Philosophie

Papst Benedikt XVI. half, das Hildebrand-Projekt zu etablieren

John Henry Crosby, Leiter des Hildebrand-Projekts, will das Werk des Philosophen Dietrich von Hildebrand bekannter machen.
Philosoph Dietrich von Hildebrand
Foto: IN | Das Herz sollte im Mittelpunkt des menschlichen Lebens stehen, meinte der Philosoph Dietrich von Hildebrand (1889–1977).

Herr Crosby, was ist die Mission des Hildebrand-Projektes?

Unsere Mission ist es, die Ideen und das Zeugnis des deutschen Philosophen und religiösen Denkers Dietrich von Hildebrand (1889–1977), zu verbreiten. Hildebrand ist eine faszinierende Figur. Er war Schüler von Edmund Husserl, eines der führenden Philosophen des frühen 20. Jahrhunderts. Hildebrand war ein katholischer Konvertit, ein glühender Christ. In seiner Zeit war er einer der ersten bekannteren katholischen Figuren, die sich gegen die Nazis stellten. Über die Jahre haben wir auch über die weitere intellektuelle Tradition christlichen Personalismus‘ gearbeitet, den Hildebrand repräsentierte – und dazu ziehen wir verwandte Denker heran wie Papst Johannes Paul II., Edith Stein, Romano Guardini, und andere.

Was wäre eine einfache Erklärung für den Begriff „Personalismus“?

Eine gute Frage! „Personalismus“ kann vieles bedeuten – und nicht alles ist miteinander vereinbar. Bei Johannes Paul II. und Hildebrand heißt es, dass sie den Menschen nicht nur als eine einzelne Instanz menschlicher Natur sehen, sondern als eine einzigartige und unersetzliche Person mit einem einzigartigen gottgegebenen Ruf und Schicksal. In dem Sinn hat Personalismus Anleihen aus dem antiken Griechenland und natürlich der Bibel. Als philosophische Bewegung hat sich der Personalismus im 20. Jahrhundert herausgebildet. Eines meiner Lieblingszitate dazu stammt aus einem Brief von Johannes Paul II. an den französischen Theologen Henri de Lubac, in dem er schreibt: „Meine sehr seltenen freien Momente gebe ich auf für eine Arbeit, die mir sehr nah am Herzen liegt, und die sich auf die Metaphysik und das Mysterium der Person bezieht... Das Böse dieser Zeit besteht aus einer Art Degradierung, einer Pulverisierung der fundamentalen Einzigartigkeit jeder menschlichen Person.“

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Wie ist die Geschichte des Hildebrand-Projektes?

Das Projekt wurde 2004 gegründet, um Hildebrands zahlreiche unveröffentlichte, deutsche Werke ins Englische zu übertragen und zu veröffentlichen. Am Anfang dachten wir, dass das ein vierjähriges Unternehmen sein würde, und dann wären wir fertig! Wir haben ernstlich unterschätzt, wie lange es dauert, mehrere tausend Seiten philosophisches Deutsch zu übersetzen. Bald nach unserer Gründung haben wir auch bemerkt, dass es ebenso wichtig war, die Ideen und Einsichten in diesen Büchern zu verbreiten. Über die Jahre haben wir deshalb größere Konferenzen, Lesegruppen, Vorträge und Sommerseminare veranstaltet. Wir hatten großes Glück, dass wir mit Menschen wie meinem Vater, John F. Crosby, oder Josef Seifert und anderen unmittelbaren Hildebrand-Schülern zusammenarbeiten konnten – um damit nicht nur seine Ideen, sondern auch seine Geisteshaltung weiterzugeben.

Was verbindet das Hildebrand-Projekt mit Papst Benedikt XVI.?

Das Engagement Papst Benedikts XVI. war für uns entscheidend. 2004 nahm er die Einladung von Alice von Hildebrand, Dietrichs Witwe, an, ein Ehrenmitglied des Hildebrand-Projektes zu werden – damals noch als Kardinal Ratzinger. 2006 konnte ich ihn bei einer Papst-Audienz treffen. Das Projekt hatte gerade erst einen Zuschuss von der „Papal Foundation“ erhalten. Ich dankte dem Papst und dachte, ich würde ihn über etwas informieren, das nur in seinem Namen durchgeführt worden war. Aber er antwortete: „Das habe ich selbst durchgesetzt!“ Er fragte nach Alice von Hildebrand, und bemerkte: „Sie ist eine edle Frau.“ Weniger als ein Jahr später erhielten Alice und ich eine Privataudienz bei Benedikt. Ich wusste damals nicht, dass man in diesem Rahmen nicht um Gefallen bitten soll – die Audienz selbst ist der Gefallen – und so sagte ich völlig unschuldig: „Heiliger Vater, Ihr Engagement für das Projekt war enorm hilfreich für uns, um Interesse auf uns zu ziehen. Es wäre toll, wenn wir schriftlich etwas von Ihnen hätten. Könnten Sie einen Unterstützungsbrief für uns schreiben?“ „Sehr gerne!“, antwortete er ohne zu zögern. Zwei Monate später klopfte ein Kurier an meine Tür – und da war Benedikts Brief, nicht nur einige Zeilen, sondern eine kurze, aber mächtige Lobrede auf die Notwendigkeit der Vernunft für den Glauben. Ein klassischer Benedikt!

