Sexualmoral

Soll das der große Durchbruch in der Sexualmoral sein?

Wie man in den Gesprächskreisen und Papieren des Synodalen Wegs versucht, Person und Natur voneinander zu entkoppeln.
Marmorpaar
| Frauen und Männer sind sich als Geschlechter fremd und dennoch besteht zwischen ihnen die geschlechtliche Anziehung, die sie letztlich befähigt ganz "Ich" zu sein.

Im Oktober 2021 wurde auf dem Synodalen Weg die Vorlage zur Sexualmoral gefeiert: Endlich sei der Durchbruch zur Trennung von Natur und Person gelungen. Liebe, ob auto-, bi-, homo-, hetero-, poly-erotisch, sei als Selbstausdruck der mündigen Person nicht an natürliche Vorgaben gebunden. Personsein heißt damit: Überwindung der Natur. In derselben Zeit also, in der „Bio“ auf allen Produkten zum Wertmaßstab wird, ist die Biologie des Menschen unwichtig geworden. Das lässt in mehrere Abgründe blicken. Zuerst in theoretische Irrwege, dann auch in konkrete Entgleisungen.

„Im katholischen Begriff bedeutet seit jeher die Natur die leib-seelisch-geistige Einheit
des Menschen im ursprünglichen Sinn von nascitura (die geboren werden will) –
Natur schließt also ein Werden, eine Entfaltung, eine Selbstbestimmung ein“

Schon Adorno bemerkte in der „Dialektik der Aufklärung“: „Mit der Verleugnung der Natur im Menschen wird nicht bloß das Telos des eigenen Lebens verwirrt und undurchsichtig. In dem Augenblick, in dem der Mensch das Bewusstsein seiner selbst als Natur sich abschneidet, werden alle Zwecke, für die er sich am Leben erhält, (...) nichtig.“ Solche theoretischen Irrwege sind seit langem angelegt. Im Spätmittelalter wurde bereits das bisherige Vertrauen in die Verbindlichkeit der Schöpfung philosophisch entwurzelt. Ein Radikal-Nominalismus sah Sprache nur als Ausdruck von Konvention, auch in Richtung heutiger Konstruktionsthesen: Der Mensch habe letztlich keinen Erkenntnis-Zugang zur Welt, er belege die Dinge mit Wörtern (nomina), aber nur im vordergründigen „Stimmhauch“ (flatus vocis). Damit reißt theologisch die Skepsis ein: Die Schöpfung offenbare von sich aus den Schöpfer nicht, schon deswegen, weil sie nicht notwendig (kontingent) und jederzeit auch von Gott wieder veränderbar sei.

Das „Buch der Schöpfung“ steht also nicht mehr ergänzend neben der Heiligen Schrift; das Auge des Menschen reicht nicht in die Wesenstiefe des Geschaffenen. Vielmehr muss die Sprache die Stummheit der Dinge deuten, ebenfalls kontingent – die klassische Ontologie wird entmachtet. Der Grundzug dieses Denkens wird bei Luther wirksam: Schöpfungstheologie wird zum Stiefkind; sola scriptura entmächtigt alle anderen Selbstmitteilungen Gottes. Die zeitgleiche Renaissance arbeitet dem Gedanken zusätzlich in anthropologischer Selbstermächtigung zu.

Der Mensch ist ohne Gesetz geschaffen

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Es ist die Natur des Menschen, keine Natur zu haben.“ Pico della Mirandola (1463-1494) lässt die berühmte Rede über die Würde des Menschen 1486 darin gipfeln: Gott selbst gibt Adam die Freiheit gänzlicher Selbstbestimmung. Während alle Geschöpfe ein göttliches Gesetz in sich tragen, dem nachzufolgen die eigene Wirklichkeit ausmacht, ist der Mensch als einziger ohne Gesetz geschaffen. Als gesetzte Mitte der Welt hat Adam zugleich die unbedingte Macht über sich selbst wie über alles andere Mitgeschaffene. Der Mensch ist „Gott, mit menschlichem Fleische umkleidet“; er schafft die Welt auftragsgemäß zu Ende und sieht dabei die Mitgeschöpfe als anonymes Gegenüber an, als Hohlraum seiner Gewalt, als „Vorwurf“ und „Widerstand“ (die wörtliche Übersetzung von Objekt), den es in Dienst zu nehmen gilt.

Zwischen Gott und dem Menschen wird damit die Offenbarung, sei es durch die Schrift, sei es durch die Schöpfung, unsicher. Die Schrift unterliegt der Auslegung durch den Menschen, die Schöpfung unterliegt der Zweckhaftigkeit des Deus secundus. Es kommt zur weit verstandenen Autonomie der Person; so letztlich in der Aufklärung, welche mit der menschlichen Autonomie gleichzeitig Gott als eine heteronome, also fremdgesetzliche, Moralinstanz missversteht. Daher wird das Sittengesetz bei Kant letztlich zu einem Vernunftgesetz, das im Selbstbegreifen des Gebotenen die menschliche Freiheit nicht antastet. Das Sittlich-Gute wird damit vom Heilig-Guten getrennt und dem eigenen Einsehen unterstellt.

