Vatikanstadt

Papst empfängt Kritiker des Synodalen Wegs

Eine Wallfahrt zu den Apostelgräbern gegen die Webfehler des Sonderwegs der Kirche in Deutschland. Ein Gespräch mit dem Organisator, Bernhard Meuser von der Initiative „Neuer Anfang“.
Papst Franziskus
Foto: Alessandra Tarantino (AP) | "Alle stimmten darin überein, dass Franziskus mit großer Skepsis auf die deutschen Sonderwege schaut, insbesondere wie man dort „Synodalität“ missversteht", so Bernhard Meuser.

Im Namen von 6.000 Unterzeichnern haben Sie in Rom Papst Franziskus Ihr „Reform Manifest“ überreicht – und zwar im Rahmen einer Generalaudienz. Wie hat er reagiert?

Da muss man diskret antworten; es kann ja jeder dem Papst etwas in den Mund legen. Alle konnten aber sehen, dass sich der Papst Zeit für uns genommen hat, besonders für die jungen Leute. Und jedermann konnte beobachten, wie aufmerksam und freundlich Papst Franziskus den „Brief aus dem pilgernden Volk Gottes an den Papst“ angeschaut hat...

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Das Ganze war eingebettet in eine mehrtägige Wallfahrt zu den Apostelgräbern. Was mich erstaunt hat: Fast die Hälfte der Pilger war unter 30...

Ja, die Wallfahrt war mehr als ein Sahnehäubchen zur Begegnung mit Papst Franziskus. Wer mitfuhr, hat Zeit und Geld investiert aus Sorge um die Integrität der Kirche. Und Erneuerung hat eine Geschäftsordnung: Sie beginnt mit Gebet, Umkehr, neuer Zuwendung zu Gott. Dass so viele junge Leute an Bord waren, ist nicht wirklich erstaunlich. Wer heute in der Altersgruppe unter 30 noch in der Kirche ist und „brennt“, ist auch brennend daran interessiert, dass die katholische Kirche Geist und Kraft ausstrahlt, dass sie lebt und nicht zu einer NGO herabgewirtschaftet wird. Die jungen Leute kommen durch die Bank von der Neuevangelisierung her. „Neuevangelisierung“ ist auch die Klammer, die Alt und Jung verbindet: Die Kirche der Zukunft wird eine Kirche sein, in der sich die Gläubigen daran erkennen, das sie „missionarische Jünger“ (EG 119) sein möchten – dass sie also aus der Freundschaft mit Jesus und einer persönlichen Beziehung mit ihm leben möchten.

Sie haben dem Papst nicht nur das Reform Manifest überreicht, sondern auch einen „Brief aus dem pilgernden Volk Gottes an den Papst“. Sie danken darin dem Papst zunächst für die Weltsynode – und dann heißt es: „Gerade sehen wir ... mit Erschrecken, wie der Synodale Weg in Deutschland vollkommen aus dem Ruder läuft.“ Haben Sie den Eindruck, dass der Papst das weiß?

"Alle stimmten darin überein, dass Franziskus
mit großer Skepsis auf die deutschen Sonderwege schaut,
insbesondere wie man dort „Synodalität“ missversteht"

Ich glaube, dass er bestens informiert ist. Wir konnten uns durch die Begegnung mit Papst Franziskus nicht nur ein persönliches Bild von seiner Haltung zur Krise der Kirche in Deutschland machen; wir konnten in Rom auch mit verschiedenen Kirchenführern sprechen, die wiederum mit dem Papst über die deutsche Situation gesprochen haben. Alle stimmten darin überein, dass Franziskus mit großer Skepsis auf die deutschen Sonderwege schaut, insbesondere wie man dort „Synodalität“ missversteht. Einen Bischof, der das Wort „Synodaler Weg“ gebrauchte, korrigierte Papst Franziskus: „Sie meinen wohl den sogenannten ,Synodalen Weg’...“

