Das Klima polarisiert, seit es politisch wurde. Es ist vermutlich das Schicksal sämtlicher politisierter Themen und Phänomene, dass sie zum Gegenstand der Polarisierung werden. Gleichzeitig ist es – noch bevor es politisch wurde – ein existenzielles Thema. Es betrifft nicht nur die ökonomischen Lebensgrundlagen des Menschen, sondern auch sein Selbst-, Welt- und Gottesverhältnis.
Die Verwurzelung des menschlichen Daseins ist buchstäblich nicht klimalos zu denken. Jede Kindheits- und Urlaubserinnerung ist ökologisch strukturiert. Egal, ob wir Astrid-Lindgren-Romane lesen oder der weißen Weihnacht nachtrauern – Klima und Ökologie bilden zentrale Erfahrungs- und Sinnmomente. Die Geschwindigkeit klimatischer Veränderung hinterlässt Zäsurerfahrungen in unseren eigenen Biografien. Der fehlende Dezemberschnee, die temperaturbedingte Unerträglichkeit des Urlaubsortes, die Veränderung von Flora und Fauna unserer unmittelbaren Lebensräume sind keine uns äußerlichen Ereignisse. Sie sind auf jeder denkbaren Ebene Ereignismomente unseres eigenen Existenzraums.
Die Wechselwirkung zwischen äußerer und innerer Ökologie ist keine spätmoderne Entdeckung. Der vielleicht größte deutsche Universalgelehrte der Geschichte, Alexander von Humboldt, hat diese Beobachtungen eindrücklich nachgezeichnet. Goethe verarbeitete Humboldts Naturerkenntnis in seinem literarischen Humanismus. Johannes Paul II. machte 1991 in seiner Enzyklika „Centesimus annus“ den Begriff der „Humanökologie“ zum theologischen Thema. Der Papst machte darin deutlich, dass die menschliche Ordnung der natürlichen nicht einfach entgegensteht.
Die Neuzeit ist von der dualistischen Gegenüberstellung von Natur und Vernunft – als dem eigentlich Humanen – geprägt. Hinter den umwelt- und klimapolitischen Debatten unserer Zeit steht ein tieferes Ringen um die Integration des Menschen in die Natur. Die Spätmoderne ringt mit den Prämissen ihrer eigenen Modernität, ohne es in der Regel selbst zu merken. Vielleicht liegt gerade darin die weltanschauliche Sprengkraft des Klimadiskurses. Es geht nicht nur um Maßnahmen, Technologien und mögliche Wohlstandsverluste. Es geht letztlich um die Stellung des Menschen nach Jahrhunderten seiner Selbstermächtigung gegenüber der Natur, die zugleich immer auch des Menschen eigene Natur ist.
Die anthropologische Frage ist politisch, und jede politische Frage ist anthropologisch. Es scheint allerdings politisch prädestinierte Diskursräume zu geben, in denen diese anthropologischen Fragen verdichtet und gewissermaßen pars pro toto verhandelt werden. Der Systemwettbewerb des 20. Jahrhunderts mit seinen intellektuellen Begleitschauplätzen war ein solches Phänomen. Marxismus, Liberalismus und Personalismus stritten ja nicht einfach nur um die Frage ökonomischer Überlegenheit. Sie rangen auch um die Frage nach dem Wesen des Menschen. Die klimapolitische Debatte setzt die Konkurrenz der anthropologischen Dispositive fort.
Unstrittig dürfte die Frage sein, ob das Klima für Mensch und Welt von Bedeutung ist. Ebenfalls weitgehend unstrittig ist, dass menschliches Handeln in und an der Natur einen kausalen Einfluss auf klimatische Veränderungen hat.
Die Welt ist eine faszinierende, organisch verbundene Einheit – dieser Beobachtung verdanken wir den Begriff „Ökologie“ für natürliche Umweltphänomene. Daraus folgt noch keine eindeutige politische Agenda. Wer Klima ernst nimmt, muss sich weder für „Klimagerechtigkeit“ engagieren, in depressive Apokalyptik verfallen noch sich kompromisslos mit der Agenda grüner Parteien identifizieren. Er kann sich aber umgekehrt auch nicht unberührt von den aktuellen Entwicklungen zeigen. Aus einem antimarxistischen Bekenntnis folgt noch keine sozialpolitische Ignoranz.
Die Frage ist: Auf welchem Unterbau wollen wir die klimatischen Herausforderungen angehen? Katholisch gefragt: Wie sorgen wir dafür, dass die Mikroökologie des Menschen und die Makroökologie des Kosmos nicht gegeneinander ausgespielt werden?
Über Jahrzehnte hinweg ist die ökologische Frage immer stärker einem bestimmten politischen Milieu zugeordnet worden. Dabei ist ökologische Verantwortung ihrem Wesen nach nicht zwangsläufig links oder progressiv. Vielmehr haben Christdemokraten, Konservative und Rechte das Thema anderen überlassen. Wenn sie sich zu Wort meldeten, dann geschah das oft in defensiver Absicht: als Kritik an Überregulierung, an Verbotspolitik, an wirtschaftlichen Folgekosten oder an der moralischen Aufladung des Klimadiskurses. Vieles an dieser Kritik mag berechtigt sein. Doch dass das Problem relativiert und kaum eigene politische Antworten präsentiert wurden, hat die Fronten verhärtet.
So entstand ein merkwürdiges Vakuum. Auf der einen Seite entwickelte sich eine progressive Erzählung, in der Klimapolitik mit gesellschaftlicher Transformation überhaupt verschmolz. Ökologische, soziale und kulturelle Fortschrittsvorstellungen verbanden sich zu einem Gesamtprogramm. Auf der anderen Seite wuchs die Versuchung, bereits die ökologische Problemstellung selbst für einen Bestandteil dieses Programms zu halten. Manche, die die Antwort ablehnten, wollten die Frage nicht mehr hören.
Das ist natürlich intellektuell wie politisch unbefriedigend. Der große Raum zwischen progressiver Transformationspolitik und ökologischer Indifferenz ist bislang politisch kaum besetzt. Eine Gruppe von Politikern, Wissenschaftlern, Unternehmern und gesellschaftlichen Akteuren – anfangs vor allem aus dem angelsächsischen Raum, zunehmend aber auch darüber hinaus – hat hier ein Desiderat erkannt. Sie teilen nicht in allen Fragen dieselben politischen Überzeugungen, sind sich aber darin einig, dass ökologische Verantwortung von Bewahrung, Zugehörigkeit, Generationengerechtigkeit, Schönheit, Heimat und menschlichem Maß her gedacht werden muss. Daraus ist die Organisation „Our Common Home“ entstanden. Zu deren internationalem Netzwerk gehört in Deutschland der Verein „Heimatwurzeln“.
Das „gemeinsame Haus“ ist kein Rohstofflager, über das der Mensch willkürlich verfügen kann, aber auch kein Gegenstand, der gegen den Menschen geschützt werden müsste. Es ist vielmehr der Lebensraum, den Menschen vorfinden, gestalten und weitergeben. Menschen leben nicht im „Klima“, sondern an konkreten Orten: in Landschaften, Gärten, Wäldern, Dörfern, Städte – ihrer Heimat, die sie bewahren und gestalten wollen. Äußere Welt und innere Zugehörigkeit sind miteinander verbunden: Erst so wird ökologische Verantwortung existenziell.
Der Autor ist Professor für Systematische Theologie an der Katholischen Hochschule Freiburg und Vorstandsmitglied von Heimatwurzeln e.V.
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