Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Russland hatte keine Wahl

Die russischen Präsidentschaftswahlen wurden als Putin-Festspiele inszeniert. Die Wahlergebnisse sind so irrelevant wie die Wahlbeteiligung, denn der Paranoiker im Kreml erstickt jeden Widerspruch.
Russische Präsidentschaftswahlen wurden als Putin-Festspiele inszeniert
Foto: IMAGO/Vyacheslav Prokofyev (www.imago-images.de) | Wie eindrucksvoll wären die Zustimmungswerte zu Präsident Wladimir Putin in einem Russland mit echten Gegenkandidaten, wirklichen Debatten, fairen Wahlkämpfen?

Wie hoch wäre die Wahlbeteiligung in einem Russland, in dem Soldaten, Mitarbeiter der Ministerien und Behörden sowie Angestellte von Staatsbetrieben nicht geschlossen zu den Wahllokalen geführt werden? Wie hoch, wenn Bürger ihren Arbeitgebern keinen Screenshot ihrer elektronischen Abstimmung senden müssten? Wie hoch wäre sie in den besetzten Gebieten der Ukraine, wenn nicht mit vorgehaltener Waffe zur Wahl geladen würde? Wie hoch wäre die Wahlbeteiligung in einem freien Russland?

Repression, Einschüchterung, Kontrolle

Wie eindrucksvoll wären die Zustimmungswerte zu Präsident Wladimir Putin in einem Russland mit echten Gegenkandidaten, wirklichen Debatten, fairen Wahlkämpfen? Wie viele Menschen würden Putin wählen, wenn Oppositionelle auf dem Wahlzettel stünden statt ermordet, weggesperrt oder von der Wahl ausgeschlossen zu werden? Wenn friedliche Demonstranten nicht als Extremisten verleumdet oder niedergeprügelt würden? Wie hoch wäre Putins Sieg, wenn Russlands Fernsehsender Kritiker des Präsidenten zu Wort kommen lassen und einen Diskurs über Russlands Krieg gegen die Ukraine ermöglichen würden?

Lesen Sie auch:

Wir werden es nie erfahren, denn ein solches Russland ist eine ferne Utopie, ein Traum von Menschen, die wie Boris Nemzow und Alexej Nawalny vom System ermordet wurden. Das Russland von Wladimir Putin entfernt sich stetig von dieser Vision eines freien Russlands. In Putins Welt gibt es keine echten Wahlen, keine offenen Debatten, keinen kontroversen Diskurs, keine wirklichen Alternativen, keine Selbstbestimmung und kein Recht. Aber es gibt die Zementierung von Strukturen der Macht, der Repression, der Einschüchterung und der Kontrolle. Darum werden wir nie erfahren, wie viele Bürger der Russischen Föderation hinter Putin und seinem Kriegskurs stehen. Er aber auch nicht.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stephan Baier Alexej Nawalny Russische Regierung Wladimir Wladimirowitsch Putin

Weitere Artikel

Bei den Duma-Wahlen wird die Staatspartei „Einiges Russland“ siegen, die Konkurrenz wurde fast völlig ausgeschaltet. Trotzdem hat das „elektorale Prozedere“ für das System Putin eine Bedeutung.
19.09.2026, 07 Uhr
Daria Boll-Palievskaya
Der russische Autokrat sieht die Bürger seines Landes als homogenen Volkskörper, der im Gleichklang mit dem Führer zu handeln und zu denken hat. 
12.08.2026, 11 Uhr
Stephan Baier
Die ungarische Wahl wirft trotz des klaren Ergebnisses mehr Fragen auf, als sie Antworten gibt. Ein Gastbeitrag.
15.04.2026, 10 Uhr
Birgit Kelle

Kirche

Heute trifft Leo XIV. in Uruguay ein, der ersten Station seiner bislang längsten Auslandsreise, die ihn auch nach Argentinien und Peru führen wird.
06.11.2026, 08 Uhr
Guido Horst
Heute um kurz nach 7 Uhr flog er los! Was erwartet Papst Leo? Die Pastoralreise nach Uruguay, Argentinien und Peru aus historischer und ekklesiologischer Perspektive.
06.11.2026, 05 Uhr
José Francisco Serrano Oceja
Ist die Josef-Pieper-Stiftung noch im Franz-Hitze-Haus des Bistums Münster willkommen? Wie aus dem Streit um Bischof Robert Barron ein Tauziehen um eine mögliche Tagung wurde.
05.11.2026, 11 Uhr
Benjamin Leven
Damit auch im dritten Jahrtausend die Klöster kraftvoll bleiben, bedarf es einer großen EU-Initiative.
05.11.2026, 09 Uhr
Henry C. Brinker
Heiligenkostüme statt Halloween: Die Pfarrei St. Marien im Marienwallfahrtsort Neviges hat ein Alternativprogramm angeboten: Wieso die Initiative missionarisch ist.
04.11.2026, 19 Uhr
Regina Einig