Gottesbeweis

Das schöne  Wunder der Schöpfung lesen

Bevor ein neues Jahr beginnt, lohnt es sich, einmal kurz innezuhalten, um über den Kosmos und unseren Heimatplaneten Erde zu staunen. Denn: dass dies alles existiert inklusive des Menschen, ist gar nicht so selbstverständlich und fast schon ein Gottesbeweis.  
Erdanblick vom Mond
Foto: Nasa (NASA) | Vom Mond aus gesehen wird das Wunder der Schöpfung noch offenbarer als wenn man mit beiden Beinen mittendrin steht. Seit 1968 kennen die Menschen solche Bilder.

Ausgerechnet am Heiligabend des Tumult-Jahres 1968 schoss der Astronaut der Apollo-8-Mission, William Anders, das wohl aufregendsten Foto seines Lebens das von der aufgehenden Erde. Es wurde unter dem Namen "Earthrise" bald zum Poster-Motiv, das in dieser Hippie-Ära der Bewusstseinserweiterungen an jeder zweiten WG-Wand hing. Wow!

Und was für Umsturz das war. Man sah die Mondoberfläche am unteren Bildrand und in der Ferne eine blauweiße zarte Scheibe, leuchtend in der sie umgebenden unendlichen Finsternis. Wem bei dieser Blick-Umkehr von außen auf uns, bei diesem Heimat-Motiv das Herz nicht schneller schlägt, hat keines.
Ja, zum ersten Mal sahen wir uns von außen. Tatsächlich, wir verwandelten uns seit dieser Aufnahme aus der Tiefe des Alls heraus in Außerirdische, und wer mochte, ließ sich dabei unterstützen von Haschisch und LSD - alles so schön bunt hier. Und wir erkannten unseren Planeten als Heimat.

„An ein Wunder grenzt es, dass sich in der Natur, die ein Spiel auf Leben oder Tod,
Fressen oder Gefressen-werden ist,
ausgerechnet der dürftig ausgestattete nackte Affe Mensch durchgesetzt hat“

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Die Beatles sangen kurz darauf auf "Abbey Road" in ihrer schönsten Dreifach-Harmonie der Erde ihr Nonsense-Ständchen "Because the world is round/It turns me on", mehr muss man nicht sagen, ach, vielleicht, dass hier noch "Because the wind is high/ It blows my mind" und eine dritte Strophe "Because the sky is blue, It make me cry",  um das alles in das Bekenntnis einzubinden "Love is all, love is you".

Natürlich ist unser Planet voller Schönheiten und Wunder, besonders wenn man ihn wie Richard Attenborough mit spektakulären Nahaufnahmen von Nektar saugenden Kolibris und Lachse fischenden Bären am Strom bebildern kann, derzeit der Hit auf Netflix.

Und wer möchte sich nicht übergeben angesichts der Brutalität, mit der wir diesen Wundern das Genick brechen, angesichts von geschundenen Kreaturen in Lagerhaltung, von Plastik-verseuchten Meeren und damit vergifteter Nahrungsgrundlage all der schwimmenden Wesen, die der Genesis zufolge am fünften Schöpfungstages ins Leben gerufen wurden.

Was entsteht aus Nichts?

Tatsächlich müssen wir zur Genesis-Erzählung zurück, immer wieder, zum jüdischen Schöpfungsmythos, um uns das Wunder der Existenz eines Planeten Erde, einer Heimat für den Menschen, ja für den Menschen selber in der allerschönsten Einfachheit anschaulich zu machen. Sie ist eine Erzählung, die Gläubige und Wissenschaftler gleichermaßen zu bedienen versteht. Wie entsteht Etwas aus Nichts? Nur ein Schöpfergott kommt hier in Frage. Und Wasser, als Bedingung fürs Leben. Also, Genesis 1: "Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser." Der Evangelist Johannes verzichtet auf das Wasser: "Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott."

