Lebensschutz

Sabina Scherer: Die Integrative

In den sozialen Medien findet der Podcast „Ein Zellhaufen spricht über Abtreibung“ immer mehr Zuspruch. Aber wer steckt eigentlich dahinter? Ein Porträt.
Podcast: Ein Zellhaufen spricht über Abtreibung

Sabina Scherer stapelt gerne tief. Sie sei „klassisch langweilig: katholisch, verheiratet“, behauptet die 31-jährige Psychologin und Mutter eines zweieinhalbjährigen Sohnes bei einem Interviewtermin in München. Im vergangenen Jahr war Scherer zu Gast in der ZDF-Sendung „13 Fragen“. Die Folge sollte die Frage „Ist Abtreibung ein Grundrecht?“ beantworten. Dazu hatte sich ZDF-Moderatorin Salwa Houmsi sechs Gäste eingeladen. Drei aus der Lebensrechtszene, drei von der Gegenseite. Unter ihnen die Berliner Frauenärztin Bettina Gaber, die wegen Verstoßes gegen das Werbeverbot für Abtreibungen (§ 219a StGB) in allen Instanzen rechtskräftig verurteilt worden war und dagegen Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe eingelegt hatte. Lange vor der Gießener Abtreibungsärztin Kristina Hänel.

„Wenn ein ungeborenes Kind ein Mensch ist, von Anfang an, mit Menschenrechten, dann gibt es keine Rechtfertigung, dieses Leben zu beenden.“ Sabina Scherer

Für den „Teaser“, jenen kurzen Ausschnitt, der Medienkonsumenten dazu bringen soll, sich die ganze Sendung anzuschauen, machte die „13 Fragen“-Redaktion des ZDF jedoch mit einem Statement Scherers auf. Angetan mit einem steingrauen Strickpulli und dunkelblauer Chino verkündet die Psychologin dort: „Wenn ein ungeborenes Kind ein Mensch ist, von Anfang an, mit Menschenrechten, dann gibt es keine Rechtfertigung, dieses Leben zu beenden.“

Irgendwo in Oberbayern

Wenige Monate zuvor hatte die gebürtige Schwäbin, die mit Mann und Kind „irgendwo in Oberbayern“ lebt und wenig Wert auf einen Besuch der „Antifa“ legt, den Podcast „Ein Zellhaufen spricht über Abtreibung“ gestartet. Mit ihm erreicht Scherer über verschiedene Plattformen und Kanäle wie „Apple Podcast“, „Spotify“, „Google Podcast“ und „Youtube“ sowie soziale Netzwerke inzwischen mehrere tausend Nutzer. Allein ihr Instagram-Account „zellhaufen_podcast“ zählt über tausend Follower.

Selten dauert eine Folge mehr als 15 Minuten. Viele sind deutlich kürzer. 36 an der Zahl sowie 2 Bonusfolgen hat Scherer davon bislang produziert. In ihnen legt die Lebensrechtlerin mal den Koalitionsvertrag der Ampelregierung unter die „pro life-Lupe“ oder nimmt den Weltfrauentag zum Anlass, um zu erklären, warum Frauen zwar „pro life“ und „pro women“ sein könnten, aber halt nicht „pro choice“ und „pro child“. Gerne schaut Scherer für ihren Podcast auch über den großen Teich in die USA. Dann erklärt sie beispielsweise, was es mit den „heartbeat-bills“ (Herzschlag-Gesetzen) auf sich hat.

Kaum Tagespolitik

Die Mehrzahl der „Ein Zellhaufen spricht über Abtreibung“-Folgen besitzt keinen tagespolitischen Bezug. In ihnen prüft Scherer, die ihr Psychologie-Studium an den Universitäten Freiburg (Bachelor) und Salzburg (Master) absolvierte, häufig wiederkehrende Behauptungen von Abtreibungsbefürwortern auf Widerspruchsfreiheit und Stimmigkeit. Die Folgen tragen Titel wie „Euch geht es immer nur um das Kind“, „Wenn Abtreibung verboten wäre“ oder auch „Abtreibung ist 14 x sicherer als die Geburt“. Hier läuft Scherer, die sich als Anhängerin „konsistenter Ethiken“ bezeichnet, regelmäßig zu großer Form auf.

