Kunstgenuss

Kunst mit einem Schluck Sherry genießen

Kann man herausragende Gemälde christlicher Kunst gemeinsam mit hochwertig hergestellten Weißweinen präsentieren? Man kann - wie eine einzigartige Fusion in Südspanien das wunderbar zeigt.
Foto: Drouve | Ein Meisterwerk im andalusischen Jerez de la Frontera: „Verkündigung“ von Claudio Coello (1642–1693).

Was verbindet Sherry mit religiöser Kunst? Nichts, so mag man meinen. Doch in der Kellerei „Bodegas Tradición“ in der andalusischen Sherrystadt Jerez de la Frontera ist alles anders. Über die üblichen Fässerlager hinaus verbirgt sich im Innern eine der überraschendsten Pinakotheken Spaniens: bestückt mit christlichen Meisterwerken, sogar von El Greco und Francisco de Goya.

Die „Bodegas Tradición“ zählt zu den unbekannteren Sherryadressen in der Hochburg Jerez de la Frontera und versteckt sich in der Altstadt an einem Plätzchen namens Cordobeses. Der Eintritt führt durch dicke Gemäuer in einen Hof mit Traubenspalieren und einem Ziehbrunnen. Etwas schlucken lässt der Preis für eine Führung in einer Kleingruppe: 35 Euro pro Person. Darin ist eine ausgiebige Kostprobe hochwertiger Sherrys enthalten – und der Zutritt in eine spektakuläre Kunstsammlung. Was letztlich jeden Cent wert sein wird.

Hier darf man ganz nah rangehen
an die punktgenau angestrahlten Gemälde
und sie in intensivster Betrachtung in sich aufnehmen

Führerin Sabrina Melcher, die aus Frankfurt am Main stammt und seit langem hier lebt, versteht es, die Spannung zu steigern. Umspült vom süßen Rüchlein in den hoch aufgerissenen Fässerhallen, erklärt sie zunächst die Erfolgsfaktoren des Sherrys, der in Spanien gar nicht so heißt. Hier unterscheidet man ihn in Varianten wie „Amontillado“ und „Oloroso“, beide extrem körperreich und typisch für den mit Branntwein aufgespritteten, lange ausgebauten Wein der Palomino-Traube. „Ganz viel Geduld, lange Reifung und ein guter Kellermeister“, umreißt Melcher das Geheimnis der Edeltropfen, die auf Verschnitten beruhen. Ebenso wichtig sind das sonnige Klima, die Atlantikwinde und der Kalkboden, der „wie ein Schwamm arbeitet und einen hohen Rückspeicher an Feuchtigkeit“ bildet, so Melcher. In „Bodegas Tradición“ beschränkt sich die kleine, erlesene Produktion auf 25 000 Flaschen pro Jahr. „Amontillado“ und „Oloroso“ haben ein Durchschnittsalter von 40 Jahren, die ältesten Sherrys seien „bis zu 100 Jahre alt“, sagt Melcher. Damit stehen sie altersmäßig im Schatten von dem, wohin uns die Kennerin vor der Verkostung bringt: weg von 600-Liter-Fässern aus amerikanischer Eiche und mitten hinein in eine in L-Form aufgezogene Kunstgalerie mit Gemälden spanischer Meister aus dem Spätmittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Etwa 60 Werke hängen hier, davon zwei Drittel mit religiösen Motiven.

„Wir haben sechs Verkündigungen“, sagt Melcher beim Eintritt in die Galerie, die schlagartig in den Bann zieht. Wo sonst bietet sich die Chance, Kunst so privat, so elitär zu genießen? Und dies, ohne von umherschwirrendem Wachpersonal streng beäugt oder gar ermahnt zu werden. Hier darf man ganz nah rangehen an die punktgenau angestrahlten Gemälde und sie in intensivster Betrachtung in sich aufnehmen. Durch die anhaltenden Corona-Zeiten, die zu gravierenden Einbrüchen beim Sherryabsatz geführt haben, kommen ohnehin nur wenig Besucher.

