Christus in Gestalt des Priesters

Auf Gott und sein Handeln setzen

Zur alten und neuen Infragestellung des Priestertums als Repräsentation Christi
Priesteramtskandidaten bei der Handauflegung
Foto: Corinne Simon (KNA) | Priesteramtskandidaten bei der Handauflegung bei einer Messe anlässlich der Weihe von Priestern am 27. Juni 2020 in Paris.

Die Kritik am katholischen Priestertum gehört zum Repertoire protestantischer Kritik, und die Vorstellung einer priesterlosen Kirche zu den Kernideen der Reformation. Im Weihepriestertum sah Luther die entscheidende Deformation der Kirche, und in seiner Abschaffung den notwendigen Hebel für die Reform der Kirche.

Der evangelische Theologe Thomas Kauffmann erinnerte im Oktober 2021 in einem Zeitungsbeitrag an diesen Markenkern des reformatorischen Christentums und griff tief in den alten Argumentenkasten der Priesterkritik: Überlegenheitsbewusstsein, Willkürherrschaft und klerikale Geltungssucht sind nur ein paar Stichworte daraus.

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Auch Katholiken hinterfragen das Priestertum

Mittlerweile hat die radikale Infragestellung des Priestertums auch die Katholische Kirche ergriffen. In den Skandalen sexuellen Missbrauchs scheinen die Vorwürfe ihre späte Bestätigung zu finden. Die „Priesterzentriertheit“ der Kirche wird als ihr eigentliches Übel ausgemacht. Aus den Seelsorgern sind die Sorgenkinder geworden. Ebenfalls im Oktober 2021 wurde bei der zweiten Versammlung des Synodalen Weges in der „Antragskommission Synodalforum II“ beantragt: „Das Forum soll sich mit der Frage auseinandersetzen, ob es das Priesteramt überhaupt braucht.“ Es gab 95 Ja-Stimmen, 94 Ablehnungen, neun Enthaltungen. Die Antragsteller dürften nicht so naiv gewesen sein, nicht zu wissen, dass sie damit eine Art höhere Eskalationsstufe ausgelöst haben. Die Frage in Frankfurt ist so provokativ anders als das Empfinden der universalen Kirche und so konträr zur Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils, dass sie wie eine Alarmglocke schrillt. Ihr Subtext lautet: Die wahre, evangeliumsgemäße Kirche ist eine Kirche ohne Priester.

„In der liturgischen Repräsentation Christi ist die ganze,
über die Liturgie hinausreichende Aufgabe konzentriert:
Heute auf Gott und sein Handeln zu setzen“

Zum Markenkern des katholischen Priestertums gehört nun das, was die Dogmatik in die Formel agere in persona Christi capitis zusammenzieht: Handeln an Christi Statt, des Hauptes (der Kirche). Am augenfälligsten wird das in der Feier der Eucharistie. Auftrag und Vollmacht, zu tun, was Jesus getan hat, kommt in der Unmittelbarkeit zum Ausdruck, mit der im eucharistischen Hochgebet die Worte des Herrn wiederholt werden. Der Priester sagt nicht: „Ich konsekriere dieses Brot, diesen Wein“, sondern unmittelbar: „Das ist mein Leib. Das ist mein Blut.“ Und als ob es nicht reiche, fügt der Einsetzungsbericht am Gründonnerstag wie ein Ausrufezeichen hinzu: „und das ist heute“. In der liturgischen Repräsentation Christi ist die ganze, über die Liturgie hinausreichende Aufgabe konzentriert: Heute auf Gott und sein Handeln zu setzen. Was sich daraus – auch als Antwort auf die Kritik – für das Verständnis des Priesters ergibt, möchte ich in vier kurzen Punkten andeuten.

Priestersein ist die Negation des Machtanspruchs

1. Richtig verstanden und recht gelebt ist das katholische Priestersein die Negation eines Machtanspruchs. Joseph Ratzinger sagt es so: „Hier entfaltet nicht einer seine eigenen Kräfte und Begabungen; hier ist nicht ein Funktionär eingesetzt, weil er das besonders gut kann oder weil es ihm liegt oder einfach, weil er sich damit sein Brot verdienen möchte; hier geht es nicht um einen Job (…). Sakrament heißt: Ich gebe, was ich selbst nicht geben kann; ich tue, was nicht aus mir kommt; ich stehe in einer Sendung und bin zum Träger dessen geworden, was der Andere mir übergeben hat.“ (Vom Wesen des Priestertums, in: JRGS 12, 40). An dieser Definition wird sichtbar, wie sehr das Priestertum vom Neuen Testament herkommt und nicht eine nachträgliche Erfindung der Kirche ist. „Ich gebe, was ich selbst nicht geben kann; ich tue, was nicht aus mir kommt“ – das kennzeichnet genau die Zwölf, die von Jesus gewählt und beauftragt werden, das zu tun, was auch er tut.