"Für Papst Franziskus ist ,Synodalität'
kein Synonym von Demokratie"

Wie das denn? Ich zitiere mal den abgetretenen ZdK-Chef Sternberg: „Die Tatsache, dass es möglich ist, dass wir hier in Frankfurt in alphabetischer Reihenfolge sitzen, dass jede Wortmeldung, jedes Votum eines Kardinals oder einer jungen Frau der Unter-30-Gruppe genau den gleichen Rang, genau den gleichen Platz, genau die gleiche Zeitdauer hat wie die anderen, und gutgeht, ist für mich der wichtigste Beitrag, den wir in diesem Weltprozess einspielen können. Habt keine Angst vor Synodalität, sie ist möglich.“ Geht es noch synodaler?

Daran kann man sehen, dass Sternberg den Papst aus meiner Sicht auch nicht ansatzweise verstanden hat. Für Papst Franziskus ist „Synodalität“ kein Synonym von Demokratie. Synodalität ist etwas fundamental Anderes als Parlamentarität. Im Parlament entscheidet die Mehrheit; die Minderheit muss sich fügen, auch wenn die Mehrheit Unfug beschlossen hat. Im Parlament geht es um Macht und darum, wer das Sagen hat. Die Kirche hat ihr eigenes Verfahren – eben Synodalität. Und da geht es explizit nicht um Macht und darum, dass die paar Widerständigen, die noch nicht kapiert haben, was der Zeitgeist den Kirchen sagt, ausgeknockt werden. Da geht es um Einheit in der Wahrheit. Kardinal Kurt Koch beschwor uns geradezu „Synode, wie der Papst sie versteht, bedeutet: Hören, hören, hören!“ Franziskus wünscht, dass wir unter Anrufung des Heiligen Geistes so lange aufeinander, auf das Wort Gottes und den kontinuierlichen Glauben der Kirche hören und miteinander ringen, bis Einmütigkeit da ist. Einmütigkeit! Demokratie, würde ich sagen, ist dagegen ein geradezu simples Verständigungsmodell.

Bernhard Meuser

Was ist aus römischer Sicht denn der Webfehler des Synodalen Weges?

Das eigentliche Problem des sogenannten „Synodalen Weges“ – also das, was Synodalität, wie Franziskus sie versteht, geistlich und theologisch zutiefst widerspricht – ist die falsche Selbstsicherheit über den Weg der Kirche. Man hat einen fix und fertigen Plan in der Schublade und organisiert jetzt noch „Zustimmung“ – und zwar mit allen politisch-strategischen Tricks, die zu Gebote stehen. Das Getöse dringt ja bis Rom. Klar, da ist ja auch eine Menge wegzuräumen: Starrköpfige Bischöfe, ein ignoranter Papst, Gläubige, denen die „Zeichen der Zeit“ noch nicht aufgegangen sind, das Lehramt der Kirche, die Heilige Schrift. Man ist nicht bereit, die eigene Überzeugung – die man ja haben darf – hörend und betend zur Disposition zu stellen. So ist das Ergebnis komplett vorhersehbar und ohne jede Überraschung. Der Heilige Geist ist aber immer überraschend. Oder abwesend.

Aber bringt der „Synodale Weg“ nicht tatsächlich etwas Neues in die Kirche ein? Kardinal Marx, Mara Klein und Dorothea Sattler haben genau die gleiche Redezeit – und sie haben jeweils nur eine Stimme. Will das nicht eigentlich auch der Papst? Oder wie soll man das verstehen, wenn er pausenlos den Klerikalismus verurteilt?

