Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Interview mit Rüdiger Safranski

„Die KI lebt nicht, sie ist toter Geist“

Was bleibt vom Menschen? Rüdiger Safranski zum Stand der Geistesgeschichte, an dem Gott und Mensch, die Religion und die Künste in eine neue Ordnung der Wahrnehmung eintreten.
Rüdiger Safranski
Foto: Enno Kapitza | Rüdiger Safranski gehört zu den bedeutendsten Autoren zeitgeschichtlicher Biographien.

Schopenhauer, Nietzsche, Heidegger, Schiller, Goethe, Hölderlin und zuletzt Kafka: Sie zeigten uns, wie sich menschlicher Geist in einer Biografie, in Konflikten, Irrtümern und geschichtlichen Situationen bildet. Nun wenden Sie sich in Ihrem neuen Buch „Die Vierte Kränkung. Menschlicher Geist im Schatten der Künstlichen Intelligenz“ einer Wissensmacht ohne Biografie zu. Kommt Geistesgeschichte an ihre Grenze?

Tatsächlich, die Produkte der KI haben keine Biografie. Was Ausdruck des lebendigen Geistes ist, hat aber eine Biografie. Doch in den Geisteswissenschaften, das merkt man jetzt im Rückblick, hat man schon eine ganze Weile so getan, als hätte man es letztlich nur mit anonymen Strukturen und Mustern zu tun und nicht mit dem lebendigen Geist. Deshalb die Umbenennung der Geisteswissenschaften in Kulturwissenschaften. Die Austreibung des Geistes aus dem eigentlichen Felde des Geistes hat also schon vorher begonnen, jetzt aber macht der tote Geist der KI ganze Arbeit.

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Ja, das kann man so sagen. Es war zwar schon immer so, dass die technische Welt, ein Erzeugnis des menschlichen Geistes, diesem über den Kopf wuchs. Jetzt aber riskieren wir mit der KI wirklich Kopf und Kragen und laufen in eine Falle, die wir selbst gebaut haben. Statt unsere Instrumente zu nutzen, werden wir nun von ihnen benutzt – wenn wir nicht aufpassen.

Sie nennen die KI sinngemäß einen „toten Geist“ und betonen, sie sei ein Mechanismus und lebe nicht. Was genau macht für Sie den lebendigen Geist aus: Bewusstsein, Leiblichkeit, Erinnerung, Freiheit – oder am Ende die Sterblichkeit?

In meinem Buch habe ich sieben Aspekte hervorgehoben: körperliche und emotionale Einbettung; ein reflexives Selbstverhältnis; Spontaneität; Temporalität und Modalität, also der Sinn für Zeit und die Unterscheidung von Wirklichkeit und Möglichkeit; Empathie und Verstehen; Moralität; Freiheit. Das Wissen um die Sterblichkeit gehört auch dazu, es gehört zur Temporalität. Es ist von größter Bedeutung, dass man sich klarmacht: Die KI lebt nicht, sie ist toter Geist. Wir können mit ihr arbeiten, doch wenn man sich so auf sie einlässt, als wäre sie etwas Lebendiges, kann es leicht geschehen, dass man innerlich abstirbt. Man überlässt beispielsweise das Denken und Schreiben der KI mit der Folge, dass man es verlernt. Organe, die man nicht nutzt, bilden sich zurück; elementare Kulturtechniken gehen verloren. Wir werden wohl neben die Rechenzentren bauen, dann die Kraftwerke für ihren Energiebedarf und dann die Psychiatrien, um die durch KI zerstörten Seelen zu reparieren.

KI kann Begriffe, Sätze und ganze Gedankenfolgen in immer neuen Zusammenhängen hervorbringen. Reicht sprachliche Kohärenz bereits für Bedeutung – oder setzt Bedeutung ein Bewusstsein voraus, dem etwas tatsächlich etwas bedeutet?

Bedeutung realisieren heißt, etwas in Verweisungszusammenhängen zu erfahren, die erst interpretiert werden müssen. Das geschieht mit Bewusstsein. Die KI hingegen registriert nur und reagiert auf Informationen in Datenform. Diese Prozesse laufen ohne Bewusstsein ab.

Der Verlag stellt zu Ihrem neuen Buch die Frage, ob sich die Ideen des Humanismus überlebt haben. Was wäre für Sie heute der harte Kern des Humanismus, den wir nicht preisgeben dürfen – die Freiheit des Urteils, die Würde des Einzelnen, Verantwortung, Selbstdenken?

