Prämonstratenser

Gott glanzvoll in der Kunst loben

„Mit Bibel und Spaten. 900 Jahre Prämonstratenser-Orden“: Magdeburg widmet den Brüdern und Schwestern eine attraktive Sonderausstellung.
Foto: Thiede | Scheibenfragment mit der Darstellung eines unbekannten Heiligen aus dem Magdeburger Kloster Unser Lieben Frauen, um das Jahr 1210.

Norbert von Xanten gründete zu Weihnachten 1121 im französischen Prémontré den Prämonstratenser-Orden. Fünf Jahre später trat er das Amt des Erzbischofs von Magdeburg an und sorgte mit den Prämonstratensern für den Landesausbau und die Missionierung der in den Gebieten östlich der Elbe lebenden Slawen. Nur im Bistum Magdeburg wird Norbert mit dem Attribut des Spatens dargestellt. Das ist ein Hinweis auf die von ihm initiierte Kolonisation des Landes sowie auf die nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs durch die katholische Kirche geleisteten Wiederaufbauarbeiten. Nun ehrt das Kulturhistorische Museum Magdeburg den heiligen Norbert und den von ihm vor 900 Jahren gegründeten Orden mit einer attraktiven Sonderausstellung. Rund 160 Exponate beleuchten mit Schwerpunkt auf das ehemalige sächsische Ordensgebiet die Geschichte und Gegenwart des weltweit verbreiteten Ordens, dem gegenwärtig rund 1160 Brüder und 325 Schwestern in 90 Häusern auf sechs Kontinenten angehören.

Die Schau wartet mit einer der wichtigsten Quellen für das Leben Norberts von Xanten auf. Diese so genannte „Vita A“ ist in nur einer Handschrift aus der Mitte des 13. Jahrhunderts überliefert. Der um 1080 am Niederrhein geborene Spross einer Adelsfamilie weilte nach seiner geistlichen Ausbildung am St. Viktor-Stift von Xanten als Kleriker am Hof des Kölner Erzbischofs Friedrich. Nach einem Sturz vom Pferd infolge eines Blitzschlags besann sich Norbert auf ein gottgefälliges Leben, das er zeitweilig bei den Benediktinern in Siegburg und als Einsiedler bei Xanten verbrachte, bevor er als Wanderprediger umherzog. Auf einer Kirchenversammlung 1118 in Fritzlar warfen ihm die Teilnehmer vor, dass er ohne kirchliche Erlaubnis predige, sich wie ein Mönch kleide, ohne einer zu sein, Armut und Enthaltsamkeit propagiere, aber an seinem Privatbesitz und Einkünften als Kanoniker des St. Viktor-Stiftes festhalte. Daraufhin schenkte Norbert seinen Besitz den Armen und wanderte nach Frankreich. Mit Erlaubnis des Bischofs Bartholomäus von Laon ließ sich Norbert mit seinen männlichen und weiblichen Anhängern im unwegsamen Waldtal von Prémontré nieder.

Besondere Verehrung der Jungfrau Maria

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Das von Norbert festgelegte Klosterleben orientierte sich an den strengen Regeln des heiligen Augustinus. Sie fordern Nächstenliebe, Rücksichtnahme und Ehelosigkeit, gemeinsames Gebet, Seelsorge und persönliche Armut. Als äußerst glanzvoll erweisen sich jedoch die Ausstattungen der Kirchen des Prämonstratenser-Ordens, denn sie sind Ausdruck des Gotteslobs. Die Ausstellung wartet mit etlichen Prunkstücken auf. Die Taufschale (um 1170) und das als „Barbarossakopf“ bekannte Reliquiar (1150–1170) für Reliquien des Evangelisten Johannes waren Geschenke Kaiser Friedrich Barbarossas an seinen Taufpaten Otto von Cappenberg, der sie dem Prämonstratenser-Kloster von Cappenberg vermachte. Der Reliquienschrein des Apostels Simon (um 1220/30) aus der Abtei Sayn ist ein Hauptwerk spätromanischer Schatzkunst und gehört mit seinen in die vergoldeten Wände und Dachschrägen eingelassenen Bergkristallscheiben zu den frühesten Reliquiaren, die den Blick auf die Reliquie freigeben.

Die Silberkanne aus dem Ende des 13. Jahrhunderts, die aus dem Besitz der heiligen Elisabeth von Thüringen stammen soll, lockte früher zahlreiche Pilger ins Prämonstratenserinnen-Kloster Altenberg bei Wetzlar. Dessen dritte Meisterin war Elisabeths Tochter Gertrud. Für das von Norbert erneuerte Antwerpener Kloster St. Michael schuf Peter Paul Rubens das Gemälde des Hochaltars und lieferte Entwurfsskizzen für Alabasterfiguren, von denen die mit dem Titel „Der heilige Norbert besiegt den Ketzer Tanchelm“ (1622/23) ausgestellt ist. Das von einem unbekannten westfälischen Meister geschaffene Gemälde der „Verkündigung“ (um 1480), in dessen linker unterer Ecke eine Prämonstratenserin betet, weist uns darauf hin, dass die Ordensleute der Jungfrau Maria besonders hohe Verehrung entgegenbringen.