Das ist aus meiner Sicht das nächste Missverständnis. Der Papst kann bekanntlich geradezu zornig werden, wenn er feststellt, dass Kleriker ihr Dienstamt unter der Hand in arrogante Herrschaft verwandeln. Synodalität bedeutet: Alle Getauften sollen gehört werden. Aber entscheiden müssen die Bischöfe. Sie tragen die letzte Verantwortung – am Ende sie ganz allein. Das ist selbstverständliche katholische Dogmatik. Kardinal Koch hat daran erinnert. Kardinal Koch hat das gesagt. Kardinal Walter Kasper hat das verschiedentlich (und auch jetzt in Rom) betont. Die Kirche ist auf Christus und das Fundament der Apostel gebaut und nicht auf grüne oder rote Karten in Frankfurt. Warum sich die deutschen Bischöfe auf die absurde Verfahrensordnung des Synodalen Weges eingelassen haben, sieht man in Rom äußerst kritisch. Auch wir von „Neuer Anfang“ finden, dass Katholiken ein Recht auf Hirten haben, die ihr Weiheversprechen nicht an der Garderobe des Synodalen Weges abgeben

 

Brief aus dem pilgernden Volkes Gottes an den Papst


Lieber Papst Franziskus, 

 

wir sind Ihnen außerordentlich dankbar, dass Sie eine Weltsynode einberufen haben. Die Kirche ist so verletzt, und sie braucht echte, von allen Ortskirchen mitgetragene synodale Reformen, damit sie wieder zu einer glaubwürdigen Gestalt findet.

 

Gerade sehen wir mit jedoch Erschrecken, wie der Synodale Weg in Deutschland vollkommen aus dem Ruder läuft. Im Gezänk politisierender Gruppen scheint die Freude des Evangeliums verlorenzugehen. Wir verstehen uns als missionarische Jünger und sehnen uns nach der dynamischen, demütigen und dienenden Kirche von „Evangelii Gaudium“.

 

In neun Thesen haben wir ein Reform-Manifest verfasst und die Gläubigen eingeladen, dieses Manifest - und diesen Brief an Sie, Papst Franziskus - zu unterzeichnen. Wir möchten Sie bitten, Ihren ganzen Einfluss aufzubieten, um die Kirche vor den Händen derer zu bewahren, die glauben, sie könnten sie nach eigenem Geschmack neu definieren und in Wahrheit dem „Himmelreich Gewalt“ (Mt 11,2) antun.

 

Gesetzt den Fall, das Synodalpräsidium käme auf Ihre Initiative zu, um Sie einzubinden in den Prozess – würden Sie mitmachen?

Einzelne von uns diskutieren ja dort bereits mit. Und dann ist ja die Frage, ob man uns unter den derzeitigen Spielregeln überhaupt gebrauchen kann. Wir stellen diese Spielregeln ja grundsätzlich in Frage. So sehr wir den weltkirchlichen Synodalen Prozess begrüßen, so klar lehnen wir den deutschen Synodalen Weg ab, weil wir die Legitimität, die Zusammensetzung, die Narrative, das Verfahren und die Ziele des Synodalen Weges für unvereinbar mit der Universalkirche halten. Denkbare Ergebnisse werden wir nicht anerkennen und andere auffordern sie zu ignorieren. Wir fühlen uns dabei ganz katholisch und eigentlich ganz auf der Linie des Briefes, den der Papst an die deutsche Kirche geschrieben hat, um sie wieder auf den „Pfad kirchlicher Tugend“ zu führen ...

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Wann wäre die Kirche denn „tugendhaft“?

Fünf Päpste hintereinander haben sich mit der Säkularisierung auseinandergesetzt und „Neuevangelisierung“ als Jahrhundertaufgabe ausgerufen. Während der Kirche in hellen Scharen die Leute weglaufen, sollte uns doch etwas Klügeres einfallen, als die Preise herabzusetzen, die ethischen Anforderungen des Evangeliums zu zu verramschen und Säkularisierung mit Selbstsäkularisierung zu beantworten. Die jungen Leute, die es heute mit der Nachfolge Christi ernst meinen – so viele haben wir ja nicht – brauchen ein anforderndes Profil von Kirche und nicht seine Verwässerung.