Gewiss sind es diese Werte. Ich erinnere aber noch an etwas anderes, das letztlich auch mit dem Humanismus zusammenhängt, und das ist das Prinzip der Gewaltenteilung. Keine Lebensmacht darf total wirken, sie muss von Gegenmächten eingeschränkt werden. Das gilt auch für die Technik. Sie darf nicht absolut herrschen, sie muss zum Beispiel von einer vernünftigen Politik eingeschränkt werden. Besonders wenn sie, wie bei der KI, in monopolkapitalistischer Form daherkommt. Gerade die KI-Technik muss allgemeinwohldienlich eingebettet und kontrolliert sein.

Papst Leo XIV. hat in seiner Enzyklika „Magnifica Humanitas“ die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz ins Zentrum gestellt und die neue technische Revolution ausdrücklich in die Tradition der katholischen Soziallehre gerückt. Er knüpft damit auch an Leo XIII. und die soziale Frage der Industrialisierung an. Ist die KI für unsere Epoche eine soziale Frage von ähnlicher geschichtlicher Wucht – oder geht sie noch tiefer, weil sie nicht nur Arbeit und Machtverhältnisse, sondern unser Verständnis vom Menschen selbst verändert?

Die drohende Vernichtung von Arbeitsplätzen ist selbstverständlich ein großes soziales Problem. Man verspricht uns, es würden neue Arbeitsplätze geschaffen. Aber es sieht nicht danach aus. Die Veränderung des Menschenbildes ist darüber hinaus noch tiefer gehend. Es besteht die Gefahr, dass die Gewöhnung an den Maschinengeist zur Entwertung des Geistes in der Selbstwahrnehmung führt. Man fragt sich dann: Ist man selbst nicht auch nur eine Maschine? Und dann kann man die Menschen auch wie Maschinen behandeln. Eine Verdinglichung des Menschen ist die Folge. Der Mensch wird zum Anhängsel seines intelligenten Maschinenparks.

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Im Jahr 2000 sagten Sie in einem TAGESSPIEGEL-Gespräch über Nietzsche, nach dem Tod Gottes drohe die Wissenschaftsgläubigkeit zur neuen Religion zu werden. Ein Vierteljahrhundert später antworten uns Systeme mit der Stimme scheinbarer Gewissheit. Ist die KI die technisch perfektionierte Form jener Wissenschaftsgläubigkeit, vor der Sie damals warnten?

Mit einer entfesselten KI wird die Wissenschaftsgläubigkeit zum Albtraum. Warum? Weil sich dann Weisheit und Wissen, das zur Information verkümmert, vollends trennen.

Nietzsche lehrte, dass auch Wahrheit perspektivisch vermittelt ist. KI-Systeme verdichten unzählige menschliche Texte und Perspektiven und geben daraus eine Antwort. Entsteht dadurch eine neue Form von Wahrheit – oder nur eine besonders überzeugende Durchschnittsperspektive?

Die KI fischt aus dem Riesenozean der gespeicherten Daten die jeweils statistisch wahrscheinlichste Konstellation heraus. Perspektiven ergeben sich dabei nicht aus individuell verkörperter Erfahrung und Reflexion, sondern als Rechengröße. Es handelt sich um ein subjektlos erzeugtes Weltbild. Dabei darf man nicht vergessen: Die KI „blickt“ nicht aus irgendeinem „Fenster“ auf die Welt, sie hat keinen Weltbezug und auch keinen Selbstbezug, denn es gibt da gar kein „Selbst“. Es vollziehen sich nur Prozesse in einem datifizierten Universum, subjektlos, maschinell, tot. Wir können bei den Worten und Sätzen des KI-Sprachmodells zwar etwas verstehen, aber sie versteht sich nicht selbst.

Technik sollte ursprünglich Verfügungsgewalt vergrößern. Heute erleben wir Systeme, deren innere Prozesse selbst ihre Entwickler nur begrenzt erklären können und deren Logik gesellschaftliche Entscheidungen prägt. Kehren sich hier Mittel und Zweck um?

So ist es. Schon die alte „Kritische Theorie“ von Horkheimer und Adorno hatte den dynamischen Überwuchs der „instrumentellen Vernunft“ und demgegenüber das Verkümmern der zwecksetzenden, reflektierenden, wertebezogenen, lebendigen Vernunft analysiert. Mit der KI erreicht die instrumentelle Vernunft eine bisher noch nie gewesene hybride Form.

Freiheit ist bei Ihnen nie bloß Bequemlichkeit, sondern auch das Risiko des Irrtums und der Verantwortung. Was geschieht mit Freiheit, wenn wir uns zunehmend von Systemen perfektionieren lassen?

Mit der KI will man sich der Perfektion annähern. Das Leben aber kennt solche Perfektion nicht. Es ist Versuch und Irrtum – das lehrt bereits der Blick in die Evolution. Und auch von der Menschheitsgeschichte könnte man sagen: Sie hat sich emporgeirrt.

