Caravaggio

Caravaggio: Gewaltbereitschaft trieb das geniale Enfant Terrible

Ein Leben wie ein Krimi: Am 29. September ist der 450. Geburtstag des Malers Michelangelo Merisi da Caravaggio. Ein Maler mit großem Talen und hitzigem Temperament. Das stand ihm oft im Weg.
Caravaggio, Berufung des Hl. Matthäus
Foto: Official Press Office / Ho (OFFICIAL PRESS OFFICE) | "Berufung des Hl. Matthäus" (1600)

Ein Priester liegt schwer verwundet auf dem Steinboden. Blut tropft von seiner Brust auf das weiße Messgewand, das er trägt. Ein nur mit einem Lendenschurz bekleideter, muskulöser junger Mann beugt sich über ihn. Mit festem Griff hält er mit seiner linken Hand den rechten Arm des Priesters. In der anderen Hand hat er ein Schwert. Er ist dabei, den totbringenden letzten Hieb auszuführen. Von oben fällt dramatisch das Licht auf die Szene und beleuchtet wie ein Scheinwerfer auf der Theaterbühne das Täter-Opfer-Paar. Links und rechts der beiden wohnen weitere Figuren im Halbdunkel der Szene bei. Unfreiwillig werden sie zu Zeugen des hier stattfindenden Verbrechens. Panik macht sich unter ihnen breit. Mit einer Mischung aus Furcht und Unglaube verfolgt die Männergruppe links das Geschehen. Einige von ihnen wenden sich von der Szene ab und entfernen sich vom Tatort. Ein anderer reißt die Arme nach oben. Er kann nicht glauben, was er da sieht. Ein kleiner Junge rechts im Bild ergreift schockiert, mit weit aufgerissenem Mund, die Flucht. 

Das Martyrium des heiligen Matthäus in der Contarelli Kapelle in San Luigi dei Francesi ist neben der "Berufung des heiligen Matthäus" und der "heilige Matthäus und der Engel" eine von drei Episoden, die Caravaggio um 1600 anfertigte. Die drei Gemälde waren sein erster großer Auftrag und verhalfen ihm zum endgültigen Durchbruch in Rom. Fliehen, wie der Junge im Bild, musste auch Caravaggio nur sechs Jahre nach den Bildern in San Luigi dei Francesci. Doch Caravaggios Geschichte, der in diesem Jahr seinen 450. Geburtstag feiert, beginnt früher. 

Früchte so naturgetreu, dass man danach greifen möchte

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Caravaggio kam als Michelangelo Merisi am 29. September 1571 in Mailand zur Welt. Wie damals unter Künstlern üblich – man denke an Perugino, der eigentlich Pietro Vannucci hieß und nach seiner Heimatstadt Perugia benannt als Perugino Karriere machte – wurde auch Michelangelo Merisi nach dem Heimatdorf seiner Eltern, dem lombardischen Örtchen Caravaggio rund vierzig Kilometer östlich von Mailand, benannt und unter diesem Namen weltberühmt. Nur wenig ist über die erste Lebensjahre Caravaggios bekannt. Als Teil der Mittelschicht einer Kleinstadt verlebte er eine behütete und meist unbeschwerte Kindheit. Mit dreizehn Jahren begann Caravaggios Ausbildung. 

Petrazzani, der mit vollem Namen Simone Peterzano heißt und seinen heutigen Bekanntheitsgrad vor allem seinem berühmten Schüler verdankt, lehrte Caravaggio die Grundlagen der Malerei. Nach vierjähriger Lehre verbrachte Caravaggio noch einige Zeit in und um seinem Heimatdorf. 1592, mit 21 Jahren, siedelte er nach Rom um. Ohne den familiären Background, der ihn Zuhause immer finanziert hatte, musste der mittellose Caravaggio dringend Aufträge an Land ziehen, um Geld zu verdienen. Erste Kontakte zu anderen Malern knüpfte er im Atelier des päpstlichen Hofmalers Giuseppe Cesari, bei dem er zunächst für das Malen von Früchten und Blumen zuständig war. Aus dieser Zeit stammt auch Caravaggios berühmtes Gemälde des Knaben mit dem Früchtekorb. Trauben, Pfirsiche und Pflaumen sind so naturgetreu gemalt, dass man am liebsten nach einer der Früchte greifen möchte.

„Immer wieder musste Caravaggio nachbessern oder neue Versionen seiner Bildwerke anfertigen,
denn manchem Auftraggeber war Caravaggio mit seiner Kunst zu modern“

Dass Talent allein aber nicht ausreicht, um in Rom den Durchbruch als Künstler zu schaffen, war wohl die wichtigste Erkenntnis, die Caravaggio in seiner Zeit bei Cesari machte. Er lernte von dem nur wenige Jahre älteren Kollegen, sich und seine Kunst richtig zu verkaufen. Nach einer dreijährigen Durststrecke, in der sich Caravaggio mit kleineren Aufträgen durchschlug, wurde der einflussreiche Kunstliebhaber Kardinal Del Monte auf ihn aufmerksam. Del Monte entpuppte sich für Caravaggio als Eintrittskarte in die reiche römische Oberschicht.

