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Oasen des Friedens bauen

Ostern 2022: Die Kriege von heute rufen nach Antworten, die die Zeiten des politischen Chaos überdauern.
Kharkiv - Ukraine
Foto: IMAGO/Aziz Karimov (www.imago-images.de) | Oasen des Friedens zu bauen - Eine Aufgabe für Christen in Kriegszeiten. Damit der Frieden überleben kann.

Der Friede war den Menschen des 20. Jahrhunderts nicht gegeben. Und er wird auch den fortschrittlichen, aufgeklärten und demokratisch geschulten Erdbewohnern des 21. Jahrhunderts nicht gegeben sein. Heute lassen sich drei Triebfedern für die sinnlosen Gemetzel unterscheiden, unter denen die Welt leidet: Religiöse Verblendung, die einen fundamental gelebten Glauben von der Vernunft abschneidet, ist das Grundmuster der islamistischen Gewalt.

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Rohstoffe als Kriegsgrund

Vom Jemen, in dem sich schiitisch und sunnitisch dominierte Regime auf Kosten der einheimischen Bevölkerung austoben, bis hin zu den Eroberungszügen der Dschihadisten südlich der Sahara, die, so grausam sie sind, den Weltmedien oft nicht mehr als eine Randnotiz wert sind. Gier ist eine weitere Triebfeder für kriegerische Konflikte.

Die Kontrolle über Rohstoffe, der Kampf um das Öl oder gegen den ungehemmten Drogenhandel, sind Triebfedern der langen Liste von Gewaltkonflikten auf dem Globus, die den Krieg in der Ukraine ganz aktuell begleiten. Nicht nur zwischen Lemberg und dem Donezbecken sterben täglich Menschen.
Von einer ganz anderen Qualität als religiöser Fundamentalismus und purer Gier ist noch einmal das, was die russische Führung umtreibt.

Ukraine als Staat

Zu dem Geschichtsrevisionismus eines Wladimir Putin, für den der Untergang der Sowjetunion die größte Tragödie des 20. Jahrhunderts war, gesellt sich eine "russische Idee", die glaubt, überall da, wo Russisch gesprochen werde, eine Mission erfüllen zu müssen. Der frühere Präsident Dmitrij Medwedjew, heute als stellvertretender Vorsitzender des russischen Sicherheitsrats immer noch eine zentrale Figur des Moskauer Regimes, hat diese Mission mit Blick auf die Ukraine vor kurzem in seinem Telegram-Kanal unmissverständlich beschrieben: Radikale Kräfte hätten eine "Pseudogeschichte der ukrainischen Staatlichkeit" erfunden.

Der leidenschaftliche Teil der Ukraine "hat in den vergangenen 30 Jahren zum Dritten Reich gebetet". Deswegen sei es das Ziel Russlands, "das blutige Bewusstsein eines Teils der jetzigen Ukrainer zu verändern, das voller lügnerischen Mythen ist". Das sei nötig, "um endlich ein offenes Eurasien zu bauen   von Lissabon bis Wladiwostok", natürlich mit Moskau als Mittelpunkt. Neben fehlgeleiteter Religiosität ohne Vernunft und reiner Gier ist diese Form von aggressiver Ideologie ein weiteres Motiv, das Völker in Kriege treibt.

Ein Bruderkrieg

Die Welt erlebt es gerade. Falscher Glaube, Gier und Ideologie   dagegen helfen keine Bergpredigt und keine Papstappelle. Da hilft es nur, wehrhaft zu sein. Auch wenn die Frage bleibt: Hat denn der Friede unter den Menschen überhaupt keine Chance?
Der Friede setzt eine harte Arbeit voraus   und nicht immer hat sie Erfolg. Papst Franziskus hält offensichtlich an seiner Absicht fest, seinen "Bruder" in Moskau, den russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill, für den Frieden zu gewinnen.

Was sich derzeit in der Ukraine abspielt, ist auch aus religiöser Perspektive tragisch: Es ist ein Bruderkrieg, in dem orthodoxe Christen auf orthodoxe Christen schießen. Doch die ökumenische Karte, auf die der Papst im Falle Kyrills setzt, ist alles andere als ein Trumpf. Die Ideologie Putins von einer dem Westen überlegenen russischen Zivilisation, in der Staat, Familie und Gott die größte Rolle spielen, ist auch von dem besonderen Einfluss der orthodoxen Kirche des Landes getragen, deren oberster Repräsentant der Moskauer Patriarch ist. Es mag richtig sein, dass Franziskus den Faden zu dem 
Kirchenoberhaupt an der Seite Putins nicht abreißen lassen will. Aber die Aussichten sind gering.

Ein mutiger Prophet des Friedens

Sie sind so gering wie die Aussichten  eines anderen Papstes namens Benedikt, der die Tragödie des Ersten Weltkriegs beenden wollte. Als Papst Ratzinger am 27. April 2005 seine erste Generalaudienz hielt, sprach er über jenen Giacomo della 
Chiesa, der am 3. September 1914 das  Papstamt antrat: "Ich wollte mich Benedikt XVI. nennen, weil ich geistig an den ehrwürdigen Papst Benedikt XV. anknüpfen wollte, der die Kirche in der stürmischen Zeit des Ersten Weltkriegs geleitet hat.

Er war ein mutiger und wahrer Prophet des Friedens und bemühte sich mit großer Tapferkeit zuerst darum, das Drama des Krieges zu vermeiden, und später dessen unheilvolle Auswirkungen einzudämmen. Ich möchte mein Amt auf seinen Spuren im Dienst der Versöhnung und Harmonie unter den Menschen und Völkern fortführen in der Überzeugung, dass das große Gut des Friedens vor allem ein Geschenk Gottes, ein zerbrechliches und wertvolles Geschenk ist, das Tag für Tag durch den Beitrag aller zu erbitten, zu schützen und aufzubauen ist."

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Der Vater des Abendlandes

Der Friede als ein Geschenk Gottes. Und wenn den Menschen dieses Geschenk nicht gegeben ist, wie jetzt zu Ostern 2022? Wie eigentlich in den gesamten drei Jahrzehnten seit dem Ende des Kalten Krieges nicht, einer Zeit, die Papst 
Franziskus als "Dritter Weltkrieg in Etappen" beschreibt. Der deutsche Papst verwies in der zitierten ersten Generalaudienz auch auf einen anderen Benedikt, den großen "Patriarchen des abendländischen Mönchtums".

Der Gründer des Benediktinerordens wurde mitten in einer Zeit, in der das Römische Reich sich auflöste und die Völkerwanderung alle Sicherheiten unter sich begrub, "ein grundlegender Bezugspunkt für die Einheit Europas und ein nachdrücklicher Hinweis auf die unverzichtbaren christlichen Wurzeln der europäischen Kultur und Zivilisation", wie Benedikt XVI. 2005 sagte. Mit seinen Klöstern gründete Benedikt Oasen des Friedens, die das politische Chaos überdauern sollten und die abendländische Kultur hervorbrachten. Oasen des Friedens zu gründen und aufzubauen   das ist Aufgabe der Christen, wenn die Welt in Unfrieden lebt. So wie heute.

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