Wenn eine KI keine Freiheit besitzt, kann sie dann überhaupt schuldig werden? Oder wird das moralische Problem der KI gerade darin liegen, dass Verantwortung immer diffuser wird – Entwickler, Betreiber, Nutzer, Institutionen verweisen am Ende auf ein System, das selbst niemand zur Rechenschaft ziehen kann?

So ist es. Dabei ergibt sich das Paradox, dass die Eingriffstiefe und Reichweite zunimmt, die Verantwortlichkeit aber abnimmt. Die KI ist ja selbst ein Ausdruck der Entpersonalisierung, also der Subjektlosigkeit, die vollends ins Anonyme entweicht, will man sie zur Verantwortung ziehen. Dazu passt es übrigens auch, dass die Betreiber es verstehen, keine oder wenig Steuern zu bezahlen.

Sie wurden als „Kryptotheologe“ bezeichnet, und die Frage lautete damals: Kommen wir ohne Jenseits aus? Hat die technische Moderne diese Frage wirklich erledigt – oder kehrt sie gerade deshalb zurück, weil eine vollständig berechenbare Welt dem Menschen zu eng wird?

Tatsächlich, im intelligenten Maschinenpark und in den sozialen Medien wird es eng. Die Folge ist: eine neue Art von Platzangst. Gut möglich, dass der Transzendenzbezug wiederkehrt. Aber Vorsicht vor seinen banalen und vulgären Formen, etwa in der Form der Verschwörungstheorien. Wer nicht mehr glaubt, glaubt alles Mögliche, auch das Unsinnigste, wenn es nur in den medialen Kanälen zirkuliert.

Nietzsches „Gott ist tot“ bedeutete für Sie nie einfach, dass die Religionsfrage erledigt sei. Mit dem Verlust religiöser Gewissheiten stellt sich vielmehr die Frage, woran sich Wert und Maß noch binden lassen. Kann eine säkulare Gesellschaft solche Maßstäbe dauerhaft aus sich selbst hervorbringen?

Ich weiß es nicht, aber zweifle daran.

Papst Leo XIV. und „Magnifica Humanitas“: Ist die christliche Rede vom Menschen als Ebenbild Gottes im KI-Zeitalter philosophisch wieder überraschend aktuell, weil sie seinen Wert gerade dann behauptet, wenn Maschinen ihm in einzelnen geistigen Leistungen überlegen sein könnten?

Die Ebenbild-Vorstellung kann den Menschen jedenfalls davor bewahren, sich den selbstgemachten Dingen gleich zu machen, und kann ihn auch davor bewahren, beim jeweils gesellschaftlich Gängigen und Angesagten einfach mitzumachen. Es steckt in der Ebenbildlichkeit ein Einspruch gegen den flachen Konformismus.

Religionen haben Menschen immer auch Deutungen angeboten, die ihre Endlichkeit überschreiten. Ist der „ewige KI-Mensch“ eine technische Karikatur des Jenseits – oder verändert sich tatsächlich unser Verhältnis zum Tod?

Das ist keine Unsterblichkeit, aber doch ein beeindruckendes Überdauern von Spuren des geistigen Lebens. Das begann ja bereits mit der Schrift und dem Buch. Auch das sind schon Techniken der Fortdauer. Sie gehören zur Basis der ganzen Kultur und auch des Menschheitsgedächtnisses. Also nichts gegen diese Art Speichertechnik, zu der letztlich auch die Digitalität gehört. Es kommt aber alles darauf an, wie wir konkret damit umgehen, ob es zum Lebenselixier wird oder zum innerlichen Absterben führt.

Die Romantik als Wiederverzauberung: Wenn Bilder, Musik, Gedichte und Stimmen nun technisch erzeugt werden können, stellt sich die Frage nach dem Kunstwerk neu. Worin unterscheidet sich für Sie ein menschliches Kunstwerk von einem ästhetisch überzeugenden Artefakt, das eine Maschine hervorbringt?

