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"Moral und Hypermoral": Die Waffe des guten Gewissens

Der Blutsverwandte darf und muss anders behandelt werden, als der Mensch aus weit entfernten Erdteilen: Vor fünfzig Jahren erschien Arnold Gehlens Studie "Moral und Hypermoral".

Klassisch nennt man die Bücher, die alt, aber gleichwohl nicht veraltet sind. Nach dieser einfachen, aber aussagekräftigen Formel ist Gehlens Schrift „Moral und Hypermoral“ heute vielleicht aktueller denn je. Ein wichtiger Grund hierfür ist, dass das Bewusstsein der Einen Welt, das schon die globale Erscheinung „1968“ ermöglicht hat, seither noch weiter gewachsen ist.

Ende der 1960er Jahre treten gesellschaftliche Wandlungen, die schon länger absehbar sind, mit Wucht an die Öffentlichkeit. Das Wirtschaftswunder hat in seinen sozialen und ökonomischen Folgen neben Wohlstand für viele eine starke Individualisierung mit der Hoffnung auf weitere Freiheiten und Emanzipation hervorgebracht. Die politische Neuausrichtung, eine deutliche Linkswende, folgte auf dem Fuße. Viele zeitgenössische Beobachter erkannten, dass die Individualisierung einhergeht mit einem (wenigstens partiellen) Niedergang bestimmter Gemeinschaftsbindungen: Ehe, bürgerliche Familie, Nation und Staat standen in der Kritik eines immer einflussreicheren universalen Humanitätsethos. Eine solche Gesinnung machten sich vornehmlich progressive Avantgardisten zu eigen, zu deren Schwerpunkten die Solidarität mit allen Teilen der Welt zählte. Der Internationalismus der Linken lieferte die ideologische Begründung.

Gehlen hatte sich bereits in seiner epochalen Veröffentlichung „Der Mensch“, die erstmals 1940 in einer teilweise verfänglichen Diktion auf den Markt gekommen ist, für starke Institutionen ausgesprochen. Sie sind für den Autor notwendig, weil die beim Menschen unterentwickelten Instinkte keine festen Verhaltensmuster ausbilden können. Die Nationalsozialisten erfüllten die anfangs von Gehlen in sie gesetzten Hoffnungen nicht, die vor 1933 durch den Liberalismus angeblich geschwächte staatliche Autorität dauerhaft wieder herzustellen. Den staatlichen wie gesellschaftlichen Einrichtungen schrieb der Anthropologe und Biologe die Aufgabe zu, dem Mängelwesen-Charakter des Menschen entgegenzuwirken.

Warum die Loyalität zum Staat schwindet

Ohne sie sah er die Gefahr der „drohenden Auflösung unserer Sozietät durch Störung der Überlieferung unentbehrlicher sozialer Verhaltensmuster“ als unabwendbar, wie er in Anlehnung an Konrad Lorenz formulierte. Diese Sicht muss man im Hinterkopf behalten, wenn man seine Angst vor der Dominanz eines institutionenbeschädigenden Emanzipationsdranges verstehen will. Um 1970 zeigte sich die gesellschaftliche Deinstitutionalisierung in der westlichen Welt deutlich fortgeschritten. Diese Tatsache beängstigte das frühere NSDAP-Mitglied so sehr, dass er sogar lobende Worte für die Sowjetunion fand. An der stabilitätsorientierten Absicht der steinzeitkommunistischen Gerontokraten konnte man in der Tat nicht zweifeln.

Gehlen analysierte einen mit der Gegenwart vergleichbaren Trend in der Antike: Die kosmopolitische Orientierung der stoischen Philosophie unterfütterte den Globalismus des vierten vorchristlichen Jahrhunderts. Das Zusammenleben einer steigenden Zahl von Menschen offenbarte Züge von zunehmendem Wohlstand, Friedenssehnsucht, einer a-politischen Ideologie und dem Ziel, das Licht der hellenischen Zivilisation zu verbreiten. Gehlen verwies (mit deutlichem Blick auf die Gegenwart) auf die Macht von Intellektuellen wie den im vierten vorchristlichen Jahrhundert in Athen lebenden Kyniker Antisthenes. Immer stärker wurden in jener Epoche Aggressionen sublimiert, weil sie weder durch schwere Arbeit, noch durch Kriege abgebaut werden konnten – auch diese Beobachtung, die besonders auf geistige Arbeiter des zeitgenössischen „Tertiärbürgertums“ zutrifft, lässt sich leicht übertragen. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass schon antike Elitäre die Moral gern als Waffe verwendeten. Bedeutende Denker wie Friedrich Nietzsche oder Max Scheler haben im letzten wie vorletzten Jahrhundert solche Mechanismen in allen Einzelheiten analysiert.

