Feuilleton

Heiliger katholischer Frühling

Im zehnten Teil der Tagespost-Serie zum Ersten Weltkrieg geht es um eine Frau, deren geistiger Weg vom Krieg beeinflusst wurde – und die sich ganz im Strahlungsfeld der damaligen „Bekehrung des Intellekts“ befand: die Philosophin Edith Stein. Eine Rückschau. Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz
Auch bei Edith Stein verstärkte der Krieg die innere Suchbewegung
Foto: dpa | Der Mensch „findet Gott in sich, wenn er bei sich einkehrt“: Auch bei Edith Stein verstärkte der Krieg die innere Suchbewegung.

Es geht ein katholischer Zug durch die heutige Geisteswelt, eine stille Sehnsucht nach Katholizität‘ (...) Eine nicht kleine Schar evangelischer und jüdischer Intellektueller befindet sich auf der Pilgerschaft zur Kirche. (...) aber leider sind es mehr die außerhalb der Kirche Stehenden und sich nach ihr Sehnenden, als die eigenen Söhne und Töchter, die von dem Wert der kirchlichen Kräfte lebendig, um nicht zu sagen leidenschaftlich, durchdrungen sind.“

Diese weitblickenden Worte eines Anonymus in der Kölnischen Volkszeitung vom 15.8.1920 treffen auch auf Edith Stein zu. Ihre Bekehrung erhellt sich durch den Ersten Weltkrieg mit seinem katastrophalen Zusammenbruch der politischen Verfassung Zentral- und Osteuropas. Eine verlorene und gebrochene Generation suchte nach Neuordnung auf den Ruinen Europas.

1918 markiert nicht allein das Ende eines Krieges, sondern auch eines Lebensgefühls. Max Scheler, der 1915 dem Krieg als einer Herausforderung aller Kräfte zugestimmt hatte (Vom Genius des Krieges), klagte über eine „bis in ihre letzten Grundlagen erschütterte geistig-sittliche Kultur Europas, die im Winde flattert gleich einer zerschlissenen Fahne über Leichenfeldern“. Drastisch heißt es bei Theodor Haecker 1917: „Europa (ist) gekleidet in blutbefleckte Lumpen. (...) Der Umbruch der Gewalten und Sitte, vor dem die nächsten Generationen Europas leben und in Krämpfen des Hasses und des Neides beben werden, (ist) nur zu verhindern durch den Umbruch der Gesinnung.“ Gottfried Benn kam zu fast hoffnungslosen Beschreibungen: „Was übrigblieb, waren Beziehungen und Funktionen; irre, wurzellose Utopien; humanitäre, soziale und pazifistische Makulaturen; (...) Sinn und Ziel waren imaginär, gestaltlos, ideologisch (...). Auflösung der Natur, Auflösung der Geschichte. Die alten Realitäten Raum und Zeit: Funktionen von Formeln; Gesundheit und Krankheit: Funktionen von Bewusstsein; selbst die konkretesten Mächte wie Staat und Gesellschaft substanziell gar nicht mehr zu fassen.“

Rückblickend lassen sich schon die unterschwelligen Vorbereitungen für die kommende Katastrophe des Dritten Reiches beobachten. Die russische Oktoberrevolution 1917 streifte schattenhaft Deutschland: in der Bildung der kommunistischen Partei und deren Konfrontation mit den Nationalsozialisten sowie im Phänomen der politischen Morde. Die Verachtung, ja Ausradierung des Herkömmlichen wurde Programm der Bolschewiken (wie später der Nazis): „Im Zuge seiner Weiterentwicklung führt der Mensch eine Säuberung von oben nach unten durch: Zuerst säubert er sich von Gott, dann säubert er die Grundlagen des Staatswesens vom Zaren, dann die Grundlagen der Wirtschaft von Chaos und Konkurrenz und schließlich seine Innenwelt von allem Unbewussten und Finsteren.“ So Leo Trotzki.

Symptom der Epoche ist Spenglers Untergang des Abendlandes. Anstelle persönlicher Verantwortung trat ein evolutionäres „Schicksal“ auf mit biologischem Werden und Vergehen. Zeitgleich erschienen 1918 das expressionistische Gedicht Weltende von Jan van Hoddis und das Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus; 1925 „Der Zauberberg“ Thomas Manns mit seiner Zelebration des Todes.

