Kommentar um "5 vor 12"

Putins Patriarch

Wenn ein Priester zum politischen Ideologen mutiert, sind politische Sanktionen kein Verstoß gegen die Religionsfreiheit. Darum irrt Orbán, wenn er Kyrill schützt.
Kyrill und Putin
Foto: Alexander Nemenov (POOL AFP/AP) | Kyrill rechtfertigt den Krieg und macht sich zum Vasallen Putins,

Das ukrainische Parlament und die EU-Kommission fordern Sanktionen gegen das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill von Moskau und ganz Russland. Das klingt absurd, ist aber nicht annähernd so verrückt wie die Rolle, in die sich Kyrill vorsätzlich selbst begeben hat. Seit drei Monaten rechtfertigt, verteidigt und propagiert er den blutigen Eroberungs- und Vernichtungskrieg Putins gegen die Ukraine.

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Priester als Politiker

Gewiss, politische Sanktionen gegen einen religiösen Führer scheinen auf den ersten Blick der Trennung von Staat und Religion zu widersprechen. Wenn ein Priester jedoch zum Politiker und politischen Propagandisten mutiert, gelten für ihn auch die Spielregeln der Politik.

Wenn der ungarische Regierungschef Viktor Orbán sich unter Berufung auf die Religionsfreiheit dagegen stemmt, Kyrill in die Sanktionsliste der EU aufzunehmen, irrt er: Weder die Tabak-Geschäfte, die Kyrill reich machten (Insider sprechen von mehreren Milliarden) noch seine imperialistische Begründung des Krieges sind Teil der orthodoxen Religionsausübung. Und damit auch nicht vom Grundrecht auf Religionsfreiheit gedeckt.

System Putin

Nicht gegen die russisch-orthodoxe Kirche, ihre Pastoral oder liturgischen Feiern richten sich die geplanten und geforderten Sanktionen, sondern gegen einen der führenden Ideologen der „russki mir“, der imperialistischen und kolonialistischen Theorie des Kreml. Kyrill hat sich zu einem Teil des „System Putins“ gemacht, also darf und sollte er als solcher behandelt werden.

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