200 Jahre Karl Marx. Angriff auf die Religion

In allen kommunistischen Diktaturen wird bis heute die Religion unterdrückt. Christen werden verfolgt oder praktizieren ihren Glauben im Untergrund. Was hat Karl Marx selbst dazu gesagt, der vor 200 Jahren in Trier geboren wurde? Ein Blick in seine Schriften zeigt ein materialistisches Menschenbild, das ihn zu Missverständ- nissen über die Religion verleitet hat. Von Alexander Riebel

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Er wollte die Welt verändern – das war sein erklärtes Ziel. Die Religionskritik war eines der Mittel dazu. Der am 5. Mai vor 200 Jahren in Trier geborene Karl Marx schrieb bereits in seinem Abituraufsatz mit dem Thema „Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl seines Berufes“:

„Die Hauptlenkerin, die uns bei der Standeswahl lenken muss, ist das Wohl der Menschheit, unsere eigene Vollendung.“

Ein Angriff auf die Religion, um die Gesellschaft ändern

Die eigene Vollendung sollte über die Befreiung der Menschheit erreicht werden – das werden für Marx im Klassenkampf künftig die Hauptziele sein. Marx wollte die Gesellschaft grundsätzlich ändern und dabei stand ihm die Religion im Wege. Er wollte die Menschen von ihr „emanzipieren“. Dafür hielt Marx einen Angriff auf die Religion für notwendig.

Er konnte mit Blick auf Religionskritiker wie Ludwig Feuerbach oder Bruno Bauer 1843 behaupten: „Für Deutschland ist die Kritik der Religion im Wesentlichen beendet, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“, wie er einleitend zu seiner „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ schrieb. Und das Fundament dieser Kritik sei:

„Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen.“

Solche Behauptungen sind typisch für Marx. Begründete Argumente gegen die Religion wird man bei ihm nicht finden; vielmehr ist er vom Aufdecken von Machtstrukturen getrieben, wodurch er aber das Wesen der Religion verfehlt.

Das, was nach dem Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde als die Essenz des Staates gilt, nämlich dass er von seinen uneinholbaren Voraussetzungen lebe, – diese Voraussetzungen benennt Marx ausdrücklich als den Mangel des Staates. Der Staat im Sinne von Marx muss voraussetzungslos sein, ohne Religion, die der Maßstab seiner Gesetzgebung sein sollte.

Die Überwindung der Religion im real existierenden Sozialismus

Ein Blick in das „Kleine Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Philosophie“ aus der DDR von 1982 zeigt gemäß den Beschlüssen der SED, wie Religion im real existierenden Sozialismus überwunden werden sollte:

„Die Glaubens- und Gewissensfreiheit schließt natürlich auch das Recht der Atheisten ein, ihre wissenschaftliche Weltanschauung aktiv zu vertreten und zu verbreiten. Die wissenschaftlich-atheistische Aufklärungsarbeit, die darauf gerichtet ist, die religiöse Weltanschauung als Form des entfremdeten Bewusstseins zu überwinden und die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Weltanschauung zu verbreiten, erfolgt als geistige Auseinandersetzung, ohne die Gefühle religiöser Menschen zu verletzen.“

Dass man die „Gefühle religiöser Menschen“ nicht verletzen wollte, war in der Theorie leicht gesagt. Wer sich in der DDR zur Religion offen bekannte, hatte es mit der Karriere zumeist schwer. Wie nah das Lexikon an den Gedanken von Marx ist, zeigt sich deutlich bei einem Vergleich mit dessen Schrift „Zur Judenfrage“, in der er sich mit dem Linkshegelianer Bruno Bauer auseinandersetzt.

Für Marx gibt es Religion nur, solange sie privilegiert ist. Das ist sie mit Hilfe des Staates. Also müsse man den Staat verändern, um die Privilegien zu beseitigen, so dass Religion nur noch Privatsache ist; wer aber kann ein erfülltes und rituelles religiöses Leben führen, wenn es nur Privatsache sein darf? Marx wollte Religion solange als Privatsache gelten lassen, bis jeder verstanden habe, dass der wissenschaftliche Atheismus die wahre Lebensform sei.