Durch die spanische Kunstgeschichte reisen

Blickfang nahe der Verkündigungen Mariens, die von Künstlern wie Juan Sánchez (um 1440–1470) und Antonio de Pereda (1611–1678) stammen, ist eine Folge von Altartafeln von Juan de Leví. Über die Herkunft des gotischen Malers weiß man nichts, doch zwischen 1392 und 1407 war er nachweislich in der nordostspanischen Region Aragonien tätig. Die Tafelfolge zeigt Episoden aus der Passion, Maria mit dem Schutzmantel und den heiligen Michael als Drachentöter. Die strahlende Farbgebung der Passionsszenen in Gold-, Rot- und Blautönen ist sagenhaft, während der gehörnte Drache zu Füßen des Erzengels in dezentem Orange daherkommt. Bei einer anderen Michaelsdarstellung, 1479 in Barcelona vom Meister von Girard geschaffen, trägt der Drache menschlich-entstellte und der langgelockte Heilige feminine Züge. Echsenartig samt Schlangenhals – und somit eher den gängigen Vorstellungen entsprechend – ist das Untier im Gemälde „Der heilige Silvester zähmt den Drachen“ gestaltet; Schöpfer war im 16. Jahrhundert der Meister von Canillo.

Eines der wertvollsten Exponate ist „Der heilige Franz von Assisi im Gebet“ von El Greco (1541–1614). Charakteristisch für den Stil des Griechen El Greco, der eigentlich Domenikos Theotokopoulos hieß und von der Insel Kreta schlussendlich nach Spanien kam, sind überlängte Figuren und fast übernatürlich wirkende Licht-Schatten-Kontraste. Wie unter Scheinwerfern strahlen das Gesicht, der Habit und die extrem langgliedrigen Finger des Franz von Assisi, der sich mit verschränkten Armen über ein Christuskreuz beugt. Des Heiligen Blick ist verklärt, seine Haltung drückt tiefste Würde aus. Der Intensität der Verbindung mit Christi mag man es zuschreiben, dass ein Ende der Kordelschnur von ihm unbemerkt auf dem Boden liegt.

Große Kunst, Urheber unbekannt

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Das nächste Meisterwerk ist nicht fern: „Der heilige Johannes Nepomuk“ von Francisco de Goya (1746–1828), der in der Sammlung zudem mit zwei Porträts von König Karl IV. und dessen Gemahlin Maria Luise von Bourbon-Parma vertreten ist. Weltlich ist auch „Das Mittagsmahl“ von Diego Velázquez (1599–1660).

Nicht jedes Gemälde lässt sich dem Urheber zuordnen. Der „spanischen Schule des 14. Jahrhunderts“ entstammt ein „Christus in der Vorhölle“ vor dem Hintergrund züngelnder Flammen und Furcht erregender Fratzen. Der „Werkstatt des Juan de Bustamante“ ist eine um 1530 entstandene „Predigt des heiligen Petrus“ zu verdanken und ebenso „Die Berufung des heiligen Petrus“. Dagegen ist der spätgotische Maler Blasco de Granén als Autor von „Joachim und Anna, vertrieben aus dem Tempel“ belegt; die Gewänder der Eltern Marias sind außergewöhnlich elegant gehalten.

Ungewöhnliche Stelle für überragende Kunstwerke

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Die Frage, warum sich an solch ungewöhnlicher Stelle solch überragende Kunstwerke ballen, hat Führerin Melcher erwartet: „Die Bilder wurden seit den 1980er Jahren von Joaquín Rivero, dem Gründer unserer Bodegas Tradición, und später in enger Zusammenarbeit mit seiner Tochter Helena Rivero gesammelt.“ Fündig wurden sie bei Auktionen und Kunsthändlern, reisten umher, ließen sich von Experten beraten.

Mittlerweile ist der Gesamtbestand auf über 300 Gemälde gewachsen, von denen nur ein Teil gezeigt wird. „Das Ziel unserer Ausstellung ist, eine Reise durch die spanische Kunstgeschichte zu erleben und die verschiedenen Epochen mit ihren unterschiedlichen Einflüssen zu erfassen“, so Melcher.

Galerie und Weinkeller in einem Prado im Kleinformat

Die Eindrücke muss man erst einmal sacken lassen. Gut, dass auf den Kunst- der Sherrygenuss folgt. Im „Amontillado“ schwingen Aromen von Mandeln und Edelhölzern mit, im „Oloroso“ ist die Reihe an Bitterschokolade. Nicht all das, was in den Fässern reift, landet letztlich im Glas. Der „Anteil der Engel“, wie man die natürliche Verdunstung bei der langen Reifezeit nennt, beläuft sich im Schnitt auf fünf Prozent.

Das Fazit bei der Kostprobe: Die Kunst hat ebenso auf den Geschmack gebracht wie die Tropfen und verdient es, mit einem Prädikat veredelt zu werden. Nimmt man Spaniens weltberühmtes Prado-Museum in Madrid zum Maßstab, so gereicht die Kollektion in „Bodegas Tradición“ einem „Prado in Kleinformat“ zur Ehre.

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