Edith Stein hat zweifellos Teil an der Gesamtstimmung. Ihr depressiver Grundzug, verstärkt nach dem Weltkriegstod des verehrten Lehrers Adolf Reinach Ende 1917, ist nicht zu überhören; ihr Jugendübermut sei „zum Teufel“, so wörtlich. 1917 bis 1920 sind die Jahre ihrer tiefsten menschlichen Krise, die sich erst in der Konversion 1921/22 aufzulösen beginnt. Wie der Briefwechsel mit dem polnischen Freund Roman Ingarden ausweist, empfindet Stein auch persönlich den Untergang des deutschen Reiches als Erdbeben. „Und in wie Vielen, in wie Unzähligen ist jetzt die Haupt- und Lebensfrage nach Gott aufgestiegen!“, schrieb der junge Karl Barth schon 1914. Die Spannung zwischen erschüttertem Dasein und notwendender Sinndeutung brachte einen unerwarteten „heiligen katholischen Frühling“ mit vielfältigen Erneuerungsbewegungen, die sich entweder in gänzlich neuen Aufbrüchen oder in der Renaissance alter Ordnungen, etwa im Benediktinerorden (Beuron und Maria Laach), manifestierten. Tatsächlich tendierten die meisten Aufbrüche zur Catholica, so die konfessionelle Jugendbewegung, die liturgische Bewegung (mit starker Aufwertung der Monastik), die Akademikerbewegung und eine unerwartete Konversionswelle.

Die katholische Kirche erschien in aller Zerstörung als unzerstörbare Gemeinschaft. „Die Mächte der Finsternis kämpfen bereits mit besonderer Erbitterung. So nah schienen sie ihrem Ziele. Und nun soll ihnen wieder alles entrissen werden. Die Totgesagten, Totgeglaubten, zuerst der Katholizismus, dann der Protestantismus, erstehen wieder auf; ja, selbst die fremde östliche Kirche lebt, sie, die man für ganz erstarrt ausgegeben hatte“, so der aus dem Judentum konvertierte Protestant Hans Ehrenberg 1928. Oder der Jesuit Erich Przywara, der Edith Stein zu den Übersetzungen Newmans und Thomas von Aquins anregte: „Das Bild der gegenwärtigen Stunde ist merkwürdig zerrissen. Auf der einen Seite sind die religiösen Erneuerungsbewegungen vielleicht stärker denn je. Auf der andern Seite zeigt sich aber auch greller denn je ihre Gegensätzlichkeit zueinander, und eine solche, um die nicht selten schon so etwas wie düsterer Fanatismus flackert. Es ist ein stürmischer Vorfrühling mit allem betäubenden Föhn und plötzlichen Frösten solcher Zeit.“

Wenn Franz Marc 1912 formuliert hatte: „Die Mystik erwachte in den Seelen“, so Walther Rathenau 1920: „Es ist Zeit zum Aufbruch der Seele“, und Guardini, der überragende Theoretiker der genannten Bewegungen, 1922: „Die Kirche erwacht in den Seelen.“ Das Wort „katholisch“ wurde sogar assoziiert „als Losungswort einer neuen Epoche deutscher, ja europäischer Entwicklung“, so Przywara, und weiter: „Aus dem Berliner Stefan-George-Kreis stammt die Rede von einem ,geistigen Katholizismus'; Keyserling sprach in seiner Schlussrede bei der Tagung 1923 seiner Weisheitsschule zu Darmstadt und in verschiedenen Vorträgen der folgenden Zeit vom ,katholischen Menschen' als dem neuen Menschen, der im Werden sei; im Scheler-Kreis ging das Wort von einer Neugeburt ,Katholischen Ethos'.“

Die Übertritte in den Nachkriegsjahren waren von erstaunlicher Häufigkeit und Prominenz. Während Übertritte zum Protestantismus seltener waren, sind die Übertritte zum Katholizismus unter den Intellektuellen auffällig, auch beeinflusst vom französischen Renouveau catholique im Umkreis von Jacques und Raissa Maritain (die sich schon 1906 taufen ließen). So vermerkte man aufmerksam die Rückkehr des Dadaisten Hugo Ball 1920 zum Katholizismus. 1924 erschienen die ungemeines Aufsehen erregenden „Hymnen an die Kirche“ von Gertrud von le Fort, die 1926 in Rom zum Katholizismus konvertierte und ab 1931 mit Edith Stein bekannt war. Exponierte Konvertiten vom Protestantismus zum Katholizismus waren 1914 Dietrich von Hildebrand, 1922 der Kulturphilosoph Theodor Haecker aufgrund seiner Übersetzungen Newmans, 1924 die Künstlerin Ruth Schaumann, 1929 der Maler Richard Seewald und 1930 der Theologe Erik Peterson, 1936 der Dichter Werner Bergengruen; im englischen Raum G. K. Chesterton 1922 und die norwegische Nobelpreisträgerin Sigrid Undset 1924. Edith Stein kennt unter diesen Konvertiten nicht nur den Göttinger Kommilitonen Hildebrand und Peterson, sondern empfiehlt auch le Fort und Undset für den Schulunterricht. Erhellend ist der protestantische Stoßseufzer von 1925: „Neulich fiel in einer großen Versammlung das Wort: .Es geht jetzt durch ganz Deutschland ein Schluchzen: ach, dass wir doch alle wieder katholisch wären!' Das ist in der Tat eine weit verbreitete Stimmung...“ Die vom Christentum angebotene Sinnkehre wurde zum Leuchtfeuer einer verlorenen Generation.

