Geistliche Lieder wie aus Zuckerwatte

Talk in Köln: Harald Schmidt und Winfried Bönig bekennen ihre gemeinsame Liebe zur Kirchenmusik. Von Heinrich Wullhorst
Harald Schmidt spricht über Kirchenmusik
Foto: dpa | Haben sichtlich Spaß zusammen: Entertainer Harald Schmidt und Musikprofessor Winfred Bönig.

Was haben der Kölner Domorganist Winfried Bönig und der Entertainer Harald Schmidt gemeinsam? Beide leben in Köln, sind etwa gleich alt, gleich groß und gleich schlank. Harte Fakten, die WDR-Moderatorin Anke Bruns da beim Talk am Dom auf die Bühne bringt. Aber nicht die Lösung der Frage. Weiß man jedoch, dass die Veranstaltung im Domforum, bei der die drei zum humorvoll-beschwingten Gespräch zusammengekommen sind, im Rahmen der Kirchenmusikwoche im Erzbistum Köln stattfindet, dann wird die wahre Gemeinsamkeit schnell klar: Bönig und Schmidt sind beide Kirchenmusiker. Im dreizehnten Lebensjahr haben sie damit begonnen, sich mit der Orgel, der Königin der Instrumente zu befassen. Allerdings räumt der Kabarettist unumwunden ein, dass das bei ihm von weniger Erfolg gekrönt war als beim Professor für künstlerisches Orgelspiel und Improvisation.

Kennengelernt haben sich die beiden bei der Taufe des jüngsten Kindes des schauspielenden Humoristen. Damals konnte der Gemeindeorganist in der Pfarrei, zu der der praktizierende Katholik Schmidt gehört, beim Taufgottesdienst nicht spielen, Bönig ersetzte ihn und „Dirty Harry“ war sich sehr wohl der Ehre bewusst, den Domorganisten dort zu hören. „Wenn Winfried Bönig spielt, klingt das alles ganz anders, als wenn ich mich an die Orgel setze“, beschreibt er die Virtuosität, die eben den Unterschied zwischen einem C-Musiker wie ihm und einem A-Musiker wie dem Professor ausmache. „Der spielt mit zwei Fingern das, was ich mit zehn Fingern niemals schaffe.“ Schmidt macht das gleich an einem praktischen Beispiel fest: „Er kann die Kelchreinigungs-Verlängerungsmusik viel eleganter ausschmücken.“ Darüber hinaus spiele sein Gegenüber die Noten, die auf dem Blatt stehen: „Das unterscheidet ihn von mir.“ Deshalb hat es für ihn wohl nur auf die Showbühne und nicht auf die Orgelbühne gereicht. Ein Weg, den Schmidt aber offenkundig nie bereut hat. So wie Schmidt den A-Musiker bewundert, so gibt Bönig das Kompliment an die vielen C-Musiker in den Kirchengemeinden zurück: „Sie sorgen dafür, dass Gottesdienste begleitet werden können und halten die ganze Infrastruktur aufrecht.“ Der Domorganist hat die Leidenschaft für die Musik zu seinem Beruf gemacht. Er liebt es, den leeren Dom nach der letzten Führung zu betreten und in dem imposanten Gotteshaus dann alleine für sich auf der Orgel bis tief in die Nacht hinein zu üben.

Die Spreu vom Weizen in der kirchenmusikalischen Ausbildung trennt sich recht schnell, berichtet Schmidt. „Mit mir zusammen haben Musiker angefangen, die spielten nach zwei Wochen besser, als ich es nach Jahren hätte erreichen können.“ Das Transponieren vom Blatt und Musikdiktate seien ihm immer besonders schwergefallen. Für ihn seien die kleinen musikalischen Kaliber schaffbar gewesen, die großen Werke der Orgelromantik eher nicht.

