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Die Menschheit steht an einem Scheideweg

Antworten auf die technische Revolution von heute: Die Internationale Theologen-Kommission beim Vatikan stellt in einer Studie dem Transhumanismus die Würde des christlichen Menschenbilds gegenüber.
Vatikan-Theologen kritisieren Trans- und Posthumanismus
Foto: pixabay | „Die Menschheit steht angesichts des immensen Potenzials, das die von künstlicher Intelligenz getriebene digitale Revolution mit sich bringt, an einem Scheideweg", schreiben die Theologen.

Die Internationale Theologische Kommission des Vatikans hat die Unvereinbarkeit des Transhumanismus mit dem christlichen Menschenbild bekräftigt. In einem knapp 50 Seiten umfassenden Papier, das der Vatikan am Mittwoch veröffentlicht hat, geht die beim Glaubensdikasterium angesiedelte Theologen-Kommission zunächst davon aus, wie der menschliche Geist versucht, die Spannung zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit zu überwinden.

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Denn die Menschen, so heißt es in dem Papier, seien die einzigen Geschöpfe, die wüssten, dass sie endlich seien und sich deshalb bewusst mit der eigenen Endlichkeit in der unausweichlichen Begegnung mit der Unendlichkeit auseinandersetzen müssten. Es kämen vier Optionen in Betracht: „Man kann versuchen, die Endlichkeit zu verabsolutieren; man kann versuchen, der Endlichkeit in einer fiktiven Unendlichkeit zu entfliehen; man kann versuchen, sich mit der Endlichkeit abzufinden; man kann in der Spannung zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit leben, in der Hoffnung auf eine als Geschenk empfangene Vollendung.“ Als neue Denkrichtungen machen die Theologen in diesem Zusammenhang den Transhumanismus und den Posthumanismus aus, die in den heutigen Gesellschaften sehr einflussreich geworden seien.

Anlass: 60. Jahrestag der Verkündung der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“

Zwar ist der Anlass für die Studie der 60. Jahrestag der Verkündung der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirche in der Welt von heute. Aber die Arbeitsgruppe der Theologen-Kommission, die das Papier unter Vorsitz des spanischen Theologen Javier Prades López erarbeitet hat, will sich ganz aktuell mit diesen beiden Denkrichtungen auseinandersetzen, die zwar miteinander verbunden seien, aber „unterschiedliche Perspektiven im Verständnis der menschlichen Natur und der Zukunft der Menschheit“ vertreten würden.

Das Papier definiert: „Der Transhumanismus ist eine philosophische Bewegung, die von der Überzeugung ausgeht, dass der Mensch die Ressourcen der Wissenschaft und Technologie nutzen kann und muss, um die physischen und biologischen Grenzen des Menschseins, insbesondere das Altern und sogar den Tod, zu überwinden, wodurch er seine eigene Evolution gestaltet und sein Potenzial maximiert, bis hin zur Neugestaltung des Menschen, um ihn für die Weiterentwicklung fit zu machen.“ Der Posthumanismus hingegen „stellt sich eine Zukunft vor, in der die Menschen die derzeitige biologische Form, die die menschliche Natur ausmacht, perfektionieren werden, um das Ziel einer durch Technologie unterstützten individuellen Unsterblichkeit zu erreichen.“

Die Menschheit am Scheideweg

In vier Kapiteln stellt die Theologen-Kommission diesen Denkrichtungen die Aussagen des kirchlichen Lehramts entgegen. Zunächst anhand des Begriffs der „menschlichen Entwicklung“. Dann geht es um die Erfahrung des eigenen Lebens als ganzheitliche Berufung und im dritten Kapitel um das Geschenk des Lebens und der Gemeinschaft angesichts der Zukunftsszenarien der Menschheit. Abschließend behandelt das Papier dann die rettende Beziehung, die das Abenteuer der vollständigen Selbstverwirklichung sinnvoll und schön macht, das heißt die Erlösung durch den Mensch gewordenen Sohn Gottes.

Beim ersten Thema, dem der ganzheitlichen Entwicklung, verweist das Papier auf die Lehre der Päpste von Johannes XXIII. bis zu Benedikt XVI., zitiert aber auch eine ganz aktuelle Warnung von Leo XIV. angesichts der jüngsten Beschleunigung der technologischen Entwicklung in Bereichen wie Kommunikation, Datenmanagement und künstliche Intelligenz, Biotechnologie und Robotik: „Die Menschheit steht angesichts des immensen Potenzials, das die von künstlicher Intelligenz getriebene digitale Revolution mit sich bringt, an einem Scheideweg. Die Auswirkungen dieser Revolution sind weitreichend und verändern Bereiche wie Bildung, Arbeit, Kunst, Gesundheitswesen, Verwaltung, Militär und Kommunikation. Dieser epochale Wandel erfordert Verantwortung und Unterscheidungsvermögen, um sicherzustellen, dass KI zum Wohle aller entwickelt und eingesetzt wird, indem Brücken des Dialogs gebaut und Brüderlichkeit gefördert werden und gewährleistet wird, dass sie den Interessen der gesamten Menschheit dient. [...] Daher muss die Entwicklung dieser technologischen Fortschritte mit der Achtung menschlicher und sozialer Werte, der Fähigkeit, mit gutem Gewissen zu urteilen, und dem Wachstum der menschlichen Verantwortung einhergehen. Es ist kein Zufall, dass dieses Zeitalter tiefgreifender Innovationen viele dazu veranlasst hat, darüber nachzudenken, was es bedeutet, Mensch zu sein, und welche Rolle die Menschheit in der Welt spielt.“

