Würzburg

Gnosis mit Federn und Bastrock?

Abschied von Missionsbefehl, Taufe und sakramentalem Priestertum? Ein näherer Blick auf die Ansichten des Synodenvaters und Missionars Erwin Kräutler wirft Fragen auf.

Missionsbischof Erwin Kräutler
Hat schon früher die Eucharistie gegen die von Christus begründete Autorität der Kirche ausgespielt: Erwin Kräutler, Missionsbischof am Amazonas. Foto: Hans Klaus Techt (epa apa)

"Ich habe noch keinen Indianer getauft und werde das auch nicht“– dieser vielzitierte Satz Erwin Kräutlers, des Missionsbischofs vom Amazonas, geistert bis heute unkommentiert durch die Diskussionen um die pastoralen Nöte der indigenen Völker und die angeblichen Herausforderungen der Kirche.

Der gebürtige Österreicher und Bischof am brasilianischen Xingú-Strom setzt sich als einer der bekanntesten Vertreter der Befreiungstheologie für die Rechte indigener Völker und den Schutz des Regenwaldes ein. Die „Option für die Armen“ kennzeichnet seit Jahrzehnten Kräutlers Aktivitäten, die durch seine zahlreichen Europa-Reisen bekannt sind. Als emeritierter Bischof widmet er sich nun mit Kardial Hummes der Amazonassynode 2019. Doch welche Beweggründe hat sein Engagement? Sind es spezifisch christliche? Erreicht man vom Christentum her dasselbe Ergebnis wie auf der Basis der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen?

Die Hoffnung als theologische Tugend bedeutet wesentlich mehr als menschliche Erwartungen, die auch im Rahmen eines legitimen Pluralismus durchaus unterschiedlich sein können. Tatsächlich aber ist die übernatürliche Hoffnung von der natürlichen Hoffnung sehr verschieden. Sie ist nämlich die zuversichtliche Erwartung der Güter, die uns Christus für die Erfüllung des göttlichen Willens versprochen hat.

Hoffnung der Christen sind übernatürliche Güter

Gegenstand der christlichen Hoffnung und mutigen Zuversicht sind also nur die im Glauben verkündete Verheißung Christi, keine säkularen sozialpolitischen Zielvorstellungen oder innerkirchliche Strukturveränderungen. Sehr deutlich wurde hier der hl. Johannes Paul II: „In der Tat ist es Aufgabe jedes Bischofs, ausgehend von der Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi, der Welt die Hoffnung zu verkünden: die Hoffnung nicht nur in Bezug auf die vorletzten Dinge, sondern auch und vor allem die eschatologische Hoffnung, die den Reichtum der Herrlichkeit Gottes erwartet (vgl. Epheserbrief 1, 18), die über alles hinausgeht, was dem Menschen je in den Sinn gekommen ist (vgl. 1. Brief an die Korinther 2, 9), und mit der die Leiden der gegenwärtigen Zeit nicht zu vergleichen sind (vgl. Römerbrief 8, 18).‘“

Die Motive für eine geforderte Veränderung liegen jedoch für Kräutler vor allem in sozial- und kirchenpolitischen Überlegungen. Stark polemisch und simplifizierend äußert er sich beispielsweise in seinem jüngst erschienenen Buch „Habt Mut! Jetzt die Welt und die Kirche verändern.“ Die theologisch längst überholte Befreiungstheologie kennzeichnet er darin pauschalisierend als „biblisch“. Rom habe die lateinamerikanischen Basisgemeinden immer ungerecht behandelt.

Seine Erwartungen knüpft er an Papst Franziskus an

Mit dem jetzigen Papst aber sei die Befreiungstheologie und die Ökologie mit ihren Grundanliegen „in der Mitte der Kirche angekommen“. Seine Erwartungen knüpft er nicht an theologische Überlegungen oder gewichtige Studien an, wohl aber an die Persönlichkeit von Papst Franziskus, von dem er Gelegenheitsäußerungen im Sinne seiner eigenen ideologischen Prinzipien interpretieren möchte.

