Philosophie

Dietrich von Hildebrand: In der Person verwirklicht sich das Gute

Der Philosoph Dietrich von Hildebrand lehrte eine Ethik der objektiven Werte.
Dietrich von Hildebrand , Philosoph
Foto: Max Fenichel | Im Spätwerk schrieb Dietrich von Hildebrand über die ehelichen Liebe und Liturgie, woran man die Aura der großen Liebe zu seiner Frau Alice spürt, schreibt Rocco Buttiglione. Unser Bild ist aus den 1930er Jahren.

Dietrich von Hildebrand wurde am 12. Oktober 1889 in einer deutschen Künstlerfamilie in Florenz geboren. Sein Vater, Alphons von Hildebrand, war ein berühmter Bildhauer. Zu seinen Vorfahren gehörte Johann Lucas von Hildebrandt, einer der wichtigsten Architekten des deutschen Barocks. Ähnlich wie Guardini war Dietrich von Hildebrand schon durch seine Familiengeschichte mit der lateinischen und deutschen Welt verbunden. In seiner Erziehung fiel der Hauptakzent auf die ästhetischen Werte. Die Begegnung mit der Schönheit ist ein Erlebnis besonderer Art: ganz subjektiv und zugleich ganz objektiv. Die Familie Hildebrand war nicht religiös, aber liebte die Kunst und das Schöne in allen ihren Dimensionen. Das prägte die Seele des jungen Dietrichs von Anfang an tief. Die Schönheit muss erlebt, eingesehen werden. Sie ist ein Letztes, das sich durch Argumentationsreihen nicht deduzieren lässt. Man kann wohl versuchen, sie evident zu machen, kann sie jedoch nicht beweisen.

„Wenn ein hoher Wert wie die Gemeinschaft anstelle Gottes gesetzt wird,
verdreht sich dieser Wert und wird nicht göttlich, sondern als teuflisch verstanden“

Durch seine Erziehung war von Hildebrand wie für die Phänomenologie vorbestimmt. Als er in München Max Scheler traf, der dort als Privatdozent die neue Lehre der Phänomenologie verkündigte, schloss sich von Hildebrand gleich dem Kreis seiner Freunde an. Später war er Student von Husserl in Göttingen, wo er die Doktorwürde mit der Dissertation „Die Idee einer sittlichen Handlung“ erlangte, die von Husserl hochgepriesen wurde.

In Göttingen knüpfte von Hildebrand dann eine enge Freundschaft mit Adolf Reinach und Edith Stein, der er zu großem Teil seine Bekehrung zum Katholizismus verdankte. Von Hildebrand folgte Husserl in seiner späteren transzendentalen Wende aber nicht. Für von Hildebrand bestand der Hauptverdienst der Phänomenologie eigentlich in ihrem Durchdringen der Welt bis zu den Sachen selbst, jenseits der Vorstellungswelt. Die phänomenologische Einsicht sei demnach nicht eine gedankliche Konstruktion, sondern ein Getroffenwerden durch ein Licht, das vom Erkenntnisobjekt ausstrahlt. Es gibt deshalb in der Wesenseinsicht eine gewisse Passivität, die das Ding an sich zu Wort kommen lässt. Dies ist der Hauptunterschied zwischen der transzendentalen und der realistischen Phänomenologie – von letzterer war von Hildebrand einer der Hauptvertreter. Dadurch näherte er sich der Philosophie des heiligen Augustinus an.

Die Entdeckung der Werte steht im Mittelpunkt

Von Hildebrand war aber vor allem ein Ethiker. Im Mittelpunkt seines Denkens stand die Entdeckung der Werte. Wenn wir einen Sachverhalt wahrnehmen, erleben wir zugleich eine emotionale Antwort, die diesen Sachverhalt mit einer Wertschätzung verbindet. Diese Wertschätzung ist nicht willkürlich. Wir fühlen, dass einem Sachverhalt gerade diese Wertschätzung und nicht eine andere gebührt. Diese Wertbeziehung ist aber kein subjektives Gefühl, vielmehr ist sie objektiv gegeben. Denn in dem Gefühl ist ein Erkenntniselement enthalten. Vor Leonardos „Gioconda“ wie auch vor einer Alpenlandschaft fühlen und wissen wir zugleich, dass beiden tiefe Bewunderung gebührt. Auch wenn wir es nicht begründen können: in dem Gemälde ist es nicht eine Zusammensetzung der verschiedenen materiellen Teile des Kunstwerkes. Vielmehr ist es eine Qualität, die dem Ganzen als solchem zukommt. Der Wert kann nicht bewiesen werden, man kann nur versuchen, ihn zur Evidenz zu bringen oder durch die Methode der phänomenologischen Reduktion anschaulich zu machen.