Unterscheidung zwischen Nächstem und Fernstem

Gehlen beobachtete unter den erwähnten antiken Konstellationen erstmals die Ausweitung des Sippenethos auf die Weltgemeinschaft. Einen solchen (aus seiner Sicht unzulässigen) Brückenschlag nennt er „Humanitarismus“. Dieser sollte in verschiedenen Epochen wiederkehren. Gerade in der Aufklärung machten sich Formen universaler Menschheitsbeglückung, jedenfalls in gelehrten Traktaten, bemerkbar. Alle Menschen werden Brüder – so der Tenor nicht nur bei Schiller!

Gehlen plädierte in diesem Kontext für einen Moralpluralismus. Das bedeutet, dass das Verhalten beispielsweise gegenüber Bluts- und Geistesverwandten verwandten durchaus anders (und enger) ausfallen darf und soll als gegenüber Fernsten in anderen Erdteilen. Diese Differenzen legt er in „Moral und Hypermoral“ kundig dar. Nun liegt es auf der Hand, dass humanitaristische Gesinnung die Loyalität gegenüber herkömmlich existenziell-partikularen Gemeinschaften wie den Staat vermindert. Für Gehlen mutiert die hoheitliche Instanz im Bewusstsein breiterer Bevölkerungsschichten zur bloßen „Milchkuh“.

Das Thema Religion spielt in der Gedankenwelt Gehlens keine untergeordnete Rolle. Als hätte er das Verhalten von Kirchenführern in der aktuellen Migrationspolitik im Blick, kommentierte er Hebbels Satz „Religion ist erweiterte Freundschaft“ mit den Worten, diese Sentenz werde immer richtiger, je stärker sich der dogmatische Gehalt der Religion verflüchtige.

Gewährsmann der Gegner der „Willkommenskultur“

Eine fundierte Zusammenfassung seiner Vorstellungen findet sich im Kapitel „Moralhypertrophie“. Gehlen lehnte es ab, die bloße Menschlichkeit schlechthin zu akzeptieren, wie es in universalistischen Ethiken üblich ist. Diese bejahten meist vorbehaltlos einen „Massenlebenswert“, wie ihn erstmals in großem Stil der Utilitarismus aufgewertet habe. Auf diese Weise würden implizit auch schlechte Eigenschaften aufgewertet; zudem werde ein höherer Maßstab negiert, nach dem menschliches Handeln zu beurteilen sei. Angesichts dieser weit in die Zukunft reichenden Überlegungen verwundert es nicht, dass Gehlen manchen Gegnern der „Willkommenskultur“ als Gewährsmann dient.

In der Tat stimmen grundsätzliche Einwanderungsbefürworter mit Gehlens Definition von Moralhypertrophie insofern überein, als sie die „Ächtung aller Ausgrenzungen und Distanzvorbehalte“ fordern. Neuere Publikationen, etwa Alexander Graus Schrift „Hypermoral“ (2018), nehmen durchaus begriffliche Anleihen bei Gehlen, vermeiden jedoch einige von dessen grundsätzlich humanitätsfeindlichen Ressentiments. Weiterhin ist Horst G. Herrmanns Abhandlung „Im Moralapostolat“ (2017) herauszustellen, die der emeritierte Papst Benedikt XVI. als „mutiges Buch“ bewertete. Sie zeichnet den langen Schatten der reformatorischen Wende zur Innerlichkeit und Gesinnungsengführung nach.

In der aufgewühlten Stimmungslage vor fünf Jahrzehnten konnte das unzeitgeistige Werk Gehlens nicht mit einer wohlwollenden Rezeption rechnen. Es lässt durchaus Schwächen erkennen, etwa die pauschale Identifikation von Christentum und Humanitarismus, die schon deshalb falsch ist, weil für Gläubige der Mensch nicht letzter Bezugspunkt ist. Trotz diverser Mängel ist Gehlens Untersuchung nicht nur in einer Hinsicht prophetisch. Der humanitaristische Grundzug der öffentlichen Meinung, von Gehlen als deren „Leitmoral“ charakterisiert, ist nach einem halben Jahrhundert genauso evident wie damals, vielleicht sogar in noch größerem Ausmaß. Die Kosten der „Humanitätsreligion“, standen ihm zwar noch nicht vor Augen, wohl aber die Ausgrenzung von deren Kritikern. Gehlens Überlegungen dürften ihren Wert behalten.

Themen & Autoren
Felix Dirsch Alexander Grau Anthropologinnen und Anthropologen Benedikt XVI. Friedrich Nietzsche Max Scheler Religiöse und spirituelle Oberhäupter Vorchristliche Zeit (Jahrhunderte)

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