Serienproduktion

Disney-Serie „The Old Man“: Großartige Dialoge und Schauspieler

Eine ausgewogene Mischung aus Thriller-Spannung und Drama mit großartigen Dialogen und Schauspielern: Die Disney-Serie „The Old Man“.
Szenebild Jeff Bridges
Foto: Kurt Iswarienko

Die Adaption des 2017 erschienenen Romans „The Old Man“ von Thomas Perry wurde bereits 2019 angekündigt. Nun haben sie Robert Levine und Jonathan E. Steinberg für die Online-Plattform Disney TV als Siebenteiler entwickelt. Levine und Steinberg ist eine ausgewogene Mischung aus Thriller und Drama auf zwei Zeitebenen gelungen.

„‚The Old Man‘ bietet zur trotz des teilweise langsamen Erzähltempos
Thriller-mäßigen Spannung insbesondere auch hervorragende Dialoge
und meisterhaft entwickelte und dargestellte zwischenmenschliche Beziehungen“

Ein etwa 70-jähriger Mann kommt nur schwer aus dem Bett. Alpträume plagen ihn, die offensichtlich mit dem Tod seiner demenzkranken und kürzlich verstorbenen Frau Abbey (Hiam Abbas) zusammenhängen. Als dieser Dan Chase (Jeff Bridges) am nächsten Tag den Arzt aufsucht, ist er besorgt, ob auch bei ihm erste Demenzanzeichen auftreten. Beim Telefonat mit seiner Tochter scheint er auch nicht ganz bei der Sache zu sein. Vielleicht liegt es allerdings einfach daran, dass das Vater-Tochter-Verhältnis ziemlich distanziert ist. Denn sie nimmt ihm offenkundig noch immer übel, dass der Vater in ihrer Kindheit kaum zu Hause, immer unterwegs war.

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Der Eindruck, den der alte Mannes macht, täuscht

Die erste Überraschung folgt jedoch auf dem Fuß. Der Rentner, der im Haus mit zwei Rottweilern lebt, die ihm unbedingt gehorchen, und dessen ganze Körpersprache die eines alten Mannes gewesen ist, verwandelt sich augenblicklich in eine Kampfmaschine, die einen nächtlichen Eindringling ausschaltet. „Sie haben mich gefunden“ – der Standardsatz, um darauf hinzuweisen, dass hier jemand von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Was andererseits eine zweite Zeitebene einführt, die etwa 35 Jahre zurückliegt. Gleichzeitig führen die Serienmacher Dan Chases Widerpart ein: Harold Harper (John Lithgow), ebenfalls im Ruhestand, kümmert sich vornehmlich um seinen kleinen Enkel, nachdem dessen Eltern bei einem Unfall ums Leben kamen. Nun wird er von der Behörde reaktiviert, der er jahrzehntelang an leitender Position angehört hatte. Offensichtlich spielte er auch eine Rolle in der Vergangenheit, von der Chase nun eingeholt wird.

„The Old Man“ erzählt zwar mit nicht besonders hohem Tempo. Den Serienmachern gelingt es jedoch, genretypische Spannung zu erzeugen. Dies hängt einerseits damit zusammen, dass sie mit überraschenden, aber glaubwürdigen Wendungen arbeiten. Die Erzähldichte der Serie hängt andererseits aber mit den Darstellern zusammen, zunächst einmal mit einem herausragenden Jeff Bridges. Der Schauspieler hat zwar seit Jahrzehnten „alte Männer“ dargestellt: Bereits 1998verkörperte er in „The Big Lebowski“ einen Alt-Hippie, im Jahr 2010 gewann er für den alternden Country-Sänger in „Crazy Heart“ den Oscar als bester Hauptdarsteller, und im selben Jahr spielte er den alten, versoffenen Marshall in „True Grit“.

 

 

Überleben in der Gebrochenheit des Lebens

In der Disney-Serie setzt der inzwischen 72-Jährige diesen Rollen die Krone auf. Dass er außerdem hier ein besonderes Empfinden fürs Überleben mit einer gewissen Gebrochenheit, eine Art Melancholie mit neuerwachter Lebenslust verbindet, dazu hat sicherlich auch seine Krankheitserfahrung beigetragen: Im Oktober 2020 wurde bei Jeff Bridges Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert, während der Chemotherapie infizierte er sich auch noch mit Covid. Obwohl Action mit starkem Körpereinsatz wesentlich zur Handlung gehört, zeichnet sich „The Old Man“ durch die Verknüpfung dieser Thriller-Aspekte mit einem Drama aus, das in den Figuren liegt und sich größtenteils aus dem in der Vergangenheit liegenden Handlungsstrang erklärt.

Die Schauspieler können überzeugen

Dazu tragen die anderen Schauspieler wesentlich bei. Obwohl Bridges der absolute Protagonist der Serie bleibt, lässt er genug Entfaltungsraum für die „Nebendarsteller“ – nicht nur für John Lithgow, der Harper als einen zwischen der Pflicht, alter Freundschaft und eigenen Interessen hin- und hergerissenen Agenten verkörpert, sondern auch für zwei zentrale weibliche Figuren: Amy Brenneman gestaltet Zoe, die eher zufällig in Dan Chases Leben tritt, als reife Frau mit widersprüchlichen Empfindungen; Alia Shawkat spielt die von zunächst undurchsichtigen Motiven geleitete, junge Agentin Angela Adams. Dazu kommen die Schauspieler, die in der vergangenen Zeitebene Dan und Abbey Chase darstellen: Sowohl Bill Heck als auch Leem Lubany kann sich der Zuschauer sehr wohl als jüngere Version von Jeff Bridges und Hiam Abbas vorstellen. Insbesondere Bill Heck hat sich Bridges´ Körpersprache hervorragend angeeignet.

„The Old Man“ bietet zur trotz des teilweise langsamen Erzähltempos Thriller-mäßigen Spannung insbesondere auch hervorragende Dialoge und meisterhaft entwickelte und dargestellte zwischenmenschliche Beziehungen. Deshalb gehört die Disney-Serie ohne Zweifel zu den besten des Jahres. Dies ist womöglich auch der Grund, warum die zunächst als abgeschlossene siebenteilige Miniserie doch noch eine zweite Staffel erhalten soll.


„The Old Man“. USA 2022. Stoffentwicklung: Robert Levine, Jonathan E. Steinberg.
Regie: Katrin Gebbe, Florian Cossen. Sechs Folgen mit je 51 bis 62 Minuten. Auf Netflix.

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José García Mahmud Abbas

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