Der 28. Juli war für Pfarrer Norbert Hofmann aus dem hessischen Obertshausen im Bistum Mainz ein großer Tag. Mehr als 500 Besucher kamen anlässlich seines 70. Geburtstags in die Kirche St. Thomas Morus. Gefeiert wurde mit Bläsern, Band und Chor, und die Besucher drängelten sich sogar auf dem Vorplatz. Eine Besonderheit dabei: Nicht die Gemeinde machte ihrem langjährigen Pfarrer ein Geschenk, sondern umgekehrt: Pfarrer Hofmann stiftete der Pfarrei eine Statue des heiligen Johannes vom Kreuz (1542–91), die ab jetzt den Pilgerplatz vor der Kirche ziert.
Damit drückt der Pfarrer, der seit gut 40 Jahren in Obertshausen wirkt, seine enge Verbundenheit mit dem spanischen Karmeliten und dem Wallfahrtsort Caravaca de la Cruz aus, wo Johannes der Überlieferung nach siebenmal vor Ort war und einen Karmel gegründet hat. 2012 kam Pfarrer Hofmann zum ersten Mal in den südostspanischen Wallfahrtsort, in dem seit dem Mittelalter eine Reliquie des „Wahren Kreuzes“ Christi verehrt wird. Zustande kam der Kontakt durch den Obertshausener Stadtrat Luis Galvez, der aus dem Wallfahrtsort stammt und seit Jahrzehnten in der Klein-stadt bei Offenbach lebt.
Einst flohen Tempelritter vor den Mauren
Wie das Patriarchenkreuz aus Jerusalem, das zwei Querbalken besitzt, in den Ort kam, dazu gibt es zwei Erzählungen. Die kürzere besagt, dass im Jahr 1231 Erzbischof Robert von Jerusalem einen Partikel des Kreuzes Christi in den Ort bringen ließ, um die Reliquie vor osmanischen Angreifern in Sicherheit zu bringen.
Die Tempelritter, die damit beauftragt waren, flohen am 3. Mai 1232 vor den Mauren auf die Festungsburg, in der sich heute die Basilika befindet. Einer längeren Überlieferung zufolge forderte der maurische König Abu-Zeid einen in Caravaca gefangenen Priester auf, ihm eine Heilige Messe zu feiern. Doch der lehnte ab – ohne Kreuz könne er den Gottesdienst nicht zelebrieren. Daraufhin sollen zwei Engel vom Himmel hinabgekommen sein, um ihm das Kreuz zu geben. Dieses Wunder habe den muslimischen König zum Christentum bekehrt, sodass er sich taufen ließ.
Deutsch-spanische Freundschaft
Auch Jesús López Baquero, der Präsident der Bruderschaft vom Heiligen und Wahren Kreuz von Caravaca, der Pilgerpfarrer und Rektor der dortigen Basilika, Tomás Álvarez Sánchez, sowie weitere Angehörige der Bruderschaft nahmen an der Messe in Obertshausen teil. „Sie dauerte insgesamt drei Stunden mit Segnung, und das Fest ging fast bis 23 Uhr“, berichtet Pfarrer Hofmann stolz.
Gut 1,50 Meter ist die Statue hoch, und einige Zitate des Heiligen sind dort eingraviert, erzählt Stadtrat Luis Galvez. Die Säule sei angelehnt an eine Johannes-vom-Kreuz-Statue, die in Caravaca gleich gegenüber dem Karmel steht. Gefertigt wurde sie natürlich auch von einem Steinmetz aus dem spanischen Wallfahrtsort. „Es gab nach der Messe nur Lob, Lob, Lob für den Pfarrer“, berichtet Galvez. „Er stand draußen und nahm immer noch Glückwünsche entgegen, als es schon dunkel wurde.“
Eine offizielle Städtepartnerschaft zwischen Obertshausen und Caravaca de la Cruz gibt es zwar noch nicht, aber eine Freundschaftsvereinbarung. Auch die Pfarreien Thomas Morus / Herz Jesu und Salvador haben eine Partnerschaft geschlossen. Die Verbindung besteht laut Galvez bereits seit den 1980er-Jahren und wurde durch ihn selbst auf den Weg gebracht. „Ich stamme ja aus Caravaca. Angefangen hat es mit Vereinsbesuchen, Jugendgruppen und den Musikschulen. Auch Fußballmannschaften waren schon dort.“
Eine Idee auf dem Rückflug
Vor 16 Jahren begannen dann die regelmäßigen Besuche zum Fest zu Ehren des Heiligen Kreuzes, das stets in der ersten Maiwoche in Erinnerung an die geflohenen Tempelritter stattfindet. „Die Gruppen werden immer größer. Anfangs waren es 20, 30 Besucher, dieses Jahr sind an die 70 Personen mitgeflogen.“ Auch viele Jugendliche seien mit dabei. „Das muss man erlebt haben, das kann man nicht erzählen.“
2012 konnte er auch Pfarrer Hofmann von Caravaca de la Cruz begeistern. Zu Spanien und den Karmeliten hatte der Geistliche ohnehin schon von Kindesbeinen an eine enge Beziehung. Eine Cousine seiner Mutter war Karmelitin im Kloster Hauenstein im Bistum Speyer. „Ein-, zweimal im Jahr waren wir mindestens dort. Die Ruhe und Besinnung haben mich immer fasziniert, aber es gab keine Abgeschiedenheit von der Welt. Und die große Heilige des Ordens ist Teresa von Ávila.“
Die spanische Karmelitin (1515–82) ist mittlerweile Patronin der Großpfarrei, zu der auch Obertshausen gehört. Von Caravaca de la Cruz war Hofmann gleich bei seinem ersten Besuch begeistert, wie er berichtet. Beim Essen lernte er die große Pferdegruppe, die Jupiter-Gruppe, kennen, die beim Festumzug eine tragende Rolle spielt. Da sei gleich ein herzlicher Kontakt entstanden. „Auf dem Rückflug nach Frankfurt ist der Blitz eingeschlagen, der Heilige Geist“, erinnert er sich. „Mir kam die Idee, ein Hilfswerk für die arbeitslosen Jugendlichen in Caravaca zu gründen.“
Jugendliche nähen prunkvolle Gewänder
Er spendete ein großes Caravaca-Kreuz – das größte der Welt außerhalb des Wallfahrtsorts – für seine beiden Obertshausener Gemeinden und nahm vor zehn Jahren das Hilfswerk in Angriff. Es fing klein an: Zwei Jugendliche zogen damals ins Rhein-Main-Gebiet, um eine Ausbildung zu machen. In der Corona-Zeit kam dann die Arbeit zum Erliegen, doch seitdem geht es stetig aufwärts.
