Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Nach iranischem Angriff

Jetzt hat Israel wieder internationale Sympathie

Der Nahe Osten steht nach dem iranischen Angriff auf Israel am Scheideweg. Christen in der Region sind in eine prekären Lage, schreibt der Rektor des österreichischen Pilgerhospizes in Jerusalem.
Eskalation im Nahost-Konflikt
Foto: IMAGO/Christian Ohde (www.imago-images.de) | Die Mullahs und Ayatollahs wissen sehr wohl: Wenn das jetzt eskaliert, ist ihr Spuk vorbei, schreibt Markus Bugnyár.

Endlich ist es nun also passiert. Die Tage davor waren voller Ankündigungen und zunehmender Sorge; landesweit neigten sowohl Israelis als auch Palästinenser zu Hamsterkäufen. Schließlich droht das Regime in Teheran seit Jahrzehnten mit der Auslöschung des „Krebsgeschwürs Israel“; schließlich ist auch den Palästinensern bewusst, dass kein Schiit für sie in den Tod gehen wird.

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Schlussendlich flogen Raketen über den Felsendom in Jerusalem und gingen einerseits auf ein arabisches Dorf nahe Um-el-Fahm im Norden nieder und verletzten andererseits ein siebenjähriges Beduinenmädchen im Süden. Niemand jubelt in den arabischen Straßen, selbst die Hamas legt am Tag danach ein neues – wiederum inakzeptables – Angebot für einen Geisel-Deal auf den Tisch, um Zeit zu gewinnen. 

Wo die Grenzen des militärisch Machbaren liegen

Das erste Mal seit der Islamischen Revolution im Iran im Jahr 1979 kam es in der Nacht zum Sonntag zu einem direkten Schlagabtausch der beiden Erzfeinde. Kann sich Israel einen Angriff solch historischen Ausmaßes unkommentiert gefallen lassen und damit den Iran zur Wiederholung oder andere zur Nachahmung animieren? Oder kann es sich damit zufriedengeben, beinahe alle Raketen mit Hilfe seiner Verbündeten rechtzeitig abgewehrt und militärische Überlegenheit demonstriert zu haben?

Markus Stephan Bugnyár im Interview
Foto: privat | Markus Stephan Bugnyár ist ein österreichischer römisch-katholischer Priester der Diözese Eisenstadt (Burgenland) und seit 2004 Rektor des Österreichischen Hospizes zur Heiligen Familie in Jerusalem.

Amerika hat unmittelbar deutlich gemacht, Israel bei einem Gegenschlag nun nicht mehr assistieren zu wollen, und Israels Nachbarländer hatten nicht über Nacht ihre Liebe zu Israel entdeckt, sondern lediglich ihre Eigeninteressen gedeckt. Der „Erfolg“ dieser Stunden zeigt Israel und der Welt, wo die Grenzen des militärisch Machbaren liegen und wird so zum Dilemma, das die Beratungen des Kriegskabinetts prägt. Nur die Sorge vor der nuklearen Bombe, die Angst vor einer (neuerlichen) Auslöschung, schweißt diese Koalition in Jerusalem noch zusammen.

Währenddessen versucht der Iran selbst, auf allen Ebenen zu kalmieren. Man habe seine gesteckten Ziele erreicht, die Vergeltung wäre ein voller Erfolg und die Militäroperation abgeschlossen. Wer 72 Stunden vorher seine Nachbarn und diskret wohl auch die Amerikaner (und über sie auch Israel) über Angriffspläne informiert, will vor allem an der Macht bleiben und nicht den 3. Weltkrieg vom Zaun brechen – sehr zum Leidwesen mancher Medien, wir mir latent angewidert dünkt. 

Israel wird auf diese Geschehnisse antworten

In diesen Stunden scheint noch alles offen; Israel wird auf diese Geschehnisse antworten – bloß wann und wie bleibt die offene Frage. Das gesteckte Ziel allerdings war nie ein Geheimnis: Netanjahu warnt seit Jahrzehnten vor dem Iran und fand international nicht immer Gehör. Erinnert ein wenig an die Vertrauensseligkeit, mit der wir in Europa bis vor kurzem Russland begegneten und an die heute niemand mehr erinnert werden will – bis die nächste Stromrechnung ins Haus flattert und rechte Parteien die Wahlen gewinnen.