Heute blüht das geistliche Leben wieder

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Präsentiert wird auch das einzige Objekt, das direkt auf Norbert zurückgeht. Die Inschrift des aus dem Dommuseum von Chur angereisten „Kreuzfußes“ (1130–1140) aus vergoldeter Bronze nennt Norbert als Auftraggeber. Auf dem als Halterung für ein Kreuz dienenden Prunkstück sitzen die Figürchen der vier Evangelisten. Weiter oben ist der auferstehende Adam dargestellt, über den zwei gebeugte Engel eine Säule halten. Vielleicht war der Kreuzfuß ein Geschenk Norberts an den Churer Bischof Konrad I. von Biberegg, der die Gründung des ersten Prämonstratenser-Klosters von Chur förderte.

Als Erzbischof von Magdeburg erfüllte Norbert seine Aufgaben mit Unterstützung der Prämonstratenser. Er siedelte sie 1129 in dem bereits bestehenden Magdeburger Kloster Unser Lieben Frauen an. Es wurde zum Mutterkloster zahlreicher weiterer Ordensniederlassungen, wie die 1293 verfasste, in einer Abschrift des 16. Jahrhunderts ausgestellte Urkunde des Abtes Guillaume von Prémontré dokumentiert. Sie verzeichnet die Klöster und Domstifte, die dem Kloster Unser Lieben Frauen damals unterstanden. Acht von ihnen und das heute ein Kunstmuseum beherbergende Magdeburger Kloster selbst, das eine der am vollständigsten erhaltenen romanischen Klosteranlagen des 11. bis 12. Jahrhunderts darstellt, sind Korrespondenzorte der Sonderschau. Alle zeichnen sich durch bedeutende Bauwerke und einige auch durch erlesene Kirchenschätze aus. Zu ihnen gehören Kloster Jerichow sowie die Dome der Städte Havelberg und Brandenburg, deren Domherren sich bis 1506/07 aus den Reihen der Prämonstratenser rekrutierten.

„Hier erhalten die nach eigener Einschätzung ‚altehrwürdigen,
aber jugendfrischen‘ Prämonstratenser einen Klosterneubau“

Der schwer erkrankt von einer Romreise nach Magdeburg zurückgekehrte Norbert verstarb 1134 und wurde auf eigenen Wunsch in der Kirche des Klosters Unser Lieben Frauen bestattet. Der 1582 von Papst Gregor XIII. heiliggesprochene Ordensgründer ruhte jedoch in einem fast vollständig evangelisch gewordenem Gebiet. Aus dem Magdeburger Kloster machten sich 1601 die letzten Prämonstratenser davon. Ein Versuch der Wiederansiedlung 1628 endete schnell. Mit Hilfe eines kaiserlichen Befehls gelang es 1626 dem Prämonstratenser-Abt Caspar von Questenburg, die Gebeine des heiligen Norbert aus Magdeburg nach Prag in sein Klosters Strahov zu überführen, wo sie noch heute ruhen. In Magdeburg ist die erste Grabstätte zwar erhalten, in nächster Zeit jedoch wegen der Restaurierung der ehemaligen Klosterkirche nicht zugänglich.

In Deutschland erlosch das Ordensleben infolge der Reformation und der durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 ermöglichten Einziehung aller Kirchengüter durch die Landesherren. Ein in der Ausstellung präsentiertes Kruzifix (um 1700) ist ein Geschenk, das das ehemalige Herrscherhaus der Wittelsbacher den Prämonstratenser Chorherren 1921 anlässlich der Wiederansiedlung in Deutschland machte. Heute haben sie hierzulande Niederlassungen in Speinshart, Windberg, Roggenburg und Duisburg-Hamborn, dessen Abtei nach der deutschen Wiedervereinigung das Prämonstratenser-Priorat Magdeburg gegründet hat. Angesiedelt ist es in den von der evangelischen Wallonerkirche und der katholischen Petrikirche eingefassten „Ökumenischen Höfen“. Hier erhalten die nach eigener Einschätzung „altehrwürdigen, aber jugendfrischen“ Prämonstratenser einen Klosterneubau. In den noch nicht fertiggestellten Ökonomischen Höfen wollen zwei evangelische Gemeinden, eine katholische Pfarrei, die evangelische und katholische Studentengemeinde sowie die konfessionell offene St.-Norbert-Stiftung mit den vier ortsansässigen prämonstratensischen Chorherren „in nachbarschaftlicher Verbundenheit zusammenwirken“.


Bis 9.1.2022 im Kulturhistorischen Museum Magdeburg, Otto-von-Guericke-Str. 68-73.
Di.–Fr. 10–17 Uhr, Sa., So. 10–18 Uhr. Eintritt: 9,– Euro.

Tel.: 03 91-5 40 35 88, im Internet: www.magdeburgermuseen.de.
Informationen über die Korrespondenzorte: www.erbe-praemonstratenser.de

 

 

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