Transhumanismus

Transhumanismus: Gott wurde Mensch – wozu will der Mensch Gott werden?

Die Digitalisierung nimmt Schwung auf. Mehr Fortschritt will die Bundesregierung wagen. Auf welcher geistigen Grundlage aber soll solch ein Wagnis eingegangen werden? Theologische Überlegungen zu der Philosophie des Transhumanismus.
Dem Transhumanismus wohnt ein nihilistischer Impetus inne
| Dem Transhumanismus wohnt ein nihilistischer Impetus inne, der unserer Kultur auf die Dauer gefährlich werden dürfte.

Genauer betrachtet, ist die Philosophie des Transhumanismus in sich keineswegs einheitlich. Manche Denker unserer Zeit halten sie für hochinteressant, manche für hochgefährlich. In vielfacher Hinsicht bildet sie das innere Rückgrat der digitalen Transformation, deren politisch gängige Bejahung sich eigentlich nicht von selbst versteht. Denn ihre Grundlagen sind weder philosophisch noch theologisch wirklich ausdiskutiert; vielmehr ist die Debatte gerade erst so richtig in Gang gekommen. Dabei fällt auf, dass sich theologisch zwei Grundrichtungen in der Argumentation abzeichnen – eine deutlich warnende und eine erkennbar freundlich eingestellte. Sichtlich hängen diese unterschiedlichen Haltungen in Theologie und Kirche zum Thema davon ab, wie weit der jeweilige Weitblick reicht. Und das wiederum hat durchaus damit zu tun, wie genau oder ungenau man die Konzepte des Transhumanismus wahrnimmt.

Im Gegensatz zur verwandten Philosophie des Posthumanismus möchte der Transhumanismus den Humanismus als menschenzentrierte Weltsicht weniger entschlossen hinter sich lassen, ihn vielmehr im Zuge technischer Weiterentwicklung der menschlichen Kultur auch bewusst ein Stück weit bewahren. Der Mensch wird nicht als ein schlechthin Vorläufiges betrachtet, das dank des Fortschritts schließlich zu transzendieren wäre, sondern sozusagen als werthaltige und zu respektierende Basis für die weitere Evolution. Transhumanisten sehen sich insofern in der Tradition des Renaissance-Humanismus und der Aufklärung: Sie wollen alle Wissenschaften fördern, die den Menschen als solchen stärker, intelligenter, gesünder und glücklicher zu machen versprechen, also etwa Neurowissenschaften, Genomik, Robotik, Nanotechnologie und die sogenannte künstliche Intelligenz. Fast könnte man sagen, der Mensch stehe hier im Mittelpunkt; doch bei dieser Perspektive bleibt es nicht.

Die zur Weltanschauung erhobene Scham des Menschen

Ist nicht der Transhumanismus, wie Konrad Lehmann einmal gesagt hat, die zur Weltanschauung erhobene Scham des Menschen angesichts der immer überragenderen Leistungsfähigkeit der Maschinen? Es geht hier um mehr als nur um einen technisch aktualisierten Humanismus, nämlich bei allem Anknüpfen an humanistische Traditionen um deren erfolgreiches Übersteigen, eben um Transhumanismus. Und das natürlich im globalen Maßstab: Unter Einfluss weltweit vernetzter „Transhumanistischer“ Parteien und Organisationen soll eine total digitalisierte Weltzivilisation entstehen, wobei eine sie dereinst beherrschende „Superintelligenz“ selbstverständlich nicht ausgeschlossen wird.

Wenn manche heutigen Theologinnen und Theologen diese Form des Transhumanismus tendenziell gutheißen, dann tun sie das auf der Basis einer entschiedenen Bejahung des Menschen als des von Gott gewollten und beauftragten Gegenübers mit eigener schöpferischer Vollmacht. Im technischen Zeitalter mutet es ganz natürlich an, dass sich die menschliche Kreativität in einer Kultur der stetig weiterentwickelnden Technik auslebt. Sofern idealistischer Impetus die Theologie bewusst oder unbewusst antreibt, wird im menschlichen Streben und kulturellen Wachstum gar der Geist Gottes selbst am Werk gesehen. Und da mittlerweile unter der Vorherrschaft liberaler Theologie an den Universitäten der protestantische Kulturprotestantismus gewissermaßen wieder neu erblüht ist, versteht sich theologisches Denken nur allzu gern als im Dienst der heutigen digitalen Kultur stehend. So fragt der 2020 verstorbene Zürcher theologische Ethiker Markus Huppenbauer: „Käme theologischerseits in dieser Debatte nicht weiter, wer im Hinblick auf die Selbsttransformation des Menschen nicht zu früh Selbsterlösung wittert?“ Damit wird das transhumanistische Programm ein Stück weit verkürzt wahrgenommen, als gehe es ihm nicht oder kaum um solche Aspekte technisch basierter Selbsterlösung und Selbstvervollkommnung. Bezeichnend ist doch, dass diese Ideologie bisheriges Menschsein als noch recht defizitär eingestuft und ihre Kritiker abwertend als „Biokonservative“ bezeichnet, weil die das Leben im Prinzip so erhalten wollen, wie es ist.

