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Wolfgang Schäuble: Das „C“ war für ihn unverzichtbar

Das christliche Menschenbild diente dem Protestanten Wolfgang Schäuble als Richtschnur. Nachruf auf ein Urgestein der deutschen Politik.
CDU-Politiker Wolfgang Schäuble im Alter von 81 Jahren gestorben
Foto: IMAGO/Frank Hoermann/SVEN SIMON (www.imago-images.de) | Schäuble, der sich immer wieder offen zu seinem Glauben bekannte, warf deutschen Protestanten schon einmal eine einseitige Politisierung vor, etwa in der Flüchtlings- und Wirtschaftspolitik.

Niemand gehörte dem Parlament länger an als er. Mit Wolfgang Schäuble ist am zweiten Weihnachtstag einer der einflussreichsten Politiker der vergangenen Jahrzehnte gestorben. Der Badener, der aus seiner Herkunft auch sprachlich nie einen Hehl machte, hat viel erreicht in seinem politischen Leben. In seiner politischen Laufbahn war er Minister, CDU-Chef, Fraktionsvorsitzender und Präsident des Deutschen Bundestages.

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Dass Schäuble nicht selbst auch Bundeskanzler oder Bundespräsident wurde, zählt zu den enttäuschenden Momenten im Leben des gelernten Juristen. Stattdessen musste Schäuble mit ansehen, wie die von ihm geförderte junge ostdeutsche Politikerin Angela Merkel an ihm vorbeizog und schließlich Bundeskanzlerin wurde.

Früh zieht es ihn in die Politik

Schäuble wird am 18. September 1942 in Freiburg geboren. Er studiert Jura, es zieht ihn aber früh in die Politik. 1965 tritt er in die CDU ein. 1972 erringt er erstmals ein Mandat für den Deutschen Bundestag, dem er ohne Unterbrechung bis zu seinem Tod angehört.

Von 1982 an –  Helmut Kohl ist gerade Bundeskanzler geworden – entwickelt sich Schäuble zum wichtigsten Weggefährten des Pfälzers. Er wird Minister für besondere Aufgaben im Kanzleramt

Als 1989 die Mauer fällt, ist Schäuble Innenminister. Er handelt den Einigungsvertrag mit der DDR aus. Zwei Möglichkeiten gibt es, um die beiden deutschen Staaten zusammenzuführen: eine neue gesamtdeutsche Verfassung oder einen Beitritt der DDR nach westdeutschem Grundgesetz. Schäuble entscheidet sich für den Beitritt. Kohl folgt ihm ohne Zögern. Mit Lothar de Maizière, dem ersten und letzten frei gewählten Ministerpräsidenten der DDR, feilt Schäuble am Einigungsvertrag. Die Bürger müssen noch in einer gesamtdeutschen Wahl darüber abstimmen. 

Die dramatische Wende in Schäubles Leben

Doch dann nimmt das Leben Schäubles eine dramatische Wende. Während einer Wahlkampfveranstaltung im baden-württembergischen Oppenau schießt ein psychisch kranker Mann den damals 48 Jahre alten Innenminister nieder. Seit Oktober 1990 ist er gelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Wolfgang Schäubles Karriere scheint beendet. Doch sechs Wochen später stürzt er sich wieder in die Arbeit. Schäuble, zu diesem Zeitpunkt Fraktionschef, will Helmut Kohl beerben.

1998 steht die nächste Bundestagswahl an. Die Prognosen für Kohl sehen nicht gut aus. Auf dem Leipziger CDU-Parteitag 1997 erwarten deshalb viele das erlösende Signal. Aber Helmut Kohl will es noch einmal wissen. Im Jahr 2015 sagt Schäuble in einer ARD-Dokumentation, Kohl habe ihm mehrfach bestätigt, sein Nachfolger zu werden. Schäuble überlässt es 1998 den Wählern, der Ära Kohl ein Ende zu setzen. Rot-Grün regiert fortan. Schäuble bleibt Fraktionschef und erbt zusätzlich den Parteivorsitz von Kohl. 

