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Film noir: Die „schwarze Serie“ ist wieder da

Serien wie „Bosch“, „The Lincoln Lawyer“ und „Better Call Saul“ aktualisieren den Film noir.
BOSCH, Titus Welliver in Chapter Two: Lost Light (Season 1, Episode 2, aired February 13, 2015). ph: Aaron Epstein/ Amaz
Foto: Prime Studios | „Goodnight L.A.“: Von seinem Haus aus hat Polizei- und Privatermittler Harry Bosch (Titus Willever) die „Stadt der Engel“ fest im Blick.

Egal ob „Die Spur des Falken“, „Tote schlafen fest“ oder „Frau ohne Gewissen“: Kaum ein Filmgenre konnte von den frühen 1940er- bis in die späten 1950er-Jahre gleichermaßen sowohl Kinogänger wie auch Kritiker so sehr fesseln wie der Film noir. Regisseuren wie John Huston, Howard Hawks oder auch teilweise Alfred Hitchcock, Billy Wilder und Orson Welles gelang es, mit einem Mix aus US-amerikanischen „Hardboiled“-Kriminalgeschichten und expressionistischer Stummfilm-Ästhetik auf höchst spannende Art und Weise zwielichtige Protagonisten durch eine noch zwielichtigere Welt wandeln zu lassen – und zumeist von smarten Typen wie Humphrey Bogart verkörperte, Whiskey trinkende und kettenrauchende Privatschnüffler wie Sam Spade oder Phillip Marlowe den Kampf gegen das Böse, das von gnadenlosen Gangstern bis hin zu fatalen Frauen reichte, antreten zu lassen.

„Serienerfinder Vince Gilligan, der auch schon „Breaking Bad“ erfand
und dieses 2019 mit dem Film „El Camino“ fortsetzte,
widmet sich in seinen hierzulande bei Netflix ausgestrahlten Serien und Filmen
aus dem „Breaking Bad“- Universum Protagonisten,
denen auf legalem Weg der Aufstieg in bessere ökonomische
und gesellschaftliche Sphären versagt zu bleiben droht“

Der erstmals 1946 von dem italo-französischen Filmkritiker Nino Frank (1904-1988) verwendete Begriff bezeichnet aus dessen Sicht eine in den 1940er-Jahren erstmals auftretende dunklere Spielart des Kriminalfilms, in dem grundsätzlich mehr Augenmerk auf die Charakterisierung der Figuren sowie eine düstere Atmosphäre als auf die eigentliche Handlung beziehungsweise das zu lösende Verbrechen gelegt wurde.

Frank wies dabei unter anderem auf den vielfach genutzten Einsatz von Voiceover-Kommentaren hin, mit welchen die Protagonisten meist lakonisch die Handlung kommentierten und ganz im Gegensatz zu literarischen Meisterdetektiven wie Sherlock Holmes oder Hercules Poirot den Zuschauer an ihrer eigenen Orientierungslosigkeit teilhaben ließen und somit eine Atmosphäre der Verwirrung schufen. Unterstützt wurde dies durch eine von starken Hell-Dunkel-Kontrasten dominierte Bildgestaltung und meist aus urban anmutender Jazz-Filmmusik – und das vermeintliche „Happy End“ am Schluss entpuppte sich trotz meist gelösten Fällen oftmals lediglich für die Protagonisten als eine weitere Einübung in Sachen Desillusionierung.

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Desillusioniert und zynische Charaktere 

Auch nach dem Ende der eigentlichen Blütezeit des Film noir Ende der 1950er-Jahre fanden sich im Laufe der Zeit immer wieder gerade auch nicht-amerikanische Meisterregisseure wie Jean-Pierre Melville, Henri-Georges Cluzot oder Roman Polanski, die dem Genre als Neo-Noir neues Leben einhauchten –ganz zu schweigen von amerikanischen Filmemachern wie Martin Scorsese, William Friedkin, Michael Mann oder David Lynch. Und in Serienform wird der Film noir beziehungsweise der Neo-Noir nicht nur am Leben gehalten, sondern erlebt gegenwärtig ein regelrechtes Comeback: Nachdem vereinzelt in den 1980er- und 1990er-Jahren in Shows wie „Miami Vice“ und „NYPD Blue“ erstmals auch im Fernsehen mitunter zynisch-desillusionierte Ermittler in Erscheinung traten, kommen gerade die Streamingdienste seit den 2010er-Jahren in keiner Weise ohne eben diese ganz eigenwilligen Verteidiger des Rechts aus.