Schmidts musikalische Anfänge sind protestantisch geprägt. Aufgewachsen in Nürtingen, in der schwäbischen Diaspora, nennt er die Region wegen der vielen dort lebenden Pietisten „Pietkong“. Sein pietistischer Klavierlehrer vermittelte ihm die Liebe zur Orgel. In der Anfangszeit gab es für den Entertainer, der heute die Werke von Max Reger liebt, daher eigentlich nur Bach. „Der war für meinen evangelischen Kirchenmusikdirektor so etwas wie der fünfte Evangelist.“ Nach zehn Jahren mit den niedrigen Weihen der Kirchenmusik, hundertfachem Betteln in Pfarrbüros um den Kirchenschlüssel und dem ständigen Wetteifern mit anderen freiberuflichen Organisten um lukrative Gottesdienste gab Schmidt den Kampf auf. „Beerdigungen haben sich immer gelohnt“, bekennt der Humorist. „Deshalb lesen freie Kirchenmusiker in der Zeitung die Todesanzeigen – wie andere den Wirtschaftsteil.“ Da zeigt Bönig, dass er seinem Gegenüber auch in Sachen Humor in nichts nachsteht und nennt aus dem Stegreif ein Kirchenlied, das diese Erkenntnis bestätigt: „Jesus ist mein Leben, Sterben mein Gewinn“. Und auch auf die Frage, was er an seiner Tätigkeit an der Orgel schätzt, hat der Professor eine Pointe bereit: „Man hat lauter Pfeifen vor sich, die machen, was man will. Das gibt es sonst nur beim Militär.“ Die beiden Podiumsgäste lieben ihren Beruf und haben dort auch keine herausragenden Ziele mehr. Selbst wenn ein attraktives Angebot locken sollte, weiß Bönig, dass er kaum einen besseren Arbeitsort gibt als den aktuellen: „Was soll denn nach dem Kölner Dom noch kommen?“ Auch Harald Schmidt fühlt sich in der jetzigen Rolle als Chauffeur seiner Kinder und gelegentlicher Akteur auf Bühnen oder vor Kameras sehr wohl. „Ich freue mich an den kleinen Dingen des Alltags“, ist er entspannt. „Und alles Große ist in der Vergangenheit immer durch Zufall entstanden.“ Den Bezug zur Musica Sacra hat Schmidt übrigens nie verloren. Auch wenn er selbst nur noch Klavier spielt, hört er sich doch gerne Orgelkonzerte an. Die Liebe zur Musik hat er an seine Kinder weitergegeben, die alle fünf zum Teil mehrere Instrumente spielen. Schmidt offenbart den Zuhörern seine klare musikpädagogische Linie: „Ein Instrument aufzugeben ist für mich schlimmer, als das Abi nicht zu schaffen. Das hat in NRW ja eh jeder.“

Während Schmidt sich über die „Jazzmessen“ früherer Zeiten und über Liedtitel wie „Wenn das rote Meer grüne Welle hat“ amüsiert zeigt, hat Bönig eine deutliche Meinung zur Frage aus dem Publikum nach dem „Neuen geistlichen Lied“. „Manchmal muss man das selbst kleinen Kindern nicht zumuten.“ Insbesondere die Texte sind für den Professor wohl zu oft aus Zuckerwatte, wenn dort der Eindruck erweckt wird, wir fassen uns jetzt mal alle an der Hand und dann hat der liebe Gott uns lieb.

Dass Schmidt nicht nur über Musik reden kann, sondern wirklich etwas davon versteht, stellt er unter Beweis, als Winfried Bönig am Klavier einen Bach-Choral intoniert und der Entertainer einige Passagen mit der Harmonika übernimmt. Auch das gemeinsame Spiel offenbart die große Gemeinsamkeit der beiden Musikfreunde. Einen Unterschied gibt es allerdings schon. Das ist die Art der Fortbewegung. Während der Professor mit dem Fahrrad zum Dom gestrampelt ist, bekennt der frühere Late-Night-Talker wohl standesgemäß: „Ich bin mit dem Jaguar gekommen.“

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