Transhumanismus : Die Religion des Teufels

Der Transhumanismus ist eine Religion, die sich als Wissenschaft tarnt. Mit einer Fachtagung beleuchtet der Bundesverband Lebensrecht die Pläne der Menschenoptimierer.
Evolutionsstufe der Menschheit durch die Fusion mit Technologie
Foto: pixabay/papa osmosis | Transhumanisten gehen davon aus, dass die nächste Evolutionsstufe der Menschheit durch die Fusion mit Technologie erreicht wird.

Mehr Fortschritt wagen“. Unter dieses Motto hat die Koalition von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP ihren Koalitionsvertrag gestellt. Im Abschnitt „Reproduktive Selbstbestimmung“ versammeln die Ampelkoalitionäre darin gleich eine ganze Reihe von Vorhaben, die aus Sicht von Lebensrechtlern nicht nur keinen Fortschritt darstellten, sondern gar geeignet seien, „die Grundlagen unserer Zivilisation“ infrage zu stellen, wie es die Vorsitzende des Bundesverbands Lebensrecht (BVL), Alexandra Linder vergangenen Samstag in Leipzig formulierte.

In die Goethestadt hatte der BVL anlässlich der Eröffnung der „Woche für das Leben“ (30.4.-7.5.) zu einer Fachtagung über den Transhumanismus geladen. Die „Woche für das Leben“ selbst wird seit 1994 von der Deutsche Bischofskonferenz (DBK) gemeinsam mit der EKD ausgerichtet. 1991 war sie von DBK und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) ins Leben gerufen worden, um „für den Schutz des ungeborenen Lebens“ zu werben. Auch wenn es nicht einfach ist, den trotz signifikantem Rückgange im vergangenen Jahr nach wie vor massenhaft durchgeführten vorgeburtlichen Kindstötungen über drei Jahrzehnten jedes Jahr neue Aspekte abzuringen, ist die ursprünglich intendierte Werbung „für den Schutz des ungeborenen Lebens“ längst einem ökumenischen Streichelzoo gewichen, der nur noch Themen zweiter und dritter Ordnung auf den Schild hebt und bei dem sich die Vertreter der jeweiligen Konfessionen vor allem gegenseitige Wertschätzung zu versichern pflegen. Mit anderen Worten: nichts, was eine durchsäkularisierte Welt tatsächlich herausforderte oder gar zur Auseinandersetzung zwänge.

„Bündnis für Selbstbestimmung“

Und so war es denn wohl auch kein Zufall, dass sich die Proteste, zu denen ein „Bündnis für Selbstbestimmung“ am Samstag in Leipzig aufgerufen hatte, allein auf die Fachtagung der Lebensrechtler konzentrierte und die Eröffnungsveranstaltung der beiden christlichen Konfessionen in der Nikolaikirche unbeachtet ließ. Rund 200 Demonstranten hatten sich vor der „Alten Börse“ auf dem Naschmarkt eingefunden, um lautstark gegen eine Veranstaltung zu protestieren, die sich mit einer Ideologie befasste, die aus Sicht von Lebensrechtlern nicht weniger als eine „grundsätzliche Neubewertung menschlichen Lebens“ im Gepäck führt. Mit dem Wiener Philosophen Thomas Sören Hoffmann, der Bremer Sozialwissenschaftlerin Susanne Hartfiel und dem Münsteraner Labormediziner 00 standen gleich drei Experten bereit, um den Transhumanismus interdisziplinär zu durchleuchten.

Den Auftakt machte Hoffmann, der an der Fernuniversität Hagen Praktische Philosophie mit den Schwerpunkten Ethik, Recht und Ökonomie lehrt. Hoffmann, der im vergangenen Jahr für seine Forschungen auf dem Gebiet der Bioethik mit dem „Fritz Jahr Award“ der kroatischen Universität Rijeka ausgezeichnet wurde, erinnerte die rund einhundert Teilnehmer (40 vor Ort, 60 per Livestream) an eine „anthropologische Grundtatsache“. Anders als das Tier, lebe der Mensch „in einer Spannung“, die über ihn selbst hinausweise. Kein Tier stelle die Umwelt, in die es sich füge und die ihm wesensmäßig verbunden sei, infrage. „Tiere“, so Hoffmann, „transzendieren ihre Biosphäre nicht. Sie gehen in ihr auf.“ Entsprechend bestehe die „Perfektionierung des Tieres allein darin, sich seiner Umwelt optimal anzupassen“. Der Mensch hingegen dränge über alle Grenzen hinaus, die ihm von der Natur zunächst gesetzt zu sein scheinen. Seine Perfektionierung bestehe darin, sich „über seine gegebene Umwelt hinaus zu vervollkommnen“. Das „Nicht-Zuhause-Sein“ des Menschen in der Welt gründe letztlich in dessen vernunftbegabter Freiheitsnatur. Kraft derer könne der Mensch „auf sich selbst und auf die Welt auch von außen schauen“. Dieses „Über-den-Dingen-Stehen“, zu dem kein Tier in der Lage sei, ermögliche es dem Menschen auch, zu erkennen, dass er selbst nicht eines der Dinge sei, über denen er stehe. Und indem er „sich so besinnt, wird er sich seiner Freiheit bewusst“. „Frei sein“ bedeute, so Hoffmann weiter, neben anderem auch: „kein Ding unter Dingen zu sein“.