Die erfolgreichste Serie diesbezüglich ist die bereits seit 2014 bei Amazon Prime laufende US-Krimiserie „Bosch“: Die auf den gleichnamigen Kriminalromanen von Michael Connelly beruhende Serie handelt von Hieronymus „Harry“ Bosch (Titus Welliver), einem Detective der Mordkommission des Los Angeles Police Departments in Hollywood, Afghanistan-Kriegsveteranen und alleinerziehenden Familienvater, der in der vermeintlichen „Stadt der Engel“ für Recht und Ordnung sorgt – und dem sowohl beim Kampf gegen das organisierte Verbrechen als auch gegen seine eigenen Dämonen so gut wie jedes Mittel recht ist. Zwar endete die überaus erfolgreiche und von der Kritik hochgelobte Serie um „Harry Bosch“ nach sieben Staffeln im vergangenen Jahr – doch in den USA läuft bereits die Nachfolgeserie „Bosch: Legacy“, in welcher der von Titus Welliver verkörperte Charakter weiterhin auf Verbrecherjagd gehen darf, diesmal stilecht als Privatermittler.

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Überraschende Lebensereignisse, die alles wenden

Gleicher Autor – andere Serie: Auch Prime-Konkurrent Netflix hat sich eine Vorlage von „Bosch“-Erfinder Michael Connelly gesichert und strahlt seit Mitte Mai „The Lincoln Lawyer“ höchst erfolgreich aus. In dieser geht es um den Strafverteidiger Mickey Haller (Manuel Garcia-Rulfo), der nach einem schweren Surf-Unfall der Medikamentensucht verfällt und sich mühsam wieder ins Berufsleben zurückkämpft. Als er eines Tages nach dem Tod eines Kollegen aber überraschend dessen gesamte Kanzlei erbt, wird Haller – der in Connellys Romanen Harry Boschs Halbbruder ist – rasant in die Welt der Justiz zurück katapultiert.

Und es dauert nicht lange, bis die ersten kniffligen Fälle auf seinem Schreibtisch liegen – oder vielmehr auf seiner Rückbank, einem Lincoln SUV, von dem aus er am liebsten seine Fälle bearbeitet und welcher der Serie ihren Namen gibt. Umgesetzt wird die Netflix-Serie von David E. Kelley, der als Showrunner von „Ally McBeal“, „Boston Legal“ und „Picket Fences“ als Routinier in Sachen Justizdrama-Serien gilt und bis vor kurzem bei Amazon Prime mit „Goliath“ (2016-2021) und Oscar-Preisträger Billy Bob Thornton in der Hauptrolle eine thematisch ähnlich gelagerte Serie wie „The Lincoln Lawyer“ verantwortete.

Vom Saubermann zum Verbrecherkomplizen

Mit „vom Rechtsvertreter zum Rechtsverdreher“ ist indessen der Karriereweg des im Neo-Noir-Serienklassiker „Breaking Bad“ (2008-2013) erstmals auftretenden fiktiven Serienanwalts „Saul Goodman“ nur annähernd umschrieben. Denn der von Bob Odenkirk gespielte Charakter, welcher den Serienfans in der zweiten „Breaking Bad“-Staffel zunächst als gewitzter Consigliere des eigentlichen Chemielehrers und angehenden Drogenbarons Walter White (Bryan Cranston) vorgestellt wird, erhält seit 2015 unter dem Titel „Better Call Saul“ eine eigene, sich gegenwärtig in der finalen sechsten Staffel befindenden Serie, in der verspätet nachgereicht wird, wie und warum sich der naiv-optimistische Junganwalt „James ,Jimmy‘ McGill“ zum späteren Schwerverbrecherunterstützer „Saul Goodman“ entwickelt.

Serienerfinder Vince Gilligan, der auch schon „Breaking Bad“ erfand und dieses 2019 mit dem Film „El Camino“ fortsetzte, widmet sich in seinen hierzulande bei Netflix ausgestrahlten Serien und Filmen aus dem „Breaking Bad“- Universum Protagonisten, denen auf legalem Weg der Aufstieg in bessere ökonomische und gesellschaftliche Sphären versagt zu bleiben droht und somit diesen beinahe kaum etwas anderes übrig bleibt, als die Seite des Verbrechens zu wählen. Dass es im „Breaking Bad“-Kosmos äußerst selten zu einem guten Ende kommt, mag man durchaus bedauern: Doch wäre das Ende rund, so wäre es kein Film noir – und die Fernsehgeschichte um einige äußerst brilliante Geschichten und Charaktere ärmer.

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