"Wenn Bischöfe sich vor diesen Karren spannen lassen,
müssen sie sich nicht über den
frappanten Verlust ihrer Autorität wundern"

Ist das nicht ein bisschen link – zum Papst zu fahren, wo Sie in Deutschland die halbe Kirche gegen sich haben? Und ist das „Kirchentreue“, wenn Sie die deutschen Bischöfe damit übergehen?

Die halbe Kirche? Ich bin nicht sicher, ob alle Leute, die sonntags in die Kirche gehen, sich fragen, ob´s für die Ehe tatsächlich noch Mann und Frau braucht oder ob die Kirche nicht auch ohne Priester funktionieren könnte. Eine durchgegenderte Kirche steht auch nicht gerade auf ihrer Wunschliste. Und sie schreien auch nicht Hurra schreien, wenn bestimmte Gruppen den Missbrauch dazu benutzen, um die Machtverhältnisse in der Kirche neu (und zu ihren Gunsten) zu definieren? Sich in dieser Situation an den Papst zu wenden, ist eine legitime kirchliche Möglichkeit. In der Kirche gab es immer verschiedene Kraftfelder: Hildegard von Bingen, Katherina von Siena und Franz von Assisi, die sich auch nicht gerade an die administrative Reihenfolge gehalten haben. Jenseits kirchlicher Amtsträger gibt es auch noch die Heilige Schrift, die wir nicht nur lesen sollten, sondern von der wir auch gelesen werden. 

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Aus deutscher Sicht war es ja schon erstaunlich, dass sich profilierte Kirchenmänner im Vatikan Zeit für Sie genommen haben. Mit wem haben Sie denn genau gesprochen?

Neben dem informellen Austausch mit verschiedenen vatikanischen Mitarbeitern hatten wir ein vierstündiges Hintergrundgespräch mit Kardinal Kasper, der sich besonders an den vielen jungen Leuten erfreute, die einen fesselnden Dialog mit ihm führten. Er schrieb uns im Anschluss: „Ich wünschte, es gäbe viele solcher Gruppen engagierter junger Christen. Dann hätte ich um die Zukunft der Kirche in Deutschland keine Sorge.“ Vorgesehen war ein Gottesdienst mit Erzbischof Gänswein, der uns im letzten Augenblick absagen musste, aber eine bewegende Botschaft an die Pilger schickte, die im Gottesdienst verlesen wurde. Zweimal sogar konnten wir mit Kardinal Koch sprechen, einmal nach dem Gottesdienst – ein zweites Mal in einer Gesprächsrunde. Der lautere Mann musste im Vorhinein bei Kath.ch lesen: „Kardinal feiert Gottesdienst mit Synodalgegnern“. Soweit haben wir es also gebracht! Aber wo Jesus schon mit Zöllnern und Sündern speiste ...

Womit haben die jungen Leute denn Kardinal Kasper so erfreut ...?

Nun, es war ein Hintergrundgespräch, aus dem man der guten Ordnung halber nicht zitiert. Aber soviel lässt sich sagen: Das Gespräch drehte sich nur anfangs um den „Synodalen Weg“; sehr bald ging es um die Zukunft der Kirche, um Zeugnis und Mission aus dem Geist partizipativer Synodalität heraus („Ich bin eine Mission“, EG 273). Bedingt lustig wurde es, als ein junger Mann dem Kardinal die freche Frage stellte: „Wir sollen also Synodalität verwirklichen, sollen vom Evangelium her denken und die Einmütigkeit suchen. Machen wir gerne. Was ist aber mit den deutschen Bischöfen? Ich habe den Eindruck, sie können derzeit nicht einmal eine Stunde miteinander in einen Raum sein, ohne dass man das Schlimmste befürchten muss.“ Der alte Kardinal lachte schallend, bevor seine Miene sehr ernst wurde. 

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