Das Problem ist, dass wir es manchmal nicht unterscheiden können. Die Maschine bringt Effekte hervor, deren Ursache üblicherweise die Verknüpfung von Kunstwille, Erfahrung und Seelenleben ist. Wir haben es also bei der Maschinenkunst mit Effekten ohne die sonst übliche Ursache zu tun. Wir werden in etwas hineingelockt, und dort gibt es nur eine Leere, dort gibt es eben nichts außer den Maschinenprozessen. Und wenn es uns doch gefällt, umarmen wir etwas Totes. Ich darf E.T.A. Hoffmann zitieren, der über die damals grassierende Mode der Automaten-Puppen sagte: „Mir sind solche Figuren, die dem Menschen nicht sowohl nachgebildet sind, als das Menschliche nachäffen, diese wahren Standbilder eines lebendigen Todes oder eines toten Lebens, im höchsten Grade zuwider“. Eine Figur in der Erzählung vom „Sandmann“ umarmt eine Puppe, in die er sich verliebt hat, und bricht „vom inneren Grausen erfasst“ zusammen und wird wahnsinnig. Man muss vielleicht nicht gerade wahnsinnig werden, sich aber doch eingestehen, dass die Hermeneutik, die Kunst des Verstehens von Kunst, an ihr Ende kommt. Denn in der Maschine gibt es eben nichts zu verstehen, wir können uns nicht in sie einfühlen. Das wäre lächerlich, wenn es nicht so traurig wäre.

Für Sie ist Sprache für die Einbildungskraft unverzichtbar und „eröffnet ein inneres Kino“. Heute liefert die Maschine das Bild, bevor wir es uns selbst vorstellen müssen. Verkümmert die Einbildungskraft, wenn wir immer weniger gezwungen sind, uns eine Welt sprachlich selbst zu erschaffen?

Wer sich von den fertigen Bildern überschwemmen lässt, dem verkümmert die Phantasie, dieses so wunderbare Organ des inneren bildgebenden Verfahrens.

Muss Literatur künftig gerade das leisten, was Information nicht kann: Ambivalenz aushalten, Zeit verlangsamen, Fremdheit stehen lassen, Erfahrungen nicht in eindeutige Antworten verwandeln?

Sie haben wichtige Aspekte der Literatur gut beschrieben.

Ihr Kafka-Buch trägt den Untertitel „Um sein Leben schreiben“. Bei Kafka war Schreiben keine beliebige Produktion von Text, sondern existenziell. Was geschieht mit unserem Literaturbegriff, wenn Texte entstehen, hinter denen weder Notwendigkeit noch Lebensrisiko, weder Scham noch Sehnsucht stehen?

Für solche Texte sind unsere bisherigen Literaturbegriffe nicht vorgesehen. Auch wenn Foucault und Roland Barthes schon in den 1970er-Jahren den „Tod des Autors“ ausgerufen hatten, so gingen sie natürlich insgeheim auch weiterhin von der Existenz der lebendigen Autorschaft aus. Das waren alles Schwimmübungen auf dem Trockenen. Der Ernstfall ist mit der KI erst jetzt eingetreten. Und jetzt gilt: Was nach 2022 in der Kunst- und Literaturwelt erscheint, steht unter dem Anfangsverdacht, dass es nicht vom Menschen stammt. Das Vertrauen ist weg. Man muss also damit rechnen, dass man getäuscht wird. Am besten lässt man die Finger davon, es sei denn, man weiß aus anderen Quellen genau, dass ein Mensch dahintersteckt. Allerdings bleibt es jedem unbenommen, sich vom Maschinengeist bezirzen zu lassen. Es gibt ja auch schon viele Leute, die sich vom KI-Dialogsystem therapeutisieren lassen, auch Predigten werden von der KI verfasst, und vielleicht sitzt auch bald eine KI hinterm Vorhang im Beichtstuhl.

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Goethe, Schiller, Hölderlin, Nietzsche oder Kafka sind für Sie keine Museumsstücke. Was können uns solche Autoren in der KI-Epoche geben, das eine perfekt aktualisierte Gegenwart nicht besitzt? Ist der Kanon vielleicht gerade deshalb wichtig, weil er uns mit Gedanken konfrontiert, die nicht auf unsere aktuellen Bedürfnisse optimiert wurden?

Es hat immer etwas Überraschendes, Antworten zu bekommen, nach denen man gar nicht gefragt hat. Man lernt viel beim Versuch, die Frage zu finden, die sich in der Antwort verbirgt.

Kann geistige Bildung überhaupt ohne Umwege entstehen – oder ist gerade die verlorene Zeit, das Verweilen und Wiederlesen ein Teil dessen, was einen Gedanken zu unserem eigenen macht?

Das stimmt, spannend und lehrreich sind die Annäherung, das Unterwegssein.

Wird Urteilskraft zur eigentlichen knappen Ressource des 21. Jahrhunderts?

Die Frage ist: Was fängt man eigentlich mit dem leeren Raum an, wenn man alles ausgelagert hat?

Was, Herr Safranski, darf uns die künstliche Intelligenz niemals abnehmen?

Sie sollte uns das Leben nicht abnehmen.

Der Autor ist als promovierter Geisteswissenschaftler publizistisch tätig.

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