Subjektivität wird zum Leitfaden der Ethik

Der spätmodernen Gegenwart ist vorbehalten, nunmehr auch eine leiblose Freiheit zu formulieren. Selbst der eigene Leib in seiner geschlechtlichen Beschriftung scheint nichts mehr mitzuteilen, das ein Verhalten vermitteln würde. Neuerdings wird die Genesis mit der Erschaffung von Mann und Frau gelesen als kulturspezifischer Ausdruck einer überholten Epoche, die noch der Ontologie verpflichtet war. Sattdessen wird die eigene Subjektivität zum Leitfaden der Ethik.

Als bisher letztes Kriterium dieser willensabhängigen Ethik gilt die Liebe. Sie sei ein Wille zur Beziehung, die das Gegenüber in seiner Personalität, unabhängig von seiner Materialität, liebe und gelten lasse. Es bedürfe nur des Einvernehmens zwischen Personen, also eines seelischen Aktes, nicht mehr aber der leiblichen Polarität, um zu lieben. Der Leib verstummt in seiner eigenen Sprache. Was ist falsch daran? Die Person wurzelt in der Natur; sagen wir es theologisch: in der Fleischhaftigkeit der Schöpfung. Personsein meint ein Doppeltes: In-sich-Stehen (sich gehören, Selbstzweck sein) und Über-sich-Verfügen (über sich hinausgehen, sich einfügen). Personsein ist Selbstgehörigkeit, aber nicht im stummen Selbstbesitz: Ich erwache in der Begegnung mit dem anderen Ich.

Im Katholischen sind Leib und Seele eine Einheit

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Erst dann kommt es zur Verwirklichung des Ich, zu seiner entscheidenden, ja schicksalhaften Dynamik. Dann geht es über die Selbstbewahrung hinaus, die das neutrale Subjekt-Objekt-Verhältnis schirmt: Person wird auf Person resonant und von ihr her ins Antwortlose preisgegeben oder auch ins Unerschöpfliche geöffnet. Dies aber geschieht über den Leib: Nur in den fünf leiblichen Sinnen teilen wir uns einander mit, sind wir überhaupt füreinander da oder zerstören einander. Die Phänomenologie nennt es das Leib-Apriori, vor allem Bewusstsein, vor allem Willen, vor aller Zustimmung oder Ablehnung. Mein Leib ist die Bedingung meines Daseins. Meine leibhafte Natur bedeutet Verankerung in der Materialität mit ihren Gesetzen, Bedürfnissen, Antrieben, Kräften und Schwächen.

Die Konstruktionsthesen entwerten den Naturbegriff deswegen, weil sie darin ein gusseisernes Festschrauben auf ein vorwillentliches Dasein sehen. Das ist jedoch keineswegs der Fall: Im katholischen Begriff bedeutet seit jeher die Natur die leib-seelisch-geistige Einheit des Menschen im ursprünglichen Sinn von nascitura (die geboren werden will) – Natur schließt also ein Werden, eine Entfaltung, eine Selbstbestimmung ein. Aber nicht gegen die eigene Mitgift, vielmehr bedient sich alles ethische Tun der leiblichen Vorgabe.

Sinn und Unsinn werden miteinander verpaart

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Thomas von Aquin (Sth II, II, 108, 2) formuliert als Grundsatz aller gelingenden Ethik: „Die Tugend vervollkommnet uns dahin, unserer natürlichen Neigung zu folgen, auf die rechte Weise (debito modo).“ Nur vom Sein aus gelangt man sinnvoll zum Sollen. Das Gute ist das Wirklichkeitsgemäße - schon die griechische Ethik verband Wollen mit Wirklichkeit.

Guardini nannte in den 1930er Jahren die Kultur der Moderne „bei aller Größe etwas Dämonisch-Zerrissenes, worin der Sinn immer mit dem Unsinn gepaart ist; das Schaffen mit der Zerstörung; die Fruchtbarkeit mit dem Sterben; das Edle mit dem Gemeinen. Und eine ganze Technik des Vorbeisehens, des Verschleierns und Abblendens hat entwickelt werden müssen, damit der Mensch die Lüge und die Furchtbarkeit dieses Zustandes ertrage.“

Eine unergründliche Fremdheit zwischen den Geschlechtern

Zur Liebe sind zwei Geschlechter geschaffen – in gegenseitiger unergründlicher Fremdheit und Anziehung, sichtbar bis ins Leibliche hinein. Transzendieren in die Andersheit des anderen Geschlechtes meint: Frau ist bleibendes Geheimnis für den Mann, der Mann für die Frau. Und unabänderlich: Der Mann wird nur an der Frau zum Vater, die Frau nur am Mann zur Mutter. Sexualmoral hat dieses zutiefst Andere zu schützen, nicht zu neutralisieren.

Leib ist keine Zuschreibung; Personsein gelingt menschlich nur in Fleischwerdung. Die äußerste Provokation des biblischen Denkens geht sogar durch den Tod hindurch – in eine neue Leiblichkeit: Wir werden als Mann und Frau auferstehen, in einem unvorstellbar „verklärten“ Leib. Unsere jetzige Natur wird verwandelt werden, aber sie bleibt Träger der Person.

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