Film

„Barbaren“: Zweite Staffel der Netflix-Serie überzeugt

Auch in der zweiten Staffel überzeugt die Netflix-Serie „Barbaren“. Allerdings ist die explizite und exzessive Gewaltdarstellung sicherlich nicht jedermanns Sache.
Filmszene aus der Netflix-Serie „Barbaren“
Foto: Netflix/ Krzysztof Wiktor | Die Auseinandersetzung zwischen dem Cherusker Ari/Arminius (Laurence Rupp, links) und dem Markomannenfürsten Marbod (Murathan Muslu), wie hier beim „Thing“-Treffen, gehört zu dem „politischen“ Kern der zweiten ...

Das Interesse an historischen Filmen und Serien scheint ungebrochen. Dass die im ersten Jahrhundert nach Christus angesiedelte Netflix-Serie „Barbaren“ eine der erfolgreichsten Serien des Online-Streamingdienstes im Jahr 2020 nicht nur in Deutschland, sondern auch international war jedoch kaum vorherzusagen.

„Zur Authentizität tragen wiederum nicht nur die aufwändigen Kostüme,
sondern auch die Zweisprachigkeit bei. Wie in der ersten Staffel sprechen die Römer lateinisch“

Zwar hatte in Deutschland das Interesse an „Arminius“ beziehungsweise „Hermann dem Cherusker“ und der „Varus-Schlacht“ seit deren Erhebung zum nationalen Mythos im 19. Jahrhundert – 1821 wurde Kleists „Die Hermannschlacht“ veröffentlicht – und der 1900-Jahr-Feier im Jahre 1909 nicht ganz nachgelassen: Aus dem Jahre 1924 stammt der Stummfilm „Die Hermannschlacht“, 1995 wurde ein gleichnamiger Film uraufgeführt, nach 1980 erschienen etliche Bücher darüber. Ein neues Interesse entfachte jedoch zum 2000. Jahrestag 2009 das ARTE/ZDF-Dokudrama „Schlacht um Germanien“ mitsamt dem dazugehörigen Sachbuch.

Ähnlich weiteren historischen Filmen und Serien liegt der Erfolg von „Barbaren“ insbesondere an der Verknüpfung eines mit großen Schauwerten dargestellten historischen „Stoffes“ mit einer fiktiven Geschichte, die den Zuschauer auf emotionaler Ebene anspricht. Hier besteht der emotionale Kern in der Freundschaft eines als Kinder unzertrennlichen Trios. Während Ari/Arminius (Laurence Rupp) in Rom aufwächst und dann eine Karriere in den römischen Legionen macht, werden die cheruskische Fürstentochter Thusnelda (Jeanne Goursaud) und der einfache Krieger Folkwin (David Schütter) heimlich ein Paar. Die Rückkehr des Arminius verlangt nicht nur von ihm eine Entscheidung, auf welcher Seite er stehen will, sondern auch von Thusnelda. Dies stimmt zwar nicht ganz mit den historischen Tatsachen – Arminius entführte Thusnelda wohl erst im Jahre 14 oder 15; Folkwin ist eine erfundene Gestalt.

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Hintergrund: Die Neuaufstellung der Legionen am Rhein

Den Serienmachern gelingt es aber, die Verbindung von emotionaler und allgemeiner Geschichte in eine mit dem richtigen Rhythmus inszenierte Dramaturgie umzusetzen. Dies gilt ebenfalls für die kürzlich auf Netflix eingestellte zweite „Barbaren“-Staffel. Handelte die erste Staffel von der Vorgeschichte der von römischen Historikern bezeichneten „clades Variana“ (Varus-Niederlage) und von der Schlacht selbst, so ist die zweite Staffel „ein Jahr nach Teutoburger Wald“, also im Jahre 10 nach Christus angesiedelt. Den historischen Hintergrund bildet die Neuaufstellung römischer Legionen am Rhein unter dem späteren Kaiser (14 bis 37 n.Chr.) und Augustus´ Nachfolger Tiberius (Giovanni Carta). Unter dessen Oberbefehl sichert Germanicus (Alessandro Fella) die Rheingrenze neu.

In der zweiten „Barbaren“-Staffel spielen zwei weitere historisch verbürgte Gestalten eine zentrale Rolle: Einerseits der Markomannenfürst Marbod (Murathan Muslu), der unter den germanischen Stämmen über die meisten Krieger verfügte. Deshalb konnte der in den römisch-germanischen Auseinandersetzungen zum „Zünglein an der Waage“ werden. Bei allen Freiheiten, die sich die Serie ausnimmt: Dass Ari/Arminius den Markomannenfürsten auf seine Seite ziehen wollte, stimmt mit dem gesamtgeschichtlichen Kontext überein.

 

 

Historisch ziemlich korrekt - mit dramaturgischen Freiheiten

Die zweite wichtige, neue Figur in der neuen „Barbaren“-Staffel ist ebenso geschichtlich: Flavus (Daniel Donskoy) wuchs zusammen mit seinem Bruder Arminius in Rom auf. Wie Arminius wurde auch Flavus Offizier bei den römischen Hilfstruppen. Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder blieb Flavus aber Rom treu. Inwiefern der jüngere – wie in der Serie dargestellt – seine Romtreue dadurch unter Beweis stellen wollte, dass er Arminius gefangen nehmen wollte, sei dahingestellt.

Zwanghaft müssen homosexuelle Rollen in den Filme eingebaut werden

Hinzugedichtet scheint jedoch die homoerotische Beziehung zwischen Flavus und Marbod – der ebenfalls seine Jugend in Rom verbracht hatte – , und eher dem seit einiger Zeit bei Netflix anzutreffenden „Zwang“ zu sein, in ihren Filmen und Serien, koste was es wolle, ein nicht heterosexuelles Verhältnis zu konstruieren. Gehören die Dialoge zwischen Arminius/Ari und Marbod zu den Höhepunkten der zweiten Staffel in psychologischer Hinsicht – Marbod: „Das ist Dein Krieg gegen Deine Vergangenheit, gegen Dich selbst“ –, so beeindrucken optisch die actiongeladenen Schlachtenszenen, wenn auch die explizite Gewaltdarstellung wohl einige Zuschauer abschrecken wird.

Zur Authentizität tragen wiederum nicht nur die aufwändigen Kostüme, sondern auch die Zweisprachigkeit bei. Wie in der ersten Staffel sprechen die Römer lateinisch. Weil nun die meisten Schauspieler die Sprache flüssiger sprechen, entsteht im Gegensatz zur ersten Staffel nur sporadisch der Eindruck eines gekünstelten inszenatorischen Mittels. Dennoch bleibt eine gewisse Schwarzweiß-Malerei bestehen: Werden die Germanen mit allen möglichen Nuancen dargestellt, so bleibt das Bild der Römer weitestgehend holzschnittartig.


„Barbaren II“, Deutschland 2022. Stoffentwicklung: Andreas Heckmann, Arne Nolting, Jan Martin Scharf.
Regie: Stefan Ruzowitzky, Lennart Ruff. Sechs Folgen mit 42-54 Minuten, auf Netflix.

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