„Zunächst muss der Abfall kommen und der Mensch der Gesetzlosigkeit in Erscheinung treten, … der sich über alles hinwegsetzt, was Gott heißt, … und vorgibt, er selbst sei Gott.“ (2 Thess 2,5) Seit einigen Wochen ist wieder viel die Rede von politischer Theologie und vom Antichristen und von Peter Thiel, dem amerikanischen Unternehmer und Hobby-Theologen, und seinem Geraune vom Antichrist, der angeblich zurückgehalten wird von jemandem, einem „Aufhalter“, der erst beseitigt werden muss, bis der Antichrist der Gesetzlosigkeit auftritt und endgültig entlarvt werden kann vor der Wiederkunft Christi (2 Thess 2, 6–7).
Wer aber genau in den zweiten Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher schaut, der versteht, was er meint, und was auch der Lesart des heiligen Augustinus – und übrigens exakt der Interpretation eines gewissen Joseph Ratzinger – entspricht. Paulus und Augustinus sind sich mit Jesus von Nazareth einig: Das Böse kommt nicht von außen in den Menschen hinein, sondern von innen, aus dem Herzen des Menschen, aus seinen bösen Gedanken, aus dem Erbe Kains und seiner seitdem in jedem Menschen wuchernden Missgunst und Eifersucht. „Mein Platz an der Sonne, daher rührt jeder Kampf unter den Menschen“, konstatiert kurz und knapp der französische Philosoph Blaise Pascal, und er hat absolut Recht! Aus narzisstischer Selbstsucht und verzweifeltem Geltungsbedürfnis handelt der Mensch der Erbsünde im Naturzustand außerhalb des Paradieses.
Darum geht es: Bekehrung zum Guten und zur Liebe
Und dieser „Mensch der Gesetzlosigkeit“, wie ihn Paulus nennt, wird nur gezähmt durch den staatlichen Zwang des Gesetzes: nicht freilich zum Guten, das ist Geschenk göttlicher Gnade und Taufe, nur zum Recht und zum Gesetz, das nicht fragt nach tugendhafter Motivation, sondern sich im Zweifelsfall begnügt mit dem zähneknirschenden Willen zur Unterwerfung unter staatliche Gesetze: zur Steuerzahlung, zur Einhaltung von Verkehrsregeln, zum Verzicht auf Tötung unliebsamer Zeitgenossen. Von Liebe ist hier nie die Rede, nur vom Zwang zum Recht. Punkt.
Aber dennoch, so Paulus und Augustinus, zeigt sich der anarchische Mensch der Gesetzlosigkeit, der sich an Stelle Gottes setzt und rücksichtslos seinen eigenen Vorteil sucht. Zurückgehalten wird der gesetzlose (und erst recht tugendlose) Mensch jetzt noch, in der Zeit zwischen Kain und Abel und dem Jüngsten Gericht, durch den Zustand der Gerechtigkeit, also den Staat, der aber nicht einfach nur Ordnung schaffen will im Wirrwarr der Bosheit und Selbstsucht, sondern der das Innerste jedes Menschen nach außen wenden will, der geradezu die Bosheit durch den Zwang des Gesetzes hervorkitzeln will, auf dass Bekehrung möglich werde. Denn darum allein geht es ja in der Geschichte der Menschheit und eines jeden Menschen in seiner Lebenszeit bis zum Vorabend des Jüngsten Tages: um Bekehrung zum Guten und zur Liebe, nicht einfach und effizient um Einhaltung von Recht und Gesetz und Pflicht. War etwa Maximilian Kolbe verpflichtet, für den polnischen Familienvater in den Hungerbunker in Auschwitz zu gehen? Keinesfalls, es war eine Tat der Liebe.
Also erfrischt voran, um das Innerste an gutem Willen nach außen zu wenden bis zum Ende der Welt! Der Antichrist lauert nicht außen, sondern innen, in unserem Herzen. „Du aber werde Herr über ihn!“, sagt Gott zum Kain und zu jedem von uns. Ganz ohne Geraune.
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