Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Serienrezension

Colin Farrell als knallharter Detektiv mit weichem Kern

Die Apple TV+-Serie „John Sugar“ kommt zunächst als Neuauflage des Film-Noir-Genres daher, bis sie eine unerwartete Wendung nimmt.
Privatdetektiv John Sugar
Foto: Apple TV+ | Privatdetektiv John Sugar (Colin Farrell) soll die verschwundene Enkelin eines mächtigen Filmproduzenten finden.

John Sugar (Colin Farrell) wirkt wie ein Relikt vergangener Zeiten. Obwohl die gleichnamige achtteilige Apple TV+-Serie in der Gegenwart angesiedelt ist, erinnert der Protagonist an die Privatdetektive, die Humphrey Bogart insbesondere in Filmen wie „Die Spur des Falken“ (John Huston 1941), „Haben und Nichthaben“ (1944) und „Tote schlafen fest“ (beide Howard Hawks, 1946) verkörperte – Filme, die gemeinhin als der Inbegriff des sogenannten „Film noir“ gelten. 

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Die Serie könnte deshalb als Wiederbelebung eines in Vergessenheit geratenen Filmgenres betrachtet werden. Dafür sprechen die Filmschnipsel aus der klassischen Film-noir-Ära, die immer wieder eingefügt werden, sowie die markante Off-Stimme. Allerdings – das sei jetzt schon erwähnt – nimmt die Serie am Ende der sechsten Folge eine völlig unerwartete Wendung, die in ein ganz anderes Genre überleitet. Serienentwickler Mark Protosevich und Regisseur Fernando Meirelles haben bereits hin und wieder subtile Hinweise darauf gestreut. Manchmal können jedoch diese Szenen und die parallelen Handlungsstränge auf den Zuschauer verwirrend wirken.

Elegante Erscheinung

Bis zu der erwähnten Wendung am Ende der sechsten Folge wird John Sugar als knallharter Privatermittler dargestellt, der sich auf die Suche nach vermissten Personen spezialisiert hat. Die Serie beginnt mit der Lösung eines solchen Falles in Japan. Auch wenn dies nicht zur Haupthandlung gehört, etabliert es die Hauptfigur: Trotz seiner Durchsetzungskraft meidet Sugar Gewalt und setzt sie nur im Notfall ein.

Seine hervorragenden Sprachkenntnisse (Japanisch, Arabisch, Spanisch) und sein makelloser, klassischer Kleidungsstil – dunkler Maßanzug, weißes Hemd mit Manschettenknöpfen und dunkler Krawatte – unterstreichen seinen Charakter. Es fehlt nur der Satz „Mein Name ist Sugar, John Sugar“.

Großer Auftrag

Zu seiner Charakterisierung trägt ebenfalls eine weitere Begebenheit am Rande bei, als Sugar die Hilfe eines Obdachlosen reichlich belohnt, und dem jungen Mann einfach mit Respekt begegnet. Hat dieser John Sugar einfach einen viel zu weichen Kern für seinen harten und manchmal an die Grenze des Legalen gehenden Job?

Video

Die eigentliche Handlung führt den Privatermittler nach Los Angeles, genauer ins Herz der Filmindustrie Hollywoods: Der legendäre Filmproduzet Jonathan Siegel (James Cromwell) beauftragt ihn, seine verschwundene Enkelin Olivia zu suchen, wobei das Ganze natürlich unter größter Diskretion erfolgen soll. Der Fall berührt Sugar besonders, nicht nur weil er sich als ein eingefleischter Filmfan herausstellt – was durch die erwähnten eingestreuten Szenen aus klassischen Film-noir-Filmen und sein Abonnement von Fachzeitschriften wie „Cahiers du Cinéma“ verdeutlicht wird –, sondern auch weil Olivia ihn an seine eigene, offenbar verschwundene Schwester erinnert.

Persönlich involviert

John Sugar arbeitet jedoch nicht allein. Schon bald wird deutlich, dass er einem Team von cleveren Spezialisten angehört, die unter der Leitung der charismatischen und strengen Ruby (Kirby Howell-Baptiste) weltweit „Missionen“ durchführen. Sugar ist ein Meister seines Fachs, betont aber immer wieder, dass er seinen Gegnern nicht gerne wehtut. Sugar mag keine Waffen und seine Güte sowie sein Anstand stehen in starkem Gegensatz zu den brutalen Aspekten seines Jobs. Andererseits leidet Sugar gelegentlich unter mysteriösen Anfällen, möglicherweise Panikattacken, was Zweifel an seiner Zuverlässigkeit als Erzähler aufkommen lässt.

Ruby warnt ihn eindringlich, den Fall aufzugeben: Erkennt sie, dass Sugar zu persönlich involviert ist, oder steckt etwas anderes dahinter? Doch Sugar schlägt Rubys Warnungen in den Wind und lässt sich von dem Fall einnehmen, der ihn in die Geheimnisse einer einflussreichen Hollywood-Familie führt. Diese umfasst neben Siegel seinen Sohn Bernie (Boutsikaris), Produzent von Billig-Blockbustern, dessen Sohn David (Nate Corddry), einen verwöhnten Wichtigtuer, dessen Filmkarriere auf einer Kinderdarstellerrolle basiert, und seine überfürsorgliche Mutter (Anna Gunn). Bernies Ex-Frau, die Rocklegende und Alkoholikerin Melanie Mackie (Amy Ryan), verbündet sich mit Sugar bei seinen Ermittlungen, scheint jedoch ebenfalls ein doppeltes Spiel zu spielen.

Perfekte Traumfabrik

Neben der eigentlichen Handlung spart „John Sugar“ nicht mit Kritik an „Hollywood“: Auf den ersten Blick wirkt es wie eine perfekte Traumfabrik. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die schillernde Fassade als Sumpf aus Verbrechen, Intrigen und Geheimnissen.


„John Sugar“.
Serienentwickler: Mark Protosevich,
Regie: Fernando Meirelles, USA 2024,
acht Folgen von je 33 bis 49 Minuten. Auf Apple TV+.

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