Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Feuilleton

Die reduzierte Natur der Soziobiologen

Die von Verhaltensforschern betriebene Biologisierung der Moral wird weder Mensch noch Tier gerecht.
Bonobo-Jungtier im Wuppertaler Zoo
Foto: Holger Battefeld (dpa) | Nicht nur Menschen, auch Affen lachen – doch tun sie das aus Freude?

Dass die menschliche Natur etwas mit der Moralität des Menschen zu tun hat, steht außer Frage. Was seit jeher umstritten ist und – soviel sei jetzt schon verraten – auch weiterhin heftig umstritten sein wird, das ist die Frage, was wir denn meinen, wenn wir von der „Natur“ sprechen.

Die natura humana als Vernunftnatur

Wenn Thomas von Aquin die natura humana anspricht, um den Hang des Menschen zum Guten zu erklären, meint er nicht das gewordene Genmaterial, sondern den seienden Geist Gottes, der das Gewissen formt, vor dessen Urteilskraft dem Menschen Tugenden und Laster als solche identifizierbar sind. Wenn die Aufklärer von „Vernunftnatur“ sprechen, erscheint ihnen dabei die menschliche Ratio als unbestechlicher „Gerichtshof“ (Immanuel Kant), der in der Lage ist, Handlungen (eher: handlungsleitende Maxime und Normen) letztgültig als gut und böse zu qualifizieren.

Von der Biologie zum Biologismus

Wenn nun die „evolutionäre Ethik“ von einer „Natur des Menschen“ spricht, dann meint sie die biologische Natur – alle anderen Naturvorstellungen, insbesondere, soweit sie eine metaphysische Ontologie des Naturbegriffs aufrecht erhalten und die übernatürlichen Bezüge menschlicher Lebenspraxis betonen, werden je nach Temperament des Autors als „unwissenschaftlich“, „unvernünftig“ oder „unsinnig“ charakterisiert, wobei das naturalistische Paradigma eines streng materialistischen Biologismus zur Voraussetzung jedes Definitionsversuchs der Begriffe „Wissenschaft“, „Vernunft“ und „Sinn“ gemacht wird.

Edward O. Wilson und die Folgen

Dieses Vorgehen soll nun auch für die Erforschung der Ursprünge der Moralität fruchtbar gemacht werden. Was bisher göttlich gestiftet, vernünftig verinnerlicht, erzieherisch vermittelt, gesellschaftlich gestützt und persönlich eingeübt wurde, das soll nun die Makroevolution erklären: das Gute, das Gerechte, das Selbstlose. Im Gefolge von Edward O. Wilsons Empfehlung, „die Ethik vorübergehend den Philosophen aus den Händen zu nehmen und zu biologisieren“ („Sociobiology“, 1975) erscheinen in den letzten Jahren zahlreiche Schriften, die sich einer „evolutionären Ethik“ im Allgemeinen oder auch einer „Tierethik“ im Speziellen annehmen – Ethiken, die auf eine Moralität und daraus resultierende Handlungsdispositionen abzielen, welche biologisch, also mit unserer genetischen Konstitution vollständig erklär- und beschreibbar sind.

DT (jobo)

Was davon im Lichte der philosophischen und theologischen Ethik zu halten ist und warum es problematisch ist, ein bei Tieren beobachtetes Verhalten mit Interpretamenten der Handlungstheorie ("Motive", "Gründe", "Absichten") zu erklären und damit einen Bezug zum Menschen herzustellen, erfahren Sie in der aktuellen Ausgabe der "Tagespost" vom 9. Mai 2019.

Themen & Autoren
Josef Bordat Edward O. Wilson Immanuel Kant Thomas von Aquin

Weitere Artikel

Ist die kantische Philosophie der Sargnagel der katholischen Theologie? Oder kann man mit Kant denken und katholisch sein? Zwei Bücher geben ganz unterschiedliche Antworten.
13.05.2026, 17 Uhr
Sebastian Ostritsch
Helmut Müller betrachtet das Menschsein und die Gottesfrage im Spiegel der Philosophiegeschichte.
11.05.2026, 09 Uhr
Manfred Gerwing
Was meinten die Engel, als sie den Hirten ihren berühmten Friedensgruß zuriefen? Bei Augustinus und Thomas von Aquin finden sich Antworten, die auch in Zeiten des Krieges überzeugen.
25.12.2025, 07 Uhr
Sebastian Ostritsch

Kirche

Ralph Brinkhaus fordert mehr Gottesbezug, Kardinal Marx hält sich lieber an die Vernunft. Doch wie jenseitig dürfen politische Ratschläge der Kirche dann noch sein?
16.05.2026, 13 Uhr
Jakob Ranke
Der DBK-Vorsitzende Heiner Wilmer verweist auf „Dynamiken“ bei der Prüfung der Satzung in den römischen Dikasterien.
16.05.2026, 12 Uhr
Meldung
Eine vatikanische Ehrung für den iranischen Botschafter am Heiligen Stuhl sorgt für Empörung – und für Missverständnisse. Eine Aufklärung.
15.05.2026, 10 Uhr
Stephan Baier