150. Todestag

Ludwig Feuerbachs Bruch mit der Theologie

Ludwig Feuerbach gab sich selbst als Gottsucher aus, doch in seiner radikalen Religionskritik bleibt für das biblische Christentum kein Raum.
Ludwig Feuerbach forderte die Alleinherrschaft der Vernunft gegenüber dem Glauben
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Feuerbach forderte die Alleinherrschaft der Vernunft gegenüber dem Glauben, die Einheit beider lehnte er strikt ab.

Der Name Ludwig Feuerbach (1804-1872) steht für Atheismus. Da hilft es dem Klassiker dieser Lehre auch nicht, wenn er sein Leben lang über Gott geschrieben hat. Denn den Gott des Christentums hatte er nicht im Sinn, weil für ihn der Gegenstand des religiösen Bewusstseins mit dem Selbstbewusstsein zusammenfalle, das heißt für Feuerbach: "Das göttliche Wesen ist nichts anderes als das menschliche Wesen", oder: So wie sich der Mensch versteht, so ist sein Gott. Dieser religiöse Relativismus hat seine Wurzeln in Feuerbachs Denken und in seiner Biographie. 

Dem jungen Theologiestudenten genügte 1824 sein Fach nicht mehr, er wechselte von Heidelberg nach Berlin, um Hegels philosophische Vorlesungen zu hören. Das war für Feuerbach ein früher Bruch mit der Theologie, die er nun als partikular ansah gegenüber der universellen Philosophie. "Die Theologie", schrieb er damals, "kann ich nicht mehr studieren - sie ist mir abgestorben und ich in ihr. Palästina ist mir zu eng, ich muss, ich muss in die weite Welt, und diese trägt bloß der Philosoph auf seinen Schultern." Feuerbach forderte geradezu die "Alleinherrschaft der Vernunft" und die "Religionswahrheit" solle sich nicht als eine "zweite Wahrheit" aufführen.  Feuerbachs Mutter Eva Wilhelmine teilte seine Religionskritik. 

Er kritisiert die Rede von religiösen Gefühlen

Die Rede von religiösen Gefühlen kritisierte Feuerbach in seiner Schrift "Das Wesen des Christentums" (1843) scharf: "Ist zum Beispiel das Gefühl das wesentliche Organ der Religion, so drückt das Wesen Gottes nichts anders aus, als das Wesen des Gefühls." So ist die alltägliche Rede von religiösen Gefühlen nicht gemeint, Feuerbach mischt aber in seine Religionsphilosophie, die letztlich auf allgemeine Erkenntnisse abzielt und nicht im Individuellen des Gläubigen bleibt, immer Reflexionen mit hinein. Wo nur das religiöse Gefühl das Organ für das Göttliche sei, da nennt Feuerbach das Gefühl "atheistisch", weil der "objektive" Gott geleugnet werde und das Gefühl sich selbst Gott ist. Was Feuerbach mit seinen Überlegungen zum Gefühl eigentlich stützen will, ist seine Auffassung, dass das, was subjektiv auf den Menschen zutrifft, auch für Gott gilt.

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Gegen Feuerbach selbst wurde aber auch schon bald der Vorwurf des Atheismus erhoben, den er von sich zu weisen versuchte, während er seine Orientierung am Menschen als neue Anthropologie verstand - seine ganze Leidenschaft galt dem Menschen; "indem ich die Theologie zur Anthropologie erniedrige, erhebe ich vielmehr die Anthropologie zur Theologie", meinte Feuerbach. Doch wer die wahre Theologie im Blick hat, kann diese Aussage nur als Augenwischerei ansehen. Und das bestätigt Feuerbach ja auch selbst immer wieder wie in der Einleitung zur zweiten Auflage von "Das Wesen des Christentums", in der er auf die Kritik zur ersten Auflage reagiert: "Ich habe die ruchlose Frechheit gehabt, das von den modernen Scheinchristen vertuschte und verleugnete wahre Christentum aus dem Dunkel der Vergangenheit wieder ans Licht zu holen, aber nicht in der löblichen und vernünftigen Absicht, es als das Nonplusultra des menschlichen Geistes und Herzens hinzustellen, nein! In der entgegengesetzten. In der ebenso ,törichten' - als ,teuflischen' Absicht, es auf ein höheres, allgemeineres Prinzip zu reduzieren", wodurch er zum Fluch der Theologen geworden sei. Dieses allgemeine Prinzip ist jedoch für Feuerbach nichts anderes als die Gattung Mensch; durch die Gattung unterscheidet sich der Mensch vom Tier, das keine Gattungsfunktion verrichten könne ohne ein anderes Individuum. Der Mensch aber kann das durch Denken und Sprache.