Positive Bereicherung der Anthropologie

Auch die katholische Theologin Caroline Helmus bietet ein Beispiel für eine dem Transhumanismus gegenüber eher freundliche Einstellung. Ihre 2020 veröffentlichte Dissertation wägt die Chancen und Grenzen eines Dialogs mit ihm ab und verwahrt sich am Ende dagegen, ihn pessimistisch mit dem „Untergang“ des Menschen zu assoziieren. Da Technik integrativer Bestandteil des Selbstseins sei und unser Verhältnis zur Welt mit ermögliche, eröffne sich transhumanistisch eine nicht zu unterschätzende positive Bereicherung der Anthropologie. Zwar erkennt Helmus durchaus, dass jene Philosophie ein rein naturalistisches und dabei normativ gemeintes Menschenbild bietet, das auf metaphysische Annahmen zu verzichten scheint und mit seinem Optimierungsparadigma das Menschsein durch Funktionalität und Nützlichkeit definiert. Doch während sie deshalb nicht umhin kommt, die Fraglichkeit von Versuchen einer Harmonisierung gegenüber dieser Philosophie einzuräumen, liest sich ihre Studie über weite Strecken just als ein solcher Versuch.

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Einigermaßen konträr stehen die Ausführungen des katholischen Dogmatikers Johannes Hoffzum Thema: Sie machen rund die Hälfte seines umfangreichen Buches „Verteidigung des Heiligen“ (2021) aus. Er findet klare Worte: „Der Diskurs des Transhumanismus bündelt den ideologischen Überbau einer von Megakonzernen getriebenen ökonomischen Agenda, die die sozialen, politischen und kulturellen Errungenschaften unserer Zivilisation untergräbt.“ Der eigentlich rückwärtsgewandte Technik- und Wissenschaftsglaube der Transhumanisten hindere sie, „über die Risiken und Nebenwirkungen hemmungsloser ökonomisch-technischer Innovationsentscheidungen gewissenhaft nachzudenken.“ Überhaupt sei der Mensch „kein Rechenprogramm, das sich nach Belieben updaten lässt.“ Transhumanistisches Denken relativiere das für aufgeklärte Zivilisationen grundlegende Prinzip der unverfügbaren Würde von Personen und tendiere dazu, das Phänomen der Leiblichkeit zu verniedlichen, was eine reduktionistische Anthropologie zur Folge habe. Die „Stimme des Herzens“, die sich auch auf das Heilige richten könne, sei über die Digitalität erhaben, was aber vom Rationalitätsprinzip des Transhumanismus verkannt werde.

Auf evangelischer Seite kritisiert beispielsweise der Theologe und Rundfunk-Redakteur Matthias Morgenroth in seinem Buch „Anatomie des Handy-Menschen“ (2020): „Die aller Erdbewohner gehen wie an einer digitalen Leine durch die Welt.“ So sei der Mensch dabei, sich kreativ eine zweite Natur zu bauen – und sich zugleich wegerklären zu lassen! Wenn die Gesellschaft glaube, das Internet sei erlösender Fortschritt pur, dann sei das allerdings „eine Verwechslung“. Das Risiko der digitalen Transformation sei groß: „Stehen wir am Ende einer langen Entwicklung, bei der die Verfügbarmachung der Welt zugleich ihr Verschwinden bedeutet?“

Technik als Mittel menschlicher Apotheose

Theologisch bleibt am Transhumanismus der Glaube zu monieren, Technik tauge zum Mittel menschlicher Apotheose, so dass Gott abzulösen sei – um dafür eine ganz neue körperbezogene Spiritualität in Gang zu setzen. Solche Pseudo-Religiosität aber kann nicht wirklich überzeugen: Das trans- des Transhumanismus meint ja bloß eine Art innerweltliches Jenseits. Das läuft auf einen Jenseitsersatz hinaus, dem eine digital verheißene Unsterblichkeit entspricht. Einige Transhumanisten meinen realutopisch schon um die Mitte dieses Jahrhunderts eine praktische Umsetzung solchen Ansinnens vorweisen zu können. Doch selbst wenn der Tod technisch vorübergehend ausgetrickst werden könnte, wäre mitnichten so etwas wie eine echte Unsterblichkeit oder Auferstehung erreicht. Unser Planet ist nun einmal vergänglich, also auch alle auf ihm produzierte Technik. Dasselbe gilt für unsere und andere Galaxien, wie Bibel und Naturwissenschaft gleichermaßen wissen: „Himmel und Erde werden vergehen.“ Zurecht kritisiert Philipp von Becker in seinem Buch „Der neue Glaube an die Unsterblichkeit“ (2015) die digitalen Erlösungsphantasien des Transhumanismus: Es sei höchste Zeit für eine Entzauberung jener techno-utopischen Heilsversprechen. Allerdings greift seine Kritik zu kurz, wenn sie zugleich die Frage nach Gott, der doch allein Unsterblichkeit und Auferstehung schenken kann, für erledigt hält. Stellt sich diese Frage nicht vielmehr mit neuer Wucht, sobald die transhumanistische Ideologie als bedenkliche Illusion durchschaut ist?

Fazit: Aus christlicher Sicht mutet das Grundprogramm des Transhumanismus als von vornherein veraltet an. Denn es ignoriert zum einen die althergebrachte Erfahrung, dass die Unvollkommenheiten des Menschseins mit der philosophischen und theologischen Frage nach dem Vollkommenen zu tun hat, also keine Frage der Technik ist. Zum anderen übersieht es, dass das Werk der Erneuerung und Vervollkommnung des Menschen durch die Menschwerdung des göttlichen Logos in Jesus Christus längst in Gang gesetzt ist (Joh 1,14) und auch nur von Gott selbst final bewerkstelligt, ja geschenkt werden kann. Die diesbezügliche transhumanistische Blindheit erklärt sich von der positivistisch-atheistischen Orientierung her, die einen anderen, nicht nur zweifelhaften, sondern insgeheim verzweifelt anmutenden Glauben an den Sinn des menschlichen Daseins zum Ausdruck bringt. Dem Transhumanismus wohnt ein nihilistischer Impetus inne, der unserer Kultur auf die Dauer gefährlich werden dürfte.

Der Autor ist protestantischer Theologe, außerplanmäßiger Professor für Systematische Theologie und Publizist.

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