Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Putins Patriarch

Wenn ein Priester zum politischen Ideologen mutiert, sind politische Sanktionen kein Verstoß gegen die Religionsfreiheit. Darum irrt Orbán, wenn er Kyrill schützt.
Kyrill und Putin
Foto: Alexander Nemenov (POOL AFP/AP) | Kyrill rechtfertigt den Krieg und macht sich zum Vasallen Putins,

Das ukrainische Parlament und die EU-Kommission fordern Sanktionen gegen das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill von Moskau und ganz Russland. Das klingt absurd, ist aber nicht annähernd so verrückt wie die Rolle, in die sich Kyrill vorsätzlich selbst begeben hat. Seit drei Monaten rechtfertigt, verteidigt und propagiert er den blutigen Eroberungs- und Vernichtungskrieg Putins gegen die Ukraine.

Lesen Sie auch:

Priester als Politiker

Gewiss, politische Sanktionen gegen einen religiösen Führer scheinen auf den ersten Blick der Trennung von Staat und Religion zu widersprechen. Wenn ein Priester jedoch zum Politiker und politischen Propagandisten mutiert, gelten für ihn auch die Spielregeln der Politik.

Wenn der ungarische Regierungschef Viktor Orbán sich unter Berufung auf die Religionsfreiheit dagegen stemmt, Kyrill in die Sanktionsliste der EU aufzunehmen, irrt er: Weder die Tabak-Geschäfte, die Kyrill reich machten (Insider sprechen von mehreren Milliarden) noch seine imperialistische Begründung des Krieges sind Teil der orthodoxen Religionsausübung. Und damit auch nicht vom Grundrecht auf Religionsfreiheit gedeckt.

System Putin

Nicht gegen die russisch-orthodoxe Kirche, ihre Pastoral oder liturgischen Feiern richten sich die geplanten und geforderten Sanktionen, sondern gegen einen der führenden Ideologen der „russki mir“, der imperialistischen und kolonialistischen Theorie des Kreml. Kyrill hat sich zu einem Teil des „System Putins“ gemacht, also darf und sollte er als solcher behandelt werden.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stephan Baier Europäische Kommission Geistliche und Priester Russlands Krieg gegen die Ukraine Kyrill I. Religionsfreiheit Religiöse und spirituelle Oberhäupter Russisch-Orthodoxe Kirche Russische Regierung Viktor Orbán Wladimir Wladimirowitsch Putin

Weitere Artikel

Russlands Orthodoxie diene neoimperialen Zielen und sei in die aggressive Politik des Kremls integriert, meinen die ukrainischen Kirchen und Religionsgemeinschaften.
29.08.2025, 07 Uhr
Stephan Baier
Viktor Orbán hat sich danebenbenommen und die EU geschwächt. Das sollte für die EU-Kommission kein ausreichender Grund sein, dasselbe zu tun.
17.07.2024, 11 Uhr
Stephan Baier
Taybeh, das letzte vollständig christliche Dorf im Westjordanland, wird zunehmend Ziel gewaltsamer Angriffe durch israelische Siedler. Kirchenführer in Jerusalem kritisieren die Behörden.
30.07.2025, 20 Uhr
Meldung

Kirche

Nur eine geeinte Kirche kann ein „Licht“ für die Völker sein. Auf der Suche nach der verlorenen Einheit hat der Papst mit den Kardinälen angefangen. Und vor den Diplomaten spricht er Tacheles.
09.01.2026, 11 Uhr
Guido Horst
Bei der letzten Sitzung der Synodalversammlung in Stuttgart geht es um Bilanz, Reformperspektiven und den Übergang zur Synodalkonferenz. Ob Rom dem Gremium zustimmen wird, ist weiterhin offen.
09.01.2026, 14 Uhr
Meldung
Die Kardinalsversammlung in Rom ist ohne Ergebnisse oder neue Ideen zu Ende gegangen. Dem Papst ging es darum, das Band der Einheit zu stärken. Aber viele fehlten.
09.01.2026, 10 Uhr
Guido Horst
Mirko Cavar, früher Freikirchler, heute Katholik, lobt die Ökumene bei der MEHR-Konferenz. Er meint, die einzelnen Konfessionen könnten viel voneinander lernen.
08.01.2026, 13 Uhr
Elisabeth Hüffer
Der US-Bischof kritisiert den deutschen Sonderweg und plädiert für eine Synodalität, welche auf pastorale Praxis statt dauerhafte Grundsatzdiskussionen setzt.
09.01.2026, 10 Uhr
Meldung