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Seit dem Wochenende hat Netanjahu nun diese Aufmerksamkeit wieder und Israel internationale Sympathie für seine prekäre Lage. Wäre es dem Langzeit-Premier nicht zuzutrauen, ein solches Szenario schon am Ostermontag im Sinn gehabt zu haben, als er von dem Anschlag auf das iranische Konsulat in Damaskus erfuhr? Und wer wäre ernsthaft betrübt, wenn das Mullah-Regime an sein Ende käme? Obwohl: Linke Hamas-Versteher versuchten selbst dann noch die Quadratur des Kreises.

Anfang Dezember 2019 war ich als „Guest lecturer“ im Iran, an jener Universität für interreligiösen Dialog, die mehr einem potemkinschen Dorf für Ausländer ähnelt, die sich nach dem inszenierten Dialog selbstgerecht auf die Schulter klopfen. Das definierte Thema: „Die Auswirkungen des Zweiten Vatikanischen Konzils auf die Katholische Kirche.“ Ich war verwundert und fragte nach dem Grund. Meine Gastgeber waren äußerst zuvorkommend und erfrischend ehrlich: „Euch wie uns läuft die Jugend davon. Wir wollen aus euren Fehlern lernen.“

In Kriegszeiten interessieren sich die Mächtigen nicht für das Schicksal der Christen

Die Mullahs und Ayatollahs wissen sehr wohl: Wenn das jetzt eskaliert, ist ihr Spuk vorbei. Was des einen berechtigte Sorge ist, könnte des anderen überlebenswichtige Strategie sein. Waren Israel und der Iran vor 1979 nicht deutlich mehr als nur gute Freunde? Haben wir gestern Exil-Iraner in Europas Hauptstraßen pro Teheran demonstrieren sehen? Israelis und Perser können miteinander, wenn ihnen kein Gottesstaat die Freundschaft verbaut. Auf der Strecke bleiben dabei wiederum die Palästinenser; doch für deren Schicksal interessieren sich ernsthaft weder die altersschwache Riege in Ramallah, geschweige denn die Hamas, die neben den israelischen Geiseln auch ihre eigene Zivilbevölkerung als Schutzschild missbraucht. Auch Palästinenser könnten ihren Weg selbst und frei bestimmen, wenn so manch politischer Egomane vom Spielfeld ginge – oder aber von einem unparteiischen Schiedsrichter des Platzes verwiesen würde. Es ist in keiner Weise übertrieben: Der Nahe Osten steht in dieser Minute an einem Scheideweg. Wer meint, den weiteren Verlauf zu kennen, kann nur ein Scharlatan sein.

Wie geht es bei alldem den Christen der Region, werde ich oft gefragt. Die Frage wie die Sorge ist berechtigt: Als kleine Minderheit sind wir in der Region zu unbedeutend, als dass sich in Kriegszeiten die Mächtigen für unser Schicksal interessieren würden. Wir müssen uns selbst organisieren, aufeinander achten – und darauf vertrauen, dass zumindest in der Ferne jemand an uns denkt, für uns betet und wenn es Hilfe braucht, auch hilft. Letzteres ist auch politisch gemeint. Emphatische Fürbitten, spärliche Palmsonntagskollekten und Kerzerl-Anzünden werden auf Dauer nicht reichen. Wenn sich westliche Staaten nicht sehr bald ihrer Herkunft und ihres Wertefundamentes besinnen, wird es nicht nur für Christen hier in der Region zappenduster.


Markus Stephan Bugnyár ist ein österreichischer römisch-katholischer Priester der Diözese Eisenstadt (Burgenland) und seit 2004 Rektor des Österreichischen Hospizes zur Heiligen Familie in Jerusalem. Dieses ist eine Pilgerherberge der katholischen Kirche Österreichs in der Altstadt Jerusalems - das 1856 gegründete und 1863 eröffnete Hospiz ist das älteste nationale Pilgerhaus im Heiligen Land.

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