Wien

Auf der Tonleiter in den Himmel gelangen

Die Eröffnung eines Seligsprechungsverfahrens für den Komponisten Anton Bruckner könnte gute Aussichten haben. Prominente Fürsprecher hat er schon.

Anton Bruckner Denkmal, Stadtpark in Wien, Österreich *** Anton Bruckner Monument, City Park in Vienna, Austria 10655193
Anton Bruckners Musik stärkt erkennbar die Vertiefung des religiösen Lebens und leistet daher einen wirkungsvollen Beitrag zur notwendigen Neuevangelisierung. Hier sein Denkmal im Wiener Stadtpark. Foto: imago images

Ich bin der Meinung, dass die Aufnahme Anton Bruckners in den Kreis der Seligen des Himmels gerechtfertigt wäre und dass es nötig ist, dass jemand den Anstoß für eine solche Entscheidung gibt“, schrieb der kürzlich verstorbene Domkapellmeister Prälat Georg Ratzinger an Adelheid Geck, die seit vielen Jahren nicht nur ihr fachliches Wissen um die Tiefenschichten und die Wirkung der Werke Bruckners, sondern auch ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Anton Bruckner als Wegweiser in die himmlische Wirklichkeit teilt.

Musiker, zumal solche, die ihre schöpferische Begabung in den Dienst der Kirche stellen, sind deshalb eigentlich ideale Kandidaten für die Gemeinschaft der Seligen und Heiligen. Denn sie beschäftigen sich ihr ganzes Leben lang hingebungsvoll mit dem, was die eigentliche Berufung jedes Menschen ist: einzutreten in jenen zehnten Chor, der gemeinsam mit der Schar der Engel das immerwährende Lob Gottes singt.

Kirchenmusiker mit besonderer Verantwortung

Musik ist die beste Gottesgabe. Sie ist das größte, ja wahrhaft ein göttliches Geschenk und deshalb dem Satan völlig zuwider.“ Der das gesagt hat, ist Martin Luther, der damit seine Hochachtung gegenüber der Tonkunst pointiert zum Ausdruck bringt. Denn er, der bei einem Schulleiter oder Pfarrer voraussetzte, dass er singen können müsse, war sich dessen bewusst, dass die Tonleiter der direkteste Weg in den Himmel und die Musik die beste Methode ist, um Herz, Geist und Seele mit der Botschaft von der Gnade Gottes zu erreichen.

Aber, hat wirklich jeder Musiker diese Zielvorstellung klar im Blick? Natürlich nicht. Denn Musiker sind, ebenso wie alle anderen, die sich in den Dienst der Kirche stellen, Menschen. Und deshalb gilt für sie wie für uns alle: „Viele sind berufen, aber nur wenige sind auserwählt.“ Denjenigen aber, die berufen sind, kommt eine besondere Verantwortung zu, und wenn es ihnen gelingt, ihre Gabe zu ihrer Aufgabe zu machen und sie zu erfüllen, verdienen sie unseren Respekt, ja sogar unsere Verehrung.

Ein Ohr für die Geheimnisse des Glaubens

Anton Bruckner, am 4. September 1824 in Ansfelden in Oberösterreich geboren und am 11. Oktober 1896 in Wien gestorben, ist ein solcher Mensch. Zunächst in die Fußstapfen seines früh verstorbenen Vaters tretend und als Lehrer wirkend, wurde er später Organist und Musikpädagoge. In seinem Herzen aber war er von einem sehr frühen Zeitpunkt an Komponist. Dies gilt, weil es zu den Aufgaben eines Musiklehrers gehörte, nicht nur die Tonkunst an seine Schüler zu vermitteln, sondern deren Klangwelten auch dort hörbar zu machen, wo sie im tiefsten zuhause sind: in der Liturgie der Kirche. Zu diesem kirchenmusikalischen Dienst zählte selbstverständlich auch das Komponieren neuer sakraler Musik.

Bei den meisten Lehrer-Organisten blieb die Erfüllung dieser Pflicht im Bereich der kleinen Kunst. Chorsätze, kleinere Werke für die Orgel, gelegentlich eine Komposition, die eines oder mehrere Instrumente mit einbezog. Gelegenheitsarbeiten eben, die ihren Zweck erfüllten, aber von denen klar war, dass sie die Zeit nicht überdauern würden. Mit ihnen ist es wie mit einem zur Heiligkeit berufenen Menschen, der sich in aller Redlichkeit um ein anständiges Leben bemüht. Er wird, soweit wir dies beurteilen können, gute Chancen haben, in den Himmel zu kommen, aber außer seinen nächsten Angehörigen werden sich auf Dauer nur wenige an ihn oder sie erinnern. Er mag in seiner Lebenszeit Leuchtkraft gehabt haben, aber deren Lichtstärke reicht nicht darüber hinaus oder gar über die Jahrhunderte hinweg.

„Sein Streben war ein inneres,
nach oben hin ausgerichtetes.“

Bei Anton Bruckner aber war das Ziel von Anfang an wesentlich höher gesteckt. Das Bemerkenswerte dabei ist: Das Besondere seiner Begabung und seines Könnens schien ihm zunächst gar nicht bewusst zu sein. Er setzte zwar alles daran, seine Begabung zu perfektionieren, studierte bei Simon Sechter in Wien Komposition, musste aber oft, wie bei seiner Bewerbung als Domorganist in Linz, erst gedrängt werden, seinen Hut überhaupt in den Ring zu werfen. Sein Streben war ein inneres, nach oben hin ausgerichtetes.