Ausgerechnet in den nordamerikanischen Freistaaten sah Marx dieses Vorbild verwirklicht, weil diese Staaten vollständig ausgebildet seien und sich nicht mehr theologisch zur Religion verhielten.

Karl Marx und die Menschenrechte

Marx kannte den Gedanken, dass es ein Menschenrecht auf Religion gebe. Wollte er ihn nicht anerkennen? Jedenfalls hatte er ein völlig schiefes Bild von den Menschenrechten. Denn wie spä­ter in der DDR und wohl in allen sozialistisch-kommunistischen Ländern stellte auch Marx schon die Staatsbürgerrechte über die Menschenrechte. Der Mensch hat danach nur Rechte als Bürger des jeweiligen Staates, aber nicht, weil er Mensch ist. Die Menschenrechte sind für Marx „nichts anderes als die Rechte des Mitglieds der bürgerlichen Gesellschaft, das heißt des egoistischen Menschen, des vom Menschen und vom Gemeinwesen getrennten Menschen“.

Marx kannte natürlich den Begriff der bürgerlichen Gesellschaft, der wenige Jahrzehnte vor ihm, etwa bei Kant, als Beschreibung des Zustands gebraucht wurde, in dem jeder nach seinen Fähigkeiten im Leben erfolgreich werden kann; Marx nennt das aber die „zügellose Bewegung der geistigen und materiellen Elemente“, die den Lebensinhalt des „unpolitischen Menschen“ der bürgerlichen Gesellschaft bilden. Er verdreht die Idee der bürgerlichen Gesellschaft in den Vorwurf des Egoismus, weil dieses Verständnis von bürgerlicher Gesellschaft nicht vom atheistischen und alles planenden Staat gelenkt ist.

Für Marx sind die Religion und die Menschenrechte nur Ausgeburten der bürgerlichen Gesellschaft, also des Egoismus. Beide können nur im rein weltlichen Staat überwunden werden, oder wie er sagt, im „politischen Staat“.

In seinem materialistischen Weltbild gab es keinen Platz mehr für die Ideen von Vernunft, Freiheit und Menschenrechten, wie sie zuvor von Kant bis Hegel gedacht wurden. „Keines der sogenannten Menschenrechte“, schreibt Marx, „geht also über den egoistischen Menschen hinaus, über den Menschen, wie er Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, nämlich auf sich, auf sein Privatinteresse und seine Privatwillkür zurückgezogenes und vom Gemeinwesen abgesondertes Individuum ist“.

Marx will gleichermaßen den „christlichen Seligkeitsegoismus“ wie den „Leibegoismus der Juden“ bekämpfen. Die bürgerliche Gesellschaft muss also beseitigt werden:

„Die Konstitution des politischen Staats und die Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft in die unabhängigen Individuen – deren Verhältnis das Recht ist, wie das Verhältnis des Standes- und Innungsmenschen das Privilegium war – vollzieht sich in einem und demselben Akte.“

Und das Ziel heißt:

„Alle Emanzipation ist Rückführung der menschlichen Welt, der Verhältnisse, auf den Menschen selbst.“ In dieser menschlichen Welt sieht Marx keinen Platz mehr für die Religion, daher: „Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.“

Die Kritik von Marx an der Religion

Doch handelt es sich bei Marx nicht einfach um den Kampf gegen die institutionalisierte Religion und ihre Theologie („... von jeher der faule Fleck der Philosophie“). Marx ist subtiler als Feuerbach, der die Religion als sein Hauptthema unabhängig von Strukturen der Arbeitswelt kritisierte.

Wendy Brown, Professorin für politische Wissenschaften an der Universität von Kalifornien, Berkeley, hat in dem Sammelband „Nach Marx“ (Suhrkamp) auf die enge Verwobenheit von Religion und Warenwelt bei Marx hingewiesen. Als aktuelles Thema in der philosophischen Diskussion über Religion hebt sie hervor, dass es nach Marx Säkularisierung, Entsakralisierung und Religion nebeneinander geben kann. Marx als Feind der Religion anzusehen ist für sie das „säkulare Vorurteil“. Entsakralisierung sei für Marx gerade nicht die Überwindung der Religion. Was Brown aber meint, ist ein nur allgemein-religiöser Charakter der Waren, den Marx beschrieben hat. Denn die Ware ist für ihn nicht trivial und selbstverständlich, sondern ihre „Analyse ergibt, dass sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken“.