In einem Museum in Caravaca werden in der Werkstatt die Gewänder hergestellt, die immer zur Pferdeprozession Anfang Mai getragen werden. Sie erinnern an die Pferde, die während der maurischen Herrschaft den bedrängten Christen auf der Burg Wein gebracht haben sollen. So kamen sie zu ihrer Bezeichnung „Weinpferde“.
Die Jugendlichen machen dort nun eine Ausbildung und lernen, die prachtvollen Gewänder zu nähen, die jedes Jahr neu angefertigt werden. „Wir haben damals gut 25.000 Euro zu meinem 60. Geburtstag zusammenbekommen“, erinnert sich Pfarrer Hofmann. Mehr als 60 Jugendliche seien beim letzten Kurs dabei gewesen, und für den nächsten Ausbildungsgang gebe es bereits 40 bis 50 Interessenten. „Und es kommen schon wieder mehrere tausend Euro neue Spenden zusammen.“
Der Heilige kannte seelische Tiefpunkte
Auch der Heilige selbst hat es Pfarrer Hofmann angetan. „Er hat viel erlitten in seinem armen Leben und immer wieder von der Finsternis der Seele geschrieben.“ Noch heute gelte Johannes vom Kreuz als der bedeutendste geistliche Schriftsteller. „Er spricht aber auch von dem Licht des Glaubens. Johannes hat seinen seelischen Kampf.“ Der Karmelit sei dennoch ein moderner Heiliger, ist Hofmann überzeugt. „Wie viele Jugendliche werden gemobbt, fühlen sich verlassen, haben Depressionen“, betont er. „Ich erlebe das als Seelsorger immer wieder, das wird immer mehr.“
Hier sei Johannes ein guter Helfer: „Jeder hat mal diese Nacht der Finsternis. Auch die Heiligen hatten ihre Probleme, die Gottsuche führte über Höhen und Tiefen. Aber Johannes gibt einem Kraft, er hat diese Reifung im Glauben erlebt.“ So wurde er verfolgt und ins Gefängnis geworfen, als er gemeinsam mit Teresa von Ávila den Karmel reformieren wollte. Vor genau 300 Jahren, im Jahr 1726, wurde er durch Papst Benedikt XIII. heiliggesprochen, und vor einem Jahrhundert, im Jahr 1926, ernannte ihn Papst Pius XI. zum Kirchenlehrer.
Soziales Engagement ist nicht alles
Beide Heilige haben sich einerseits für mehr Strenge im Sinne von Glaubenstiefe und Innerlichkeit eingesetzt, andererseits aber auch eine große Milde im menschlichen Umgang walten lassen. „Johannes vom Kreuz war auch Rektor in Ávila und hat gemeinsam mit Teresa aufgeräumt. Aber eine übergroße Strenge hilft niemandem“, erklärt Hofmann. Entscheidend sei zu wissen, wohin man im Glauben gehen wolle. „Soziales Engagement ist wichtig, aber es ist nicht alles.“ Das könne für den Weg der Kirche von heute ein Vorbild sein.
Wichtig für die Gemeinden sei auch, die Menschen zu suchen, ihnen etwa Glückwünsche und kleine Präsente zu besonderen Geburtstagen zu überbringen, so wie er es seit Jahren praktiziert. In seiner Pfarrei sieht er positive Veränderungen im Glauben: So sollen in der Großgemeinde Teresa von Ávila, zu der Obertshausen gehört, alle sieben Kirchen erhalten bleiben. In der diesjährigen Osternacht haben sich fünf Erwachsene firmen lassen.
Auch gebe es in der Gemeinde viele Kirchgänger aus anderen Ländern. „Das ist Weltkirche pur“, betont Norbert Hofmann. In jeder Sonntagsmesse gebe es Gäste, und es würden immer mehr. Es gehe darum, den Kontakt zu den Menschen zu pflegen. „Ich sage den Menschen immer: Keine Angst haben. Wenn man wirklich glaubt, wovor soll man Angst haben?“
Der Autor ist Journalist und Buchautor.
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