Herr Kolev, Ihr neues Buch, das im September beim Verlag Herder erscheinen wird, trägt den Titel „Wohlstand für Junge“ – sind Ihnen die Alten egal?
Ganz im Gegenteil, das Buch richtet sich gerade an die Älteren. Die Jüngeren im Land haben den Eindruck, dass die Älteren den Generationenvertrag in den letzten Jahren sehr zulasten der Jüngeren verschoben haben und zeigen eine neue Bereitschaft, sich dagegen zu wehren. Ihre Bereitschaft, das Land physisch zu verlassen oder sich in die innere Emigration zurückzuziehen, ist deutlich gewachsen. Damit drohen sie für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft als tragende Säule von Innovationen sowie politischem und zivilgesellschaftlichem Engagement wegzubrechen. Das muss man verhindern und daher plädiere ich mit meinem Buch an die Empathie der Älteren und auch an ihr wohlverstandenes Eigeninteresse, die Jüngeren wieder verstärkt in den Blick zu nehmen.
Die Zielkonflikte zwischen Jung und Alt sind real, beispielsweise beim Thema Rente. Die Alterssicherungskommission hat ein Reformpaket vorgeschlagen, zu dessen Kernpunkten das Ende der Rente mit 63 gehört. Wie sollte man damit umgehen?
In der kurzen Frist gibt es sicherlich Verteilungskonflikte. Aber wenn jemand heute 63 ist und sich die Frage stellt, ob er mit 63, 65 oder 67 Jahren in Rente geht, bedeutet das, dass er statistisch gesehen noch etwa 20 Jahre Teil dieser Gesellschaft sein wird. Wenn wir mit den Jungen genauso verfahren, wie sie es aktuell wahrnehmen, können in 20 Jahren so viele von ihnen weg sein, dass bis dahin die Grundlage der Rentenversicherung wesentlich erodiert ist. Man kann den Bürgern durchaus zutrauen, langfristiger zu denken als Politiker, die oft in kurzfristigen Zwängen gefangen sind, und an genau diese Fähigkeit richtet sich der Appell des Buches. Der Druck beim Generationenvertrag ist nichts Neues, er wird seit den 1970er- und 1980er-Jahren diskutiert. Neu ist allerdings die Bereitschaft der Jungen, ihn aufzukündigen.
Wie physische Auswanderung sich auf Wohlstand und Gemeinwesen auswirken, kann man sich gut vorstellen. Aber worin besteht die konkrete Gefahr der „inneren Emigration“?
Ich sehe wesentlich vier Facetten. Die offensichtlichste ist das Wahlverhalten. Bei der Bundestagswahl 2021 lagen die Grünen und die FDP bei den Erstwählern vorne, 2025 waren es die AfD und die Linkspartei. Darin zeigt sich eine sinkende Bereitschaft, den Reformen der politischen Mitte mit Geduld entgegenzutreten und zu vertrauen, dass sie die Probleme des Landes behebt. Dafür steigt die Sympathie mit Kräften, die nicht bloß Reformen anstreben, sondern ein grundlegend anderes Land wollen. Die zweite Facette ist das Arbeitsethos. Wer keine Hoffnungen mehr in die Zukunft seines Landes setzt, wird auch bei der Arbeit weniger Innovationskraft und Eigeninitiative zeigen und eher Dienst nach Vorschrift machen. Drittens nimmt das politische und zivilgesellschaftliche Engagement dieser Menschen ab. Und letztlich kann die innere Emigration dazu führen, dass man den eigenen Kinderwunsch verschiebt oder aufgibt.
Im April haben Sie gemeinsam mit dem Princeton-Ökonomen Markus Brunnermeier eine 10-Punkte-Reformagenda vorgelegt. Der rote Faden bei diesem Papier ist die „Resilienz“. Das ist ein viel gebrauchtes Schlagwort – was verstehen Sie darunter?
Zunächst: Im Buch „Wohlstand für Junge“ unterteile ich die Vorschläge in zwei verschiedene Kategorien. Bei der einen geht es um die Staatsordnung: Das Preis-Leistungs-Verhältnis des Staates muss deutlich besser werden. Bei der zweiten geht es um die Dynamik der Wirtschaft selbst. Beide Bereiche haben mit dem Begriff der Resilienz zu tun. Resilienz bedeutet für Markus Brunnermeier und mich, dass man einer Krise nicht unbedingt widersteht, sondern ihr nachgibt, hinfällt und im Anschluss mit neuen Fähigkeiten wieder aufsteht – man erfindet sich also beim Aufstehen neu. Man könnte auch von Anpassungsfähigkeit sprechen. Und diese müssen Menschen, Unternehmen, Institutionen und die Gesellschaft als Ganzes entwickeln.
Wie sieht Ihre Agenda in groben Zügen aus?
