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Vom Lügner Putin, einem verstörenden Papst und starken ukrainischen Priestern

Beim Europatag der Paneuropa-Union im Kloster Andechs stand der Krieg gegen die Ukraine im Mittelpunkt. Die jüngsten Äußerungen des Papstes wurden kritisch in den Blick genommen.
Bischof von Odessa, Stanislaw Szyrokoradiuk
Foto: Kathpress/Pernsteiner | Bischof Szyrokoradiuk sprach in seiner Predigt davon, dass bereits in der Zeit der Sowjet-Herrschaft viele ukrainische Priester verfolgt worden seien. Manche seien zehn, 15 Jahre inhaftiert gewesen.

Das Leid, das sein Volk derzeit erlebe, sei der Preis für die Souveränität und den Weg nach Europa, den die Ukraine eingeschlagen habe, erklärte der römisch-katholische Bischof von Odessa, Stanislaw Szyrokoradiuk, am Sonntag in einer Predigt in der Wallfahrtskirche im Kloster Andechs. Der Anlass für den Festgottesdienst zu Ehren des Heiligen Benedikt war der 61. Andechser Europatag der Paneuropa-Union Deutschland, die dieses Mal in besonderer Weise die Krisenherde dieser Welt, vom Nahen Osten bis eben hin zur Ukraine, in den Blick nahm.

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Bischof Szyrokoradiuk sprach in seiner Predigt davon, dass bereits in der Zeit der Sowjet-Herrschaft viele ukrainische Priester verfolgt worden seien. Manche seien zehn, 15 Jahre inhaftiert gewesen. Doch diese Priester, für ihn Heilige des Volkes, hätten keinen Hass gegen diejenigen empfunden, die sie verfolgt hatten. Sie hätten Gott dafür gedankt, dass er ihnen Halt gegeben habe und ihr Leid als Opfer für künftige Priesterberufungen verstanden.

Einer dieser Geistlichen hätte ihm als jungem Priester geraten – Szyrokoradiuk wurde 1984 geweiht – er solle sich an den einfachen Menschen orientieren. An deren Gebetsleben, an deren Frömmigkeit. Früher habe er gedacht, dass diese Tugenden vor allem bei der älteren Generation zu finden seien. Doch der Krieg habe ihm gezeigt, dass auch die jungen Ukrainer aus ihrem Glauben die geistige Kraft zögen, die schwierige Lage zu meistern. „Ich bin stolz auf mein Volk, das so heldenhaft die Leiden des Krieges erträgt, ohne seinen Glauben oder seine Hoffnung zu verlieren.“ Weiterhin dankte der Bischof von Odessa den Deutschen für ihre Hilfe für die Ukraine, „für die Gebete und für die brüderliche Solidarität“. 

Diskussion über die Aussagen des Papstes

In der sich an die Messe anschließenden Podiumsdiskussion wurde Bischof Szyrokoradiuk auch zu den jüngsten Äußerungen von Papst Franziskus zum Krieg in der Ukraine befragt. Der Oberhirte von Odessa gab sich betont zurückhaltend mit einem Urteil. Man müsse sehen, der Heilige Vater wolle vor allem die Katholiken in Russland schützen. Sage er etwas gegen Putin, sei auch sofort die Kirche in Russland in Gefahr. In dieser schwierigen weltpolitischen Situation könne es manchmal nur darum gehen, sich für das „kleinere Böse“ zu entscheiden.

Im Vergleich dazu fiel die Kritik von Barbara von Ow-Freytag am Papst sehr heftig aus. Die Journalistin, die für die Süddeutsche Zeitung aus Moskau berichtete, als Kennerin der russischen Zivilgesellschaft gilt und aktuell Beraterin des Prague Civil Society Centre ist, erinnerte an die Grußbotschaft des Papstes an russische Jugendliche, die nicht am Weltjugendtag hatten teilnehmen können. Damals habe Papst Franziskus ausdrücklich an Zar Peter I. und Zarin Katharina erinnert, also die jungen Menschen nicht als Christen angesprochen, sondern als Erben einer imperialen Tradition. Im Übrigen hätte es dem Papst gut angestanden, nach Lemberg zu reisen, als dies noch möglich gewesen sei, um ein Zeichen zu setzen, so Ow-Freytag.  

Voß: „Putin ist kein Retter des Abendlandes“

Dirk Hermann Voß, Vizepräsident der Internationalen Paneuropa-Union, wurde noch deutlicher. Der Europa- und Verfassungsrechtler, der eine Zeitlang dem Päpstlichen Medienrat angehört hatte, stellte fest, dass es sich bei dem Krieg gegen die Ukraine um eine innerweltliche Frage handele, der Papst hier also keine Unfehlbarkeit besitze und auch entsprechend kritisiert werden könne. Der argentinische Pontifex habe „keine Ahnung von Europa“.

Schließlich warnte Voß vor einer Gefahr, der vor allem konservative Katholiken ausgesetzt seien. Nur weil Putin sich gegen Abtreibung ausspreche oder für die klassische Familie eintrete, sei dieser nicht automatisch „ein Retter des Abendlandes“. „Putin ist ein Lügner“, so Voß. Ebenso gefährlich sei, wenn sich die AfD zur Retterin des Abendlandes stilisiere. „Die Kirche muss an der Seite der Unterdrückten und Geknechteten sein“, betonte der 64-jährige Jurist.

Der Pazifist muss militärisch stärker als der Nachbar sein

Zuvor hatte der Vizepräsident der Internationalen Paneuropa-Union die Politik dazu aufgefordert, endlich dafür sorgen, dass in Europa die notwendigen sicherheitspolitischen Konsequenzen aus der Lage gezogen würden. Europa müsse langfristig über eine eigene atomare Abschreckung verfügen. Die sei wie eine Lebensversicherung in einer Welt, in der es nun einmal Atomwaffen gebe. Der Weg dorthin sei unter Umständen lang, aber man müsse jetzt einen Anfang setzen.

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In diesem Zusammenhang erinnerte Voß an eine Aussage des Gründers der Paneuropa-Union, Richard von Coudenhove-Kalergi. Dieser habe sich als Pazifist verstanden. Aber auch festgestellt, wenn der Nachbar des Pazifisten kriegerisch gesonnen sei, könne es nur eine Konsequenz geben: Der Pazifist müsse militärisch stärker als dieser Nachbar sein. Er fühle sich aktuell oft an eine „dumme Parole“ aus den 80ern während der Nachrüstungsdebatte erinnert: „Lieber rot als tot“. Wenn er heute Sahra Wagenknecht höre, habe Voß manchmal das Gefühl, diese würde lieber in der Sklaverei leben.

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