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„Ein Land ohne Gerechtigkeit kennt keinen Frieden”

Taybeh, das letzte vollständig christliche Dorf im Westjordanland, wird zunehmend Ziel gewaltsamer Angriffe durch israelische Siedler. Kirchenführer in Jerusalem warnen vor systematischer Einschüchterung und einem Schweigen der Behörden, das Gerechtigkeit verhindert.
Kirchturm in Taybeh
Foto: imago stock&people | Wie viel Zeit bleibt den Christen im Westjordanland noch? Das letzte christliche Dorf Taybeh sieht sich derzeit regelmäßigen Siedler-Angriffen ausgesetzt.

Taybeh wurde am Dienstag erneut von israelischen Siedlern gewaltsam angegriffen. In einer gemeinsamen Erklärung äußerten die Patriarchen und Kirchenführer Jerusalems ihre Besorgnis und verurteilten nicht nur die Übergriffe, sondern kritisierten auch das Verhalten der israelischen Behörden scharf.

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„Wir bringen unsere tiefe Besorgnis und unsere entschiedene Verurteilung nach einem weiteren gewalttätigen Angriff auf die christliche Stadt Taybeh zum Ausdruck“, heißt es im offiziellen Statement. Mehrere Fahrzeuge seien in Brand gesetzt, hasserfüllte Graffiti gesprüht worden – das Zeil sei die „Einschüchterung einer friedlichen und gläubigen Gemeinschaft, die im Land Christi verwurzelt ist.“

Nur noch 250 bis 300 Einwohner

Die Existenz des letzten verbliebenen christlichen Dorfes im Westjordanland ist zunehmend bedroht. Nur noch rund 250 bis 300 Menschen leben dort. Viele sind bereits ausgewandert – aus Angst vor Gewalt und aufgrund wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit. Die Bewohner leben heute vor allem vom Olivenanbau und der Produktion von Olivenöl.

Die jüngsten Vorfälle, darunter ein gewaltsames Eindringen maskierter und teils bewaffneter Siedler in die Ortschaft, stellten keinen Einzelfall dar. Vielmehr sei die Gewalt Teil eines „alarmierenden Musters“, so die Kirchenführer. „Sie richtet sich gegen Häuser, heilige Stätten und die Lebensweise der christlichen Gemeinden.“ Besonders erschütternd: Das Feuer erreichte die Mauern der alten Kirche – ein Symbol jahrhundertealter christlicher Präsenz im Heiligen Land.

Die Kirchenführer üben scharfe Kritik an der israelischen Polizei, deren öffentliche Stellungnahmen die Vorfälle auf reine Sachschäden reduzieren und damit, so der Vorwurf, den größeren Zusammenhang systematischer Einschüchterung verschleiern. Verstöße gegen Menschenrechte und internationales Recht – darunter die Religionsfreiheit und der Schutz kulturellen Erbes – würden ignoriert.

Klima der Straflosigkeit

Zusätzlich warnen die Kirchenoberhäupter vor einer „reaktionären Desinformationskampagne“, initiiert von Siedlergruppen als Antwort auf die jüngsten diplomatischen Besuche in Taybeh. Diese Narrative zielten darauf ab, „die Opfer zu diskreditieren und die Bedeutung der internationalen Solidarität herunterzuspielen“ – ein Versuch, die öffentliche Aufmerksamkeit von schwerwiegenden Verstößen gegen internationale Normen abzulenken.

Das „vorherrschende Klima der Straflosigkeit“ gefährde den Rechtsstaat und das Zusammenleben im Heiligen Land, so die Erklärung weiter. Es sei nun Aufgabe des Staates Israel, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, „einen wirksamen und konsequenten Schutz der Bevölkerung von Taybeh und aller gefährdeten Gemeinschaften zu gewährleisten“ und seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen nachzukommen.

Die Kirchenführer schließen mit einem Appell an die internationale Gemeinschaft, nachdem sie den diplomatischen Vertretungen und internationalen Partnern danken, die Taybeh besucht haben, „und sich solidarisch mit seinen Einwohnern gezeigt haben“. Ihre Anwesenheit gebe Hoffnung und moralische Kraft. „Wir bitten Sie dringend, Ihre Unterstützung fortzusetzen. Die Aggression hält an – und so müssen auch unsere gemeinsame Wachsamkeit und unser Gebet für einen Frieden, der auf Gerechtigkeit gründet, anhalten.“ (DT/jg)

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