Der Kardinal nahm ihn nicht nur in seinem Haus, dem prunkvollen Palazzo Madama auf –  dem heutigen Sitz des italienischen Senats  , wo er freie Kost und Logis genoss, sondern wurde zu seinem beschützenden Fürsprecher. Schutz und Fürsprache, die den Hitzkopf Caravaggio aus manch heikler Situation retten sollten. Als Caravaggio gemeinsam mit seinen Freunden Orazio Gentileschi und Onorio Longhi das Talent und die Malkunst ihres Kollegen Giovanni Baglione öffentlich kompromittierte und der Streit schließlich vor Gericht landete, entging er nur dank der Beziehungen Del Montes einer Gefängnisstrafe und wurde stattdessen zu Hausarrest verurteilt.

Caravaggio revolutionierte die Malerei

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Del Montes Beziehungen waren es auch, die ihm den Auftrag einbrachten, die Familienkapelle der Contarelli in San Luigi dei Francesci zu gestalten. Cavalier D Arpino und Giuseppe Cesari hatten bereits in der Kapelle gearbeitet, als das Projekt im ausgehendenden sechzehnten Jahrhundert Caravaggio anvertraut wurde. Zum ersten Mal im Laufe seiner Karriere sah er sich malerisch vor solche Dimensionen gestellt, denn die Gemälde der Seitenwände mit mehr als drei auf drei Metern sind riesig. Moderne Laseruntersuchungen der Gemälde ergaben, dass Caravaggio immer wieder Veränderungen vorgenommen hat. Von dem Altarbild, das den schreibenden Apostel mit einem Engel zeigt, sollte Caravaggio sogar eine neue Version anfertigen, da der Auftraggeber unzufrieden war, wie ein Teil der Caravaggio-Forschung behauptet. Kein Einzelfall, immer wieder musste Caravaggio nachbessern oder neue Versionen seiner Bildwerke anfertigen, denn manchem Auftraggeber war Caravaggio mit seiner Kunst zu modern.

Hin und wieder etwas ausgebremst, revolutionierte Caravaggio dennoch die Malerei grundlegend. Keiner vor ihm hätte es gewagt, eine heilige Szene, wie die der Berufung des Matthäus durch Jesus, anstatt des üblichen heiligen Rahmens in eine Taverne zu platzieren. Auch mit der Wahl seiner Modelle, unter die sich Prostituierte ebenso mischten wie Straßenjungen und Bettler, beschritt Caravaggio Neuland und sorgte für Aufsehen. Die schonungslose und brutale Ermordung des heiligen Matthäus am Altar zu zeigen, ist eine weitere Facette seines revolutionären Ansatzes, der, gepaart mit seinem Naturalismus und dem typischen Hell-Dunkel in der Darstellung, den Lauf der Geschichte der Malerei für immer veränderte.

Nicht mal Kardinal del Monte konnte noch etwas für ihn tun

 

 

Für sechs weitere Jahre ist Caravaggio das gefeierte Enfant Terrible unter Roms Malern und kann sich vor Aufträgen kaum retten. Bis ihm sein hitziges Gemüt wieder erneut in die Quere kam und nicht einmal mehr Kardinal del Monte ihn retten konnte. Des Mordes an Ranuccio Tomassoni angeklagt, floh Caravaggio Hals über Kopf aus der Papststadt. Mittels öffentlichem Avviso am 31. Mai 1606 folgte die endgültige Verbannung aus Rom als verurteilter Mörder. Caravaggio führte von nun an ein Leben als Gejagter, das ihn von Neapel zunächst nach Malta führte. Hier landete er nach einem Streit mit einem einflussreichen Malteser im Gefängnis. Erneut gelang ihm die Flucht und Messina auf Sizilien wurde vorübergehend sein neues Zuhause, bevor ihn seine Reise ein weiteres Mal nach Neapel führte.

An allen Stationen hinterließ Caravaggio beeindruckende Werke. Als sein letztes Gemälde entstand in Neapel im Auftrag des Fürsten Marcantonio Doria 1610 das "Martyrium der heiligen Ursula". Von seiner Begnadigung durch Papst Paul V. hatte Caravaggio noch erfahren, erlebt hat er sie aber nicht mehr. Mit dem Schiff setzte er von Neapel ins toskanische Porto Ercole über. Hier, rund 150 Kilometer vor den Toren der Ewigen Stadt, sollte Caravaggio den seiner Begnadigung vorangestellten Hausarrest verbüßen. Das rastlose Leben, immer auf der Flucht, hatten ihn jedoch schwer gezeichnet. Ob ein Herzinfarkt, die Folgen einer Malariaerkrankung oder eine Blutvergiftung für seinen frühen Tod mit nur 38 Jahren verantwortlich waren, ist bis heute ungeklärt. Eines ist aber sicher, kaum ein anderer hat mit seiner Kunst die Malerei bereits zu Lebzeiten, vor allem aber noch weit über den Tod hinaus so nachhaltig geprägt wie Michelangelo Merisi da Caravaggio.

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