In persona Christi bedeutet: Teilhabe an der Gestalt Jesu, der von sich selbst sagt: „Von mir selbst aus kann ich nichts tun.“ (Joh 5,30) Deswegen gilt auch für die Jünger: „Getrennt von mir könnt ihr nichts tun.“ (Joh 15,5) Es bedeutet also: Handeln im Auftrag von jemandem, der selbst gar nichts aus sich heraus, nichts autonom macht. In der rabbinischen Tradition gibt es die kluge Einsicht: „Rabbi Bunam hatte die Schlüssel der Himmel. Und warum auch nicht? Der Mensch, der nicht sich meint, dem gibt man alle Schlüssel.“

Der Priester vertritt keinen Abwesenden

2. Es gibt noch ein weiteres zu bedenken: Wenn der Priester in der Liturgie Christus vertritt, dann nicht im üblichen Sinn, dass er den Platz eines Abwesenden einnimmt, der ihn beauftragt hat, an seiner Stelle zu sprechen und zu handeln, weil der Vertretene vom konkreten Schauplatz des Handelns abwesend ist (Benedikt XVI.). Der Priester agiert nicht für einen Abwesenden, sondern für einen Anwesenden, der sich aber anderer Personen bedient, um in der Welt sichtbar und wirksam präsent zu sein. Diese „Voreinstellung“ ist analogielos und definiert die Koordinaten, in denen wir die Repräsentation Christi richtig verstehen. Sie ist entscheidend dafür, wie die Gemeinde ihre Priester und wie die Priester selbst ihren Auftrag sehen.

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Er stellt Christus, das Gegenüber der Gemeinde dar

3. Wie ist nun das Verhältnis des Priesters, der in dieser singulären Weise „repräsentiert“, zur Gemeinde? Und: Woher nimmt die Kirche ihre Priester? Sie nimmt sie nicht aus einer eigenen Kaste. Es gibt keine geistlichen Dynastien, schon gar keine familiären. Allen Differenzierungen im Gottesvolk liegt das eine voraus: Für alle bedeutet Glied des Leibes Christi zu sein Erwählung, Berufung und Sendung. Man wird als Kleriker weder geboren noch getauft. Das klingt banal, es scheint aber manchmal sowohl in einer Verteidigung als auch in der Infragestellung des Priestertums übersehen zu werden. Priester sind zuerst einmal das, was Konzil und Kirchenrecht als Erstes und Allgemeines nennen: christifideles – Christen.

Auf diesem Boden wird die spezielle Aufgabe beschrieben: In persona Christi capitis, „des Hauptes“, handeln. Es geht also um die Leitungsfunktion Christi in der Kirche. Die Kirche ist nach dem neutestamentlichen Zeugnis der sichtbare Leib Christi in dieser Zeit, aber es ist ein Leib mit einem Haupt (Eph 5,23). Christus steht der Kirche gegenüber. Auch im katholischen Verständnis ist sie nicht einfach identisch mit Christus. Die Aufgabe des Priesters ist nicht, dass er außerhalb einer Gemeinschaft lebt oder über ihr steht. Sie ist „nur“, dass er dieses Gegenüber darstellt und lebensmäßig realisiert. Das aber ist entscheidend: Ohne ein solches sichtbares Gegenüber als Realisierung des priesterlichen Auftrages in einer Gemeinde würde diese zu einer sich selbst genügenden, sich selbst definierenden, autonomen Gruppe, kurz zum Gegenbild des Volkes, das Gottes Eigentum (Ex 19, 5f.; 1 Petr 2,9) und Christi Leib ist (1 Kor 12,27; Röm 12,5).

Leben wie Jesus

4. Eines fehlt noch in dieser Repräsentation Christi. Der erste Johannesbrief präzisiert das Maß für die Nachfolge Jesu so: „Wer sagt, dass er in ihm bleibt, muss auch leben, wie er gelebt hat.“ (1 Joh 2,6) In der Frömmigkeitsgeschichte der Kirche ist der Gedanke der Nachahmung Christi, der imitatio Christi, etwas aus der Mode gekommen. Die moderne Exegese hat aber gezeigt, dass das historische und einmalige Material der Jünger-Berufungsgeschichten so erzählt wird, dass sich die Menschen, die sich den christlichen Gemeinden angeschlossen hatten, darin wiederfinden konnten (vgl. Mk 1,16-20; 2,14 u.a.). Die imitatio Christi hat in der Kirchengeschichte verschiedenförmige Realisierungen gefunden. Armut, Gehorsam und Leiden konnten zu seinen Ausdrucksformen werden. Weniger präsent dürfte die reale Tisch- und Lebensgemeinschaft sein, die Jesus mit den Jüngern verband.

Von daher versteht man, warum Joseph Ratzinger einen Beitrag zum Priestertum mit einer sehr selbstkritischen Bemerkung beschließt: Er nennt eine „Gewissenserforschung unumgänglich“, weil es auch ein „gelebtes Missverständnis“ gibt (JRGS 12, 152). Die richtige Lehre muss vom richtigen Leben gedeckt sein. „Leben wie er gelebt hat“ ist jedenfalls ein sehr prägnantes Wort und eine Herausforderung für jeden, der beauftragt ist, in persona Christi zu handeln.

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