Herr Abtprimas, die Marienverehrung bei den Benediktinern prägt die Frömmigkeit seit vielen Jahrhunderten. Können Sie ein paar Beispiele nennen, wie diese Verehrung heute noch geschieht? Und worauf sie zurückgeht?
Es klingt erstaunlich, aber in der Regel des heiligen Benedikt wird die Mutter Gottes nicht erwähnt. Und auch nicht in der Lebensbeschreibung, die Papst Gregor der Große über Benedikt verfasst hat. In der Entstehungszeit des benediktinischen Mönchtums war der Marienkult nicht so ausgeprägt. Aber dann wurden im Mittelalter die Benediktinermönche ganz wichtige Träger der Verehrung Mariens. Ein schönes Beispiel dafür: In Andechs gibt es die Darstellung der „Vier Kapläne Mariens“. Von diesen vier Kaplänen sind immerhin drei Mönche: Hermann der Lahme von der Reichenau, der heilige Anselm von Canterbury und Bernhard von Clairvaux. Sie haben sich in ihrer Reflexion und ihrem theologischen Schaffen intensiv mit Maria beschäftigt. Hermann der Lahme etwa durch seine Dichtung des Salve Regina. In den Klöstern ist die Gottesmutter sehr stark präsent und heute sind einige der wichtigsten Marienwallfahrtsorte der Welt in den Händen von Benediktinern, wie etwa Montserrat und Einsiedeln. Die Gottesmutter ist bei uns gut aufgehoben und wir ebenso bei ihr.
Können Sie das näher erklären?
Das benediktinische Leben ist in seinem Wesen zutiefst ganzheitlich. Es sollen alle Aspekte unseres Daseins darin gut eingebunden sein. Dazu gehört auch die emotionale Dimension des Glaubens. Die Marienverehrung, die den Menschen einen besonders gefühlsmäßigen Zugang zum Glauben eröffnet, hat im benediktinischen Leben ihren festen Platz.
Wie ist Ihre persönliche Beziehung zur Mutter Gottes?
Ich bin an einem hohen Marienfest geboren worden, am 8. Dezember, und mein Wahlspruch als Abt lautet: „Respice stellam“ (Schaue auf den Stern) – Maria als Stern des Meeres. Das Zitat stammt aus einer Predigt von Bernhard von Clairvaux. Ich bin marianisch im Blick darauf, dass Maria uns zu Jesus hinführt. Das ist mir sehr wichtig und hat in meinem Glauben eine große Bedeutung. An den Marienorten fühle ich mich sehr gut aufgehoben. Ich denke, dort kommt – jenseits der nüchternen Theologie – das Menschliche, Emotionale und Anrührende besonders zum Tragen. Genau das brauchen wir. Das Lesen des Katechismus allein erwärmt das Herz nicht unbedingt. Aber sobald wir uns der Gottesmutter nähern, wird das Herz warm.
An Mariä Himmelfahrt werden in Süddeutschland traditionelle Bräuche gepflegt wie etwa das Segnen von selbstgebundenen Kräuterbuschen. Kann man überhaupt noch von Volksfrömmigkeit sprechen oder ist es eher Regionalfrömmigkeit?
Ich kann die Situation außerhalb von Süddeutschland nur schwer einschätzen. Natürlich kenne ich solche Bräuche aus meiner Zeit in Sankt Ottilien und sie gefallen mir sehr. Denn man nimmt – ähnlich wie an Ostern – etwas in die Kirche mit, lässt es segnen oder weihen und trägt es dann mit sich zurück nach Hause. Und dieses aus der Kirche Mitgenommene befruchtet den Alltag daheim, es verschönert, vergeistlicht, heiligt ihn auch. Und es ist eine Tür zum Übernatürlichen, zum Transzendenten.
Sind solche Bräuche für das kirchliche Leben wichtig?
Ja, sicher. Da spreche ich auch aus meiner benediktinischen Erfahrung: Die kleinen Rituale und Gewohnheiten im Alltag, die wir auch in den Klöstern haben, wie etwa das Weihwassernehmen beim Betreten von Kirchen … das gibt dem Leben einfach eine Kontur, eine Façon. Und die stützt uns im Alltag, sie prägt uns und wird auch Teil der eigenen Identität. Vielleicht ein etwas banales Beispiel: Bei uns in Bayern ist in den letzten Jahrzehnten rings um das Oktoberfest wieder die bayerische Tracht en vogue geworden. Ich habe das bei den jungen Menschen an unseren Schulen beobachtet – sie tragen wieder gerne Tracht. Daran zeigt sich das Bedürfnis, eine regional geprägte Identität zu leben und sich in ihr beheimatet zu fühlen. Auch das kirchliche Brauchtum kann dabei eine wichtige Rolle spielen.
Pilgern liegt seit einigen Jahren im Trend. Es ist nicht nur der Jakobsweg, sondern es gibt zahlreiche andere Wege quer durch Europa, die „in“ sind. Woher kommt dieser Trend? Es kann nicht nur der Bestseller von Hape Kerkeling sein, der die Menschen zum Pilgern ermuntert.
Das Buch war aber schon wichtig! Mein Kloster Sankt Ottilien hat vor 25 Jahren auf dem Jakobusweg eine Niederlassung gegründet. Ich habe früher jedes Jahr bei der Pilgerbetreuung mitgeholfen und erlebt, wie aus Deutschland plötzlich der Strom an Pilgern angeschwollen ist durch diesen Bestseller. Was vielleicht dahintersteckt: Bei Pilgerwanderungen wird der Glaube physisch erfahrbar und erlebbar. Und das ist sicherlich etwas, was zur Attraktivität beiträgt: Es ist mit Anstrengung verbunden und mit einer persönlichen Überwindung, womöglich sogar mit einer Leistung, die man erbringt. Zudem ist es etwas sehr Individuelles. Das macht man, wenn man selber kann und will. Da muss nicht der Pfarrgemeinderat vorher drüber abstimmen.
Wann war Ihre letzte Wallfahrt – und wohin ging sie?
Die ist erst wenige Monate her und war hier in Rom. Ich wollte dem heiligen Jakobus ein konkretes Anliegen anvertrauen und habe deshalb in der Jakobuskirche in der Altstadt ein kleines, ganz persönliches Gelübde abgelegt.
Die Autorin ist freie Journalistin und Buchautorin.
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