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Barmherzige Banker will der Herr

Faire Kredite als Integrationshilfe: Wie die franziskanische Wirtschaftsethik öffentliche Leihhäuser und Armutsgeist vereinbart – Teil 4.
Faire Kredite als Integrationshilfe
Foto: Mika Schmidt via www.imago-images.de | Was die Franziskaner anstrebten, wird für die diese Frauen in Goma Wirklichkeit: Kleinstkredite helfen ihnen, ihre Existenz würdig zu sichern.

Die Franziskaner waren keine Vordenker im Elfenbeinturm, sondern handfeste Praktiker, soziale Innovatoren und Gründer bahnbrechender Institutionen. Ihr Armutsverständnis trug im Mittelalter zu einem positiven Blick auf die Rolle des Kaufmanns und das Unternehmertum bei und brachte konkrete Initiativen zur Armutsbekämpfung und zur Eindämmung des Wuchers hervor.

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Das franziskanische Verständnis der Vorteile und des Nutzens von Handel und gerechter öffentlicher Kreditvergabe fand ab dem 15. Jahrhundert eine direkte praktische Umsetzung: die Einrichtung der sogenannten Monti di Pietà („Berge der Barmherzigkeit“), die als Frühformen der Sparkassen und somit des modernen Bankenwesens verstanden werden können.

Das historische Vorbild für faire Finanzethik und Mikrokredite

Diese Institutionen wurden dank der Initiative von Franziskanerpredigern – wie etwa der selige Barnaba Manassei (+ 1477), Michele Carcano (+ 1484) und Bernardino da Feltre (+ 1494) – zuerst in italienischen Städten und später in ganz Europa als gemeinnützige Leihhäuser gegründet. Damit schufen die Franziskaner das historische Vorbild für faire Finanzethik und Mikrokredite. Es lohnt sich also, eine Zeitreise in ein Jahrhundert des Umbruchs zu unternehmen, dessen ökonomische Weisheit verblüffend moderne Antworten dafür liefert, wie die soziale Spaltung von Gesellschaften in der Gegenwart überwunden werden könnte.

Der erste urkundlich bekannte Monte entstand 1462 in Perugia. Nur zehn Jahre später, 1472, wurde in Siena die heute noch existierende „Banca Monte dei Paschi di Siena“ als Monte di Pietà eingerichtet. Ursprünglich als reines Mittel zur Armuts- und Wucherbekämpfung konzipiert, waren diese Institute eine innovative gesellschaftliche Antwort auf das damals grassierende, vom Zinswucher geprägte Geldverleihwesen. Es handelte sich um kirchliche Pfandleihanstalten, die armen, aber geschäftstüchtigen Menschen Kredite gegen sehr niedrige Zinsen gewährten.

Gegenseitige Unterstützung und Förderung des Gemeinwohls

Als Finanz- und Wohltätigkeitseinrichtungen verbanden sie auf völlig neue Weise ökonomische, soziale und karitative Ziele. Die Monti waren weit mehr als bloße Finanzhäuser: Sie boten der gesamten Gemeinschaft einer Stadt die Möglichkeit, sich an der gegenseitigen Unterstützung und Förderung des Gemeinwohls zu beteiligen.

Schon der Begriff Monte („Berg“) verwies auf einen gemeinsamen Fonds, der durch die Beiträge wohlhabender Bürger, Bruderschaften, religiöser Institutionen und Wohltäter gespeist wurde. Auf der einen Seite standen somit jene, die ihre Ressourcen für das Wohl der Allgemeinheit zur Verfügung stellten; auf der anderen Seite jene, die in Zeiten der Not Zugang zu einem Kredit erhielten.