In dieser ohnehin schwierigen Phase wird 1999 bekannt, dass die CDU jahrelang schwarze Kassen geführt hat. Kohl weigert sich („mein Ehrenwort“), die Namen seiner Geldgeber preiszugeben und stürzt seine Partei in ihre tiefste Krise. Dann gerät Schäuble selbst mit in den Strudel der Spendenaffäre. Während einer Bundestagssitzung verneint er, vom Waffenlobbyisten Karl-Heinz Schreiber Geld erhalten zu haben. Später muss er sich korrigieren. In den Turbulenzen der CDU-Spendenaffäre und nach Aussagen zu einer 100.000-Mark-Barspende tritt Schäuble im Februar 2000 als CDU-Chef zurück. Angela Merkel wird Parteichefin, 2005 macht sie als Kanzlerin Schäuble zum Innenminister, vier Jahre darauf zum Finanzminister. Das Amt hat Schäuble zwei Wahlperioden inne, er schafft die „schwarze Null“, also einen Bundeshaushalt ohne neue Schulden.
Nach der Bundestagswahl 2017 wird Schäuble als Nachfolger von Norbert Lammert zum Bundestagspräsidenten gewählt, das zweithöchste Amt im Staat. 

Schäuble setzt auf Laschet - und verliert

Im Ringen um die Kanzlerkandidatur 2021 schlägt sich Schäuble auf die Seite des damaligen CDU-Chefs Armin Laschet und stellt sich gegen den CSU-Vorsitzenden Markus Söder. Doch mit Laschet verliert die Union die Wahl – und Wolfgang Schäuble sein Amt als Bundestagspräsident. Im Bundestag wird die SPD-Politikerin Bärbel Bas Präsidentin. Schäuble zog sich aus den Führungsgremien zurück. Er war nun einfacher Abgeordneter. Seither war sein Platz in Reihe sechs im Plenum des Bundestages. 

In seiner Partei zählte der Protestant Schäuble eher zu den konservativen Politikern. Gegenüber der Zeitung „Tagesspiegel“ nannte er als Richtschnur für Konservative „Maß und Mitte“ und Eintreten „für eine wertegebundene Freiheitsordnung auf Basis des vom Christentum geprägten Bild des Menschen“. „Das C im Namen der CDU drückt aus, dass wir Politik für den Menschen machen, so wie er ist, und nicht wie er sein sollte“, sagte Schäuble der Zeitung. Daher sei das C für ihn unverzichtbar. „In der Politik hat mir der Glaube immer geholfen, denn ich war überzeugt: Wir kennen nicht die letzte Antwort. Es gibt Dinge, die liegen außerhalb unserer Welt.“

Zugleich warf Schäuble, der sich immer wieder offen zu seinem Glauben bekannte, deutschen Protestanten eine einseitige Politisierung vor, etwa in der Flüchtlings- und Wirtschaftspolitik. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Landeskirchen würden vielfach Positionen vertreten, die dem politisch linken Spektrum zugeordnet werden könnten. Als Redner wirkte Schäuble bei mehreren evangelischen Kirchentagen mit. 2022 war er Schirmherr des Christival in Erfurt und hatte in einer Videobotschaft bekannt: „Der Glaube an Jesus kann ein großer Halt und Mutmacher sein.“ 

Prälat Jüsten: Schäuble war engagierter evangelischer Christ

Der Leiter des Katholischen Büros in Berlin, Prälat Karl Jüsten, erklärte gegenüber domradio.de: „Als Katholiken können wir einmal dafür Danke sagen, dass es dieses Lebenszeugnis dieses engagierten evangelischen Christen gibt. Gerade in dieser Zeit, wo wir oftmals von abnehmender Kirchenbindung sprechen, ist es gut zu wissen, dass sich Menschen, die mit ihrer Kirche, auch mit der katholischen Kirche immer wieder mal haderten, sich doch immer wieder zum Glauben bekannten. Das ist, denke ich mal, für uns als Christen herausstechend.“

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