Gott als Ebenbild des Menschen

Damit ist für Feuerbach, das lernte er von seinen idealistischen Vorgängern in der Philosophie wie Hegel, der Mensch keineswegs nur das endliche gebrechliche Wesen: "Bewusstsein ist das charakteristische Kennzeichen eines vollkommenen Wesens; Bewusstsein ist nur in einem gesättigten, vollendeten Wesen." Dieses Wesen des Menschen ist für Feuerbach zugleich das Wesen Gottes, nur habe der Mensch das bisher nicht erkannt, denn das göttliche Wesen sei ja nichts anderes als das Menschliche, weil es nach Feuerbach davon abhängt, welches Bild sich der Mensch von Gott macht.   

Aus der anthropologischen Sicht Feuerbachs folgt demnach, dass es nicht Gottes eigener Entschluss war, Mensch zu werden, vielmehr sei dies aus der "Not" und dem "Bedürfnis des Menschen" geschehen. Und mehr noch, das geheimnisvolle Ereignis, von dem auch Feuerbach spricht, ist für ihn keine "Herablassung Gottes zum Menschen", vielmehr gehe dieser die "Erhebung des Menschen zu Gott voraus". Diese Meinung gipfelt darin, dass Gott das Ebenbild des Menschen sei - wo es kein Urbild gibt, gibt es für Feuerbach auch kein Abbild oder Ebenbild. "Der Mensch war also schon in Gott, war schon Gott selbst", ehe Gott Mensch geworden ist. Später wird Feuerbach sogar sagen, Gott sei das Produkt menschlicher Wünsche: "Der Wunsch ist der Ursprung, ist das Wesen selbst der Religion." Solche Gedanken haben es Medizinern und Naturwissenschaftlern schon vor Charles Darwin leicht gemacht, ihre Lehren ohne Transzendenz und die Annahme von Übersinnlichem zu formulieren. In der Feuerbach-Forschung spricht man sogar von einer "Theorie des Wunsches", die der dem Deutschen Freidenkerbund nahestehende Feuerbach entwickelt hat. Im Wunder sieht er das Wesen des Christentums geradezu bestätigt, denn es sei "realisierter Wunsch. Gott erfüllt diesen Wunsch, erfüllt, was der Mensch wünscht und bedarf." Und was der Mensch wünsche, sei das Glück für die Seele und den Leib. 

Auseinandersetzung mit Hegels Religionsphilosophie

Zwar gehörte zu den Vorbereitungen zu Feuerbachs bekanntestem Werk "Das Wesen des Christentums" die Auseinandersetzung mit Hegels Religionsphilosophie; denn der unterschied ein vorstellendes Denken der Religion, anschaulich und in Gleichnissen, vom begrifflichen Denken der Philosophie, die anders als die Religion einen Begriff von sich selbst habe, ganz aristotelisch. Aber entscheidend waren dann Feuerbachs Studien zu einer Monographie über den französischen Philosophen Pierre Bayle. Der sei nämlich zu einem "wesentlichen und interessanten Widerspruch" gekommen, der der "charakteristische Widerspruch der christlichen Welt überhaupt" sei: der "zwischen Glaube und Vernunft".