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Nach christlicher Auffassung, so das Theologen-Papier, werde der Mensch durch eine spezifische Form definiert, die seine Einheit und Integrität garantiere, sowohl in Bezug auf seine Identität als auch auf sein Handeln, in dem er zu sich selbst wird, und auf das Endziel, in dem er seine Erfüllung findet. Auf der Ebene des Individuums ist es die unsterbliche Seele, die Form gibt, das heißt die Materie in einem lebenden Körper vereint und organisiert und dem Menschen eine Transzendenz verleiht, die der Post- und Transhumanismus weder erreichen noch überwinden kann.

„Die Gestalt des Menschen findet in Christus, dem Gestorbenen und Auferstandenen, ihr Maß und ihre Erfüllung und öffnet sich einem integralen Humanismus, in dem jeder Mensch befähigt ist, sich über sich selbst hinaus zu verwirklichen, kraft der unermesslichen Gabe des Heiligen Geistes. Diese Teilhabe am „ewigen Leben“ in Christus, die in unserem irdischen Dasein beginnt, vollendet sich – wie der Glaube der Kirche bekennt – „in der Auferstehung des Fleisches und im Leben der kommenden Welt“.

Das Leben als Berufung

Im Kapitel über die ganzheitliche Berufung des Menschen stellt das Theologen-Papier fest, dass heute vor allem im Westen eine „Kultur der Nichtberufung“ gefördert werde. Insbesondere in Bezug auf die Erziehung junger Menschen sei festzustellen, „dass es ihrem Lebensverständnis oft an Offenheit für einen letzten Sinn mangelt, sowohl was die Orientierung als auch was die grundlegenden Beziehungen betrifft. Man weiß nicht und erkennt nicht, dass man berufen ist.“

Die Zukunftsplanung beschränke sich auf eine Logik, die die Zukunft im besten Fall auf die Wahl eines Berufs, die wirtschaftliche Absicherung oder die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse reduziere. Das in der Welt vorherrschende anthropologische Modell scheine das der „Person ohne Berufung“ zu sein, deren Einfluss auf die Wahrnehmung des Lebens darin bestehe, sich verloren zu fühlen im Drama einer Existenz, die keinen Sinn finde und keine Hoffnung für die Zukunft habe. Darum sei es gerade die Einladung zu einem „Leben als Berufung“, die einen Horizont eröffnen kann, der über den Anspruch hinausgehe, ein vergängliches „Lebensprojekt“ zu finden, das absolut selbstbegründet sei und letztlich die Angleichung an die vorherrschende Mentalität widerspiegele.

Jeder Mensch ist einzigartig

Doch der Mensch, so halten die Theologen im dritten Kapitel fest, sei kein verlorenes Atom in einem zufälligen Universum, sondern ein Geschöpf Gottes, dem Er eine unsterbliche Seele schenken wollte und das Er seit jeher liebt. „Dieser Blick auf den Ursprung eröffnet einen unendlichen Horizont für das Schicksal des Menschen, der nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen wurde und dazu bestimmt ist, an seiner eigenen Fülle des Lebens teilzuhaben. Eine transzendente Sichtweise des Menschen und seines Schicksals ist notwendig, um mit den richtigen Begründungen den ganzen Wert jedes menschlichen Lebens in seiner gesamten Dynamik zu untermauern.“

Selbst wenn der Mensch davon träume, seine menschliche Natur zu überwinden oder sich auf die Ebene der Tiere zu begeben, handelt er unweigerlich als Mensch. Für den Menschen als geistiges Wesen, das zu einer direkten und unmittelbaren Beziehung zu Gott berufen sei, sei es auf dem Weg zu seiner eigenen Identität von grundlegender Bedeutung, dass jeder Mensch diese einzigartige Stellung im Kosmos und in der Menschheitsfamilie anerkennt.

Positiv stellt das Papier im vierten Kapitel heraus, dass die Begegnung mit dem Menschsein Jesu Christi die eigene Menschlichkeit erhelle. „Vor allem gibt sie uns das Gefühl unserer Freiheit gegenüber dem Ruf des Schöpfers zurück.“ Zwar würden die neuen Technologien eine Ära des tatsächlichen Wandels der menschlichen Existenz abzeichnen, „die sich in den Ängsten der sozialen Vorstellungswelt der Massenkultur und im beunruhigenden Optimismus oder Pessimismus der transhumanistischen und posthumanistischen Bewegungen widerspiegelt“.

Demgegenüber verweise das anthropologische und kulturelle Angebot des Christentums mehr denn je auf eine Auffassung vom Leben als Berufung, „die eine menschliche Art und Weise ermöglicht, Zeit und Raum zu bewohnen und intersubjektive Beziehungen zu begreifen“, was auch zu einem prophetischen Urteil über die beunruhigendsten Aspekte werde, die man im Transhumanismus und Posthumanismus nicht übersehen könne.

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Guido Horst

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