Als Theologen über den Zins in Streit gerieten

Die Empfänger waren verpflichtet, die erhaltene Summe innerhalb einer bestimmten Frist zurückzuzahlen und dabei einen bescheidenen Zins zu entrichten. Dieser Zins wurde jedoch keineswegs als Preis für das geliehene Geld verstanden. Er stellte vielmehr eine Entschädigung dar, um die Verwaltungs- und Betriebskosten der Institution zu decken. Genau dieser Zins entfachte einen intensiven theologischen und juristischen Streit, an dem sich Franziskaner, Dominikaner und Augustiner beteiligten. Während die einen jede Form von Zins für unvereinbar mit dem biblischen Wucherverbot hielten, verteidigten andere die Rechtmäßigkeit eines moderaten Zinses.

Die formelle kirchliche Anerkennung der Monti und ihrer Praxis erfolgte schließlich 1515 durch die Päpstliche Bulle „Inter multiplices“ auf dem Fünften Laterankonzil. Um das Darlehen zu erhalten, musste der Antragsteller ein Pfand hinterlegen. Wurde die Schuld nicht fristgerecht beglichen, wurde das Pfand im Rahmen einer öffentlichen Auktion versteigert.

Im Laufe ihrer Geschichte entwickelten sich verschiedene Typen der Monti: Die Monti pecuniari (Geldleihhäuser) gewährten Darlehen in bar, während die Monti frumentari (Getreideleihhäuser) Sachkredite vergaben – sie stellten vor allem Saatgut für die Landwirtschaft bereit und reagierten damit auf die spezifischen Bedürfnisse der ländlichen Bevölkerung.

Meilenstein für das moderne Rechnungswesen

Außerdem entstanden die sogenannten Monti delle doti (Mitgift-Stiftungen), die Frauen aus armen Familien die Heirat ermöglichen sollten. Um Transparenz und Effizienz bei der Verwaltung dieser Ressourcen zu garantieren, entwickelten die Franziskaner Kontroll- und Buchhaltungssysteme. In diesem Kontext erlangte die Methode der doppelten Buchführung herausragende Bedeutung, die von dem franziskanischen Ordensbruder Luca Pacioli (1445–1517) systematisiert und verbreitet wurde. Es war ein Meilenstein in der Entwicklung des modernen Rechnungswesens.

Die franziskanische freiwillige Armut bedeutete also keineswegs den Ausstieg aus der realen Welt im Sinne einer weltfremden Askese. In der Praxis implizierte diese Armut Solidarität, Befreiung und soziale Integration. Sie war die bewusste Entscheidung, mitten unter den Menschen zu leben, um deren Nöte und Alltagssorgen vor allem in den wachsenden Städten aus nächster Nähe zu erleben und zu teilen.

Privater Reichtum als kollektive Ressource

Aufgrund ihrer Erfahrungen bewerteten die Ordensbrüder das Konzept der Arbeit völlig neu: Der Mensch wird durch sein Schaffen zum Mitarbeiter Gottes und beteiligt sich aktiv an der Gestaltung und Vollendung der Schöpfung. Mehr noch: Durch seine Arbeit folgt er dem göttlichen Auftrag aus dem alttestamentlichen Buch Genesis, die Schöpfung verantwortungsvoll zu hüten und zu pflegen.

So gesehen, wurde die Idee der evangelischen vollkommenen Armut zu einem wirksamen Projekt mit dem Ziel der Erneuerung des Zusammenlebens und zum Antrieb, sich aktiv an der Gestaltung menschenwürdiger gesellschaftlicher Verhältnisse zu beteiligen. Die Hinwendung zu den Armen in der Nachfolge Christi verwandelte sich in aktive Nächstenliebe.

Gemeinsame Werte als Grundlage der Wirtschaft 

Die Monti di Pietà trugen maßgeblich dazu bei, das soziale Kapital der Gemeinden zu stärken, indem sie Beziehungen des Vertrauens, der Solidarität und der gegenseitigen Verantwortung stifteten. Sie brachten die wohlhabenden Schichten mit jenen zusammen, die sich in einer Notlage befanden. Auf diese Weise verwandelten sie privaten Reichtum in eine kollektive Ressource und ebneten den Weg für ein Wirtschaftsverständnis, das auf Geschwisterlichkeit und der Arbeit für das Gemeinwohl beruhte. 