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Wenn Scherer argumentiert, fühlt sich der Zuhörer bisweilen an den kumulativen Stil erinnert, den auch Clive Staples Lewis in vielen seiner zahlreichen apologetischen Essays pflegte und in denen verschiedene Aspekte einer Fragestellung oder eines Problems zunächst isoliert behandelt werden, um sie dann, eines nach dem anderen, zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammenzuführen. Die Mosaike, die dabei entstehen, prägen sich dem Zuhörer oft tief ein und hinterlassen nicht selten einen bleibenden Eindruck.

Kein singuläres „Erweckungserlebnis“

Sie habe, erzählt Scherer, lange gebraucht, bis sie sich getraut habe, den Podcast zu starten. Dabei sei ihr Interesse für den Lebensschutz schon früh geweckt worden. Schon als Jugendliche habe sie, die Mittlere von drei Schwestern, dazu viele Gespräche mit ihren Eltern, einem Lehrerehepaar, geführt, auch weil sie feststellen musste, dass viele Mitschülerinnen und Mitschüler ihre Werte nicht teilten. „Ich komme aus einem konservativen Elternhaus, aber bin in einer liberalen Welt sozialisiert worden“, erläutert Scherer, die weder das eine noch das andere zu bedauern scheint. Und in der Tat, was viele junge Menschen innerlich zu zerreißen droht oder gänzlich auf die eine oder andere Seite treibt, begreift die Wahlbayerin gewissermaßen als Integrationsaufgabe: „Ich möchte aus beiden Welten das Beste zusammenführen.“

Ein singuläres „Erweckungserlebnis“, einen Pod-cast zum Thema Abtreibung zu starten, habe es nicht gegeben, meint Scherer, die sich, danach gefragt, spirituell „eher“ der charismatischen Bewegung zuordnet, und als Bezugspunkte ihres gelebten Glaubens die Gemeinschaften Emmanuel, Loretto und das Gebetshaus in Augsburg nennt. „Eher“ seien es „viele verschiedene Erfahrungen“ gewesen, die „in Summe“ schließlich dazu geführt hätten. Eine enge Freundin, die in jungen Jahren „überraschend schwanger“ wurde und sich für das Kind entschieden habe, gehöre genauso dazu, wie ein Praktikum, das sie bei „Pro Femina“ absolviert habe oder Erlebnisse, die sie als frisch graduierte Psychologin in einem Heim für Mädchen gemacht habe, wo Abtreibung auch „ein Thema“ gewesen sei.

Raum für Differenzierungen

„Eher“ zählt zu den Vokabeln, die Scherer häufig verwendet. Auch in ihrem Podcast. Nicht, dass der Sprachschatz des „Zellhaufens Sabina“, wie sie sich dort nennt, streng limitiert wäre. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall. In „Ein Zellhaufen spricht über Abtreibung“ verbindet Scherer eine gehobene populärwissenschaftliche Sprache mit wohldosiertem Jugend-Sprech und eingestreuten Anglizismen. Was bei anderen schnell gewollt und bisweilen affig wirkt, kommt bei Scherer zumindest authentisch rüber. Das gilt auch für den Gebrauch des „eher“. Mit ihm schafft Scherer Raum für „Differenzierungen“ und erzeugt Distanz zum „Schubladendenken“.

Sabina Scherer


Beides seien ihr „wichtige Anliegen“, verrät Scherer, gefragt, ob sie „dos and don’ts“ besitze, von denen sie sich bei der Produktion ihres Podcast leiten lasse. Statt auf Emotionalisierung setzt die Lebensrechtlerin, die sich selbst als „eher kopfgesteuert“ bezeichnet, auf die „Macht von Argumenten“. Scherer will überzeugen statt überreden. Ein Ansatz, der nicht nur Respekt vor der Freiheit des anderen bezeugt, sondern zudem auch Nachhaltigkeit verspricht. Dabei macht sich die Psychologin wenig Illusionen darüber, wen sie zu ihrem Publikum rechnen darf und wen nicht.