Ding unter Dingen

Was es bedeute, „kein Ding unter Dingen“ zu sein, illustrierte Hoffmann mit einem Verweis auf den italienischen Renaissance-Philosophen Pico della Mirandola. Der lässt in seiner Rede „De hominis dignitate“ (dt.: Über die Würde des Menschen) Gott zu Adam sagen: „Mitten in die Welt habe ich dich gestellt, damit du um so leichter um dich schauest und sehest alles was darinnen ist. Ich schuf dich als ein Wesen, weder himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich allein, damit du dein eigener freier Bildner und Überwinder seiest; du kannst zum Tier entarten und zum gottähnlichen Wesen dich wiedergebären … Du allein hast eine Entwicklung, ein Wachsen nach freiem Willen, du hast Keime eines allartigen Lebens in dir.“

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Nach Pico ziele der Mensch, so Hoffmann, „in seiner Spannung über sich hinaus auf eine Annäherung an Gott“. Zu dieser könne er „nur durch seinen Freiheitsgebrauch im Sinne einer moralischen Läuterung gelangen“. Anders als das Tier stehe der Mensch „mit seiner ganzen Existenz vor einer ethischen Aufgabe, ja seine Existenz ist eine ethische Aufgabe“ und werde „wo immer dies ausgeblendet wird, gar nicht als menschliche Existenz wahrgenommen“. Aus dieser „existenziellen Spannung“ habe die klassische europäische Geistesgeschichte geschlossen, es sei Aufgabe von Philosophie und Theologie sowie von Pädagogik und Aufklärung, „Menschen zu einem selbstbestimmten Leben anzuleiten“, das sich aus den „Prinzipien Vernunft und Freiheit“ speise.

Perfektion und Funktionalität

Im Gegensatz dazu gehe es den Transhumanisten nicht mehr um eine vernunftbegabte, selbstbestimmte Entfaltung des Menschen, die auf ein umfassend gutes Leben ziele. „Vielmehr soll ein als Ding aufgefasster Mensch nach den Maßstäben technischer Perfektion und Funktionalität optimiert werden“. Das sei, so Hoffmann, ein „Kulturbruch“. Sollte sich dessen Programm erfüllen, würden wir „erkennbar übler geraten, als die Fellachen und Sklaven voraufgeklärter Zeit es waren“. Diese seien zwar darauf reduziert worden, „nützliche Biomasse zu sein“. Gleichwohl hätten ihre vermeintlichen Herren aber nicht versucht, „diese Biomasse selbst noch einmal zu manipulieren und zu optimieren“. In einem bestimmten Sinne sei auch „das reine Leben des Rechtlosen“ immer noch „heilig und dem Zugriff der Massen entzogen“ gewesen. Davon wüssten „die Menschenoptimierer von heute“ nichts mehr.

Im Anschluss an Hoffmann zeigte die Bremer Sozialwissenschaftlerin und Sozialpädagogin Susanne Hartfiel, deren Buch „Die Neuerfindung des Menschen“ vergangenes Jahr im Augsburger Dominus-Verlag erschien, dass Transhumanisten letztlich die Übernahme einer Rolle beanspruchten, die nach christlichem Verständnis nur Gott zukommt. Ausgehend von Annahmen, wie denen, dass Gott nicht existiere oder irrelevant, der Mensch „ein defizitäres Zufallsprodukt der Evolution“ sei, Welt und Mensch sich „in ständiger Entwicklung zum immer Höheren und Besseren“ befänden, strebten Transhumanisten danach, den Verlauf des Evolutionsprozesses zu lenken, Menschen genetisch zu optimieren oder gar zu Mischwesen aus Mensch und hochentwickelten Computersystemen umzugestalten.

Immenser Schaden durch Menschenexperimente

Die „Hauptgefahren“ des Transhumanismus erblickte Hartfiel in dem immensen „Schaden“, der durch transhumanistische Menschenexperimente verursacht werden könne, in der „Zusammenführung, Vernetzung und Zentralisierung großer Datenmengen“, die „Menschen und Prozesse messbar, kontrollierbar und manipulierbar“ machten, was wiederum in einen „Totalitarismus münden“ könne sowie die Schaffung einer Gesellschaft, in der „Grund- und Menschenrechte aufgehoben“ seien, ohne die sich der Transhumanismus nicht verwirklichen lasse. Anders als für Christen, die zum Beispiel an den zehn Gebote, der Bergpredigt, oder der goldenen Regel Maß nähmen, gebe es für Transhumanisten auch keine allgemein gültigen ethische Prinzipien. Solche seien vielmehr stets auszuhandeln und an die jeweiligen technologischen und gesellschaftlichen „Notwendigkeiten“ anzupassen.