Offenbar führte auch Husserls Methode, Phänomene vorurteilslos zu betrachten, zu einer auffälligen Dichte von Konversionen in seinem Kreis. An den Religionsgeschichtler Rudolf Otto schrieb Husserl 1919: „Meine philosophische Wirksamkeit hat doch etwas merkwürdig Revolutionierendes: Evangelische werden katholisch, Katholische evangelisch. Ich aber denke nicht ans Katholisieren und Evangelisieren; nichts weiter will ich, als die Jugend zu radikaler Redlichkeit des Denkens zu erziehen (...) Im übrigen wirke ich gern auf alle wahrhaftigen Menschen, mögen es Katholische, Evangelische oder Juden sein.“

Ziemlich entgegengesetzt wirkt freilich Husserls Antwort vom 25. 11. 1921 an Roman Ingarden: „Was Sie von Frl. Stein schrieben, hat mich betrübt – mir selbst schrieb sie nicht. Es ist leider eine große Übertrittsbewegung – ein Zeichen des inneren Elends in den Seelen.“

Freilich baute sich Edith Stein keineswegs aus innerem Elend eine Zufluchtsstätte auf. Während ihrer Vorbereitung auf die Taufe überlegte sie in einem Brief vom 13. 12. 1921: „Bei dem einen steht die Metaphysik auf, bei dem andern zwischen den Zeilen. Jeder große Philosoph hat seine eigene, und es ist nicht gesagt, dass sie jedem zugänglich sein müsse. Sie hängt aufs engste – und legitimer Weise – zusammen mit dem Glauben.“

Die Anstrengungen, die Edith Stein in alles aufbietender Suche nach der Wahrheit unternahm, führten bei ihr zu einer anderen Antwort auf die Existenzfrage als bei ihrem Lehrer Husserl oder bei Heidegger. Der Theologe Engelbert Krebs aus Freiburg notierte über einen Besuch Edith Steins am 11. April 1930 nachdenklich: „Welche entgegengesetzten Schicksale! Edith Stein gewann früh hohes Ansehen im philosophischen Reich. Aber sie wurde klein und demütig und – katholisch und tauchte unter in stiller Arbeit (...) Heidegger begann als katholischer Philosoph, aber er wurde ungläubig und fiel von der Kirche ab und wurde berühmt und der umworbene Mittelpunkt der heutigen zünftigen Philosophen.“ Gleichwohl kann es keinen Zweifel geben, dass Edith Steins Entscheidung keineswegs auf intellektueller Kapitulation, vielmehr im Gegenteil auf einer Bekehrung auch des Intellekts aufruhte.

Steins umfassende „Summa“ von 1936/37 mit dem Titel „Endliches und ewiges Sein“ fasst in reifer Weise die gedankliche Arbeit zusammen, die den damaligen Entschluss zur Taufe begleitete. So zeigt sich in der Reflexion der menschlichen Seele, dass sie in sich selbst einen entscheidenden Ruf vernimmt. „Im ,Inneren' ist das Wesen der Seele nach innen aufgebrochen.“ Was über Sinne oder Vernunft wahrgenommen wird, ist als Anruf an diese Tiefe zu verstehen, als Ruf zum Sinn, als Ruf an die Freiheit des Tuns. Freilich ist der Zugang in das Innerste nicht einfach. Schmerz ebenso wie Glück können Mittler dafür sein, dass die Tiefe des eigenen Daseins „aufleuchtet“. Ist aber diese Tiefe erreicht und lebt ein Mensch in seinem Innersten, dann erscheint „umso stärker (...) die Ausstrahlung, die von ihm ausgeht und andere in seinen Bann zieht. Umso stärker trägt aber auch alles freie geistige Verhalten den Stempel der persönlichen Eigenart, die im Innersten der Seele beheimatet ist.“ Wer die Ausstrahlung an sich trägt, kann aber deswegen noch nicht über ihren Ursprung verfügen. Sie erfährt ihn als unerwarteten, überwältigenden „Einbruch eines neuen, mächtigen, höheren Lebens, des übernatürlichen, göttlichen“.

Unerhört wirken hier Natur, Freiheit und Gnade zusammen. „Darum ist die Seele, die sich kraft ihrer Freiheit auf den Geist Gottes oder auf das Gnadenleben stützt, zu einer vollständigen Erneuerung und Umwandlung fähig.“ Höchst gesteigert wird die innere Stimme zum Ruf der Liebe. Entbindung durch Liebe „macht möglich, was natürlicherweise nicht möglich wäre. (...) Denn indem (der Mensch) mit innerster Hingabe tut, was Gott von ihm verlangt, wird das göttliche Leben sein inneres Leben: er findet Gott in sich, wenn er bei sich einkehrt.“ Einkehr meint nichts anderes als die wörtliche Übersetzung von Konversion: Alles äußere Geschehen wird von diesem inneren übertroffen.

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