischen Israel und dem Westen eintrüben, prophezeien Politiker und Analysten in den Medien.  Aber es gibt genügend Falken in der breit aufgestellten Regierung, die eine Gelegenheit sehen, den Mullahs einen Schlag zu versetzen, damit sogar die im Bau befindlichen Nuklear-Anlagen zu zerstören. Davor wird aber auch ernsthaft gewarnt: Denn ein Krieg ist schnell begonnen, aber schwer zu beenden. Die seit über sechs Monate währende Bodenoffensive gegen die Hamas ist ein  tragisches Beispiel.

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Im Jerusalemer Parlament gab es am Montag erwartungsgemäß kein Halten mehr. Oppositionsführer Yair Lapid, warf Regierungschef Netanjahu vor, Freunde und Feinde „riechen die Schwäche Israels“ und sprach von einer „erodierten Abschreckung“ der militärischen Schlagkraft. Lapid, der vergangene Woche in Washington war, berichtete davon, dass seine Gesprächspartner „geschockt sind von der Schwäche der Regierung Netanjahu, bei dem Mangel an Professionalität und vom fehlenden Management“. 

Benny Gantz, der im Kriegskabinett Sitz und Stimme hat, agiert immer wieder als Opposition innerhalb der Regierung. Er macht keinen Hehl daraus, dass er Netanjahu lieber stürzen als unterstützen will und fordert einen Termin für Neuwahlen im September. Netanjahu lehnt das ab. In Kriegszeiten würden Wahlen das Land lähmen und damit gefährden. Aktuelle Umfragen malen ein anderes Bild: Fast zwei Drittel befürworten einen Rücktritt Netanjahus, und die Hälfte der Befragten will frühzeitige Neuwahlen.

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