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Warum sollte ein junger Katholik heute Dietrich von Hildebrand lesen?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es zwei Themen gibt, die junge Leute verlässlich ansprechen: Schönheit und Liebe. Hildebrand war ein großer Verfechter von Schönheit als echter Notwendigkeit – egal ob für eine Einzelperson, für die Familie, die Kirche oder die Gesellschaft insgesamt. Hier ein typisches Zitat: „Angesichts des wahrhaft Schönen werden wir befreit von der inneren Spannung, die uns zu irgendeinem konkreten praktischen Ziel treibt. Wir werden kontemplativ, und das ist immens wertvoll. Wir dehnen uns aus, und unsere Seele selbst wird schöner, wenn wir Schönheit begegnen, uns ergreift.“

Die Liebe ist ein weiteres zentrales Thema in Hildebrands Werk. Er war der Meinung, dass Liebe einfach die bedeutendste Wirklichkeit ist. Nicht nur als zentrale und wichtigste Beziehung zwischen Menschen; weil Gott selbst die Liebe ist, bedeutet die Entdeckung von Liebe, den tiefsten Kern der Wirklichkeit zu berühren.

„Warum, fragt er, sollte das Herz nur unter dem Aspekt seiner Schwächen betrachtet werden,
wo doch Intellekt und Wille,
die gravierende Fehler und Gewalt in unserer Geschichte hervorgebracht haben,
nur unter ihren Stärken betrachtet werden?“

Welche Botschaft sollten Katholiken von Hildebrands Werk mitnehmen?

Das ist eine schwierige Frage – es gibt so viele schöne Botschaften. Um eine herauszugreifen, die viele Menschen tief anspricht: Der Schwerpunkt, den er auf die Rolle des Herzens legt. Warum, fragt er, sollte das Herz nur unter dem Aspekt seiner Schwächen betrachtet werden, wo doch Intellekt und Wille, die gravierende Fehler und Gewalt in unserer Geschichte hervorgebracht haben, nur unter ihren Stärken betrachtet werden? Das menschliche Leben, das das Herz nicht ins Zentrum stellt, ist fürchterlich verengt. Kann ich jemanden wirklich lieben, ihm aber nicht mein Herz, sondern nur meinen Geist und meinen Willen schenken? Kann ich für Menschen gegenwärtig sein, wenn ich mein Herz zurückhalte? Kann ich Schönheit, Trauer, Reue, Freude ohne mein Herz erfahren? Zum Glück sind Hildebrands Gedanken dazu – die übrigens auch sensibel sind für die Gefahren einer exzessiven Emotion – in einem kurzen und einstiegsfreundlichen Buch mit dem Titel „Das Herz“ zusammengefasst.

 

Welches Werk Hildebrands würden Sie jemandem empfehlen, der in die Lektüre einsteigen will?

Hildebrand hat ein Buch mit dem Titel „Sittliche Grundhaltungen“ geschrieben – das übrigens auch zwei Essays seiner Ehefrau Alice enthält. Obwohl es recht kurz ist, bietet es eine herausragende Einführung in einige seiner zentralen Themen: Ehrfurcht, Wert-Empfindung, Wahrheitsliebe, die Rolle des Herzens und mehr. Die neueste Ausgabe des Buches (die englische Ausgabe hat den Titel „The Art of Living“, Anm. d.R.), enthält eine ausgezeichnete Einleitung vom Philosophen Peter Kreeft.

Woran arbeiten Sie momentan?

Aktuell schauen wir uns die unveröffentlichten Manuskripte Hildebrands an. Nach seiner Konversion 1914 begann er regelmäßige „liturgische Abende“ in seiner Wohnung in München zu veranstalten. Mich erstaunt es immer wieder, wie neuartig es damals sein musste, dass Hildebrand diese Versammlungen als Laie leitete. Neulich haben wir entdeckt, dass wir tatsächlich über Transkriptionen dieser Abende haben, die er später in New York weiterführte, wohin er 1940 vor den Nazis geflohen war. Die umfassen 300 000 Wörter! Außerdem bieten einen etwas einfacheren Zugang zu Hildebrand.

Was erhoffen Sie sich für die Zukunft?

Wir haben eine lange Liste von Zielen: Bücher, die wir veröffentlichen, Seminare und Veranstaltungen, die wir organisieren, und Inhalte, die wir produzieren wollen. Wir würden sehr gerne Hildebrands philosophische Werke neu auf deutsch veröffentlichen. Leider ist Hildebrand in der deutschsprachigen Welt in Vergessenheit geraten. In anderen Ländern hingegen wächst das Interesse. Wir arbeiten regelmäßig mit Verlagen, die ihn ins Italienische, Spanische, Portugiesische, Polnische und weitere Sprachen übersetzen. Die gute Nachricht ist, dass es doch Deutsche und Österreicher gibt, die Hildebrand entdecken und sich für sein Leben und Werk interessieren. Es freut uns immer, von deutschen Muttersprachlern zu hören, besonders denen, die Interesse haben, mit dem Hildebrand-Projekt zu zusammenzuarbeiten oder dabei zu helfen, diesen großen Sohn Deutschlands wieder bekannter zu machen.


Zur englischsprachigen Homepage des Hildebrand-Projekts.

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