Kein Bekehrungsanspruch

„Natürlich weiß ich, dass ich überwiegend zu ,Pro lifern‘ spreche.“ Sie könne ohnehin nicht „alle An- dersdenkenden bekehren“, sagt Scherer. „Diesen Anspruch habe ich auch gar nicht an mich.“ Welchen dann? „Ich will in erster Linie Menschen erreichen, die sich von der Lebensrechtsbewegung bisher nicht oder zu wenig repräsentiert fühlen.“ An wen sie da denke? „Man kann Feministin sein, Klimaschutz und Veganismus wichtig finden – und trotzdem pro life sein“, findet Scherer, die nach dem Ende der Elternzeit wieder als Psychologin arbeitet und derzeit für das Familieneinkommen sorgt, während ihr Mann daheim den gemeinsamen Sohn betreut. Sie selbst sei zwar „weder Veganer, noch habe ich schon eine Klimaschutz-Demo besucht, aber es ist völlig okay, all das gut zu finden“. Anders als im angelsächsischen Raum und speziell in den USA, wo es Lebensrechtsgruppen auch für LGTBQs gebe, werde unter deutschen Lebensrechtlern „noch zu viel in Schubladen gedacht“. Für zu viele sei „grün gleich böse“. Das sei nicht nur „ungerecht“, sondern auch „albern“, findet Scherer.

Mit dem Podcast „Ein Zellhaufen spricht über Abtreibung“ wolle sie auch dazu beitragen, „diese Klischees aufzubrechen“ und „das bestehende Bild etwas zu erweitern“. Jungen Leuten, „die sich bisher nicht durch die Pro Life-Bewegung repräsentiert fühlen“, benötigten „eine Projektionsfläche, mit der sie sich identifizieren können“. Ein solches „Angebot“ habe ihr lange gefehlt, sei aber „wahnsinnig wichtig“. „Wie wollen wir diese Menschen, die immer mehr werden, sonst mobilisieren?“, fragt Scherer, die findet, dass die Lebensrechtsbewegung auf vielen Feldern eine „professionelle und oft hochwertige Arbeit“ macht.

Engagiert beim „Marsch für das Leben“

Im vergangenen Jahr sprach die Psychologin bei der Kundgebung vor dem Brandenburger Tor zu Beginn des „Marsches für das Leben“ in Berlin. Dabei stellte sie auch ihre Vision für eine sich stärker öffnende Lebensrechtsbewegung vor. Eine, die aktiv auf Menschen zugeht, „die mit Kirche nichts und vielleicht auch mit Gott wenig anfangen können, es aber einfach nicht Ordnung finden, dass Babys getötet werden“, sagt Scherer. Für ihre Rede gab es damals viel Applaus.

Ob Scherer mit „Ein Zellhaufen spricht über Abtreibung“ die von ihr anvisierte Zielgruppe auch erreicht, geht aus den Einträgen in den Kommentarspalten der Plattformen und Kanäle, über welche der Podcast zu Gehör gebracht wird, bislang nicht hervor. Viele danken der Podcasterin dort einfach auch „nur“ für ihr „Engagement“. Ein Nutzer schreibt: „Du hast eine so angenehme Stimme. Ich könnte Dir stundenlang zuhören.“ Die „wichtigste Rückmeldung“, die sie bisher erhalten habe, sei jedoch die einer Frau, die ihr geschrieben habe, ihr Podcast habe dazu beigetragen, dass sie sich für ihr Kind entschied. „Ah, jetzt kriege ich wieder eine Gänsehaut. Das ist natürlich das schönste Kompliment, das man kriegen kann“, strahlt Scherer. Langweilig ist irgendwie anders.

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