Ambivalenz

Antihelden sind beliebt

„Dexter“ und „You“: Bei diesen Protagonisten lösen sich die Grenzen zwischen Gut und Böse auf.
Dexter - S1
Foto: Kurt Iswarienko/SHOWTIME | Er ist Blutspurenanalyst – und ein Serienkiller: Michael C. Hall in „Dexter: New Blood“.

Egal, ob es sich um die passenderweise „Byronic Heroes“ genannten düster-romantischen Heldenfiguren in den Werken des britischen Dichters Lord Byron (1788–1824), dem von Clint Eastwood gespielten und das Gesetz in die eigene Hand nehmenden Polizeiinspektor Harry Calahan in den „Dirty Harry“-Actionfilmen oder um die innerlich zerrissene Superhelden-Comicfigur Batman handelt: Antihelden bevölkern schon seit geraumer Zeit Hoch- und Popliteratur sowie Filme und Fernsehserien und regen dabei die Fantasie unzähliger Menschen an.

Als fiktionale Antihelden erweisen sich zumeist solche Charaktere und Protagonisten, die aufgrund eines erlittenen Unrechts, Traumas oder psychologischen Defekts zu gesellschaftlichen Außenseitern avancierten und deswegen in ihrem Handeln sich oftmals sowohl über gesellschaftlich festgelegte Grenzen als auch über deren Moralvorstellungen hinwegzusetzen bereit sind, um Gerechtigkeit – oder das, was der Antiheld dafür hält – zu erzielen. So ein Verhalten kann aus Sicht vieler gelegentlich als gerechtfertigt erscheinen oder aber auch – wie dies schon bei Denkern wie Immanuel Kant der Fall gewesen ist – zu der Erkenntnis führen, dass der Zweck niemals die Mittel heiligen darf.

Vom Freund und Helfer zum Mörder und Henker

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Mit Blick auf die heutige Serienlandschaft kann festgestellt werden, dass gebrochene und ambivalente Antihelden beinahe zur Regel denn zur Ausnahme bei der Auswahl der Protagonisten geworden sind. Egal, ob „Die Sopranos“, „Mad Men“ oder „Breaking Bad“: einige der wichtigsten Serienklassiker der vergangenen Jahrzehnte verfügen mit Antihelden wie Tony Soprano, Don Draper oder Walter White über einige der ebenso zwielichtigsten wie faszinierendsten Hauptcharaktere der jüngeren Zeit.

Zu diesen illustren Figuren gehört auch Dexter Morgan (gespielt von Michael C. Hall) aus der gleichnamigen schwarzhumorigen US-Krimiserie „Dexter“. In der ursprünglich von 2007 bis 2013 gelaufenen Serie, die hierzulande seit Anfang dieser Woche auf dem Pay-TV-Sender Sky in Form von „Dexter: New Blood“ eine Fortsetzung erhält, steht der beim Miami-Metro Police Department als Forensiker arbeitende Dexter Morgan im Zentrum, der tagsüber in der Blutspurenanalyse arbeitet, um nachts ein Doppelleben als Selbstjustiz übender Serienmörder zu führen, der diejenigen Verbrecher zur Strecke bringt, die sich, obwohl schuldig geworden, der Justiz entziehen konnten.

Wie schon bei anderen Antihelden muss auch Dexter mit dunklen Geheimnissen leben beziehungsweise lernen mit ihnen umzugehen. In seinem Fall ist das Ganze besonders morbide: Er, der keinerlei Empathie gegenüber Mitmenschen aufbauen kann, hat, seitdem er ein kleiner Junge ist, den Drang, andere Menschen zu töten. Aus diesem Grund hat ihm Harry, sein Stiefvater und Polizist, einen Kodex auferlegt: Er sollte, um nicht aufzufallen und gleichzeitig „Gutes“ zu tun, nur dann andere Menschen töten, wenn es sich bei diesen ebenfalls um Mörder handelt – niemals aber Unschuldige. Diesem Kodex folgt er in der Serie, doch er muss sich diesen auch immer wieder aufs Neue vergegenwärtigen – vor allem dann, als er aufgrund seiner immer zahlreicher begangenen Verbrechen selbst immer stärker ins Visier der Ermittlungsbehörden gerät.

Der gutaussehende Stalker und Killer von nebenan

Eine weitere, als äußerst ambivalent zu betrachtende Serie ist die auf Netflix seit Mitte Oktober in bereits dritter Staffel laufende US-Thrillerserie „You“.

In „You“ dreht sich alles um Joe Goldberg (Penn Badgley, Gossip Girl), der in einem Buchladen arbeitet. Schnell wird klar, dass er eine voyeuristische Neigung hat, die sich darin äußert, Frauen auszuspionieren, um ihnen dann mithilfe seiner Erkenntnisse näherzukommen. Die Frauen werden von ihm als „You“ - als „du“ - in seinen Gedanken angesprochen, die die Zuschauerschaft hören können. Durch seine beängstigende Stalker-Recherche erfährt er in der ersten Staffel alles über sein Objekt der Begierde, die junge Nachwuchs-Autorin Beck (Elizabeth Lail), die es ihm durch ihre Aktivitäten in ihren Social-Media-Kanälen und einer Wohnung ohne Vorhänge sehr einfach macht, alles über sie herauszufinden. Schnell werden die beiden ein Paar und Joe schreckt nicht vor Entführung und Mord zurück, um diese „Liebe“, die er sich ausmalt, zu erhalten.

Ähnlich wie im Falle von „Dexter“ verstehen es die Macher von „You“, ihren Protagonisten zwar durchaus charmant, aber dessen Verhalten auch für viele Zuschauer als falsch und inakzeptabel darzustellen. Ein gehöriges Stück Restfaszination gegenüber Personen, die sich über gesellschaftliche Moralvorstellungen und Gesetze hinwegsetzen und (zumeist) ohne Konsequenzen das „ausleben“ dürfen, was manch einer sich nur insgeheim in seinen wildesten Träumen auszumalen traut, bleibt jedoch wie bei vielen anderen Antihelden auch hier vorhanden – und erklärt das Erfolgsgeheimnis von Serien wie „Dexter“ und „You“.

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