Religiöser Hokuspokus? Mitnichten. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Wiener Evolutionswissenschaftler für ein TV-Feature über die damals in den Naturwissenschaften diskutierte Möglichkeit eines "Intelligent design" in der Natur, sozusagen eines Schöpfergottes, ohne ihn so zu benennen. Der Professor, ein gut gelaunter Agnostiker, wollte das nicht ausschließen. Und er führte aus, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es NICHTS gäbe, sehr viel höher sei, als die, dass es ETWAS gäbe, nämlich uns und unsere Erde.

Der Mensch ist mehr al 1,8 Millionen Jahre alt

Er illustrierte das an dem schmalen Stück Torte auf seinem Teller. Als Drehort hatten wir uns das Neandertaler-Museum ausgesucht, das dort errichtet wurde, wo das Skelett des Neandertalers gefunden wurde. Wenn, so versuchte ich ihn in der Cafeteria mit Blick auf die Reihe der an den Wänden in einer Spirale auf uns zuwandernden immer menschenähnlicheren Affenwesen zum katholischen Glauben zu missionieren, wenn selbst die Wissenschaften zugibt, dass unser Kosmos eine Wirklichkeit  gegen alle Wahrscheinlichkeit ist, könne man doch von einem "Wunder" reden.

Älteste Fundstücke der Gattung Homo lassen sich auf 1,8 Millionen Jahre zurückdatieren. Und die ganze Geschichte lief zwangsläufig   nicht nur, aber unter anderem auch darauf hinaus, dass ich mich mit einem Professor an jenem Märznachmittag über einer Kirschtorte und einem Milchkaffee über die Evolution oder die Schöpfung oder das "intelligent design" unterhielt, das der Evolution diesen schmalen Korridor geöffnet haben mag.
Dass sich die Wissenschaft und das Staunen über die Wunder der Natur, die sich auf unserem Planeten entfalten, nicht ausschließen müssen, hat auf eindrucksvolle Weise Alexander von Humboldt bereits zur Goethezeit demonstriert.

Der Abenteurer, Weltreisende und Forsche war der letzte Universalgelehrte

 

Er war ein Abenteurer, ein Weltreisender, ein Forscher, der sein Leben in die Waagschale warf, um seine wissenschaftliche Neugier zu befriedigen. Er interessierte sich für Tiere und Pflanzen, er wies nach, dass die Schwarzwasserflüsse im oberen Amazonas mit dem Orinocco-Flusssystem in Venezuela verbunden sind und bestieg den 6000er Chimborazo im Gehrock. Zahlreiche Pflanzen- und Tierarten wurden durch ihn entdeckt, besonders in Lateinamerika genießt er Heldenstatus.

In seinen über 50 000 Briefen (2000 pro Jahr) korrespondierte er nicht nur mit den wissenschaftlichen Koryphäen seiner Zeit, sondern ebenso mit Staatsmännern wie Jefferson oder dem Zaren. Er war berühmt wie Napoleon, und dabei sehr viel friedfertiger.

Goethe verehrte ihn ("eine Stunde mit ihm ersetzt eine Woche Bücher lesen"), Schiller lehnte ihn wegen seiner wissenschaftlich-sezierenden Methoden ab, die in ihrer "schamlosen Ausleuchtung" der Natur das Wunder nähme - als ob eine genauere Erforschung der Zahnputzer, die im Gebiss von Nilpferden herumspazieren oder der  Madenhacker, die das Fell von Zebras sauber halten, diesen Symbiosen den Zauber nähmen. In seinem ehrgeizigen Werk "Kosmos" wollte der Naturforscher das gesamte Wissen über Biologie, Chemie, Astronomie, Geologie und die anderen Wissenszweige seiner Zeit vereinen. Er begann seine Vorlesungsreihe über den komplizierten Aufbau des Firmaments, über neptunische und vulkanische Theorien der Kontinentalerhebungen, ja, über den schon damals geführten Streit über die Erdwärme - unsere Erde war schon damals ein Krimi.