Wenn etwa Holz zu einem Tisch verarbeitet wird, sei der Tisch zugleich sinnlich und übersinnlich und könne tätig sein wie die Götter und Ideen für neue Welten entwickeln. Um das aber zu erkennen, müssten wir „in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten“. Marx formuliert das in seinem Hauptwerk „Das Kapital“ (ab 1867): Wenn der Tisch „als Ware auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding. Er steht nicht nur mit seinen Füßen auf dem Boden, sondern er stellt sich allen anderen Waren gegenüber auf den Kopf und entwickelt aus seinem Holzkopf Grillen, viel wunderlicher, als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne.“

Muss es aber gleich Metaphysik sein, wenn eine Ware neue Ideen auslösen kann? Marx war davon überzeugt. Sinnlich ist die Ware durch den Gebrauchswert, übersinnlich erscheint sie ihm durch die menschliche Arbeit, oder wie er formuliert, die Dinge werden durch die menschliche Arbeit „beseelt“.

Marx will mit der Rede von sinnlich-übersinnlichen Waren kritisieren, dass die Beziehung zwischen den Menschen nur als Beziehung zwischen Waren erscheinen – die Verhältnisse des Marktes, dem auch die Menschen angehören, haben sich vor die menschlichen Beziehungen geschoben. So verfolgt also Marx die Religion bis in ihre feinsten Verästelungen der Warenproduktion.

Dass der Warenfetischismus – also die sinnlich-übersinnlichen Gegenstände – nichts mit christlicher Theologie zu tun hat, liegt eigentlich auf der Hand. Doch solche Differenzierungen hat Marx nicht so ernst genommen, und heutige Marxisten, wie die zitierte Wendy Brown, sind ebenso großzügig bei der Vermischung von Naturreligion und katholischer Lehre.

Doch glaubte Marx, seine Theorie eng mit der Kritik am Christentum verbinden zu können, in dem Sinne, dass die kapitalistische Produktion verschleiert religiös sei. Die Religiosität der Ware ist für Marx geradezu die Klammer zwischen Ka­­pitalismus und Christentum, wie er es auch in „Zur Judenfrage“ (1843) behandelt. Denn so wie sich das menschliche Verhalten untereinander über die kapitalistisch produzierte Ware ausdrücke, so sei das Verhalten des Staates zur Religion in Wahrheit das Verhalten der Menschen im Staat zur Religion. Der Staat ist demnach nur ein Mittler zwischen den Menschen, wie schon Christus:

„Der Staat ist der Mittler zwischen den Menschen und der Freiheit des Menschen. Wie Christus der Mittler ist, dem der Mensch seine ganze Göttlichkeit, seine ganze religiöse Befangenheit aufbürdet, so ist der Staat Mittler, dem er seine ganze Ungöttlichkeit, seine ganze menschliche Befangenheit verlegt. Die politische Erhebung des Menschen über die Religion teilt alle Mängel und Vorzüge der politischen Erhebung überhaupt.“

Auch im Verhältnis von Mensch und Staat sieht Marx also eine religiöse Grundstruktur, die er beseitigen will, indem er letztlich die Abschaffung des Staates im Kommunismus fordert. Religion, Staat und kapitalistische Warenproduktion sieht er engstens verbunden, er will sie insgesamt überwinden. Auch die SED wollte den Staat nur solange beibehalten, wie es noch den Klassenkampf und die Konkurrenz unter den Staaten gibt. Wenn der Kampf der Systeme beendet sei, dann sei auch der Staat überflüssig und könne in die allgemeine kommunistische Gesellschaft übergehen.