Einmal auf die Klangspur gesetzt, die ihren Ursprung im Himmlischen hat, das jeder wahren Tonkunst ihre wegweisende Wirkung verleiht, blieb er auf genau jenem Weg, der in seinem Fall viele Windungen und Kurven aufwies, zugleich aber zielsicher in die Höhe führte. Bruckner verstand sich, wie der Musikwissenschaftler Peter Gülke ausführt, „mehr als jeder andere Vergleichbare als Dolmetsch und Gefäß“ des göttlichen Tonmeisters und sah den Prozess des Komponierens „als einen ständigen Versuch einer Annäherung an ein visionäres Ideal“. Er stellte, dem lauschend, den er als Ursprung und Quelle alles Schönen erkannte, sein Leben als Musiker in dessen Dienst.

Er wollte der Schöpfung immer neu begegnen

So wurde sein ganzes Dasein zu einem, wie die Musikwissenschaftlerin Professor Adelheid Geck, die Gedanken ihres Kollegen Konstantin Floros aufgreifend es ausdrückt, „aus dem persönlichen Lebenskontext heraus formulierten Dialog mit dem sich verströmenden und aussingend, sich mitteilenden Transzendenten … im Falle Bruckners also: mit dem Du des personalen Gottes“. Für Adelheid Geck, die das Wirken des großen Komponisten der Romantik mit einer spirituellen Biografie gewürdigt hat, ist Anton Bruckner so zum Wegweiser geworden, zu einem geistlichen Begleiter, der sie in der im Hören seiner Werke sich immer wieder neu ereignenden persönlichen Begegnung buchstäblich auf die Tonspur des Glaubens setzte, sodass sie schließlich ihren Weg in die katholische Kirche fand.

Geck hat in Bruckner einen Vorbeter gefunden, der ihr durch sein tiefes Verständnis des Geheimnisses des Glaubens das Ohr für den Urklang der Schöpfung geöffnet hat. Die Wissenschaftlerin und Musikpädagogin ist überzeugt: Bruckner wollte und will ihr immer wieder neu begegnen. Sie hat in ihm nicht nur einen genialen Musiker gefunden, dessen Werk sie fasziniert, sondern vor allem einen Menschen, der sein Streben nach Heiligkeit auf dem Weg der Komposition realisiert hat. Dass dies für Bruckner in der Tat zutrifft, lässt sich nicht nur am reichen kirchenmusikalischen Oeuvre des ehemaligen Unterlehrers aus Haag ablesen, vor dem sein Laudator Adolf Exner sich anlässlich der Verleihung der Ehrenpromotion der Philosophischen Fakultät Wien verbeugte.

Musik sagt, was man nicht in Worte fassen kann

Es zeigt sich auch und sogar vor allem in seinen großen Symphonien. Für sie gilt, was Exner in seiner Rede so zusammenfasste: „Wo die Wissenschaft Halt machen muss, wo ihr unübersteigbare Schranken gesetzt sind, da beginnt das Reich der Kunst, welche das auszudrücken vermag, was allem Wissen verschlossen bleibt.“ Dies zu tun war für Anton Bruckner Berufung und Lebensaufgabe. Dies gilt auch ganz praktisch. Denn keine seiner Sinfonien war ein Auftragswerk. Er schrieb sie in seiner Freizeit, per Hand, mit Stift und Papier ohne die vielfältigen Möglichkeiten von Layoutprogrammen und Druckern.

Und die unglaublich schönen, berührenden und darüber hinaus künstlerisch und tonsatztechnisch staunenerregenden und innovativen Ergebnisse seines Bemühens fanden keineswegs das Echo, das Bruckner sich erhofft hätte. Ganz im Gegenteil. Der unscheinbare, in seinem Betragen immer ein wenig schlicht wirkende Meister, wurde zum Lieblingsfeind des Chefkritikers der damaligen Wiener Musikszene. Eduard Hanslick kommentierte jede Aufführung Brucknerscher Sinfonien mit ätzender Schärfe und einer Tendenz zur Vernichtung. Was Hanslick vermutlich so irritierte war, dass Bruckner, den leuchtenden Kern der Schöpfung im Blick, nicht nur nie so ganz von dieser Welt zu sein schien, sondern das auch überhaupt nicht sein wollte.

Statt glänzender Äußerlichkeit suchte er lichte Innerlichkeit und wurde so zu einem Jakob Böhme, zu einem Angelus Silesius der Tonkunst. Seinen Werken liegt nicht nur eine intellektuelle, sondern, wie Adelheid Geck ausführt, eine oft unbewusste geistig-geistliche Logik zugrunde – die natürliche Folge dessen, dass deren Komponist sein Ohr am Puls der Ewigkeit hat. Bruckners Werk und sein ganz seinem Auftrag Hingegebensein, den inneren Sinn der Schöpfung und ihr Ausgerichtetsein auf den Schöpfer zum Klingen zu bringen, machen ihn zu einem Vorbild weit über den Kreis jener hinaus, die sich für seine Musik begeistern. Vielleicht ist die Zeit reif für den Gedanken, dass es der Lichtspur des Glaubens folgende, am himmlischen Lobpreis orientierte Strukturen sind, die der inneren Erneuerung der Kirche am dienlichsten sind.

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