Bekannt wurde Kräutler im letzten Jahrtausend vor allem durch einige Äußerungen anlässlich des Jubiläums der Entdeckung Amerikas. Die meisten der hiesigen Demagogen und Publizisten betrachteten es als Pflichtaufgabe, die Evangelisierung Lateinamerikas vor 500 Jahren ins schlechteste Licht zu stellen. Dazu hat man auch Äußerungen Kräutlers herangezogen: Die Ankunft der Europäer in Lateinamerika sei vor allem ein völkermordender Auswuchs von „Herrschsucht und Machtgier“ gewesen, mit „kriegerischen Schand- und Gräueltaten“. Wenn am 12. 10. 1492 das Banner mit dem Gekreuzigten aufgepflanzt wurde, so sei dies die Morgenstunde eines Jahrhunderte währenden Karfreitags von Lateinamerika gewesen. Sogar von „Komplizenschaft“ „der Kirche" ist die Rede. Die Indioreligionen seien zu Unrecht als Götzendienst und dämonisch abgelehnt worden.

"Die Nachkommen dieser an unzähligen
Kreuzen verbluteten Völker werden heute
schlechter behandelt als die Hebräer
im alten Ägypten der Pharaonen"
Missionsbischof Erwin Kräutler

Auch der Katechismus wird in den Dienst einer Art Psychoterrors gestellt. „Die Nachkommen dieser an unzähligen Kreuzen verbluteten Völker werden heute schlechter behandelt als die Hebräer im alten Ägypten der Pharaonen und dem babylonischen Exil oder die Christen Roms unter Diokletian und Nero“, so Kräutler. Der römischen Kirche scheint Kräutler pauschal den Vorwurf zu machen, immer im Bündnis mit den Mächtigen zu stehen. Bedenkenlos hat er die freimaurerisch inspirierte sogenannte „schwarze Legende“ übernommen und nicht mit extrem polemischen Schuldzuweisungen an die alten Spanier und „die Kirche“ gespart. Seiner Darstellung hat damals schon der Präsident der Deutsch-Brasilianischen Gesellschaft, Hermann M. Görgen, energisch widersprochen und auf das Gemisch von Lügen und Halbwahrheiten, Geschichtsklitterungen und billigen Schuldzuweisungen sachlich geantwortet. Befremdlich, dass die alten Thesen nun wieder aufgetaucht sind.

Sieht man jedoch einmal ab von dem populistischen Gepräge: Der theologische Kardinalfehler bei den Vorwürfen liegt unter anderem darin, sündige Handlungen von Christen, die aber gerade nicht aus Kirchlichkeit, sondern aus unkirchlicher und unchristlicher Haltung herkamen, der Kirche selbst anzulasten. Dieser falsche Kirchenbegriff ist von der Theologie des Konzils her entschieden abzulehnen. Wie viel müsste man stattdessen über die segensreichen Wirkungen der Reduktionen der Jesuiten (1698-1767, besonders in Paraguay) sagen, die in vieler Hinsicht für Kulturarbeit, verständnisvolle Anpassung und christliches Gemeinschaftsleben vorbildlich waren – um nur ein Beispiel unter Hunderten für die Tatsache zu erwähnen, dass die Missionare sehr segensreich auch für das irdische Wohl der Einwohner gewirkt haben.

Die missionarische Dynamik, die der Kirche durch den Tauf- und Missionsbefehl ihres Gründers zukommt (Matthäus 28,18-20), wird heute bekanntlich oft als „Proselytismus“ verunglimpft. Befremdlich, dass sich auch ein Missionsbischof daran beteiligt und pauschale Schuldzuweisungen vornimmt: „Das Christentum ist im Gefolge des Eroberungsfeldzuges der europäischen Konquistadoren als die einzig wahre Religion in Lateinamerika mit Feuer und Schwert eingepflanzt worden“, so Kräutler in seinen autobiografischen Ausführungen. Demgegenüber erklärte die Kongregation für den Klerus zum Missionarischen des Priestertums: „Daher sind alle jene Meinungen nicht zulässig, die im Namen eines missverstandenen Respekts vor bestimmten Kulturen dazu tendieren, die missionarische Tätigkeit der Kirche zu verfälschen, die ja zum universalen Vollzug jenes Heilsgeheimnisses berufen ist, das alle Kulturen transzendiert und beleben muss.“