Marx konnte Religion nur im Zusammenhang von Machtverhältnissen denken

Dass Marx Religion nur in Zusammenhängen von Machtverhältnissen denken konnte, zeigt auch sein „Kommunistisches Manifest“ (1848). Die herrschenden Ideen sind hiernach stets die Ideen der herrschenden Klasse gewesen. Weil Marx den Menschen nur als gegenständliches Gattungswesen kannte, nicht wie seit Aristoteles als Vernunftwesen, aber ähnlich wie Nietzsche später die Vernunft leiblich dachte, kann er keine „ewigen Wahrheiten, wie Freiheit, Gerechtigkeit“ denken. Im „Kommunistischen Manifest“ gibt er den Vorwurf seiner Gegner wider: „Der Kommunismus schafft die ewigen Wahrheiten ab, er schafft Religion ab, die Moral, statt sie neu zu gestalten. Marx‘ Antwort lautet: „Worauf bezieht sich diese Anklage? Die Geschichte der ganzen bisherigen Gesellschaft bewegt sich in Klassengegensätzen, die in den verschiedensten Epochen verschieden gestaltet waren.“ Marx konnte die Religion nicht verstehen, weil er von einem leiblichen Materialismus ausging.

Religion ist nur Privatsache

Religion ist für Marx also weder die Voraussetzung noch der Geist des Staates, sondern nur Privatsache. Weil Religion zur Sphäre des Egoismus der bürgerlichen Gesellschaft gehöre und damit zum Kampf aller gegen Alle, ist sie „nicht mehr das Wesen der Gemeinschaft, sondern das Wesen des Unterschieds. Sie ist Ausdruck der Trennung des Menschen von seinem Gemeinwesen, von sich und anderen Menschen geworden – was sie ursprünglich war. Sie ist nur noch das abstrakte Bekenntnis der besonderen Verkehrtheit, der Privatschrulle, der Willkür“.

In welche Verirrungen die Religionskritik des späteren Marxismus geführt hat, zeigen die grausamen kommunistischen Systeme in Europa, Asien und Südamerika. Letztlich werden im Namen von Marx noch heute Christen verfolgt oder sind gezwungen, ihren Glauben im Untergrund zu leben. Marx hat die Religion mit simplen Mitteln kritisiert, die aber äußerst wirkungsvoll waren. In einer immer materialistischer werdenden Weltsicht wird es heute immer wichtiger, sich der Grundlagen der christlichen Kultur zu vergewissern.

Unterschätzung der Gefahr

Doch schon Zeitgenossen von Marx sahen in seinen Ideen nicht wirklich eine Gefahr, wie das Protokoll eines Polizeibeamten von 1854 in Karlsruhe zeigt – aber welch ein Irrtum:

„Dr. Marx. Lebt fort mit seinem kommunistischen Schmutz, hält alle Woche seine Vorlesungen über die erbärmliche Anordnung gegen des ,Mein‘ und ,Dein‘ und hetzt unermüdet. Agitiert in den Kreisen der schmutzigen Handwerker gegen Gott, die bestehende Ordnung und die Reichen – ist aber deshalb nicht gefährlich, weil sein System jeden besser fühlenden zum Ekel sein muss und sich die Gesellschaft, sei sie auch was immer für einer politischen Ansicht ergeben, doch gewiss stets gegen das Ansinnen des Marx mit aller Kraft verteidigen wird.“

Interview mit Professor Splett zur Religionskritik von Marx

Herr Professor Splett, der wohl bekannteste Ausspruch von Marx ist der von der „Religion als Opium des Volkes“. War es nicht naiv von Marx, anzunehmen, dass verbesserte Arbeitsbedingungen die Religion überflüssig machen?

Bei Marx hängt alles an der Unterdrückung der Arbeiter. Wenn diese Machtverhältnisse beseitig wären, dann würden wir die Freiheit erlangen, glaubte er. Auch die Religion ist für ihn Teil der Geschichte der Macht und würde überflüssig werden, wenn es keine Machtverhältnisse mehr gibt.

So kam Marx wohl auch auf die These, der Mensch mache die Religion und nicht die Religion den Menschen?

So ist es. Der eigentliche Kern der Entmächtigung der Menschen liegt nach seiner Auffassung in der Durchsetzung des Religiösen. Und vor allem Engels hat ihn wohl darauf gebracht, dass dies mit der Ausbeutung und die Unterdrückung der Arbeiter Hand in Hand geht.

Wie hängen die Gedanken von Ausbeutung und Religionskritik zusammen?

