Film & Kino

Von "Taxi Driver" über Mafiosi bis hin zu Jesus

Martin Scorsese, herausragender Regisseur vieler Filmklassiker, feiert seinen 80. Geburtstag.
Scorseses «Hugo Cabret» kann elf Oscars gewinnen
Foto: epa Paul Buck (EPA) | ARCHIV - Trotz zahlreicher Filmklassiker wie "Taxi Driver", "Wie ein wilder Stier" oder "Goodfellas" erhielt US-Regisseur Martin Scorsese erst 2007 für den Film "Departed - Unter Feinden" seinen ersten, längst ...

In den 1970er Jahren übernahm eine neue Filmemacher-Generation, die erstmals ein akademisches Filmstudium absolviert hatte, das Ruder im sogenannten „New Hollywood“. Nach den Filmen „Der Pate“ (1972) und „Apocalypse Now“ (1979) avancierte Francis Ford Coppola zum wohl bedeutendsten Regisseur des Jahrzehnts und gleichzeitig zum Paten dieser neuen Generation mit Brian de Palma, George Lucas, Steven Spielberg und Martin Scorsese. Wandten sich die meisten von ihnen dem kommerziellen Film zu, so bleibt Scorsese seinen Obsessionen treu. Der Einfluss von Little Italy in Queens, New York, wo er aufgewachsen war, begleitete ihn in seiner gesamten Filmkarriere.

Martin Scorsese wurde am 17. November 1942 in New York geboren. Dort studierte er Film an der Universität, an der er nach dem Abschluss 1964 zunächst als Assistent arbeitete. Scorsese stammt einer italoamerikanischen Familie, und wurde katholisch getauft und erzogen. Mit 13 Jahren besuchte er das Knaben-Priesterseminar „Cathedral College“, das er aber wegen mangelhafter Leistungen verließ, um die Schule an einer staatlichen High School zu beenden. Dies hat zu einer Art Legende geführt, als habe Scorsese Priester werden wollen. Seminarist war er freilich nie.

„ Nun hat er die Exzesse früherer Filme zurückgedrängt,
so dass sein außergewöhnliches audiovisuelles Talent
ganz im Dienst der Geschichte steht“

Wichtig für seine Entwicklung und die seiner Generation ist der Einfluss der „68er“: Im Mai 1968 war Martin Scorsese 26 Jahre alt. An der New Yorker Universität macht sich das Aufbegehren gegen verkrustete gesellschaftliche Formen sowie gegen Kapitalismus und Imperialismus besonders bemerkbar. Die Unzufriedenheit und der Traum von einer besseren Welt drängen viele junge Menschen in die Arme des Marxismus.

Bei Martin Scorsese führt dies offensichtlich dazu, mit pessimistischem Blick auf die Gesellschaft zu schauen, was vor allem in den Scorsese-Filmen nach einem Drehbuch von Paul Schrader deutlich wird: von „Taxi Driver“ (1976) über „Wie ein wilder Stier“ (1980) und „Die letzte Versuchung Christi“ (1988) bis hin zu „Bringing Out the Dead – Nächte der Erinnerungen“ (1999). Paradigmatisch in dem Zusammenhang ist die Figur des Boxers Jake La Motta („Wie ein wilder Stier“), in der er jeden Anflug von Menschlichkeit auslöscht.

Fasziniert von Unterwelt und Gewalt?

Scorsese scheint von der Gewalt und der Unterwelt fasziniert zu sein. So kommt er seit seinem ersten großen Erfolg „Hexenkessel“ (1973) immer wieder auf die Straße als gewalttätige Welt voller menschlicher Verkommenheiten zurück, in der es keine Erlösung gibt, so etwa in „GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ (1990), wobei er den Höhepunkt nihilistischer Gewalt in „Gangs of New York“ (2002) erreicht.

Mit diesen Filmen kontrastiert die Roman-Verfilmung „Zeit der Unschuld“ (1993), die nicht nur großartige Bilder und Kamerafahrten aufweist, sondern auch von einer unglücklichen Liebesgeschichte mit einer Prise Melancholie und von der Treue eines Mannes handelt, der für die Familie die „Liebe seines Lebens“ aufgibt. Nebenbei bietet Scorsese ein Panorama der New Yorker Gesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts. Scorseses Film übertrifft die Romanvorlage von Edith Wharton aus dem Jahr 1920 – ein seltener Fall in der Filmgeschichte. Dies straft diejenigen Kritiker Lügen, die behaupten, Scorsese flüchte sich in die Gewaltdarstellung, weil er sonst scheitere.

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Das Alterswerk wirkt anders

Der Film noir, aber auch John Ford – insbesondere dessen Spätphase von „The Searchers“ („Der schwarze Falke“, 1956) – beeinflussten ihn nachhaltig. Von der französischen Nouvelle Vague übernahm er die Idee des Autorenfilms, die er zusammen mit seinen eingangs erwähnten Generationsgenossen in die Vereinigten Staaten zu bringen gedachte.

Aus seinem „Alterswerk“ stechen zwei Filme heraus: „Silence“ (2016), die Verfilmung von Shusaku Endos 1966 veröffentlichtem historischem Roman „Chinmoku“ (deutscher Titel: „Schweigen“), der von der Christenverfolgung im Japan des 17. Jahrhunderts handelt. Scorsese bleibt Endos Vorlage sehr treu bei der Schilderung der Einfachheit und des starken Glaubens der Bauern. Über die Vereinbarkeit des Christentums mit der japanischen Kultur hinaus stellt Martin Scorsese die Fragen über das Schweigen Gottes – also über die Theodizee –, aber auch über den Glauben, über die Erlösung und die Gnade in den Mittelpunkt.

Scorsese nahm sich zunehmend zurück

Auch wenn „The Irishman“ (2019) etwas ganz anderes behandelt – der Film adaptiert „I Heard You Paint Houses“ (2002), ein Buch von Charles Brandt über die Memoiren eines älteren Gangsters mit engen Beziehungen zum Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa, der 1975 auf mysteriöse Weise verschwand –, lassen die herausragende Kameraführung von Rodrigo Prieto und der sorgfältige Schnitt von Thelma Schoonmaker den dreistündigen Film zu einem ähnlichen Meisterwerk werden wie „Silence“.

In beiden Filmen nimmt sich Scorsese zurück – was sich ebenfalls auf die herausragenden Schauspieler auswirkt. Nun hat er die Exzesse früherer Filme zurückgedrängt, so dass sein außergewöhnliches audiovisuelles Talent ganz im Dienst der Geschichte steht. Am 17. November wird Martin Scorsese 80 Jahre alt.

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