Es gibt unterschiedliche Arten von Werten, unter denen eben auch die ethischen Werte sind: gegenüber einem Erwachsenen, der ein Kind misshandelt oder gegenüber dem Mord eines Unschuldigen antworten wir mit einem uns unmittelbar gegebenen Wert der Verdammung und der Abneigung. In den Werten finden wir Gegebenheiten, die ebenso objektiv sind, wie jene der sinnlichen Wahrnehmung. Sie brauchen jedoch, um verstanden zu werden, eine andere Methode als jene der Naturwissenschaften. Der Hauptfehler der positivistischen Philosophie besteht in dem Bestreben, alles auf die sinnliche Wahrnehmung zu reduzieren. Dadurch werden die Positivisten blind für die Welt der menschlichen Gefühle, für seine innere Rationalität und generell für das Menschliche in der Welt. Zusammen mit der Wahrnehmung der Werte ist uns auch eine Hierarchie der Werte gegeben. Die Werte erscheinen immer in einem Zusammenhang mit der menschlichen Person, die der Ort der Werte ist. Auf dem Weg der Entdeckung der Werte war von Hildebrand ein Wegbegleiter von Max Scheler. Von ihm unterschied sich von Hildebrand jedoch in einem ganz entscheidenden Punkt. Bei Scheler ist die Person – zumindest in einigen Etappen seiner komplizierten philosophischen Entwicklung – wie eine Bühne, auf der sich die Werte zeigen. Für von Hildebrand ist aber die Person ein Wert, ja sogar der wichtigste Wert und die eigene Person ist jedem Einzelnen in seiner besonderen Verantwortung anvertraut. Gerade deshalb erkennt von Hildebrand in seiner Ethik neben den Werten noch andere relevante Kategorien. Es gibt objektive Güter für die Person und jeder ist verpflichtet, sich um diese objektiven Güter zu kümmern, um das Gute der eigenen Person zu verwirklichen.

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Der Wert der Person in sich selbst

Hier kommt von Hildebrand der thomistischen Metaphysik von Potenz und Akt sehr nahe. Durch das eigene Handeln soll die Person ihre Potenz verwirklichen und sich vollenden. Darin liegt nicht eine Art geistiger Selbstsucht oder Egoismus, sondern eine Pflicht den Wert der Person in sich selbst wie in den anderen zu verwirklichen. In diesen Gedanken liegt auch eine gewisse Verwandtschaft mit der Philosophie von Karol Wojtyla. Die Ethik ist nicht nur Wertlehre, sie ist auch die Lehre von der Verwirklichung des Guten für den Menschen.

In den Jahren des Aufstiegs des Nationalsozialismus war von Hildebrand ein entschiedener Gegner Hitlers. Sein wichtiges Buch mit dem Titel „Metaphysik der Gemeinschaft“ widmete er der Entlarvung des nazistischen Mythos der Volksgemeinschaft. In diesem Mythos (der auch unter den Katholiken einen erheblichen Wiederklang fand, etwa bei Othmar Spann) wird die Person in der Gemeinschaft absorbiert: demnach ist der höchste Wert nicht die Person, sondern die Gemeinschaft oder es wird dem personalen Dasein sogar die Qualität der Gemeinschaft zugeschrieben. Von Hildebrand erkennt zwar an, dass die Person für die Gemeinschaft bestimmt ist und liefert eine ausgezeichnete phänomenologische Untersuchung der Werte der Gemeinschaft. Die Gemeinschaft ist jedoch ontologisch nicht eine Person, sondern nur eine Quasi-Person. Denn die Person des Einzelnen transzendiert die Gemeinschaft durch Werte, die jenseits der Gemeinschaft liegen. Deswegen stehen sie höher als die Werte der Gemeinschaft und richten sich auf das Wahre, Gute und Schöne – letztlich auf Gott. Deshalb können die menschlichen Rechte der Gemeinschaft nicht geopfert werden. Wenn ein hoher Wert wie die Gemeinschaft anstelle Gottes gesetzt wird, verdreht sich dieser Wert und wird nicht göttlich, sondern als teuflisch verstanden.

Liebe schärft den Intellekt

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung musste von Hildebrand nach Österreich fliehen. Dort gab er die Zeitschrift „Der Christliche Ständestaat“ heraus. Darin entwickelte er eine dramatische Interpretation des Deutschtums. Einerseits steht das Deutschtum für sich selbst, es sondert sich auf der Suche nach einer unmöglichen Reinheit von der Völkergemeinschaft ab und verfeindet sich mit allen anderen Völkern der Erde, um letztlich in der Barbarei zu versinken. Auf der anderen Seite steht das Deutschtum, das sich im Verhältnis mit den anderen Völkern und ganz besonders mit den lateinischen und slawischen Nationen versteht und eine Gemeinschaft schaffen will, in der alle europäischen Nationen zusammenwachsen und zusammen blühen können.

Von Hildebrand heiratete zweimal. Seine zweite Frau, Alice von Hildebrand, geborene Jourdain, war eine ausgezeichnete Philosophin und in den Reflexionen Hildebrands seiner letzten Jahren, die den Themen der ehelichen Liebe und der Liturgie gewidmet sind, spürt man die Aura der großen Liebe, die diese zwei außerordentlichen Persönlichkeiten geeint hat. Von Hildebrand war davon überzeugt, dass die Liebe den Intellekt schärft, seine ganze Philosophie kann als Suche der Einheit von Liebe und Vernunft gesehen werden. Davon gab sein Leben noch über den Tod hinaus ein glänzendes Beispiel. Alice von Hildebrand, die ihr Leben lang die philosophische Mission ihres Ehemannes weiterführte, ist am 14. Januar im Alter von 98 Jahren gestorben.


Der Autor war italienischer Politiker und hat seit Jahrzehnten eine enge Verbindung zum Vatikan. Er war Philosophieprofessor an verschiedenen – auch ausländischen – Universitäten, Mitglied des Senats der Republik Italien sowie Europa- und Kultusminister. Heute ist er Honorarprofessor an der Hochschule Heiligenkreuz/Wien.

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