Durch seine Kritik an Ludwig Feuerbach hat Marx erkannt, dass es nicht nur um die einseitige Kritik an der Religion gehen könne, wie Feuerbach sie unternommen hat. Marx hält diesen Weg für falsch und stellt das Problem der Unterdrückung der Arbeiter in den Vordergrund.

War vor diesem Hintergrund eigentlich die Religionskritik notwendig?

Eigentlich nicht. Marx hat die Religion zwar kritisiert, aber das Problem war ihm eigentlich zu papieren und zu wenig realistisch. Die reale Situation ist tatsächlich die Unterdrückung im Frühkapitalismus, wie er das ja auch in England erlebt hat. Die Religionskritik hielt er zwar für richtig, aber dabei zu bleiben, wäre eben gerade falsch.

Marx hat ja wahrscheinlich als Materialist auch gar nicht die Erkenntnismittel, seine eigene Ideologie der Religionskritik zu durchschauen?

Da stimme ich zu. Die Religion hielt Marx schon für überholt und er hat aus seiner Sicht wahrgenommen, dass die Welt inzwischen anders aussieht. Daher sein Fokus auf die Unterdrückung der Arbeiter.

Wie stand der Jude Marx zum Judentum?

Sein Vater war ja zum Protestantismus konvertiert. Der junge Marx fragte sich, wie sich die Macht Gottes und die Selbstbestimmung des Individuums zueinander verhalten. Er kam zu dem Ergebnis, dass der allmächtige Gott die Selbstbehauptung des Menschen brechen kann. Auch schon in den Gedichten seiner Studienjahre wird deutlich, dass er die Religion beseitigen will, weil Gott einer ist, der seine Größe nur auf Kosten der Menschen gewinnen kann, um sich selbst zu behaupten. Und darum müsse sich der Mensch gegen diese Bedrohung aufbäumen und sie abschütteln. Auch sah er in der Philosophie der Jung-Hegelianer dieses prometheische Licht, wie Marx sagt, das nötig ist, um zu zeigen, dass diese Bedrohung haltlos ist. Für seine Religionskritik brauchte Marx einerseits den Bibelexegeten Bruno Bauer, aber er studiert auch die Philosophien von Hegel und Feuerbach.

Schauen wir auf die Zeit nach Marx. Geht von Marx die weitere Hauptlinie der Religionskritik aus, oder sind das eher Nietzsche oder Psychoanalyse, die dominierend werden?

Das ist eine schwierige Frage. Wenn man die Studenten der sechziger und siebziger Jahre betrachtet, so war es eher eine Mischung von all dem. Nietzsche und Freud haben Marx gewiss ergänzt in ihrer Religionskritik.

Können Sie etwas über den Unterschied der Marx-Rezeption in der Frankfurter Schule und dem Marxismus in Osteuropa sagen?

Das war ja der Schock für die Mitglieder der Frankfurter Schule, dass aus diesem Weg, den Marx eigentlich wollte, nämlich den Arbeitern zu helfen, in Russland nichts geworden ist, sondern dass daraus eine Diktatur wurde. Die Frankfurter Schule musste mit ansehen, dass Marx missbraucht wurde, um Menschen zu erpressen und zu unterdrücken. Also mussten die Frankfurter einerseits gegen das sowjetische System auftreten und andererseits gegen autoritär unterdrückte Deutsche mit dem Hintergrund des Nationalsozialismus. Dieser doppelte Kampf gab dann diese merkwürdige Mischung, die so schwierig ist.

Spielt denn die Religionskritik von Marx sonst heute eine Rolle? Etwa in der Befreiungstheologie?

Ich habe den Eindruck, dass das ein Stück verschwunden ist. Die Menschen in Lateinamerika hatten versucht, auf den humanistischen Marx zurückzugehen. Deswegen haben sie ja dann auch vor allem die frühen humanistischen Texte wie die sogenannten Pariser Manuskripte aufgenommen.

Wie ist es denn in Nordkorea oder China? Sehen Sie da noch eine enge Anlehnung an Marx oder ist das schon eher durch Mao geprägt?

Das halte ich eher für die asiatische Variante des Marxismus. Mao hat die Schriften von Marx für seine Zwecke umgedeutet, woraus der spezifische asiatische Kommunismus entstanden ist. Für Nordkorea gilt das ähnlich.