Seltsamerweise erhofft sich Kräutler dennoch von der Amazonassynode neue Formen der Gemeinden und ihrer Leitung – einschließlich der Eucharistie am Sonntag. „Meine Vorstellung ist, dass wir zunächst einmal zu regionalen Lösungen kommen. … Daher könnte ich mir denken, dass man in der Brasilianischen Bischofskonferenz zunächst auf Amazonien schaut und für diese Region eine Lösung ad experimentum‘ vorschlägt. … Ich kann die Frage, ob eine Gemeinde jeden Sonntag Eucharistie feiern kann oder nicht, nicht davon abhängig machen, ob ein zölibatärer Mann zur Verfügung steht oder nicht“ – Vorausgegangene Lehraussagen der Päpste sieht Kräutler dabei als unverbindlich: „Bestimmte Überzeugungen und Auslegungen, die einst mit Nachdruck vertreten, ja sogar als unabänderlich verteidigt wurden, haben sich dennoch im Laufe der Geschichte oft völlig geändert“ .

In einem Videointerview meint Kräutler: „Wir sollen mutige Vorschläge machen. Wir können etwa darüber nachdenken, dass Menschen, Männer und Frauen, die einer Gemeinde vorstehen, dazu beauftragt werden und auch dafür die Weihe erhalten, am Sonntag der Eucharistie vorzustehen“ . Seltsamerweise hat er schon früher die Eucharistie gegen die von Christus begründete Autorität der Kirche ausgespielt.

Kräutler spielt Eucharistie gegen Sakramentalität aus

Die zahlreichen geschichtlichen Vergröberungen, Simplifizierungen und demagogischen Pauschalurteile Kräutlers scheinen nur eine Wiederholung altbekannter, historisch und soziologisch unhaltbarer Behauptungen, die seinerzeit an1ässlich des Jubiläums der Entdeckung Amerikas in einer Kampagne gegen die Kirche erhoben wurden. Befremdlich fällt hingegen auch auf, dass gerade diejenigen, die dauernd alle möglichen Strukturveränderungen für die Gegenwart fordern, die Veränderungen in der Vergangenheit, das heißt vor 500 Jahren, pauschal verwerfen.

Damals wie heute erwartet man übrigens von antikapitalistischen Protestlern vergeblich einen ähnlich lautstarken Protest gegen den Einbruch der nordamerikanischen Sekten, der Drogenmafia und der lebensfeindlichen und neokolonialistischen Ideologien westlicher Herkunft.

Befreiung von emotionalen Vorurteilen nicht feststellbar

In einem Interview in Wien stellte der Autor kürzlich fest: „Ich war jedoch schon immer ein Gefühlsmensch.“ Befreiung von seinen emotionalen Vorurteilen ist aber in den letzten 30 Jahren wohl nicht feststellbar, auch keine Entschuldigung für die schweren Verunglimpfungen. Sein neues Buch Habt Mut! Jetzt die Welt und die Kirche verändern bot einen Einblick in seine populistischen Thesen und gibt Bestätigungen für Menschen, die schon ideologisch vorgeprägt sind, aber keine theologischen Impulse für eine Erneuerung. Es handelte sich um eine erneuerte theologisch-wissenschaftliche Selbstdisqualifikation des Verfassers, über die man hinweggehen könnte. Doch die neuerlich verbreiteten Thesen geben Anlass zur Besorgnis, denn der Autor ist mit der Vorbereitung der Amazonien-Synode 2019 beauftragt. Aber ist der Papst ihm und seinen Ideen wirklich so gewogen? Mit solchen Freunden bräuchte er keine Feinde mehr!

Johannes Stöhr (88) ist emeritierter Professor für Dogmatik. Eine ausführliche Rezension des oben besprochenen Buches erschien in THEOLOGISCHES 49 (Jan./Febr. 2019).

Erwin Kräutler: Habt Mut! Jetzt die Welt und die Kirche verändern. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2016, 142 S., ISBN 978-3-7022-3508-6, EUR 14,95.