An einen Freund schrieb Feuerbach 1839: Was ist der letzte Grund unserer geistigen und politischen Unfreiheit? Die Illusionen der Theologie." Feuerbach wird in diesen Jahren immer schärfer gegen Religion und Theologie.  Auch mit Hegel bricht er, weil dieser die Religion noch als Thema der Philosophie zugelassen habe und sie nicht entschieden trenne; denn für Hegel hatten Philosophie und Religion denselben Inhalt, nur die Form unterscheide sich, eben in Vorstellung und Begriff. In Anlehnung an Kants "Kritik der reinen Vernunft" wollte Feuerbach nun eine "Kritik der reinen Unvernunft" über das Christentum schreiben, unter dem Maßstab seiner "Vernunftphilosophie".

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Feuerbach reiht sich damit in die Gruppe der Linkshegelianer ein, wie Bruno Bauer, Moses Heß, Max Stirner, Marx oder Engels. Sie hatten insgesamt die Religionskritik auf ihre Fahnen geschrieben. Damit verschiebt sich aber auch die Betrachtung der Religion zur Frage nach der Sinndeutung von Religion, also zur Religionsphilosophie. Schleiermacher hatte bereits provokativ formuliert, es gehe nicht um die Frage, ob es Gott gebe oder nicht, sondern um die Sinndeutung von Religion als gesellschaftlichem Phänomen; so sahen das wohl auch die Zeitgenossen Feuerbachs. Das Ergebnis war bei ihnen, dass diese Religionsphilosophie Religion nicht als durch göttliche Offenbarung gestiftet verstanden hat, weil dies sonst keine Philosophie sei, und auch zu ganz anderen Aussagen kommen konnte, als sie aus der Religion selbst bekannt sind. (24)49 Anders Feuerbach, der die Religion aus sich selber sprechen lassen und ihr "behutsamer" Dolmetscher sein wollte.  Doch eben um den Preis, dass die Religion sich erst in der Religionsphilosophie Feuerbachs bewusst werde. 

Sinnlichkeit als ontologisches Prinzip

Dieses Bewusstsein sollte schließlich in Feuerbachs "neue Philosophie" münden, in der er die Sinnlichkeit zu einem geradezu ontologischen Prinzip erhob. Sein Ziel, das im Kern die Religionskritik verschärfte, war "die Menschen aus Theologen zu Anthropologen, aus Theophilen zu Philanthropen, aus Kandidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits, aus religiösen und politischen Kammerdienern der himmlischen und irdischen Monarchie und Aristokratie zu freien, selbstbewussten Bürgern der Erde zu machen". Von solch aufklärerischen Träumen war es nicht mehr weit zu Feuerbachs Kritik an der Christologie, in der sich der Gläubige nur auf sein Gemüt konzentriere, in der Christus die "Realität aller Herzenswünsche, die Himmelfahrt der Phantasie, das Auferstehungsfest des Herzens" sei. 

Was Feuerbach in den Phasen seiner Philosophie immer wieder, anders als heutige Atheisten, als Gottsuche ausgab, war schon für seine Zeitgenossen und Nachfolger als entschiedene Religionskritik durchschaubar. Den wohl größten Einfluss hatte er auf Karl Marx, der 1844 schrieb, "von Feuerbach datiert die erste humanistische und naturalistische Kritik". Nietzsche hatte "Das Wesen des Christentums" auf seinem Wunschzettel zum 17. Geburtstag und Gottfried Keller widmete Feuerbach im "Grünen Heinrich" das Kapitel "Der gefrorene Christ"; auch Siegmund Freud nahm Gedanken von Feuerbach auf und für Max Scheler war er ein "großer Triebpsychologe". Doch durch den schnellen Aufstieg der Philosophie Schopenhauers wurde Feuerbach bald ins Abseits gedrängt, auch seine politischen Versuche, wie im Sinne der März-Revolution von 1848 für die Frankfurter Nationalversammlung zu kandidieren, scheiterten. Am 13. September 1872 starb Ludwig Feuerbach an einer Lungenentzündung. 

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