Humboldt zitierte aus der Bibel Worte der Genesis

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Das Verrückte: Er elektrisierte den Berliner Wissenschaftsbetrieb regelrecht damit. Sein Trick: Er würzte seine Vorträge mit Erlebtem. Er will das, was er erforscht hat, buchstäblich unter die Leute bringen. Ihnen unter die Haut reiben. Der Eintritt ist frei. Die Singakademie mit ihren 800 Plätzen ist dem Ansturm nicht gewachsen. Zwei Kürassiere werden ohnmächtig hinausgetragen.

Humboldt starb 90-jährig während der Arbeit am 5.Band seines "Kosmos". In den Notizen dazu findet sich dieses Zitat, das schließlich und gottergeben noch einmal aus der großen Bibel-Erzählung zitiert: "Also war vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer". Das sind Schöpferworte, voller Wunder.  
An ein Wunder grenzt es, dass sich in der Natur, die ein Spiel auf Leben oder Tod, Fressen oder Gefressenwerden ist, ausgerechnet der dürftig ausgestattete nackte Affe Mensch durchgesetzt hat. Tatsächlich hat er sich die Erde untertan gemacht, und zwar so, dass der israelische Wissenschaftler Yuval Noah Harari vom "Homo Deus" spricht, dem Mensch als Gott. Allerdings hat er sich selber noch nicht mit sich darauf geeinigt, ob der Mensch einen freien Willen hat oder nicht.

Zurück in den Urzustand der Natur?

Zum einen hat er ihn, denn sonst wäre er nicht in die kühnen Wissenschaftsbereiche vorgestoßen, die ihm helfen, Algorithmen zu erfinden, die das Leben durch Datenströme regulieren lassen. Andererseits besteht die Gefahr, dass diese Datenströme ihn wiederum kolonisieren und in seinen Entscheidungen unfrei werden lassen.

Doch der homo deus eine ziemliche Anmaßung   ist eine zunehmend populäre Vorstellung: die Bewegung der Klimaretter hat nichts anderes vor, als unerschrocken zurück in die Schöpfungsfrühe zu gehen, in jenen Urzustand, der wüst war und wirr, als nur Gottes Geist über dem Wasser schwebte. Natürlich wünschen wir ihnen dabei viel Glück, aber ob das Fahrverbot in den Innenstädten als nachträgliche Korrektur reicht?

Das Wasser könnten wir sauberer halten

Egal wie: Unser blauer Planet funkelt so unendlich schön in der unendlichen Tiefe des Raums - wir können leider nur 35 Milliarden Lichtjahre weit schauen und können getrost annehmen, dass es in jeder Richtung unendlich weitergeht und uns damit im Mittelpunkt dieser Unendlichkeit wähnen.  
Ja, unser Planet ist so unglaublich schön, dass erhebliche Zweifel angemeldet werden können an einer weiteren intelligenten Spezies dort draußen irgendwo   denn schon einer ästhetischen Mindestbegabung muss unsere zart gemaserte weißblaue Kugel ins Auge fallen und den Wunsch nach Kontaktaufnahmen wecken. Dieser unser Planet wird weiter seine Bahnen ziehen wie seit 4,6 Milliarden Jahren, in denen er weiß Gott einiges an Temperaturschwankungen mitgemacht hat.

Allerdings: Da wir einen freien Willen haben und vernunftbegabte Wesen sind, lieber "Homo deus"-Autor Yuval Harari, glaube ich daran, dass eines Tages irgendein heller grüner Kopf verkündet: Wir werden den leichten Anstieg der Erderwärmung nicht verhindern können, aber die Meere säubern und damit das lebensspendende Wasser, das sollte uns gelingen, schließlich haben wir das mit dem Rhein auch hingekriegt. Zunächst aber wird unsere Erdbevölkerung auch in dieser Silvesternacht schnittweise die Umdrehung unseres blauen Planeten feiern und Leucht-Raketen ins All feuern, und ihr zuprosten um Mitternacht   unserer Gaia, unserer Gebärerin, und sie hochleben lassen. Denn Gott sah, dass es gut war und seine Hilfskraft, der Homo deus, ebenso. Prosit.

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