In diesem Sinne waren die Monti nicht nur eine hochwirksame Waffe im Kampf gegen den Wucher, sondern auch ein visionäres Modell für soziale Inklusion und gemeinschaftliche Kooperation, das die europäische Wirtschaftsgeschichte nachhaltig prägte.

Es könnte als anachronistisch angesehen werden, die ethisch-ökonomischen Positionen der Franziskaner im heutigen Kontext im Einzelnen zu reproduzieren – in einer Moderne, die durch völlig andere Prozesse gekennzeichnet ist als die mittelalterliche Epoche. Gefragt sind Experten, die die franziskanischen Ansätze fachkundig aufbereiten. Gesellschaft, Politik und Markt waren im Mittelalter in den gemeinsamen Zusammenhang der societas christiana eingebettet und basierten auf allgemein geteilten Werten.

Solidarität zielt auf den gemeinsamen Vorteil ab

Wie aber lassen sich Solidarität und diese Werte in einer globalisierten, anonymen Welt verwirklichen? Als Bezugsrahmen könnte die „Solidarische Wirtschaftsethik“ des Ökonomen Jörg Althammer dienen: Solidarität bedeutet hier Kooperation zum gegenseitigen Vorteil. In diesen Kontext passen moderne Alternativen wie die Gemeinwohl-Ökonomie, die Sharing-Economy und die Commons-Bewegung. Solche Initiativen verändern Märkte von Grund auf und entfalten ihre Kraft vor allem auf der lokalen Ebene.

Genau hier, in überschaubaren Solidargemeinschaften, erwacht ein neuer Gemeinschaftssinn: Verantwortung wird wieder direkt wahrgenommen, und es entstehen praxisnahe, soziale Lösungen, die gerade den ärmeren und schwächeren Menschen unserer Gesellschaft eine spürbare Hilfe bieten können. Dass dieser dezentrale Ansatz funktioniert, hat die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom eindrucksvoll bewiesen. Ihre Analysen zeigen, dass die nachhaltige Bewirtschaftung von Allmende-Ressourcen durch lokale Kooperationen weitaus besser gelingt, als es bei starrer staatlicher Kontrolle oder bei Privatisierung der Fall ist.

Geistliche Innovatoren in einer Epoche des Umbruchs

Diese lebendigen Formen eines solidarischen Wirtschaftens, in deren Zentrum die gemeinschaftliche Nutzung von Kollektivgütern steht, erweisen sich somit nicht nur als moralisch geboten, sondern in den Krisen der Gegenwart auch als ökonomisch äußerst leistungsfähig und zukunftsweisend.
Vor diesem Hintergrund zeigen sich die Franziskaner als echte religiöse Unternehmer und geistliche Innovatoren in einer Epoche des Umbruchs.

Aus dem Geist ihrer Armutsbewegung heraus bewirkten sie institutionelle Veränderungen mit tiefgreifenden Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft. Inspiriert von dieser franziskanischen Weisheit lassen sich zukunftsfähige Formen des Wirtschaftens entwickeln, die den Markt zu einem Praxisfeld für Bürgertugenden sowie für ethisches Engagement machen. Das franziskanische Prinzip – verstanden als verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen im Sinne der Allmende – dient hierbei als Modell, um soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Exklusion heutzutage spürbar zu reduzieren.

Den historischen Beweis für die Kraft dieses Wandels bieten die Franziskaner selbst: Die Monti di Pietà gelten als legitime Vorläufer jener nachhaltigen Formen einer ethisch ausgerichteten Finanzwirtschaft – etwa der Mikrokredite, und des sozialen Bankwesens –, die benachteiligten Menschen erstmals einen Zugang zu Kapital ermöglichen. Ein solches Modell zeigt eindrucksvoll, wie die Beziehung zwischen Kreditgebern und Bürgern auf der menschlichen Ebene erneuert werden kann, sodass wirtschaftliches Handeln nicht länger als Instrument der Ausbeutung verstanden wird, sondern als gelebte Praxis der sozialen Verbundenheit und der kollektiven Fürsorge.


Der Autor ist Privatdozent an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

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