Die Agenda umfasst zehn Punkte. Die ersten beiden formieren unsere Vision einer „Um-Industrialisierung“, anschließend widmen sich vier Punkte dem deutschen Reformbedarf, zum Schluss geht es um Reformen für die EU im globalen Kontext. Im Mittelpunkt steht der Mensch mit seinen Fähigkeiten – nicht das Bewahren der jetzigen Wirtschaftsstruktur. Die Um-Industrialisierung ist unsere Antwort auf die Angst vieler Bürger vor der Deindustrialisierung. Die einzelnen Arbeitsplätze werden nur überleben, wenn sie in neue Formen gedacht werden – mit KI und durch neue Schnittstellen zwischen Industrie und Dienstleistungen, zwischen alten und neuen Unternehmen. Das muss die Politik in Berlin und Brüssel mit einer auf Resilienz ausgerichteten Wirtschaftspolitik ermöglichen. So wird die Resilienz zu einem individuellen, sozialen und politischen Prinzip, das uns in unserer krisenhaften Zeit entscheidend weiterhelfen kann.
Sie nehmen immer wieder Bezug auf Nordeuropa. Länder wie Dänemark und Schweden haben in den vergangenen 30 Jahren ihre gut ausgebauten Sozialstaaten grundlegend transformiert. Was kann Deutschland von ihnen lernen?
Diese Länder haben es geschafft, das Prinzip des Sozialstaats zu bewahren, indem sie die Formen des Sozialstaates geändert haben. Als dort in den 1980er- und 1990er-Jahren die Wirtschaft unter den zu hohen Steuern und Abgaben kriselte, hat man einen gesellschaftlichen Konsens über die Parteien hinweg geschlossen und bis heute gehalten – gerade in Sachen Rentenversicherung. Die Nachbarn Dänemark, Norwegen und Schweden sind diesen Weg in einem ständigen Wettbewerb miteinander gegangen, was es ihnen erlaubt hat, von den jeweils anderen zu lernen und sich immer neu anzupassen. In Deutschland haben wir einerseits das Glück und andererseits das Pech, 40 Jahre später damit loszulegen. Glück haben wir insofern, als wir heute diese Praxisbeispiele haben, von denen wir lernen können. Unser Pech besteht darin, dass wir das Ganze jetzt mit einer deutlich schlechteren Demografie angehen müssen, als es noch in den 1980er- und 1990er-Jahren der Fall gewesen wäre.
Anfang Juli hat die schwarz-rote Regierung ein umfassendes Reformpaket vorgestellt, das sie auch in großen Teilen umzusetzen beabsichtigt. Sehen Sie in den Ergebnissen Grund zum Optimismus?
In Abgrenzung zu Javier Mileis „Kettensäge“ verwende ich gerne das Bild der Heckenschere – und man kann aktuell nicht sagen, dass die Regierung diese Heckenschere nicht ausgepackt hätte. Es ist gut, dass man das Rentenpaket als Ganzes durchbringen möchte. Es ist gut, dass man sich an das Thema Bürokratie nicht fallweise herantastet, sondern mit Vorstößen wie der Genehmigungsfiktion hier neue Prinzipien in den Raum stellt. Die Steuerreform ist enttäuschend. Das war aber zu erwarten, denn signifikante Entlastungen bei der Einkommenssteuer im zweistelligen Milliardenbereich, ohne die Steuern an anderer Stelle zu erhöhen, sind nur möglich, wenn umfassend Subventionen abgebaut werden. Hoffentlich wird dieser Abbau bald angegangen. Ob die Reformen eine Wirkung zeigen werden, was nicht in drei Monaten der Fall sein wird, sondern eher in drei Jahren, ist auch davon abhängig, ob man den Mut hat, weitere wachstumsfördernde Maßnahmen anzugehen.
Sie hatten zuvor den negativen Effekt der inneren Emigration auf den Kinderwunsch erwähnt. Dauerhafter Wohlstand ist ohne Nachwuchs in der Tat nicht vorstellbar. Zugleich bedeutet Flexibilität am Arbeitsmarkt oft mehr Verfügbarkeit für den Betrieb und weniger für die Familie. Wie bewerten Sie diesen Konflikt?
Zunächst müssen wir festhalten, dass wir heute so wenig arbeiten wie noch nie in der Menschheitsgeschichte. Die Woche hat ja 168 Stunden, davon arbeiten wir 35 oder 40. Wenn der Arbeitsmarkt in unserem Sinne flexibilisiert wird, bedeutet das bei guter Auftragslage, dass die Arbeitszeit von 40 auf 42, 43 oder 44 Stunden pro Woche erhöht werden darf, damit man diese Aufträge abarbeiten kann und der Betrieb wieder an Wettbewerbsfähigkeit gewinnt. Wir sprechen hier also über eine Mehrarbeit von maximal einigen Stunden pro Woche, womit noch immer so viel Freizeit verbleibt, wie man es sich vor einigen Jahrzehnten nicht hätte träumen lassen. In Sachen Arbeit, Kapitalmarkt und Innovation brauchen wir einen kulturellen Wandel. Bezogen auf die Arbeit besteht dieser darin, dass der zweck- oder sinnstiftende Teil meines Lebens nicht erst in der Sekunde beginnt, wo mein Arbeitstag endet, sondern dass auch die Arbeit zu diesem gehört. Mit meiner Arbeit leiste ich letztlich einen Beitrag zum Wohlstand und zur Qualität von Wirtschaft und Gesellschaft.
Der Interviewer lebt in Köln und arbeitet als Finanzanalyst in der Filmbranche.
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