Den Schlusspunkt setzt der Münsteraner Labormediziner Paul Cullen. Der überraschte mit dem Hinweis, dass die dem Transhumanismus zugrunde liegende Idee viel älter sei als der von dem britischen Biologen Julian Huxley (1887-1975) geprägte Begriff. Die Vorstellung, der Mensch könne die Grenzen des natürlichen Seins zu überwinden, ließe sich bis in die Altsteinzeit und zu den ersten von Menschenhand geschaffenen Artefakten zurückverfolgen. Heute strebten Transhumanisten mithilfe der sogenannten GRIN-Technologien danach, die „anthropologischen Grenzen des Menschen zu überwinden“ und neue, „posthumane Wesen“ zu schaffen. GRIN ist ein aus Anfangsbuchstaben gebildetes Akronym und steht für die Wissenschaftszweige Genetik, Robotik, Informationstechnologie und Nanotechnologie. Im Transhumanismus, den Cullen als eine „Religion“ kennzeichnete, die sich als Wissenschaft „tarne“, habe „der Mensch, wie wir ihn kennen, keinen Platz mehr“. Kurzfristige Ziele des Trans- humanismus seien die Verlängerung der Lebenserwartung, die Steigerung menschlicher Intelligenz sowie die Überwindung physischer und psychischer Grenzen. Mittelfristig strebten Transhumanisten nach der Verschmelzung von Mensch und Maschine. Langfristig gehe es um das Erreichen von Unsterblichkeit.

Utopische Ziele

Die Gefahr, die von Transhumanisten ausgehe, beruhe weniger auf den von ihnen anvisierten Zielen, die Cullen als „größtenteils utopisch“ bezeichnete, als vielmehr auf dem Einfluss, den ihre führende Köpfe besäßen. Ihre Anführer lehrten an bedeutenden Universitäten, leiteten große Forschungsinstitute und Unternehmen und pub- lizierten einflussreiche Bestseller. Unter ihnen seien so bekannte Forscher und Autoren wie der australische Kognitionswissenschaftler Rodney Brooks, Autor des Buches „Menschmaschinen“ und lange Zeit Direktor des Laboratoriums für Künstliche Intelligenz am „Massachusetts Institute of Technology“ (MIT), der Nanotechnologe Eric Drexler, der Computerspezialist Ray Kurzweil, der als „Leiter der technischen Entwicklung“ im Vorstand von Alphabet Inc., dem Mutterkonzern von Google, die Strippen zieht. Auch der österreichische Robotikprofessor Hans Moravec, der Biophysiker Gregory Stock oder der Zukunftsforscher Yuval Noah Harari („Homo Deus“) müssten zu den Transhumanisten gezählt werden. Mit Elon Musk habe sich kürzlich sogar der derzeit reichste Mann der Welt zum Transhumanismus bekannt. Und mit der von dem schwedischen Philosophen Nick Bostrom 1998 ins Leben gerufenen „World Transhumanist Association“ (WTA), die später in „Humanity +“ umbenannt worden sei, verfügten die Transhumanisten zudem über eine Dachorganisation, die regelmäßig aufsehenerregende internationale Konferenzen organisiere.

Am Ende blieb nicht einmal die Frage offen, wessen „Religion“ (Cullen) der Transhumanismus sei. Nicht nur, weil Hoffmann in der „Alten Börse“, die nur einen Steinwurf von „Auerbachs Keller“ entfernt liegt, zuvor ausführlich Wagners Dialog mit dem Homunculus in Goethes Faust zitiert und die Laboratoriumsszene entschlüsselt hatte. Nicht nur, weil Hartfiel die Erschaffung von trans- und posthumanistischen Wesen, als eine „Wiederholung der Erbsünde“ gekennzeichnet hatte. Sondern auch, weil ein Teilnehmer es im Flur-Gespräch mit anderen so formulierte hatte: „Gott hat uns dazu geschaffen, Dinge zu gebrauchen und Menschen zu lieben. Der Teufel aber will uns dazu bringen, Dinge zu lieben und Menschen zu gebrauchen.“ Man fühlte sich an C.S. Lewis erinnert, der einst in „Die Abschaffung des Menschen“ schrieb: „Die Macht des Menschen, aus sich zu machen, was ihm beliebt, bedeutet die Macht einiger weniger, aus anderen zu machen, was ihnen beliebt.“

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